Wenn ein Franchise nach mehreren enttäuschenden Einträgen einen Neustart versucht, steht viel auf dem Spiel. Need for Speed Unbound, 2022 von Criterion Games und Electronic Arts veröffentlicht, sollte genau das sein: Ein frischer Wind für die angestaubte Rennspiel-Serie. Mit einem gewagten visuellen Stil, der Comic-Elemente mit fotorealistischer Grafik verbindet, versucht das Spiel, sich von der Konkurrenz abzuheben. Nach zahlreichen Stunden auf den Straßen von Lakeshore City kann ich sagen: Die Idee ist mutig, die Umsetzung polarisiert, und das eigentliche Racing-Erlebnis verschwindet manchmal unter Schichten von visuellen Effekten. Ob das funktioniert, hängt stark davon ab, wie viel ihr bereit seid zu ertragen, um an die solide Arcade-Action darunter zu kommen.
Narrative Belanglosigkeit – Fast & Furious Light
Die Story von Need for Speed Unbound ist bestenfalls generisch, schlimmstenfalls völlig überflüssig. Wir schlüpfen in die Rolle eines aufstrebenden Street-Racers, der sich durch die Szene kämpft, Freunde auf der „Straße“ findet und sich einen Namen macht. Die Handlung orientiert sich offensichtlich an der Fast & Furious-Formel: Familie, Loyalität, Verrat – nur ohne charismatische Charaktere oder memorablen Dialog.
Die Synchronisation ist katastrophal. Texte werden lieblos abgelesen, als hätten die Sprecher ihre Zeilen zum ersten Mal gesehen. Jede emotionale Nuance fehlt, was die ohnehin dünne Story noch uninteressanter macht. Das Tutorial ist in diese Hintergrundgeschichte eingewebt, was zumindest funktional ist – die Steuerung lernt man schnell und intuitiv.
Wer Need for Speed Unbound für die Story spielt, hat sich verirrt. Das Spiel selbst scheint das zu wissen und hält narrative Momente glücklicherweise kurz. Man kann Cutscenes überspringen, ohne relevante Informationen zu verpassen. Das ist vielleicht das Beste, was man über die Erzählstruktur sagen kann.
Rennen ohne Variation – Déjà-vu auf Asphalt
Trotz einer halbwegs offenen Spielwelt krankt Unbound an mangelnder Abwechslung. Die Renntypen beschränken sich auf Rundkurse, Point-to-Point-Strecken und Drift-Events. Das wäre nicht grundsätzlich problematisch, wenn nicht gefühlt jedes zweite Rennen die gleichen Routen recyceln würde.
Nach wenigen Stunden setzt Ermüdung ein. Man kennt die Strecken, man kennt die Kurven, und die Events beginnen ineinander zu verschwimmen. Die Stadt Lakeshore bietet zwar unterschiedliche Stadtteile – vom industriellen Hafen bis zur Innenstadt – aber die Racing-Struktur nutzt diese Vielfalt kaum aus.
Renntypen im Überblick:
- Circuit Races (Rundkurse)
- Sprint Races (Punkt-zu-Punkt)
- Drift Events (Punktesammeln durch Driften)
- Takeover Events (Drift-Challenges in definierten Zonen)
Die Takeovers bieten den einzigen echten Kontrast. Hier muss man durch Drifts, Boosts und stylische Manöver Punkte sammeln, während man einen festgelegten Bereich dominiert. Diese Events machen Spaß und belohnen riskantes Fahren – leider gibt es zu wenige davon.
Herausfordernde KI – Zumindest am Anfang
Die Gegner in Unbound sind überraschend kompetent, besonders zu Beginn. Erwartungen, jedes Rennen locker zu gewinnen, werden schnell enttäuscht. Die KI fährt aggressiv, nutzt Shortcuts intelligent und bestraft Fehler gnadenlos. Das zwingt Spieler, sich mit der Steuerung vertraut zu machen und strategisch zu tunen.
Diese anfängliche Härte schwindet allerdings. Sobald man die Mechaniken internalisiert hat und sein Fahrzeug entsprechend aufgerüstet ist, werden Siege Routine. Die KI passt sich nicht dynamisch an Spielerfähigkeiten an, was dazu führt, dass Mid-Game-Rennen oft zu einfach werden.
Das Progressionssystem zwingt zum Tuning. Ohne Performance-Upgrades bleibt man chancenlos. Das erste verdiente Geld sollte unbedingt in Motorleistung, Getriebe und Handling fließen – kosmetische Upgrades können warten.

Tuning-System – Form follows Function
Das Tuning-System folgt klassischer Need-for-Speed-Tradition. Verdientes Geld wird in der Garage investiert, wo sowohl Performance-Upgrades als auch visuelle Anpassungen warten. Das System ist zugänglich ohne simplistisch zu sein.
Upgrade-Kategorien:
- Motor (PS-Steigerung)
- Getriebe (Beschleunigung/Höchstgeschwindigkeit-Balance)
- Fahrwerk (Handling, Stabilität)
- Reifen (Grip, Drift-Eigenschaften)
- Nitro (Boost-Dauer und -Kraft)
Die Garage selbst kann aufgewertet werden, was Zugriff auf bessere Teile freischaltet. Dieser Progression-Loop funktioniert und motiviert zu weiteren Rennen. Spürbare Performance-Verbesserungen nach Upgrades sind befriedigend – ein Aspekt, den Unbound richtig macht.
Visuelles Tuning umfasst Lackierungen, Decals, Bodykits und Felgen. Mit über 140 Fahrzeugen gibt es theoretisch viel zu personalisieren, praktisch wird man aber meist bei wenigen Lieblingsautos bleiben.

Polizeiverfolgungen – Zu einfach durchschaubar
Polizeiverfolgungen sind zurück, aber ihre KI ist enttäuschend. Im Gegensatz zur durchdachten Racing-KI verhalten sich Cops vorhersehbar und leicht zu überlisten. Plötzliche Richtungswechsel reichen meist, um Verfolger abzuschütteln, selbst bei höheren Fahndungsstufen.
Das Wanted-System funktioniert wie gewohnt: Je mehr Heat man aufbaut, desto aggressiver wird die Polizei. Höhere Stufen bringen mehr Einheiten, Roadblocks und Helikopter ins Spiel. Theoretisch sollte das Spannung erzeugen, praktisch wird es zur Routine.
Das größte Problem: Im Multiplayer gibt es keine Polizei. Damit fehlt eine zentrale Spielmechanik komplett, was Online-Rennen deutlich flacher macht. Man fokussiert sich ausschließlich auf Mitspieler, ohne die zusätzliche Dynamik von Verfolgungsjagden.
Offene Welt – Schön anzusehen, wenig zu tun
Lakeshore City ist visuell durchaus ansprechend gestaltet. Verschiedene Stadtteile bieten unterschiedliche Atmosphären, von Industriegebieten bis zu gehobenen Vierteln. Die Straßen sind detailliert, das Wetter-System funktioniert, und die Tag-Nacht-Zyklen sehen gut aus.
Das Problem: Es passiert zu wenig. Die offene Spielwelt fühlt sich leer an, fast steril. Verkehr existiert, interagiert aber kaum mit dem Spieler. NPCs sind Statisten ohne Leben. Die Stadt ist eine hübsche Kulisse ohne Seele.
Sammelobjekte und Nebenaktivitäten:
- Billboard-Zerstörung (klassisches NFS-Element)
- Speed-Traps (Radarfallen-Challenges)
- Street-Art sammeln (neue Ergänzung)
- Versteckte Garagen finden
Diese Aktivitäten bieten kurzzeitige Ablenkung von den repetitiven Rennen, werden aber schnell abgearbeitet. Es fehlt an Tiefe und Langzeitmotivation.
Ein gravierender Fehler: Keine Schnellreise-Funktion. Man muss wirklich überall selbst hinfahren. In den ersten Stunden ist das noch atmosphärisch, später nur noch nervig. Diese Design-Entscheidung verlangsamt das Spieltempo unnötig und frustriert.

Multiplayer – Potenzial verschenkt
Der Online-Multiplayer funktioniert technisch solide. Matchmaking ist schnell, Verbindungen stabil (mit gelegentlichen Aussetzern), und Abbrüche sind selten. Die Racing-Action selbst macht Spaß, besonders gegen menschliche Gegner.
Aber: Die fehlende Polizeipräsenz ist ein massives Manko. Verfolgungsjagden sind ein Kernaspekt von Need for Speed – ihr Fehlen im Multiplayer lässt diesen Modus unvollständig wirken. Man konzentriert sich ausschließlich aufs Racing, was andere Arcade-Racer genauso gut oder besser machen.
Es gibt keine innovativen Online-Modi. Keine kooperativen Herausforderungen, keine persistenten Crew-Systeme, keine echte Endgame-Motivation. Multiplayer fühlt sich wie nachträglicher Gedanke an, nicht wie integraler Bestandteil.
Cel-Shading-Überflutung – Des Guten zu viel
Hier wird es kontrovers. Need for Speed Unbound setzt auf einen hybriden visuellen Stil: Fotorealistische Fahrzeuge und Umgebungen kombiniert mit Comic-artigen Effekten. Jedes Driften, jedes Boosten, jeder Sprung löst bunte Animationen aus – Graffiti-Tags, Flügel, Raucheffekte in Neonfarben.
Die Idee ist mutig und verleiht Unbound eine Identität. Das Problem: Es ist zu viel. In Rennen mit eng zusammenfahrendem Feld explodiert der Bildschirm förmlich. Effekte überlagern sich, die Übersicht leidet, und man verliert zwischen den visuellen Feuerwerken manchmal die eigentliche Strecke aus den Augen.
Kritikpunkte am visuellen Stil:
- Keine Option, Effekte zu reduzieren oder abzuschalten
- Überladene Bildschirme bei dichten Rennen
- Ablenkung von der eigentlichen Racing-Action
- Polarisierender Stil (man liebt ihn oder hasst ihn)
Das ist schade, denn darunter liegt ein technisch solides Rennspiel. In 4K mit 60 fps läuft Unbound butterweich auf PlayStation 5 und Xbox Series X/S, ohne Ruckler oder Framedrops. Die Performance ist tadellos. Aber die erzwungenen Effekte können das gesamte Erlebnis für manche Spieler ruinieren.
Wer den Stil mag, bekommt ein visuell einzigartiges Rennspiel. Wer ihn ablehnt, hat keine Alternative – und das ist ein Design-Fehler.

Soundtrack – Hip-Hop-lastig und gut
Musikalisch trifft Unbound einen bestimmten Geschmack: Hip-Hop dominiert den Soundtrack fast vollständig. Wer das Genre mag, bekommt einen exzellenten, kuratiert wirkenden Mix zeitgenössischer und klassischer Tracks. Die Musik passt zur urbanen Street-Racing-Ästhetik und hebt die Stimmung.
Für Spieler mit anderen musikalischen Vorlieben wird es eng. Es gibt wenig Abwechslung außerhalb des Hip-Hop-Spektrums. Immerhin: Der Soundtrack kaschiert die schwache Synchronisation und gibt den ansonsten sterilen Momenten zwischen Rennen etwas Leben.
Die Sound-Effekte der Fahrzeuge sind solide ohne spektakulär zu sein. Motoren klingen anständig differenziert, aber nicht so authentisch wie in Simulations-Racern. Für ein Arcade-Spiel völlig ausreichend.
Für wen lohnt sich der Kauf?
Klare Empfehlung für:
- Fans von Arcade-Racern mit zugänglicher Steuerung
- Spieler, die den visuellen Stil mögen oder tolerieren können
- Need-for-Speed-Nostalgiker, die der Serie treu bleiben
- Hip-Hop-Fans, die Wert auf guten Soundtrack legen
Besser verzichten sollten:
- Spieler, die visuelle Überfrachtung ablehnen
- Fans von abwechslungsreichem Content und tiefen Progressionssystemen
- Simulationsfans (absolut das falsche Spiel)
- Alle, die Wert auf starke Story legen
Eckdaten zum Spiel
Genre: Arcade-Rennspiel
Plattformen: PlayStation 5, Xbox Series X/S, PC
Entwickler: Criterion Games
Publisher: Electronic Arts
Release: Dezember 2022
Spieler: 1 (Einzelspieler), Multiplayer
Preis: Circa 70 Euro (Release-Preis), mittlerweile günstiger
Gamefinity-Wertung: 6,5/10
Fazit: Ambitioniert, aber gespalten
Need for Speed Unbound ist ein Spiel im Konflikt mit sich selbst. Es will innovativ sein durch seinen visuellen Stil, vergisst dabei aber, dass solide Gameplay-Grundlagen wichtiger sind als Effekthascherei. Das Arcade-Racing darunter funktioniert – die Steuerung ist responsive, Tuning spürbar, und technisch läuft alles rund. Aber dieses solide Fundament wird unter Schichten problematischer Designentscheidungen begraben.
Die mangelnde Rennvielfalt wird nach wenigen Stunden zum Problem. Die leere Spielwelt bietet kaum Motivation zur Erkundung. Die fehlende Schnellreise ist unverständlich. Der Multiplayer verschenkt Potenzial durch das Fehlen der Polizei. Und der erzwungene visuelle Stil wird die Community spalten – vermutlich dauerhaft.
Stärken:
✓ Solide Arcade-Steuerung, leicht zu lernen
✓ Spürbares, motivierendes Tuning-System
✓ Hervorragende technische Performance (4K60fps)
✓ Exzellenter Hip-Hop-Soundtrack
✓ Herausfordernde KI zu Beginn
✓ Über 140 Fahrzeuge zur Auswahl
Schwächen:
✗ Erzwungene Cel-Shading-Effekte nicht abschaltbar
✗ Mangelnde Rennvielfalt, repetitive Strecken
✗ Katastrophale Synchronisation
✗ Leere, sterile Spielwelt
✗ Keine Schnellreise-Funktion
✗ Schwache Polizei-KI, im Multiplayer komplett fehlend
✗ Story komplett irrelevant
Abschließende Empfehlung: Need for Speed Unbound ist kein Meilenstein und wird die Serie nicht revolutionieren. Es ist ein durchschnittliches Arcade-Rennspiel mit einem gewagten visuellen Konzept, das nicht für jeden funktioniert. Wer mit dem Stil leben kann, findet darunter solides Racing mit gutem Tuning-System. Wer die Effekte ablehnt, sollte besser zu Alternativen greifen.
Für mich persönlich überlagern die visuellen Exzesse zu sehr das eigentliche Spielerlebnis. Die Grundlagen stimmen, aber die Präsentation macht es schwer, diese zu genießen. Need for Speed Unbound ist ein Spiel, das durch mutige Entscheidungen auffallen wollte – und dabei vergessen hat, dass nicht jede Auffälligkeit positiv ist.
Wer der Serie eine Chance geben möchte, sollte auf Sales warten. Zum vollen Preis gibt es bessere Arcade-Racer. Reduziert und mit angepassten Erwartungen kann Unbound durchaus unterhalten – solange man bereit ist, über seine Schwächen hinwegzusehen.



