Blizzard Entertainment hat mit Diablo ein Spiel geschaffen, das die Grenzen zwischen Action und Rollenspiel auf faszinierende Weise verwischt. Wenige Tage nach dem Release Ende Dezember 1996 ist bereits klar: Hier haben wir es mit einem Titel zu tun, der das Genre der isometrischen Action-RPGs nachhaltig prägen wird. Die Entwickler um David Brevik bei Blizzard North haben dabei geschickt Elemente aus klassischen Dungeon-Crawlern wie Rogue mit der Zugänglichkeit moderner PC-Spiele verbunden – und dabei einen verdammt süchtig machenden Cocktail aus Loot-Jagd und Monsterschlachten kreiert.
Die Story: Tristrams dunkles Geheimnis
Die Geschichte ist bewusst schlicht gehalten, aber atmosphärisch dicht. Das beschauliche Städtchen Tristram wird von seltsamen Ereignissen heimgesucht. Monster tauchen aus den Katakomben unter der örtlichen Kathedrale auf und terrorisieren die Bewohner. König Leoric ist dem Wahnsinn verfallen, und dunkle Gerüchte sprechen von einem uralten Übel, das in den Tiefen erwacht ist.
Was auf den ersten Blick nach Standard-Fantasy-Kost klingt, entwickelt sich zu einer düsteren Geschichte voller Gothic-Horror-Elemente. Die wenigen Dialoge mit den Stadtbewohnern – Deckard Cain, Griswold der Schmied, die Hexe Adria – sind geschickt geschrieben und vermitteln eine Atmosphäre der Bedrohung, ohne zu viel zu verraten. Die Geschichte entfaltet sich größtenteils durch das, was man in den verfluchten Katakomben entdeckt: Bücher, Inschriften, die Architektur selbst erzählt von vergangenen Schrecken.
Die Hintergrund-Lore ist überraschend tiefgründig: Diablo ist einer der drei Prime Evils – zusammen mit seinen Brüdern Mephisto (Herr des Hasses) und Baal (Herr der Zerstörung). Die Horadrim, ein Orden von Magiern, sperrten die Dämonen einst in Soulstones. Doch nun bricht Diablo aus seinem Gefängnis unter der Kathedrale aus…
Die drei Klassen
Als tapferer Held wählt man zwischen drei Charakterklassen:
Der Krieger:
- Meister des Nahkampfs
- Höchste Stärke und Vitalität
- Kann Gegenstände reparieren
- Ideal für Einsteiger
Der Schurke (Rogue):
- Spezialistin für Fernkampf mit Bögen
- Hohe Geschicklichkeit
- Kann Fallen entschärfen
- Flexibler Spielstil
Der Zauberer:
- Mächtige Zaubersprüche
- Höchste Magie, aber verletzlich
- Kann Stäbe aufladen
- Anspruchsvoller Spielstil
Jede Klasse erfordert eine völlig andere Herangehensweise. Der Krieger hackt sich durch die Horden, während der Zauberer Feuerwände und Kettenblitze entfesselt. Diese Vielfalt verleiht dem Spiel enormen Wiederspielwert.

Das Gameplay: Ein Klick zur Sucht
Das Herzstück von Diablo ist sein süchtig machender Gameplay-Loop. Die Steuerung ist denkbar einfach: Ein Klick genügt, um sich zu bewegen, anzugreifen oder mit Gegenständen zu interagieren. Diese Einfachheit ist gleichzeitig eine der größten Stärken – Diablo ist auch für Spieler zugänglich, die sonst einen Bogen um komplexe Rollenspiele machen.
Die 16 Ebenen der Kathedrale:
- Kathedrale (Ebene 1-4): Gotische Architektur, Skelette, Zombies
- Katakomben (Ebene 5-8): Dunklere Gänge, Ziegenkrieger, Fallen
- Höhlen (Ebene 9-12): Natürliche Höhlensysteme, Dämonen
- Hölle (Ebene 13-16): Feuer und Schwefel, Diablos Reich
Die Monster werden pro Ebene zufällig verteilt, was für Überraschungen sorgt. Besonders gelungen sind die Bossgegner: Der Metzger mit seinem berühmten „Ah, fresh meat!“, der Skelettenkönig Leoric, und natürlich Diablo selbst – echte Herausforderungen, die taktisches Vorgehen erfordern.
Das Loot-System: „Nur noch ein Monster…“
Das Loot-System ist schlichtweg genial. Ständig fallen neue Waffen, Rüstungen und magische Gegenstände, die man sofort ausprobieren möchte.
Gegenstandsqualitäten:
- Normal: Basis-Ausrüstung ohne Boni
- Magisch (blau): Ein oder zwei magische Eigenschaften
- Einzigartig (gold): Seltene Items mit festen, mächtigen Boni
Die zufällige Generierung der magischen Eigenschaften – „of the Bear“ für Stärke, „of the Tiger“ für Leben, „King’s“ für Schaden – sorgt dafür, dass man nie genau weiß, was als Nächstes wartet. Diese „Nur noch ein Monster, vielleicht fällt ja was Besseres“-Mentalität macht Diablo extrem süchtig.
Das Inventarsystem funktioniert tadellos, auch wenn die begrenzte Anzahl an Plätzen manchmal für schwierige Entscheidungen sorgt. Aber das gehört zum Konzept und zwingt zu strategischen Überlegungen beim Loot-Management.
Mehrspieler: Battle.net revolutioniert
Ein besonderes Lob verdient das Mehrspieler-Feature. Über Battle.net – Blizzards kostenloser Online-Service – kann man mit bis zu drei Freunden gemeinsam in die Unterwelt hinabsteigen.
Koop-Vorteile:
- Taktische Kombinationen (Krieger zieht Aggro, Zauberer dealt Schaden)
- Geteilte Loot-Freude (und -Streit)
- Höherer Schwierigkeitsgrad skaliert mit Spielerzahl
- Keine monatlichen Gebühren für Online-Spiel
Battle.net ist eine technische Pionierleistung. Während andere Online-Dienste Geld kosten, bietet Blizzard den Service kostenlos an. Das Matchmaking funktioniert erstaunlich gut, auch wenn Cheater bereits ein Problem darstellen – Blizzard arbeitet an Lösungen.
Grafik: Düstere Schönheit
Visuell ist Diablo ein Augenschmaus. Die isometrische 2D-Grafik mit vorgerenderten Sprites wirkt Ende 1996 beeindruckend detailliert und atmosphärisch dicht.
Highlights:
- Dynamische Lichteffekte (flackernde Fackeln, Zauber erhellen Gänge)
- Flüssige Charakteranimationen
- Konsequenter Gothic-Stil durch alle 16 Ebenen
- Liebevolle Details in den Umgebungen
- Überzeugende Blut- und Todeseffekte
Die düstere Gothic-Ästhetik ist konsequent umgesetzt. Von den verfallenen Kirchenbänken der oberen Ebenen bis zum brennenden Schwefel der Hölle – jeder Bereich hat seinen eigenen visuellen Charakter.
Technisch läuft das Spiel auch auf schwächeren Systemen flüssig. Ein Pentium 90 mit 16 MB RAM reicht vollkommen aus – moderate Anforderungen, die der Zugänglichkeit zugutekommen.
Sound: Matt Uelmens Meisterwerk
Akustisch liefert Diablo eine meisterhafte Performance ab. Der Soundtrack von Matt Uelmen ist ein wahres Juwel und trägt maßgeblich zur düsteren Atmosphäre bei.
Musikalische Highlights:
- „Tristram“-Theme: Melancholische Gitarren, unvergesslich
- Jede Ebene hat ihre eigene musikalische Identität
- Bedrohliche Töne in den tieferen Gewölben
- Nie aufdringlich, immer stimmungsvoll
Die Sprachausgabe verdient besondere Erwähnung. Jeder Charakter hat Persönlichkeit – besonders der düstere Tonfall des Erzählers sorgt für Gänsehaut-Momente. Auch die Monster verfügen über charakteristische Geräusche: das Klappern der Skelette, das Brüllen der Dämonen, das berüchtigte „Ah, fresh meat!“ des Metzgers.
Die Umgebungsgeräusche runden das Paket ab: tropfendes Wasser, knarrende Türen, das Echo der eigenen Schritte in verlassenen Gängen.
Schwierigkeitsgrad und Balancing
Der Schwierigkeitsgrad ist gut ausbalanciert. Anfangs wirkt das Spiel noch recht harmlos, doch je tiefer man vordringt, desto tückischer werden die Gegner.
Schwierigkeitsstufen:
- Normal: Standardmodus für den ersten Durchgang
- Nightmare: Härtere Monster, besserer Loot (nach Abschluss)
- Hell: Extremste Herausforderung (nach Nightmare)
Spätestens in den unteren Ebenen ist taktisches Vorgehen gefragt. Ohne Tränke und Stadtportal-Rollen wird es eng. Der finale Bosskampf gegen Diablo selbst stellt eine echte Herausforderung dar – sein Apokalypse-Zauber kann selbst erfahrene Krieger in Sekunden vernichten.
Technische Umsetzung
Technisch macht Diablo eine gute Figur:
- Stabil und ohne nennenswerte Bugs
- Kurze Ladezeiten zwischen Ebenen
- Zuverlässiges Speichersystem
- Intuitive Benutzeroberfläche
- Nahtlose Battle.net-Integration
Die Benutzeroberfläche ist auch für Genre-Neulinge schnell zu durchschauen. Inventar, Charakterwerte, Zauber – alles ist übersichtlich angeordnet.
Umfang
Spielzeit:
- Erster Durchgang: 20-30 Stunden
- Alle drei Klassen: 60-90 Stunden
- Mit Nightmare/Hell: 100+ Stunden
- Mehrspieler: Endlos
Der hohe Wiederspielwert durch die verschiedenen Charakterklassen, die Schwierigkeitsgrade und den Mehrspieler-Modus kann die Spielzeit locker verdoppeln oder verdreifachen.
Fazit
Diablo ist ein kleines Meisterwerk, das zeigt, wie man komplexe RPG-Mechaniken in ein zugängliches und süchtig machendes Spielerlebnis verpackt. Blizzard Entertainment hat hier nicht nur ein technisch solides Spiel abgeliefert, sondern ein neues Subgenre erschaffen.
Die Mischung aus Action und Rollenspiel, kombiniert mit dem genialen Loot-System und der düsteren Atmosphäre, macht Diablo zu einem Titel, den man so schnell nicht vergisst. Matt Uelmens Soundtrack, die Gothic-Ästhetik, das einfache aber tiefe Gameplay – alles fügt sich zu einem stimmigen Gesamtpaket zusammen.
Wer auch nur ansatzweise etwas für Fantasy-Rollenspiele übrig hat, sollte sich Diablo nicht entgehen lassen. Das Spiel wird sicherlich als Klassiker in die Geschichte eingehen und das Action-RPG-Genre nachhaltig prägen. Der Herr des Schreckens ruft – und wir folgen bereitwillig in die Tiefe.
Bewertung: 9.5/10 ⭐
Stärken:
- Geniales, süchtig machendes Loot-System
- Drei völlig unterschiedliche Klassen
- Atmosphärische Gothic-Grafik
- Matt Uelmens legendärer Soundtrack
- Einfache, zugängliche Steuerung
- Kostenloses Battle.net für Mehrspieler
- Hoher Wiederspielwert
- Stimmige düstere Atmosphäre
- Gut ausbalancierter Schwierigkeitsgrad
Schwächen:
- Cheater-Probleme im Online-Modus
- Story bleibt etwas im Hintergrund
- Begrenzte Inventarplätze manchmal frustrierend
Technische Daten:
- Entwickler: Blizzard North
- Publisher: Blizzard Entertainment
- Plattform: PC (Windows 95)
- Release: 31. Dezember 1996 (US) / Januar 1997 (weit verbreitet)
- Genre: Action-RPG / Dungeon Crawler
- Engine: Eigene Engine
- Setting: Tristram, Königreich Khanduras (Dark Fantasy)
- Spielzeit: 20-30 Stunden (Erster Durchgang), 100+ Stunden (Komplett)
- Systemanforderungen: Pentium 90, 16 MB RAM, CD-ROM
- Altersfreigabe: USK 16





