Management-Simulationen gibt es in allen Formen: Restaurants, Krankenhäuser, Zoos, Themenparks. Ravenous Devils von Bad Vices Games und Troglobytes Games wagt sich in ein Territorium, das selbst für Horror-Standards extrem ist. Dieser „Horror Cooking Simulator“ kombiniert Restaurant-Management mit Kannibalismus und viktorianischer Gothic-Ästhetik. Das Ehepaar Percival und Hildred betreibt ein Geschäft mit äußerst fragwürdiger Lieferkette: Friseursalon-Kunden werden zu Kneipen-Zutaten verarbeitet. Nach intensiven Sessions dieses makabren Unternehmens zeigt sich: Das Management-Gameplay funktioniert solide, aber die Thematik ist so extrem, dass sie 90% der Spieler sofort ausschließt. Die USK 18-Einstufung ist mehr als gerechtfertigt.
Konzept – Sweeney Todd als Managementspiel
Die Prämisse ist simpel und verstörend: Percival und Hildred übernehmen ein zweistöckiges Gebäude am Fluss im viktorianischen England. Obergeschoss: Friseursalon und Schneiderei. Erdgeschoss: Kneipe und Restaurant. Das Geschäftsmodell: Percival ermordet Friseur-Kunden, Hildred verarbeitet die Leichen zu Fleischgerichten für die Restaurantgäste unten.
Story-Rahmen: Die Handlung ist Vehikel für das Gameplay, nicht narrativer Fokus. Das Paar will reich werden, ein mysteriöser Erpresser namens „J“ entdeckt ihr Geheimnis und stellt Forderungen. Statt zur Polizei zu gehen, beauftragt er sie mit speziellen „Aufträgen“ – mehr Leichen, spezielle Gerichte, besondere Events.
Die Story entwickelt sich durch Missions-Struktur. Man erfüllt Aufträge, schaltet neue Mechaniken frei, expandiert das Geschäft. Es gibt keine moralischen Entscheidungen – das Spiel erwartet, dass man die Prämisse akzeptiert oder gar nicht erst spielt.
Schwarzer Humor: Der Ton ist bewusst übertrieben, fast cartoonhaft in seiner Gewalt. Das soll nicht realistisch wirken, sondern wie dunkle Satire. Ob das funktioniert, ist extrem subjektiv. Für manche ist es geschmackloser Trash, für andere satirischer Horror-Humor im Stil von Sweeney Todd.
Gameplay – Zwei Geschäfte, ein makabres System
Ravenous Devils ist klassisches Management-Spiel mit Resource-Chain-Mechaniken. Ressourcen beschaffen, verarbeiten, verkaufen, Profit reinvestieren. Die Ressource ist hier halt… Menschen.
Die Kneipe (Erdgeschoss): Der komplexeste Teil. Hildred bedient Gäste an Stehtischen (Fast Food) oder richtigen Tischen (Restaurant). Gäste bestellen Gerichte – Steaks, Würstchen, Pasteten, später komplexere Rezepte mit Gemüse, Eiern, Kräutern.
19 verschiedene Rezepte können freigeschaltet werden. Jedes benötigt spezifische Zutaten. Fleisch kommt von… oben. Gemüse baut Percival im Garten an. Eier kommen von Hühnern (später freischaltbar).
Management-Herausforderung: Gäste haben Geduld-Meter. Warten sie zu lange, gehen sie. Gerichte müssen vorbereitet, gekocht, serviert werden. Hildred muss zwischen Schnellimbiss und Restaurant-Service wechseln, Teller abräumen, neue Gerichte kochen. Das kann hektisch werden.
Mit Upgrades kommen mehr Tische, bessere Öfen, ein Kellner (AI-Hilfe), erweiterte Speisekarten. Die Komplexität steigt kontinuierlich.
Die Schneiderei (Obergeschoss): Deutlich simpler. Percival tötet Friseur-Kunden (passiert automatisch), erntet Leichen für Fleisch und Stoff. Der Stoff wird an der Nähmaschine zu Kleidung verarbeitet und verkauft.
Das Problem: Es gibt keine konkreten Aufträge für Kleidungsstücke. Man produziert einfach, verkauft automatisch. Keine strategische Tiefe, keine Entscheidungen. Dieser Teil fühlt sich unterentwickelt an.
Ressourcen-Management:
- Fleisch von Leichen (für Kneipe)
- Stoff von Leichen (für Schneiderei)
- Gemüse aus Garten (für Kneipe-Rezepte)
- Eier von Hühnern (für Kneipe-Rezepte)
- Geld (für Upgrades und Expansion)
Das Balancieren dieser Ressourcen ist der Kern. Zu wenig Fleisch? Gäste warten, gehen unzufrieden. Zu viel Stoff? Verschwendete Kapazität. Der Flow entsteht durch Optimierung.
Progression – Kontinuierliche Expansion
Mit Einnahmen kauft man Upgrades:
- Mehr Tische und Auslagen (höhere Kapazität)
- Bessere Öfen (schnelleres Kochen)
- Kellner-Hilfe (automatisches Servieren)
- Größerer Garten (mehr Gemüse)
- Hühnerstall (Eier-Quelle)
- Kosmetische Outfits für Percival und Hildred (Kunden kaufen lieber von gut gekleideten Verkäufern)
Die Progression ist klassisch: Verdienen, upgraden, mehr verdienen, mehr upgraden. Es gibt keine dramatischen Gameplay-Shifts, nur graduelle Verbesserung.
Missions-Struktur: Der Erpresser „J“ gibt regelmäßig Aufträge. Diese fungieren als Tutorial und Progression-Gate. „Verkaufe 10 Steaks“, „Stelle einen Kellner ein“, „Richte den Garten ein“. Das leitet durch die Mechaniken und schaltet neue Features frei.
Schwierigkeitsgrad – Steigend aber fair
Anfangs einfach: Wenige Gäste, simple Rezepte, genug Zeit. Je weiter das Restaurant ausgebaut wird, desto hektischer wird es: Mehr Gäste gleichzeitig, komplexere Bestellungen, mehrere Prozesse parallel managen.
Das Spiel wird nicht unfair schwer, aber fordert zunehmend Multitasking und Planung. Wer Management-Spiele wie Overcooked oder Diner Dash mag, findet hier vertraute Herausforderungen – nur mit verstörender Thematik.

Pixel-Art mit verstörendem Charme
Visuell ist Ravenous Devils detaillierte Pixel-Art. Die viktorianische Ästhetik ist stimmig – dunkle Farben, gedämpfte Beleuchtung, Gothic-Architektur. Die Animationen sind flüssig, Charaktere bewegen sich natürlich.
Grafische Stärken:
- Atmosphärische Beleuchtung trägt wesentlich zur düsteren Stimmung bei
- Detaillierte Umgebungen (Kneipe, Salon, Garten, Keller)
- Flüssige Charakter-Animationen
- Stimmige viktorianische Ästhetik mit Liebe zum Detail
- Verschiedene Geschäftsbereiche wirken authentisch und lebendig
Grafische Herausforderung: Die Gewalt-Darstellung. Blutspritzer beim Töten, Hildred zerstückelt Leichen an einem Hacktisch, Fleischstücke werden zu Steaks verarbeitet. Das ist explizit dargestellt, nicht angedeutet.
Für ein Pixel-Art-Spiel ist es grafisch drastisch. Die stilisierte Darstellung mildert den Schock etwas, aber das ändert nichts am verstörenden Inhalt. Die USK 18-Einstufung ist absolut berechtigt und sollte ernst genommen werden.
Sound – Fröhliche Dissonanz
Der Soundtrack ist bemerkenswert: Fröhliche, fast heitere Melodien unterlegen das makabre Gameplay. Diese bewusste Dissonanz verstärkt den schwarzhumorigen Charakter.
Es ist ähnlich wie bei Undertale oder Binding of Isaac – düsterer Inhalt mit unerwartet fröhlicher Musik. Das erzeugt surreale Atmosphäre und fügt sich perfekt ins Spielgeschehen ein, ohne aufdringlich zu wirken. Der Kontrast zwischen der fröhlichen Musik und dem makabren Inhalt ist gewollt und verstärkt den satirischen Ton.
Soundeffekte: Effektiv aber nicht aufdringlich. Kochgeräusche, Gäste-Gemurmel, Geldkassen-Klingeln. Die Soundeffekte unterstützen das Gameplay und geben akustische Rückmeldung zu verschiedenen Aktionen. Alles funktional, nichts besonders innovativ, aber solide umgesetzt.
Steuerung – PC-Port mit Konsolen-Anpassung
Ravenous Devils ist primär für PC entwickelt. Auf Xbox spürt man das deutlich. Der Cursor wird als rote Aura dargestellt, Navigation zwischen Etagen über LB/LT oder D-Pad (wobei D-Pad natürlicher wirkt).
Nach Eingewöhnung funktioniert es, aber optimal ist anders. PC mit Maus wäre intuitiver. Die Konsolen-Version ist spielbar, fühlt sich aber wie Portierung an, nicht wie natives Konsolen-Design.
Positive Mechanik: Charaktere können eine Aktion vormerken während sie eine andere ausführen. Das reduziert Micromanagement und macht den Flow flüssiger. Diese Queue-Funktion ist essentiell für die späteren, hektischeren Phasen.
Lokalisierung – Englisch mit deutscher Ankündigung
Zum Release nur auf Englisch. Die Entwickler haben deutsche Lokalisierung angekündigt, aber zum Test-Zeitpunkt nicht verfügbar (Stand April 2022).
Das ist für Management-Spiele weniger problematisch als für Story-fokussierte Titel. Die Mechaniken sind visuell verständlich, Rezepte bildlich dargestellt. Wer kein Englisch kann, verpasst Dialog-Humor, aber das Gameplay bleibt zugänglich. Die Dialoge sind ohnehin größtenteils verständlich und die Handlung lässt sich gut nachvollziehen.
Wiederspielwert – Begrenzt durch Thematik
Ein Durchlauf dauert etwa 6-8 Stunden bis alles freigeschaltet und optimiert ist. Danach gibt es wenig Grund zurückzukehren. Keine alternativen Strategien, keine unterschiedlichen Endings, keine New Game Plus-Mechaniken.
Die verschiedenen Upgrade-Möglichkeiten und die Optimierung der Geschäftsabläufe sorgen dafür, dass auch nach dem ersten Durchspielen noch Verbesserungspotenzial vorhanden ist. Für Management-Spiel-Standards ist das aber kurz.
Allerdings ist der Inhalt thematisch so speziell, dass er definitiv nicht für jeden zugänglich ist. Es ist fraglich, ob viele Spieler überhaupt mehrfach durchspielen wollen – selbst wer die Prämisse akzeptiert, wird vielleicht nicht für einen zweiten Durchlauf zurückkehren.
Für wen ist Ravenous Devils?
Absolute Nische: Dieses Spiel ist nicht für die Allgemeinheit. Es richtet sich an eine sehr spezielle Zielgruppe:
- Horror-Fans mit starkem Magen und Freude an schwarzem Humor
- Management-Spiel-Enthusiasten, die etwas völlig anderes suchen
- Liebhaber von Sweeney Todd, American Psycho, Hannibal
- Spieler, die bewusst Grenzüberschreitungen suchen
- Indie-Fans, die ungewöhnliche Genre-Mixe schätzen
Nicht geeignet für:
- Praktisch jeden mit normaler Empfindlichkeit
- Wer Gewalt gegen Menschen als Unterhaltung ablehnt
- Familien, Kinder, Jugendliche (USK 18 ernst nehmen!)
- Wer leicht angewidert ist
- Erwartung an ausgewogene Spielmechaniken (Schneiderei unterentwickelt)
Eckdaten zum Spiel
Titel: Ravenous Devils
Entwickler: Bad Vices Games, Troglobytes Games
Publisher: Troglobytes Games
Plattformen: PC (Steam), Xbox One, Xbox Series X|S, Nintendo Switch, PlayStation
Release: 29. April 2022
Genre: Management-Simulation, Horror
USK: 18 (absolut gerechtfertigt)
Spielzeit: 6-8 Stunden
Sprache: Englisch (deutsche Lokalisierung geplant)
Preis: Ca. 5-10 Euro
Gamefinity-Wertung: 7,0/10
Fazit: Funktionales Management in fragwürdigem Kontext
Ravenous Devils ist handwerklich solides Management-Spiel. Die Mechaniken funktionieren, die Progression ist motivierend, die Pixel-Art ist hochwertig. Isoliert betrachtet wäre es ein gutes kleines Indie-Management-Game.
Aber man kann die Thematik nicht isoliert betrachten. Kannibalismus als Geschäftsmodell, Mord als Ressourcen-Beschaffung, Menschen als Ware. Das ist nicht „leicht verstörend“ – es ist extrem. Die USK 18 ist nicht übertrieben.
Das italienische Entwicklerteam Bad Vices Games hat einen durchaus funktionierenden „Horror Cooking Simulator“ geschaffen, der trotz seiner verstörenden Inhalte spielerisch überzeugen kann. Es zeigt, dass extreme Prämissen mit solidem Gameplay verbunden werden können.
Stärken:
✓ Solides Management-Gameplay mit kontinuierlicher Progression
✓ Detaillierte Pixel-Art-Optik mit flüssigen Animationen
✓ Atmosphärisch stimmiger Soundtrack mit bewusster Dissonanz
✓ Schwarzhumorige Dialoge und konsequent düstere Erzählung
✓ Verschiedene Upgrade- und Anpassungsmöglichkeiten
✓ Queue-System macht Steuerung flüssiger
✓ Fairer Schwierigkeitsgrad
✓ Günstiger Preis (5-10 Euro)
Schwächen:
✗ Extrem nischige, abstoßende Thematik für 99% der Spieler
✗ Unausgewogene Komplexität zwischen Kneipe und Schneiderei
✗ PC-lastige Steuerung auf Konsolen suboptimal
✗ Keine deutsche Lokalisierung zum Release
✗ Geringer Wiederspielwert (6-8 Stunden)
✗ Keine alternativen Spielweisen oder Endings
✗ USK 18 schließt große Zielgruppe aus (zu Recht)
Abschließende Empfehlung: Ravenous Devils ist für 99% der Spieler nicht geeignet. Das ist nicht Kritik am Spiel, sondern Fakt. Wer bei der Beschreibung schon Unbehagen verspürt, sollte nicht kaufen.
Für die verbleibenden 1% – Horror-Enthusiasten, schwarzer-Humor-Liebhaber, Management-Spiel-Komplettisten – bietet es ein funktionales, wenn auch kurzes Erlebnis. Es ist kein Meisterwerk, aber es ist kompetent umgesetzt.
Die Entwickler wussten, was sie tun. Das ist keine versehentliche Geschmacklosigkeit, sondern bewusste Genre-Fusion aus Horror und Management. Ob das existieren sollte, ist philosophische Frage. Dass es existiert und mechanisch funktioniert, ist Fakt.
Wer Sweeney Todd mochte und sich dachte „das wäre ein gutes Management-Spiel“, hat jetzt eins. Für alle anderen: Großer Bogen empfohlen. Alle anderen sollten einen weiten Bogen um Percival und Hildreds makabres Geschäft machen.



