„Die Nacht der Schlange“ von Bernhard Hennen, erschienen im Mai 2000, ist einer der besten Das Schwarze Auge-Romane und zugleich einer der ungewöhnlichsten. Während die meisten DSA-Romane sich in klassischer Fantasy-Manier bewegen, wagt Hennen hier den Spagat zum Krimi-Genre – und das mit beeindruckendem Erfolg.
Der Roman spielt erneut in Al’Anfa, der „Schwarzen Perle des Südens“, die Hennen bereits in „Das Gesicht am Fenster“ meisterhaft zum Leben erweckt hat. Doch während das frühere Werk eher Mystery mit romantischen Elementen war, präsentiert uns „Die Nacht der Schlange“ einen knallharten Kriminalroman im Fantasy-Gewand – inspiriert von Friedrich Dürrenmatts Klassiker „Der Richter und sein Henker“.
Die aventurische Einordnung
Zeitlich spielt der Roman während der Vorbereitungen zur Schlacht an der Trollpforte gegen die Heerscharen des Dämonenmeisters – ein bedeutendes Ereignis in der aventurischen Geschichte. Während sich im Norden das Schicksal des Mittelreichs entscheidet, wird Al’Anfa von einer mysteriösen Seuche heimgesucht. Um Panik zu vermeiden, versucht man, Kranke und Sterbende unauffällig verschwinden zu lassen.
Überblick ohne Spoiler
Alara Olibano, Veteranin der Stadtgarde Al’Anfas, erhält den Auftrag, den Mord an einem jungen Offizier aufzuklären. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Kriminalfall aussieht, entwickelt sich schnell zu einer gefährlichen Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise der Stadt reicht – möglicherweise sind sogar der Kommandant der Stadtgarde und Mitglieder des Rats der Zwölf verwickelt.
Während ihrer Ermittlungen stößt Alara auf Markud, einen zwielichtigen „Kaufmann“, in dem sie einen alten Bekannten wiedererkennt. Zwischen beiden entwickelt sich ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nicht immer klar ist, wer Jäger und wer Gejagter ist. Parallel dazu breitet sich die Seuche weiter aus, und Alara muss erkennen, dass Mord und Krankheit möglicherweise miteinander verbunden sind.
Die literarische Vorlage
Hennen macht aus seiner Inspiration keinen Hehl: „Die Nacht der Schlange“ ist eine aventurische Adaption von Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“. Das Verhältnis zwischen Alara Olibano und Markud spiegelt die Auseinandersetzung zwischen Inspektor Bärlach und seinem Gegenspieler Gastmann wider. Hennen übernimmt nicht nur Handlungselemente und Figurenkonstellationen, sondern orientiert sich stellenweise sogar an einzelnen Dialogstrukturen.
Damals sorgte dies für Plagiatsvorwürfe – der Verlag hatte versäumt, einen entsprechenden Hinweis auf die literarische Vorlage anzubringen. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: Es ist eine Hommage, keine Kopie. Hennen adaptiert geschickt, erweitert die Geschichte um aventurische Elemente (die Seuche, dämonische Versuchungen, die politischen Strukturen Al’Anfas) und macht daraus etwas Eigenständiges.
Die Stärken
Hennens größte Leistung ist erneut die atmosphärische Dichte Al’Anfas. Die Stadt lebt – man spürt die Hitze, den Gestank, die Korruption und die allgegenwärtige Gefahr. Besonders die Kontraste zwischen den prächtigen Villen der Granden und den Elendsvierteln sind packend dargestellt.
Die Protagonistin Alara Olibano ist eine der stärksten weiblichen Figuren in DSA-Romanen. Hart, desillusioniert, aber mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn ausgestattet, ist sie eine glaubwürdige Ermittlerin in einer korrupten Stadt. Ihr innerer Konflikt zwischen Pflicht, persönlicher Verbindung zu Markud und dem Wissen um die Unmöglichkeit wahrer Gerechtigkeit in Al’Anfa gibt der Geschichte emotionale Tiefe.
Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Alara und Markud funktioniert hervorragend. Hennen schafft es, Spannung aufzubauen, ohne auf billige Action-Einlagen zurückzugreifen. Die Wendungen sind clever konstruiert, und auch wer Dürrenmatts Vorlage kennt, wird überrascht.
Die Nebenhandlungsstränge – die Seuche, die Liebesgeschichte zwischen einer Hafendirne und einem Gardisten, die politischen Intrigen – fügen sich organisch ins Gesamtbild. Nichts wirkt aufgesetzt oder als bloße Füllmasse.
Der Schreibstil ist für Hennen-Verhältnisse straffer und fokussierter. Der Krimi-Rahmen zwingt ihn zu mehr Disziplin, was der Erzählung gut tut.
Die Schwächen
Wer Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ kennt und liebt, könnte die Adaption als zu nah am Original empfinden. Die Parallelen sind nicht zu übersehen, und einige Dialoge wirken wie direkt übertragen. Das schmälert den Genuss für jene, die eine völlig originäre Geschichte erwarten.
Der Einstieg ist etwas langsam. Hennen braucht Zeit, um die komplexen politischen Strukturen Al’Anfas und die Ausgangslage zu etablieren. Wer sofort Action erwartet, wird enttäuscht.
Einige Nebencharaktere bleiben etwas blass. Während Alara und Markud hervorragend ausgearbeitet sind, hätten andere Figuren mehr Tiefe vertragen können.
Die Auflösung kommt stellenweise etwas überstürzt. Nach dem langsamen Aufbau hätte das Finale mehr Raum verdient.
Für wen ist das Buch?
„Die Nacht der Schlange“ richtet sich an DSA-Fans, die Al’Anfa als Setting schätzen und Kriminalgeschichten mögen. Wer bereits „Das Gesicht am Fenster“ mochte, wird auch hier auf seine Kosten kommen.
Aber auch Fantasy-Leser ohne DSA-Hintergrund, die Krimi-Elemente in Fantasy-Settings schätzen, sollten zugreifen. Die Geschichte funktioniert eigenständig und setzt kein DSA-Vorwissen voraus.
Besonders interessant für Leser von Dürrenmatts Original: Die aventurische Adaption zeigt, wie klassische Kriminalliteratur in Fantasy-Welten funktionieren kann. Wer das Original nicht kennt oder es als Schullektüre in schlechter Erinnerung hat, bekommt hier eine packende Fantasy-Version geboten.
Fazit
„Die Nacht der Schlange“ ist einer der besten DSA-Romane überhaupt. Hennen beweist erneut, dass Lizenzromane literarisch anspruchsvoll sein können, wenn der Autor mit Sachverstand und Mut ans Werk geht. Die Verbindung von Dürrenmatt-Adaption und aventurischem Setting ist gewagt – und funktioniert hervorragend.
Die atmosphärische Dichte Al’Anfas, die starke Protagonistin und das clevere Katz-und-Maus-Spiel machen diesen Roman zu einem Muss für jeden DSA-Fan. Aber auch darüber hinaus ist es ein gelungener Fantasy-Krimi, der zeigt, dass Genre-Grenzen produktiv überschritten werden können.
Bewertung: 8,5/10
Empfehlung: Absolute Kaufempfehlung für DSA-Fans und Leser von Fantasy-Krimis. Wer Al’Anfa liebt oder Dürrenmatts Klassiker in neuem Gewand erleben möchte, greift hier bedenkenlos zu.
Technische Details
- Autor: Bernhard Hennen
- Verlag: Heyne
- Seitenzahl: 284 Seiten
- ISBN: 3-453-16231-0
- Reihe: Das Schwarze Auge, Roman Nr. 45
- Erschienen: Mai 2000
- Sammelband: „Im Schatten des Raben“ (zusammen mit „Das Gesicht am Fenster“)
- Literarische Vorlage: Inspiriert von Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ (1950/51)
- Format: Taschenbuch, eBook verfügbar
Häufig gestellte Fragen
Muss ich „Der Richter und sein Henker“ kennen, um das Buch zu genießen?
Nein, absolut nicht. „Die Nacht der Schlange“ funktioniert eigenständig als Fantasy-Krimi. Wer Dürrenmatts Original kennt, wird die Parallelen erkennen und möglicherweise anders bewerten – aber es ist keine Voraussetzung für den Lesegenuss.
Ist das Buch ein Plagiat?
Nein. Es ist eine bewusste Adaption von Dürrenmatts Werk, die dieses ins Fantasy-Genre überträgt und um aventurische Elemente erweitert. Der Verlag hatte lediglich versäumt, einen entsprechenden Hinweis anzubringen, was zu Missverständnissen führte.
Sollte ich vorher „Das Gesicht am Fenster“ lesen?
Nicht zwingend. Beide Romane spielen in Al’Anfa und sind im Sammelband „Im Schatten des Raben“ vereint, funktionieren aber als eigenständige Geschichten. Es gibt keine direkten Verbindungen zwischen den Plots.
Ist viel Action im Buch?
Nein, dies ist primär ein Krimi mit Fantasy-Elementen. Der Fokus liegt auf Ermittlungen, Intrigen und psychologischen Duellen. Wer actionlastige Fantasy sucht, greift besser zu „Das Jahr des Greifen“.
Wie dunkel ist das Buch?
Recht dunkel. Al’Anfa wird in all seiner Korruption und Verkommenheit dargestellt, die Seuche sorgt für düstere Atmosphäre, und die moralischen Grauzonen sind allgegenwärtig. Kein Buch für Leser, die eindeutig positive Helden erwarten.




