Disciples: Domination

Disciples: Domination im Test – Königin auf wackeligem Thron

Ich muss gestehen: Mit Disciples bin ich erst durch Liberation richtig warm geworden. Nicht weil die älteren Teile schlecht wären, denn Disciples II: Dark Prophecy gilt vielen Strategie-Veteranen noch immer als Maßstab der Serie. Liberation hat mich schlicht mit seinem düsteren Ton und der ungewöhnlichen Protagonistin unerwartet gepackt. Avyanna, die Nephilim, eine Mischung aus Engel und Dämon, die sich durch ein zerrissenes Nevendaar kämpft: Das hatte Charakter. Fünfzehn Jahre nach den Ereignissen von Liberation sitzt sie nun auf dem Thron. Und Disciples: Domination stellt die Frage, was es kostet, dort zu bleiben.

Nevendaar, fünfzehn Jahre später

Domination setzt direkt auf Liberation auf, und wer den Vorgänger gespielt hat, bemerkt sofort, wie viel Geschichte die Welt mit sich trägt. Avyanna regiert das Reich Yllian, doch die Last der Herrschaft hat sie zermürbt. Verbündete wenden sich ab, Unruhe breitet sich aus, und etwas Dunkles frisst sich durch ihr Königreich. Die Ausgangssituation ist erzählerisch stark: die Heldin als Herrscherin, die an ihrer eigenen Macht zweifelt und von den Monstern träumt, die sie einst besiegte. Das ist mehr als die übliche Fantasy-Schablone.

Das Problem ist die Ausführung. Die Geschichte wird über Filmsequenzen, Dialoge und Tagebucheinträge erzählt, der Weltenbau ist dicht und liebevoll, doch der Ton schwankt. Mal ernstes, moralisch komplexes Herrschaftsdrama, dann plötzlich billige Fantasy-Schematik, die die aufgebaute Stimmung wieder zerstört. Avyannas Stimme trägt dabei nicht, was die Rolle verlangt. Sie klingt zu wenig wie eine Königin, die fünfzehn Jahre Kriege und Kompromisse hinter sich hat, und das ist schade, weil die Idee hinter der Figur eigentlich funktioniert. Die Begleiter um Avyanna herum sind charakterlich deutlich stärker gezeichnet und machen die Zwischensequenzen zwischen den Kämpfen oft interessanter als das, was auf dem Schlachtfeld passiert.

Wer Liberation nicht gespielt hat, ist nicht verloren. Domination erklärt die wichtigsten Zusammenhänge durch Filmsequenzen solide, doch das volle Gewicht der Geschichte erschließt sich erst mit dem Vorgänger im Gepäck. Für echte Neulinge in Nevendaar wäre Liberation der sinnvollere Einstieg.

Taktik auf dem Hex-Feld

Der Kern des Spiels ist rundenbasierter Kampf auf Hex-Gittern, und hier zeigt Domination seine deutlichsten Stärken. Bis zu zehn Einheiten pro Seite, drei Plätze in der hinteren Reihe für Unterstützungsklassen, Positionierung als zentrales Element. Wer Heroes of Might and Magic oder King’s Bounty kennt, findet sich sofort zurecht, denn Domination hat eigene Ideen, die es von diesen Verwandten unterscheiden.

Das Kollisionssystem gehört zu den besten Neuerungen gegenüber Liberation: Einheiten können gegnerische Kämpfer über das Schlachtfeld stoßen oder ziehen, und wer gegen eine andere Einheit oder ein Objekt prallt, kassiert Bonusschaden. Das klingt nach einem Gimmick, ist es aber nicht, denn es verändert, wie man Aufstellungen plant, und macht Kämpfe dynamischer, als der erste Blick vermuten lässt. Besonders Avyannas Klasse als Primordial Ruler nutzt dieses System intensiv und gibt dem Schlachtfeld eine physische Logik, die befriedigend zu durchschauen ist.

Dazu kommen Leichen auf dem Schlachtfeld: Gefallene Einheiten hinterlassen einen Kadaver auf dem Feld, den verschiedene Klassen nutzen können. Die Witch-Queen-Variante von Avyanna opfert eigene Einheiten für übernatürliche Kraft oder beschwört gefallene Feinde als temporäre Diener. Das ist konsequent düster und passt perfekt zum Setting. Wer Nevendaar kennt, wird sich hier sofort zu Hause fühlen.

Avyanna selbst kann zwischen vier Klassen gewechselt werden: Kriegerin (Warmaster), Primordial Ruler, Heilige Regentin und Hexenkönigin. Der Klassenwechsel kostet lediglich eine geringe Goldgebühr und ist jederzeit möglich. Das gibt dem Spiel mehr taktische Flexibilität als man zunächst erwartet. Wer gegen einen bestimmten Boss oder eine bestimmte Fraktion kämpft, kann den Ansatz anpassen, ohne einen neuen Spielstand zu brauchen. Das ist eine ausgezeichnete Designentscheidung, die viele taktische Strategie-RPGs so nicht bieten.

Was mich dagegen über die 35 bis 40 Stunden des Hauptspiels zunehmend ermüdet: Die Kämpfe verlieren an Überraschungswert. Das Spiel hat kein Problem damit, mich in Begegnungen zu schicken, deren Gegner klar über meinem Level liegen. Das bedeutet: Nebenquests abgrasen, nicht weil sie erzählerisch interessant sind, sondern weil ich Erfahrungspunkte brauche. Das fühlt sich nach reiner Streckung an. Ab dem dritten Akt habe ich die Kampfgeschwindigkeit auf 250 Prozent gestellt und bin irgendwie dabei geblieben. Bosskämpfe speziell sind weniger taktische Herausforderungen als Zahlenchecks: Hat man genug permanente Upgrades freigeschaltet? Wenn nicht, stirbt man wieder, nicht weil man einen Fehler gemacht hat, sondern weil der Schaden schlicht nicht reicht.

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Erkunden in Echtzeit

Zwischen den Kämpfen bewegt man sich in Echtzeit über die Regionen von Nevendaar. Die Karten sehen atmosphärisch gut aus: zerstörte Farmland-Areale, verfluchte Wälder, frostige Bergfestungen der zurückgekehrten Zwergenfraktion, grimmige Ruinen. Artefacts Studio hat einem düsteren Kunstdesign treu geblieben, das dem Setting steht und Nevendaar wie eine lebendige, gefährliche Welt wirken lässt.

Begleiter haben Weltfähigkeiten, die Abkürzungen oder versteckte Bereiche freischalten: Ein Begleiter mit Sprungfähigkeit ermöglicht das Überqueren von Schluchten zu einem verborgenen Schatz, ein anderer kann Geister beschwören, um versiegelte Wege zu öffnen. Das gibt der Erkundung ein angenehmes Knobelelement und motiviert dazu, die Begleitertruppe sorgfältig abzustimmen. Außerdem gibt es bewachte Minen, die nach der Einnahme passiv Ressourcen liefern. Das ist ein angenehmer Schritt weg von manuellem Sammeln hin zu einem strategischeren Ressourcenfluss.

Die Kehrseite: Die Regionen wiederholen sich optisch und strukturell schneller als dem Spiel guttut. Nach einigen Stunden kennt man die wiederkehrenden Landschaftstypen, und die mittelgroßen Karten haben nicht immer genug Dichte, um das zu verbergen. Schnellreisepunkte helfen, die Monotonie zu lindern, doch sie unterstreichen gleichzeitig, dass das Spiel die Laufwege selbst nicht spannend genug findet.

Der Thron von Yllian

Der Thron-Mechanismus ist die interessanteste Ergänzung gegenüber Liberation und gibt Domination eine Identität, die über das bloße Kämpfen hinausgeht. Regelmäßig tauchen Beschwerden, politische Entscheidungen und Fraktionsanliegen auf, die ich in Yllian regeln muss. Fraktionsgunst gewinnen oder verlieren, Ressourcen priorisieren, Allianzen schmieden oder brüskieren. Das ist kein tiefes Regierungssimulator-System, aber es verleiht dem Alltag als Herrscherin eine Substanz, die dem Spiel guttut und das Konzept der gefallenen Königin spielerisch erlebbar macht.

Die fünf Fraktionen (Imperiale, Untote, Dämonen, Elfen, Zwerge) sind gut differenziert, und das Aufbauen einer Armee aus passenden Einheitentypen mit Synergien macht Spaß. Das Ressourcensystem wurde gegenüber Liberation auf passive Einnahmen aus besetzten Minen umgestellt, was den Micromanagement-Stress spürbar reduziert. Eine gute Entscheidung, die den Fokus auf das Taktische lässt.

Die Kehrseite des ständig erreichbaren Yllian: Die Burg verliert ihren Charakter als echte Machtzentrale. Sie fühlt sich weniger wie der Sitz eines Imperiums an als wie ein Menü, das ich aus der Tasche ziehe. Die Entscheidung für maximale Bequemlichkeit kostet dem Spiel ein Stück Immersion.

Technik, Performance und Konsole

Technisch läuft Disciples: Domination auf dem PC solide. Im Test keine ernsthaften Probleme, lediglich kleinere Bugs: eine Endlosschleife in einem Gespräch, ein kurzes Steckenbleiben im Beschwerden-Menü, einmal ein Absturz beim Wechsel zwischen Dungeon und Oberwelt. Nichts, das einen Spielstand gefährdet hätte, aber auch nicht das polierte Bild, das man von einem vollständigen Release erwartet. Updates in den ersten Wochen werden hier vermutlich noch einiges glätten.

Visuell ist Domination atmosphärisch stark ohne technisch zu beeindrucken. Das Spiel sieht gut genug aus, um nicht zu stören, aber es ist kein Referenztitel für Grafik. Die Oberwelt-Karte beim Durchreiten und die Kampfanimationen sind eindeutig die visuellen Highlights. Letztere sind flüssig, wuchtig und passend zur Brutalität des Settings. Artefacts Studio hat die Gamepad-Steuerung sorgfältig umgesetzt, die Oberfläche skaliert angenehm auf den Fernseher, und das rundenbasierte Kampfsystem lässt sich damit bequem bedienen. Auf PS5 und Xbox Series X|S ist das eine vollwertige Erfahrung.

Für wen ist Disciples: Domination geeignet?

Das Spiel passt zu euch, wenn ihr:

  • Disciples: Liberation gespielt und gemocht habt
  • Rundenbasierte Taktik-RPGs im Stil von Heroes of Might and Magic schätzt
  • Dunkle Fantasy-Settings bevorzugt, die keine Kompromisse machen
  • Gerne mit Builds und Einheitensynergien experimentiert
  • 40+ Stunden Story-Kampagne als Maßstab akzeptiert
  • Controller-Support auf dem PC oder Couch-Gaming auf Konsole wollt

Das Spiel passt nicht zu euch, wenn ihr:

  • Disciples II: Dark Prophecy erwartet (das ist ein anderes Spiel)
  • Storylines bevorzugt, die konsequent einen Ton halten
  • Keine Geduld für Levelschranken und erzwungene Nebenquests habt
  • Echtzeit-Strategie oder direkte Einheitenkontrolle bevorzugt
  • Liberation bereits zu ähnlich zum Vorgänger fandet

Fazit

Disciples: Domination ist genau das, was der Titel verspricht: mehr Nevendaar, mehr Avyanna, mehr Taktik. Wer Liberation mochte, wird sich sofort zu Hause fühlen. Das Spiel schärft die Stärken des Vorgängers, fügt mit dem Kollisionssystem, dem Leichen-Mechanismus, dem Thron-System und den flexiblen Avyanna-Klassen echte neue Ideen hinzu und liefert mit bis zu 50 Stunden ordentlichen Umfang. Das Kampfsystem ist das Herzstück, und es funktioniert.

Aber Domination kommt nicht vollständig aus dem Schatten von Liberation heraus. Die Geschichte schwankt im Ton, Avyannas Stimme trägt die Rolle nicht, die Levelschranken nerven im Mittelteil, und die Karten wiederholen sich schneller als sie sollten. Wer auf Disciples II hofft, sei klar darauf hingewiesen: Das ist ein anderes Spiel, und das ist keine Kritik, aber man muss es sagen. Wer dagegen ein solides, düsteres Taktik-RPG im vertrauten Nevendaar sucht, bekommt sein Geld’s Wert.

Wertung: 7/10

Stärken:

  • Taktisch befriedigender Hexfeld-Kampf mit echten Neuerungen
  • Kollisionssystem und Leichen-Mechanismus frischen das Kampfgefühl spürbar auf
  • Vier flexible Avyanna-Klassen ohne Spielstand-Neustart wechselbar
  • Thron-Mechanismus verleiht der Herrscherrolle spielerische Substanz
  • Atmosphärisch dichte Dark-Fantasy-Präsentation
  • Guter Controller-Support: PS5 und Xbox Series vollwertig
  • 40–50 Stunden Kampagnenumfang
  • Fünf gut differenzierte Fraktionen mit eigenen Taktiken

Schwächen:

  • Geschichte schwankt unkontrolliert zwischen ernstem Drama und billiger Fantasy-Schematik
  • Avyannas Synchronstimme trägt die Rolle nicht überzeugend
  • Levelschranken zwingen im Mittelteil zu uninspirierten Nebenquests
  • Kartenlayouts wiederholen sich zu schnell
  • Yllian verliert durch ständige Erreichbarkeit seine Schwere als Machtzentrum
  • Kleinere Bugs und gelegentliche Abstürze beim Release

Systemanforderungen (PC):

Minimum:

  • Betriebssystem: Windows 10 (64-bit)
  • Prozessor: Intel Core i5-8600K oder AMD Ryzen 5 2600X
  • Arbeitsspeicher: 12 GB RAM
  • Grafik: NVIDIA GTX 1070 oder AMD RX 5700
  • Speicherplatz: 35 GB verfügbarer Speicherplatz

Empfohlen:

  • Betriebssystem: Windows 10/11 (64-bit)
  • Prozessor: Intel Core i7-8700K oder AMD Ryzen 7 3700X
  • Arbeitsspeicher: 16 GB RAM
  • Grafik: NVIDIA RTX 2080 oder AMD RX 6800
  • Speicherplatz: 35 GB verfügbarer Speicherplatz

Plattform: PC (Steam), PS5, Xbox Series X|S | Release: 12. Februar 2026 | Entwickler: Artefacts Studio | Publisher: Kalypso Media | Genre: Taktik-RPG, Dark Fantasy | Spieleranzahl: 1 | Sprachen: Deutsch, Englisch u.v.m. | Preis: ca. 39,99 Euro


Q: Muss ich Disciples: Liberation gespielt haben, um Domination zu verstehen?
A: Nicht zwingend. Domination erklärt die wichtigsten Hintergründe durch Filmsequenzen. Wer aber das volle Gewicht der Geschichte und der Charaktere erleben will, sollte Liberation zuerst spielen.

Q: Wie lang ist die Kampagne von Disciples: Domination?
A: Je nach Schwierigkeitsgrad und Spielstil zwischen 35 und 50 Stunden. Wer alle Nebenquests und Begleitergeschichten abschließt, ist eher am oberen Ende.

Q: Ist Disciples: Domination gut für Konsolenspieler geeignet?
A: Ja. Der Controller-Support ist für ein Taktik-RPG dieser Art ausgezeichnet, und die Oberfläche skaliert angenehm auf den Fernseher. PS5 und Xbox Series X|S sind vollwertige Plattformen für das Spiel.

Q: Ist Disciples: Domination ein Nachfolger zu Disciples II?
A: Nein. Domination ist das direkte Sequel zu Disciples: Liberation (2021) und setzt stilistisch und mechanisch dort an. Fans von Disciples II werden ein merklich anderes Spiel vorfinden.

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