„Das Jahr des Greifen“ von Bernhard Hennen und Wolfgang Hohlbein ist für mich weit mehr als nur ein Fantasy-Roman – es ist das Buch, das mich als 13-Jähriger in den Bann gezogen und meine Liebe zur Fantasy-Literatur zementiert hat. Ursprünglich zwischen 1993 und 1994 als Trilogie erschienen („Der Sturm“, „Die Entdeckung“ und „Die Amazone“), später als Gesamtausgabe veröffentlicht, spielt das Werk in der Welt von Das Schwarze Auge, dem erfolgreichsten deutschen Pen-&-Paper-Rollenspiel.
Als DSA-Fan und aktiver Spieler war ich damals vollkommen geflasht. Bis dato gab es nichts Besseres für mich – ich bin der örtlichen Buchhandlung mit meiner Ungeduld ordentlich auf den Zeiger gegangen, während ich auf die Fortsetzungen wartete. Im Laufe meines Lebens habe ich dieses Buch bestimmt viermal gelesen, und jedes Mal hat es mich aufs Neue gefesselt. Diese Rezension entsteht nach dem vierten Durchgang über zwanzig Jahre später, und die Faszination ist noch immer spürbar.
Das Schwarze Auge und Aventurien
Für Leser, die mit DSA nicht vertraut sind: Das Schwarze Auge ist das bedeutendste deutsche Fantasy-Rollenspiel, erschaffen von Ulrich Kiesow. Die Handlung spielt in Aventurien, einem detailliert ausgearbeiteten Fantasy-Kontinent mit eigener Geschichte, Kulturen, Göttern und politischen Strukturen. Anders als viele andere Fantasy-Welten ist Aventurien bewusst „bodenständiger“ – weniger High Fantasy mit weltbewegender Magie, mehr Low Fantasy mit nachvollziehbaren Konflikten und menschlichen (und orkischen) Dramen.
Die Geschichte hinter dem Buch
Eine interessante Randnotiz zur Entstehung: Wolfgang Hohlbein, damals bereits etablierter Fantasy-Autor, fungierte als Mentor für den noch unbekannten Bernhard Hennen. Hennen arbeitete als Journalist und sollte Hohlbein interviewen. Nach dem Gespräch schilderte er ihm seine Romanidee, und Hohlbein führte ihn ins Verlagswesen ein. Der prominente Name Hohlbeins auf dem Cover verhalf dem Debütanten Hennen zum Durchbruch – tatsächlich stammt jedoch der Hauptteil des Werks aus Hennens Feder. Hohlbein selbst bestätigte später, dass er vor allem beratend tätig war und Hennen die kreative Hauptlast trug. Ohne Hohlbeins Unterstützung wäre Hennen möglicherweise nie zum Schriftsteller geworden – eine Vorstellung, die angesichts seiner späteren Erfolge mit „Die Elfen“ kaum auszudenken ist.
Überblick ohne Spoiler
Das Jahr des Greifen spielt während des Dritten Orkensturms im Jahr 1012 nach Bosparans Fall. Die strategisch wichtige Handelsstadt Greifenfurt wurde von Orkstämmen besetzt. Der undurchsichtige Inquisitor Marcian, Mitglied der KGIA (kaiserlich-garethische Informationsagentur), wird beauftragt, mit einer Handvoll Agenten einen Aufstand zu organisieren und die Stadt zu befreien.
Doch die Mission entwickelt sich anders als geplant. Statt der erwarteten kaiserlichen Verstärkung stehen plötzlich weitere Orks vor den Mauern. Marcian muss mit wenigen Freiwilligen – darunter der Zwerg Himgi, die mysteriöse Amazone Lysandra und der zwielichtige Henker Zerwas – einen aussichtslosen Kampf führen. Parallel entdecken die Orks unter der Stadt ein uraltes Relikt ihres Blutgottes Tairach, und ein Erzvampir beginnt sein Unwesen zu treiben.
Die Stärken
Hennens größte Leistung ist die lebendige, greifbare Darstellung Greifenfurts. Die belagerte Stadt wird zum Charakter selbst – man spürt die Verzweiflung der Bevölkerung, die drückende Enge der Belagerung, den Gestank von Tod und Verwesung. Das detailreiche Worldbuilding profitiert enorm von Hennens DSA-Expertise – jede Straße, jeder Tempel, jede politische Fraktion fühlt sich authentisch an.
Für mich ist „Das Jahr des Greifen“ der beste und atmosphärischste DSA-Roman, der je erschienen ist. Ich habe im Laufe der Jahre durchaus einige gute DSA-Romane gelesen – leider aber auch viele schlechte. Dieses Werk zeigt eindrucksvoll, welches Potential in der Welt Aventuriens steckt und was man daraus hätte machen können, wenn mehr Autoren mit Hennens Sachverstand und Leidenschaft an die Lizenz herangegangen wären. Die Atmosphäre ist derart dicht, dass man die Hitze der brennenden Stadt, den Schweiß der kämpfenden Soldaten und die Hoffnungslosigkeit der Eingeschlossenen förmlich riechen kann.
Die Charaktere sind vielschichtig und moralisch ambivalent. Marcian ist kein strahlender Held, sondern ein zynischer Pragmatiker, der für seine Ziele über Leichen geht. Zerwas entwickelt sich vom mysteriösen Verbündeten zum blutdurstigen Antagonisten. Selbst Nebenfiguren wie der Schmied Darrag bekommen genug Tiefe, um emotional zu involvieren.
Die Kampfszenen sind – wie bei Hennen üblich – hervorragend choreografiert. Seine Leidenschaft für Miniaturen und militärische Taktik zahlt sich aus: Die Belagerung, die Straßenkämpfe, die verzweifelten Verteidigungsaktionen wirken plastisch und nachvollziehbar. Man spürt das Chaos, die Erschöpfung, die taktischen Überlegungen.
Die Verbindung zur DSA-Welt gelingt meisterhaft. Wer das Rollenspiel kennt, findet unzählige Anspielungen und Hintergründe. Wer DSA nicht kennt, erhält trotzdem eine in sich geschlossene, packende Geschichte.
Die Schwächen
Der Einstieg ist – typisch für die DSA-Romane der 90er – etwas sperrig. Die ersten Kapitel investieren viel in Weltenbau und Einführung der politischen Strukturen. Wer nicht bereits DSA-Affinität mitbringt, könnte hier stolpern.
Einige Handlungsstränge wirken im Rückblick vorhersehbar. Der „geheimnisvolle Verbündete, der zum Verräter wird“ ist ein bekanntes Muster, und auch die romantischen Subplot-Elemente folgen genretypischen Pfaden.
Der Schreibstil ist funktional, aber nicht literarisch herausragend. Hennen schreibt für die Geschichte, nicht für poetische Sprachbilder. Das ist keine Schwäche per se, aber wer elaborierte Prosa schätzt, wird hier nicht fündig.
Die drei ursprünglichen Bände haben unterschiedliche Qualitäten. „Der Sturm“ ist der stärkste Teil mit packendem Setup, „Die Entdeckung“ leidet leicht am Mittelteil-Syndrom, „Die Amazone“ zieht das Tempo wieder an, hat aber ein etwas überstürztes Finale.
Für wen ist das Buch?
„Das Jahr des Greifen“ richtet sich primär an DSA-Fans, die Aventurien aus dem Rollenspiel kennen und lieben. Wer bereits mit der Welt vertraut ist, wird die zahllosen Details und Anspielungen zu schätzen wissen.
Aber auch Fantasy-Leser ohne DSA-Hintergrund können hier einsteigen – vorausgesetzt, sie bringen Geduld für den weltenbauenden Einstieg mit und mögen militärische Fantasy mit Belagerungsszenarien. Wenn dir Werke wie Glen Cooks „Die Schwarze Kompanie“ oder David Gemmells „Legende“ gefallen haben, bist du hier richtig.
Das Buch ist nichts für Leser, die strahlende Helden, eindeutige Gut-Böse-Strukturen oder schnelle Action ohne Aufbau erwarten. Hennen nimmt sich Zeit, und seine Protagonisten sind alles andere als lupenreine Helden.
Fazit
„Das Jahr des Greifen“ ist ein Meilenstein der deutschen Fantasy-Literatur und für mich der unangefochtene Höhepunkt der DSA-Romane. Als 13-Jähriger war ich vollkommen begeistert – es gab schlicht nichts Besseres in meiner damaligen Lesewelt. Heute, nach viermaligem Lesen über die Jahre hinweg und mit deutlich mehr Fantasy-Erfahrung im Gepäck, bewerte ich das Gesamtwerk mit 8,5/10.
Die Stärken – atmosphärische Dichte, komplexe Charaktere, authentisches Worldbuilding – überwiegen deutlich die genretypischen Schwächen. Für DSA-Fans ist es ohnehin Pflichtlektüre. Für Fantasy-Liebhaber, die deutsche Genre-Literatur entdecken wollen, ist es ein hervorragender Einstieg. Und für den damaligen Teenager, der ungeduldig auf jeden neuen Band wartete, bleibt es ein prägendes Leseerlebnis, das meine Liebe zur Fantasy nachhaltig geformt hat.
Bewertung: 8,5/10
Empfehlung: Klare Kaufempfehlung für DSA-Fans und Leser militärischer Fantasy. Wer Bernhard Hennens spätere Werke schätzt, sollte hier den Ursprung seiner Erzählkunst entdecken.
Technische Details
- Autoren: Bernhard Hennen, Wolfgang Hohlbein
- Verlag: Bastei Lübbe (Gesamtausgabe), ursprünglich Fantasy Productions
- Seitenzahl: ca. 750 Seiten (Gesamtausgabe)
- ISBN Gesamtausgabe: 978-3404146123
- Einzelbände:
- Der Sturm (1993) – ca. 315 Seiten
- Die Entdeckung (1994) – ca. 239 Seiten
- Die Amazone (1994) – ca. 284 Seiten
- Reihe: Das Schwarze Auge – Romane aus Aventurien
- Format: Taschenbuch, Hardcover, eBook verfügbar
Häufig gestellte Fragen
Muss ich Das Schwarze Auge kennen, um das Buch zu verstehen?
Nein, zwingend notwendig ist DSA-Vorwissen nicht. Das Buch führt ausreichend in die Welt Aventuriens ein. Allerdings profitieren DSA-Kenner deutlich mehr von den zahlreichen Anspielungen und dem tieferen Verständnis der politischen Strukturen. Als Einstieg in die DSA-Romane funktioniert es sehr gut.
Wer hat das Buch tatsächlich geschrieben – Hohlbein oder Hennen?
Den Hauptteil schrieb Bernhard Hennen. Wolfgang Hohlbein fungierte als Mentor und verhalf dem damals unbekannten Hennen zum Verlagszugang. Sein Name auf dem Cover diente primär als Türöffner. Hohlbein selbst bestätigte später, dass ohne seine Unterstützung diese Bücher und Hennens Karriere möglicherweise nie zustande gekommen wären.
Sollte ich die Einzelbände oder die Gesamtausgabe lesen?
Die Gesamtausgabe ist praktischer und meist günstiger. Die Geschichte funktioniert als durchgängige Trilogie am besten, wenn man sie am Stück lesen kann. Die ursprünglichen Einzelbände haben vor allem Sammlerwert.
Ist das Buch sehr brutal?
Ja, „Das Jahr des Greifen“ enthält explizite Gewaltdarstellungen, Folterszenen und moralisch fragwürdige Handlungen der Protagonisten. Es ist deutlich düsterer als viele andere DSA-Romane und nichts für zarte Gemüter.
In welcher Reihenfolge sollte ich DSA-Romane lesen?
„Das Jahr des Greifen“ ist ein guter Einstieg, da es zeitlich während des Dritten Orkensturms spielt – einem der prägendsten Ereignisse Aventuriens. Chronologisch könntest du danach „Das Gesicht am Fenster“ (ebenfalls von Hennen, mit Marcian als Protagonist) lesen. Die meisten DSA-Romane funktionieren aber auch als Standalone-Werke.


