Nintendo hat mit Splatoon 2 einen der erfolgreichsten Multiplayer-Shooter der Switch etabliert. Fast ein Jahr nach Release kommt nun die erste kostenpflichtige Erweiterung: Octo Expansion. Für 20 Euro verspricht Nintendo über 80 neue Single-Player-Missionen, spielbare Oktolings im Multiplayer, und eine Story, die Lore-Enthusiasten seit dem ersten Splatoon beschäftigt. DLCs für Multiplayer-Spiele stehen oft in der Kritik – zu teuer, zu wenig Inhalt, Community-Spaltung durch Bezahlschranken. Octo Expansion geht einen anderen Weg: kosmetische Belohnungen, kein Multiplayer-Vorteil, reiner Story-Fokus. Nach knapp zehn Stunden durch die Tiefseebahn und dutzende frustrierende Tode später steht fest: Das ist DLC, wie er sein sollte.

Einstieg – Agent 8 erwacht
Die Octo Expansion setzt Kenntnisse der Splatoon 2-Kampagne voraus. Wer die Hauptstory nicht gespielt hat, verpasst narrativen Kontext und kämpft mit der Lernkurve. Die Erweiterung richtet sich explizit an erfahrene Spieler – Einsteiger sollten erst die Basis-Kampagne abschließen.
Wir spielen Agent 8, einen Oktoling (Oktopus-Humanoiden) mit Amnesie, gefangen in einer U-Bahn-Station tief unter Inkopolis. Begleitet von Cap’n Cuttlefish und einem mysteriösen Begleiter namens Pearl müssen wir uns durch über 80 Test-Kammern kämpfen, um an die Oberfläche zu gelangen.
Die Tiefseebahn als Hub: Der zentrale Wagon der Tiefseebahn dient als Basis. Eine Karte zeigt verfügbare Missionen an U-Bahn-Stationen. Man wählt eine Mission, die Bahn fährt zur entsprechenden Haltestelle, und los geht’s. Die Struktur ist einfach, aber effektiv – keine Open-World-Ablenkungen, reiner Fokus auf Herausforderungen.
Missionsdesign – Abwechslung auf höchstem Niveau
Die 80+ Missionen sind das Herzstück der Erweiterung. Keine gleicht der anderen. Nintendo demonstriert hier Level-Design-Meisterschaft: Jede Mission führt eine Mechanik ein, variiert sie, kombiniert sie mit anderen, und treibt sie zur Perfektion.
Missions-Typen:
- Combat-Stages: Gegnerwellen besiegen, oft mit ungewohnten Waffen
- Plattforming-Challenges: Präzisions-Sprünge durch Tinten-Parcours
- Stealth-Missionen: Ohne Waffe durch Gegner-Patrouillen schleichen
- Target-Shooting: Kisten in vorgegebenen Mustern zerstören
- 8-Ball-Stages: Objekt ans Ziel rollen ohne es zu verlieren
- Boss-Rematches: Bekannte Bosse in härteren Varianten
Die Vielfalt verhindert Monotonie. Nach einer anstrengenden Combat-Mission folgt eine knifflige Plattforming-Challenge. Nach Stealth kommt Target-Shooting. Der Rhythmus ist perfekt kalibriert.
Waffen-Rotation: Jede Mission schreibt eine Waffe vor. Das zwingt zur Anpassung. Wer im Hauptspiel nur Shooter nutzte, muss hier mit Chargern, Rollern, Sloshers und Brellas klarkommen. Das erweitert das Verständnis für Waffen-Mechaniken und macht bessere Multiplayer-Spieler.

Schwierigkeitsgrad – Knackig aber fair
Octo Expansion ist schwer. Deutlich schwerer als die Hauptkampagne. Das ist beabsichtigt und wird von Anfang an klargemacht. Selbst die ersten Missionen fordern Präzision, Timing und taktisches Denken.
Warum es fordert:
- Aggressive, clevere KI statt dummer Gegner-Wellen
- Begrenzte Tinte (nicht überall Nachfüll-Möglichkeiten)
- Zeitlimits auf vielen Missionen
- Ein-Treffer-Tode auf schwierigsten Stages
- Komplexe Plattforming-Sequenzen
Die Checkpoints sind großzügig platziert. Man wird oft sterben – sehr oft – aber verliert selten mehr als 30 Sekunden Fortschritt. Das hält die Frustration in Grenzen.
Fair trotz Härte: Das Spiel fühlt sich fast immer fair an. Wenn man stirbt, weiß man warum. Falsche Entscheidung, ungenaues Zielen, schlechtes Timing – die Fehler sind klar identifizierbar. Nur eine Mission – „avoid damage for X seconds“ – fühlt sich RNG-abhängig und unfair an.
Skip-Option – Notausgang mit Preis
Wer an einer Mission verzweifelt, kann sie überspringen – aber nur nach mehrmaligem Scheitern. Die Option schaltet sich nach ausreichend Toden frei.
Der Preis:
- Kein Souvenir (Sammelobjekt) für übersprungene Missionen
- Souvenirs schalten Oktoling-Gear für Multiplayer frei
- Komplette Sets nötig für beste Belohnungen
Das ist clever designed: Casual-Spieler können die Story trotzdem erleben, Completionists müssen sich durchbeißen. Niemand wird komplett ausgeschlossen, aber Belohnungen erfordern Können.

Bosse – Wiederverwertung mit Twist
Die Boss-Kämpfe sind der schwächste Aspekt der Erweiterung. Es sind Remixes bekannter Bosse aus der Hauptkampagne – gleiche Mechaniken, härtere Ausführung.
Das ist enttäuschend nach den kreativen Missionen. Die Bosse sind schwieriger, ja, aber die Muster kennt man bereits. Überraschung? Fehlanzeige. Nur das Finale bricht aus diesem Schema aus und liefert einen epischen Showdown – mehr sei nicht verraten.
Story und Atmosphäre – Dunkel und packend
Die Octo Expansion hat eine echte Story. Nicht nur Vorwand für Levels, sondern narrative Substanz mit Charakterentwicklung, Lore-Enthüllungen und emotionalen Momenten.
Narrative Stärken:
- Hintergrundgeschichte zur Welt von Splatoon
- Beziehung zwischen Inklings und Oktolingen erklärt
- Agent 8’s Identitätssuche als roter Faden
- Überraschende Twists und Verbindungen zum ersten Splatoon
Die Atmosphäre ist deutlich dunkler als das Hauptspiel. Die Tiefseebahn ist klaustrophobisch, steril, bedrohlich. Farbpalette und Sound-Design unterstützen diese Stimmung. Das ist Splatoon, aber mit Edge.
Charakterdesign und Details: Jedes Asset ist mit Liebe gestaltet. Die Umgebungen erzählen eigene Geschichten durch Umgebungsdetails. Graffiti an Wänden, verlassene Ausrüstung, Hinweise auf frühere Bewohner – wer genau hinschaut, findet Dutzende kleiner Narrative.
Der Soundtrack – vorrangig von Off the Hook – ist exzellent. Die Musik passt perfekt zur düsteren Ästhetik, bietet aber auch Energie für intensive Kampf-Missionen.

Spielzeit – Knapp zehn Stunden Herausforderung
Ein kompletter Durchlauf dauert etwa 9-10 Stunden. Das ist fast doppelt so lang wie die Hauptkampagne. Für 20 Euro ist das ein fairer Deal – umgerechnet etwa 2 Euro pro Stunde, günstiger als ein Kinobesuch.
Wiederspielwert:
- Alle Souvenirs sammeln (verpasste bei übersprungenen Missionen)
- Perfekte Runs für persönliche Bestzeiten
- Mit allen Waffen erneut spielen (falls freigeschaltet)
- Secrets und Easter Eggs finden
Langweilig wird es nie. Die Missions-Vielfalt hält die Motivation aufrecht. Kein Grind, keine Füller-Level – jede Mission hat Zweck.
Belohnungen – Rein kosmetisch, völlig fair
Das ist der wichtigste Aspekt: Octo Expansion spaltet die Community nicht. Alle Belohnungen sind kosmetisch.
Was man bekommt:
- Spielbare Oktolings im Multiplayer (nach Abschluss)
- Oktoling-Gear-Sets (durch Souvenirs)
- Überschüssige Währung gegen zufällige Items tauschen
Was man NICHT bekommt:
- Stärkere Waffen
- Bessere Abilities
- Gameplay-Vorteile irgendwelcher Art
Wer den DLC kauft, ist nicht stärker im Multiplayer. Man sieht nur anders aus. Das ist vorbildlich und sollte Standard für Multiplayer-DLCs sein.

Für wen lohnt sich Octo Expansion?
Pflichtkauf für:
- Splatoon 2-Fans mit 50+ Stunden Spielzeit
- Spieler, die die Hauptkampagne lieben
- Lore-Enthusiasten der Serie
- Challenge-Sucher (Souls-like-Fans willkommen)
Bedingt empfehlenswert für:
- Casual-Spieler (Schwierigkeit könnte frustrieren)
- Reine Multiplayer-Fans (kein MP-Content im DLC)
- Wer die Hauptkampagne nicht mochte
Nicht empfehlenswert für:
- Einsteiger ohne Basis-Kampagne
- Wer Story in Shootern ignoriert
- Erwartung an neue Multiplayer-Maps (gibt’s nicht)
Eckdaten zum DLC
Titel: Splatoon 2: Octo Expansion
Plattform: Nintendo Switch (exklusiv)
Entwickler: Nintendo EPD
Publisher: Nintendo
Release: Juni 2018
Genre: Single-Player-DLC für Third-Person-Shooter
Spielzeit: 9-10 Stunden (100% länger)
Preis: 20 Euro
Voraussetzung: Splatoon 2 Basis-Spiel erforderlich
Gamefinity-Wertung: 8,8/10
Fazit: So macht man DLC richtig
Octo Expansion ist Referenz-Material für Story-DLCs in Multiplayer-Spielen. Nintendo zeigt, wie man bestehende Spieler belohnt, ohne neue auszuschließen oder Balance zu zerstören.
Die 80+ Missionen bieten konstante Abwechslung ohne Füller. Der Schwierigkeitsgrad fordert ohne unfair zu sein. Die Story liefert emotionale Momente und Lore-Enthüllungen. Die Atmosphäre ist dicht und packend. Die Belohnungen sind fair und nicht pay-to-win.
Stärken:
✓ Über 80 abwechslungsreiche, kreative Missionen
✓ Perfekt kalibrierter Schwierigkeitsgrad (hart aber fair)
✓ Packende Story mit Lore-Tiefe
✓ Dunkle, atmosphärische Präsentation
✓ Exzellenter Soundtrack von Off the Hook
✓ Rein kosmetische Belohnungen (kein Pay-to-Win)
✓ 9-10 Stunden Spielzeit für 20 Euro (fairer Preis)
✓ Skip-Option für frustrierte Spieler
Schwächen:
✗ Boss-Kämpfe wiederverwerten alte Mechaniken
✗ Setzt Hauptkampagne-Kenntnisse voraus
✗ Zu schwer für Casual-Spieler
✗ Keine neuen Multiplayer-Maps/Modi
✗ Eine Mission fühlt sich unfair an (damage avoidance)
Abschließende Empfehlung: Für Splatoon 2-Spieler mit abgeschlossener Kampagne ist Octo Expansion ein No-Brainer. Die 20 Euro sind gut investiert in knapp zehn Stunden fordernden, abwechslungsreichen Content.
Nintendo beweist, dass DLC mehr sein kann als abgetrennte Basis-Inhalte oder billige Cashgrabs. Octo Expansion fühlt sich an wie ein vollwertiges Spiel innerhalb eines Spiels – komplett, poliert, durchdacht.
Die Entwickler haben auf Community-Feedback gehört. Fans wollten mehr Story, mehr Lore, mehr Herausforderung. Octo Expansion liefert auf allen drei Ebenen. Das ist Respekt gegenüber der Spielerbasis.
Ja, die Boss-Remixes sind faul. Ja, Casual-Spieler könnten überfordert sein. Aber diese Schwächen verblassen angesichts der Qualität des Gesamtpakets. Die Mission-Density ist beeindruckend – 80+ handcrafted Levels ohne Copy-Paste-Füller.
Wenn alle DLCs so wären – durchdacht, fair bepreist, Community-respektierend – hätten Gamer weniger Grund, dem Konzept skeptisch gegenüberzustehen. Octo Expansion ist das Gegen-Beispiel zu Season Passes mit abgetrennten Basis-Features.
Für Switch-Besitzer, die Splatoon 2 lieben, gibt es keinen Grund, diesen DLC auszulassen. Für die Industrie ist Octo Expansion ein Blueprint, wie man Erweiterungen richtig macht. Nintendo hat die Messlatte gesetzt – hoffen wir, andere Entwickler nehmen sich das zu Herzen.





