Zwölf Jahre nach dem spektakulären Scheitern des Fire Phone wagt Amazon offenbar einen neuen Anlauf auf dem Smartphone-Markt. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf vier mit dem Vorgang vertraute Personen berichtet, entwickelt der Konzern unter dem Codenamen „Transformer“ ein neues Mobilgerät. Der Fokus liegt diesmal nicht auf Hardware-Spielereien, sondern auf künstlicher Intelligenz und dem Sprachassistenten Alexa.
Alexa als Herzstück statt App-Store
Das Transformer-Projekt unterscheidet sich grundlegend vom gescheiterten Fire Phone. Statt mit Apple und Samsung über Bildschirmauflösung und Kameraspezifikationen zu konkurrieren, setzt Amazon auf ein völlig anderes Konzept. Das neue Gerät soll als „personalisierter Begleiter“ fungieren, der den Nutzer rund um die Uhr mit dem Amazon-Ökosystem verbindet.
Im Zentrum steht dabei Alexa+, die im Februar 2026 vorgestellte überarbeitete Version des Sprachassistenten mit generativer KI. Laut Reuters könnte das Smartphone so konzipiert sein, dass klassische App-Stores weitgehend überflüssig werden. Die KI soll Aufgaben direkt erledigen, ohne dass Nutzer separate Anwendungen herunterladen müssen. Shopping, Prime Video, Prime Music und sogar Essensbestellungen über Partner wie Grubhub sollen nahtlos über Sprachbefehle funktionieren.
Die Star-Trek-Vision lebt weiter
Das Projekt knüpft an eine langjährige Vision von Amazon-Gründer Jeff Bezos an. Schon beim Fire Phone träumte er von einem allgegenwärtigen, sprachgesteuerten Assistenten nach dem Vorbild des Computers aus Star Trek. Was 2014 scheiterte, könnte mit der heutigen KI-Technologie tatsächlich funktionieren. Alexa hat sich in Millionen von Echo-Lautsprechern bewährt. Ein Smartphone würde den Assistenten vom Wohnzimmer in die Hosentasche bringen.
Interessant ist, dass Amazon offenbar auch ein sogenanntes „Dumbphone“ als möglichen Formfaktor diskutiert. Diese minimalistischen Geräte beschränken sich auf grundlegende Funktionen und sprechen Nutzer an, die ihre Bildschirmzeit reduzieren möchten. Ein Amazon-Smartphone als Zweitgerät für digitalen Minimalismus wäre ein ungewöhnlicher, aber durchaus zeitgemäßer Ansatz.
Erfahrene Köpfe am Steuer
Die Entwicklung liegt in den Händen eines Teams namens ZeroOne, das vor etwa einem Jahr innerhalb der Gerätesparte gegründet wurde. Die Leitung hat J Allard, ein ehemaliger Microsoft-Manager, der maßgeblich an der Entwicklung der Xbox und des Zune-Mediaplayers beteiligt war. Die übergeordnete Hardware-Sparte führt Panos Panay, ebenfalls ein Microsoft-Veteran. Beide kennen sich mit ambitionierten Hardware-Projekten aus, aber auch mit deren Risiken.
Ein schwieriges Marktumfeld
Amazons Timing ist gewagt. Apple und Samsung dominieren zusammen rund 40 Prozent des weltweiten Smartphone-Marktes. Laut einer Prognose des Marktforschungsinstituts IDC werden die Smartphone-Auslieferungen 2026 um etwa 13 Prozent sinken, der stärkste Rückgang seit Jahren. Steigende Speicherchip-Preise treiben die Gerätekosten zusätzlich in die Höhe.
Hinzu kommt, dass bisherige Versuche, KI-native Geräte als Smartphone-Alternative zu etablieren, weitgehend gescheitert sind. Der Humane AI Pin und das Rabbit R1 konnten sich am Markt nicht durchsetzen. Amazon müsste beweisen, dass ein KI-fokussiertes Smartphone mehr bietet als diese Gadgets.
Noch ist nichts entschieden
Das Projekt Transformer befindet sich laut den Reuters-Quellen noch in einer frühen Phase. Konkrete Details zu Preis, Ausstattung oder einem möglichen Erscheinungsdatum sind nicht bekannt. Die Informanten betonen, dass das Projekt bei strategischen Änderungen oder finanziellen Bedenken jederzeit eingestellt werden könnte. Amazon selbst lehnte eine Stellungnahme ab.
Sollte das Smartphone tatsächlich erscheinen, wäre es Amazons erster Anlauf seit dem Fire-Phone-Desaster von 2014. Damals kostete das Scheitern den Konzern 170 Millionen Dollar und gilt bis heute als einer der größten Fehlschläge in Amazons Geschichte. Die Frage ist, ob Amazon aus den Fehlern gelernt hat. Ein Smartphone, das nicht versucht, iPhone und Galaxy zu kopieren, sondern einen eigenen Weg geht, hätte zumindest eine Chance.


