Es ist vollbracht: Nach jahrelangen Spekulationen, Ankündigungen und Verschiebungen liegt Final Fantasy VII Remake endlich in unseren Händen. Square Enix wagte sich an eines der heiligsten Güter der Videospielgeschichte heran – und das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen.
Das Original von 1997 definierte eine ganze Generation von Spielern. Es war das Spiel, das JRPGs in den Mainstream brachte, das Millionen Menschen zum Weinen brachte und das bis heute als eines der besten Spiele aller Zeiten gilt. Cloud Strife, Tifa Lockhart, Aerith Gainsborough – diese Namen sind Legenden. Sephiroth ist der ikonischste Bösewicht der Spielegeschichte. Der Tod von Aerith traumatisierte eine ganze Generation.
Die Erwartungen an ein Remake? Astronomisch hoch. Unerfüllbar hoch, könnte man meinen. Doch wie schlägt sich das Remake im direkten Vergleich mit unseren oft überhöhten Erwartungen? Die kurze Antwort: Besser als gedacht. Die lange Antwort folgt auf den nächsten Seiten.
Story: Mehr als nur eine Auffrischung
Wer erwartet, einfach die bekannte Geschichte in schönerer Grafik zu erleben, wird überrascht sein. Final Fantasy VII Remake ist weit mehr als eine bloße Auffrischung – es ist eine komplette Neuerzählung der Midgar-Sequenz aus dem Original. Square Enix hat nicht einfach nur die Polygone aufgehübscht und die Texturen geschärft. Sie haben die Geschichte neu gedacht, erweitert und in manchen Bereichen fundamental verändert.
Wo das PS1-Spiel die Metropole Midgar in wenigen Stunden abhandelte – vielleicht fünf bis acht, je nach Spieltempo – nimmt sich das Remake die Zeit für eine detaillierte Charakterentwicklung. Was damals ein Prolog war, der die Spieler auf die große Reise vorbereitete, wird hier zu einem eigenständigen Abenteuer von 35 bis 40 Stunden. Das klingt zunächst nach Streckung, nach künstlich aufgeblähtem Inhalt, um den Vollpreis zu rechtfertigen. Und ja, manchmal ist es das auch – dazu später mehr. Aber größtenteils nutzt das Spiel diese zusätzliche Zeit, um die Welt und ihre Bewohner auf eine Weise zum Leben zu erwecken, die 1997 technisch schlicht unmöglich war.
Cloud Strife: Der Mann hinter der Maske
Cloud ist nicht mehr der wortkarge Antiheld von damals, der coole Söldner mit dem riesigen Schwert und dem noch größeren Ego. Stattdessen erleben wir einen jungen Mann, der mit Selbstzweifeln kämpft, der trotz seiner coolen Fassade verletzlich wirkt, der unbeholfen versucht, emotionale Distanz zu wahren, obwohl er sich nach Verbindung sehnt.
Diese Darstellung macht Cloud menschlicher und sympathischer. Die stoische Maske, die er vor sich herträgt – „Nicht interessiert“, „Nicht mein Problem“ – bröckelt in kleinen Momenten. Wenn Marlene, Barrets kleine Tochter, ihm ein High-Five anbietet und er nicht weiß, wie er reagieren soll. Wenn Aerith ihn zum Lachen bringt und er selbst überrascht ist. Wenn Tifa ihn an ihre gemeinsame Kindheit erinnert und sein Blick für einen Moment weich wird.
Das Spiel zeigt uns den Menschen hinter dem Soldaten. Und das ist eine der größten Stärken des Remakes.
Tifa, Aerith und die Dreiecksbeziehung
Die Beziehungen zwischen Cloud, Tifa und Aerith gehören zu den ikonischsten Elementen des Originals. Fans streiten seit Jahrzehnten darüber, wer die „wahre“ Partnerin für Cloud ist. Das Remake weigert sich klug, diese Frage zu beantworten, und entwickelt stattdessen beide Beziehungen mit Sorgfalt und Respekt.
Tifa Lockhart ist die Kindheitsfreundin, die Cloud besser kennt als er sich selbst – oder zumindest glaubt, ihn zu kennen. Ihre gemeinsame Vergangenheit in Nibelheim verbindet sie auf eine tiefe, unausgesprochene Weise. Aber Tifa trägt auch Zweifel mit sich, Fragen über Clouds Erinnerungen, die nicht ganz zu ihren eigenen passen. Diese subtile Spannung zieht sich durch das gesamte Spiel und bereitet Entwicklungen vor, die Veteranen des Originals nur zu gut kennen.
Aerith Gainsborough ist die mysteriöse Blumenhändlerin aus den Slums, die Cloud buchstäblich in die Arme fällt. Ihre Lebensfreude und Offenheit kontrastieren wunderschön mit Clouds verschlossener Art. Sie neckt ihn, fordert ihn heraus, bringt ihn aus seiner Komfortzone. Die Chemie zwischen den beiden ist greifbar, ihre Szenen gehören zu den charmantesten des Spiels.
Was das Remake besonders gut macht: Es stellt die beiden Frauen nicht als Rivalinnen dar. Tifa und Aerith entwickeln ihre eigene Freundschaft, ihre eigene Verbindung. Sie respektieren und mögen einander. Das ist erfrischend und macht beide Charaktere stärker.
Avalanche lebt
Eine der größten Verbesserungen des Remakes betrifft die Nebencharaktere der Öko-Terroristen-Gruppe Avalanche. Im Original waren Biggs, Wedge und Jessie kaum mehr als Statistenrollen – sie hatten ein paar Zeilen Dialog, erfüllten ihre Funktion in der Handlung und verschwanden dann. Das Remake gibt ihnen endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
Jessie wird zur technikversierten Waffenexpertin mit einer tragischen Familiengeschichte. Eine ganze Nebenmission widmet sich ihrer Vergangenheit, ihrem Vater, der in einem Mako-Reaktor-Unfall sein Bewusstsein verlor, ihrer Mutter, die versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten. Diese Mission gehört zu den emotionalsten Höhepunkten des Spiels und macht Jessies Schicksal umso schmerzvoller.
Biggs ist der nachdenkliche Idealist, der an die Sache glaubt, aber auch die moralischen Grauzonen des Terrorismus sieht. Wedge ist der warmherzige Optimist, der trotz allem das Gute in den Menschen sieht und eine erstaunlich tiefe Liebe für Katzen hat. Beide werden zu echten Persönlichkeiten, zu Menschen, an denen man hängt.
Diese Charaktertiefe ist nicht nur schönes Beiwerk – sie macht die späteren Ereignisse emotional verheerender.
Überraschungen für Veteranen
Interessant sind die neuen Story-Elemente, die das Remake einführt. Ohne zu spoilern: Square Enix spielt geschickt mit den Erwartungen der Veteranen. Die mysteriösen „Flüsterer des Schicksals“ sind eine völlig neue Ergänzung, deren Bedeutung sich erst zum Ende hin offenbart. Diese geisterhaften Wesen tauchen immer dann auf, wenn die Geschichte von ihrem „vorbestimmten“ Pfad abzuweichen droht.
Was bedeutet das? Das Remake ist sich seiner Natur als Neuerzählung bewusst. Es kommentiert sich selbst, spielt mit der Metaebene, stellt Fragen über Schicksal, freien Willen und die Möglichkeit, die Zukunft zu ändern. Für manche Spieler ist das brillant, für andere prätentiös. Aber langweilig ist es nie.
Die Geschichte bleibt vertraut und überraschend zugleich. Wer das Original kennt, wird Momente erleben, die anders verlaufen als erwartet. Das Ende insbesondere hat die Fan-Community gespalten – aber es hat sie auch zum Reden gebracht, zum Spekulieren, zum Hoffen. Und ist das nicht das, was große Geschichten tun sollten?
Gameplay: Der perfekte Kompromiss
Das Herzstück jedes Final Fantasy-Spiels ist traditionell das Kampfsystem – und hier vollbringt das Remake wahre Wunder. Die Entwickler standen vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe: Wie modernisiert man ein rundenbasiertes System für ein modernes Publikum, ohne die Fans des Originals zu verprellen?
Ihre Lösung ist ein Hybrid-System, das Echtzeit-Action mit strategischen Elementen verbindet. Man bewegt sich frei auf dem Schlachtfeld, weicht Angriffen aus, blockt feindliche Attacken und führt Basisangriffe mit einem Knopfdruck aus. Das fühlt sich zunächst wie ein reiner Action-Titel an – schnell, dynamisch, befriedigend.
Aber unter der Oberfläche tickt das klassische ATB-System, das Active Time Battle, das die Serie seit Teil vier definiert hat. Während des Echtzeitkampfes füllen sich ATB-Balken, und wenn ein Segment voll ist, kann man das taktische Menü öffnen. Die Zeit verlangsamt sich – sie stoppt nicht komplett, aber fast – und man wählt Spezialfähigkeiten, Zaubersprüche oder Items aus.
Das Ergebnis fühlt sich modern und dynamisch an, ohne die taktische Tiefe des Originals zu verlieren. Es ist der perfekte Kompromiss zwischen dem, was Action-Fans erwarten, und dem, was JRPG-Puristen schätzen. Ich habe selten ein Kampfsystem erlebt, das so elegant beide Welten vereint.
Vier Helden, vier Spielstile
Jeder der vier spielbaren Charaktere fühlt sich fundamental anders an. Cloud Strife ist der vielseitige Nahkämpfer, der zwischen zwei Modi wechseln kann: Im Operator-Modus ist er ausgewogen, mobil, kann schnell ausweichen. Im Punisher-Modus wird er aggressiver, seine Angriffe sind stärker, aber er ist langsamer – dafür kontert er automatisch feindliche Nahkampfangriffe. Dieser Wechsel zwischen den Modi, das Lesen des Gegners, das Timing des Konters – das macht Cloud-Gameplay zu einer Kunst für sich.
Barret Wallace dominiert den Fernkampf mit seiner integrierten Geschützanlage, die seinen Arm ersetzt. Er kann Feinde aus sicherer Distanz unter Beschuss nehmen, seine Überladen-Fähigkeit entlädt massive Energie, und er übernimmt oft die Rolle des Tanks, der feindliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Barret zu spielen fühlt sich wie ein Third-Person-Shooter an – eine willkommene Abwechslung.
Tifa Lockhart ist die Königin der Kombos. Ihre Nahkampfangriffe sind blitzschnell, sie kann Feinde in die Luft schleudern und dort weiter bearbeiten, und ihr einzigartiges Chi-System erlaubt verstärkte Angriffe. Tifa ist besonders gut darin, die Stagger-Leiste von Gegnern aufzubauen – dazu gleich mehr. Sie zu spielen ist pures Adrenalin, ein Tanz aus Schlägen und Tritten.
Aerith Gainsborough schließlich brilliert als Magie-Spezialistin. Ihre physischen Angriffe sind schwach, aber ihre Zauber sind verheerend. Ihre einzigartige Fähigkeit erlaubt es, magische Felder zu erschaffen, die Zauber verstärken, und ihre Tempest-Attacke füllt die ATB-Leiste schneller auf. Aerith sollte aus der Ferne agieren, gedeckt von den anderen, und von dort aus das Schlachtfeld mit Magie kontrollieren.
Der ständige Wechsel zwischen diesen vier Charakteren – je nach Situation, je nach Gegner – ist eines der befriedigendsten Elemente des Kampfsystems.
Das Stagger-System
Gegner haben neben ihrer Lebensleiste eine Stagger-Leiste, die durch Angriffe gefüllt wird. Wenn diese Leiste 100% erreicht, wird der Gegner „gestaggert“ – er taumelt, kann nicht mehr angreifen, und erleidet massiv erhöhten Schaden. Bestimmte Angriffe erhöhen zudem den Schadensbonus während des Staggers weiter.
Das System belohnt Vorbereitung und Timing. Wer die Schwächen eines Gegners kennt – welches Element er fürchtet, welche Angriffsart seine Stagger-Leiste am schnellsten füllt – kann selbst die härtesten Bosse in Sekunden zerlegen. Wer blind draufhaut, wird kämpfen müssen.
Das klingt kompliziert, wird aber intuitiv erklärt und entwickelt sich organisch während des Spiels. Nach ein paar Stunden hat man das System verinnerlicht und fragt sich, wie man je ohne auskam.
Die Boss-Kämpfe
Die Bosskämpfe sind echte Höhepunkte des Spiels. Jeder Endgegner verlangt eine andere Herangehensweise, hat eigene Muster, eigene Schwächen, eigene Phasen. Der Kampf gegen die Air Buster – einen riesigen Kampfroboter – erfordert Positionierung und Timing. Der Kampf gegen Reno und Rude – die Turks – ist ein rasanter Nahkampf-Showdown. Der Kampf gegen Hell House – ja, das verrückte Haus aus dem Original ist zurück und jetzt ein vollwertiger Boss – ist absurd, brutal und unvergesslich.
Und dann ist da Sephiroth. Der finale Kampf des Spiels ist ein Meisterwerk der Inszenierung, der Musik, der emotionalen Wucht. One-Winged Angel erklingt, das Schwert klirrt, und man erinnert sich, warum dieser silberhaarige Psychopath der ikonischste Bösewicht der Spielegeschichte ist.
Das Materia-System
Das Materia-System kehrt in überarbeiteter Form zurück und ist so süchtig machend wie eh und je. Materia sind kleine Kugeln kristallisierter Mako-Energie, die in Waffen und Rüstungen eingesetzt werden können. Sie verleihen Zaubersprüche, passive Boni oder spezielle Fähigkeiten.
Es gibt grüne Materia für Magie wie Fire, Blizzard, Thunder oder Cure. Es gibt gelbe Materia für Befehle wie Assess, das Gegner-Schwächen analysiert, oder Steal, das Items stiehlt. Es gibt lila Materia für passive Boni wie mehr Lebenspunkte oder MP. Es gibt rote Materia für Beschwörungen – mächtige Kreaturen wie Ifrit, Shiva oder Bahamut, die für eine begrenzte Zeit an eurer Seite kämpfen.
Die wahre Tiefe liegt in den Kombinationen. Manche Rüstungen und Waffen haben verbundene Materia-Slots, und wenn man dort eine blaue Unterstützungs-Materia mit einer anderen kombiniert, entstehen mächtige Synergien. Elemental plus Fire in einer Waffe bedeutet, dass alle Angriffe Feuerschaden verursachen. Magnify plus Cure bedeutet, dass Heilzauber die ganze Gruppe heilen. HP Absorption plus eine Angriffs-Materia bedeutet Lebensraub bei jedem Treffer.
Das Experimentieren mit verschiedenen Kombinationen ist ein Spiel im Spiel und kann locker dutzende Stunden verschlingen.

Grafik: Midgar zum Leben erweckt
Final Fantasy VII Remake setzt neue Maßstäbe in der visuellen Präsentation. Midgar – die dystopische Megastadt, die von der Shinra Electric Power Company beherrscht wird – erstrahlt in einer Detailfülle, die 1997 schlicht undenkbar war.
Die verschiedenen Sektoren der Stadt wirken lebendig und authentisch. Die Slums unter der gewaltigen Platte, die die Stadt in Oben und Unten teilt, sind verwinkeltes Armenviertel – eng, dunkel, aber voller Leben. Menschen gehen ihren Geschäften nach, Kinder spielen in den Gassen, Händler preisen ihre Waren an. Die Beleuchtung ist stimmungsvoll, das Neonlicht der Schilder kämpft gegen die Dunkelheit an.
Wall Market, das berüchtigte Vergnügungsviertel, ist ein visueller Rausch aus Farben, Lichtern und Absurdität. Hier findet sich einer der denkwürdigsten Abschnitte des Spiels – der Besuch im Honigtöpfchen und die damit verbundene Verkleidungssequenz. Square Enix hat diesen Abschnitt komplett überarbeitet und erweitert, und er ist jetzt einer der unterhaltsamsten und überraschendsten Momente des Spiels.
Die obere Platte, wo die Reichen leben, ist im Kontrast steril und kühl. Das Shinra-Hauptquartier ist ein Albtraum aus Glas und Stahl, gefüllt mit bedrückender Atmosphäre. Jede Location hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Identität.
Die Charaktermodelle verdienen besondere Erwähnung. Die Gesichtsanimationen transportieren Emotionen mit einer Präzision, die dem Storytelling enorm zugutekommt. Clouds nachdenklicher Blick, wenn er an die Vergangenheit denkt. Tifas warmes Lächeln, wenn sie ihre Freunde ermutigt. Aeriths verspielte Gestik, wenn sie Cloud neckt. Barretts entschlossene Miene, wenn er von seiner Tochter spricht. Alles wirkt natürlich und überzeugend.
Die Zwischensequenzen sind filmreif. Square Enix hat hier nicht gespart – es gibt Momente, die man pausieren möchte, nur um die Schönheit zu bewundern.
Kleine Schwächen zeigen sich bei Nebensächlichkeiten. Vereinzelte Texturen wirken matschig, besonders in den Slums bei Hintergrund-Objekten. Manchmal laden Details mit Verzögerung. Diese Kritikpunkte fallen aber nur bei genauer Betrachtung auf und schmälern den Gesamteindruck kaum.
Sound: Perfekt in jeder Note
Akustisch liefert Final Fantasy VII Remake Perfektion ab. Nobuo Uematsus zeitlose Kompositionen – vielleicht die berühmtesten Melodien der Videospielgeschichte – erhalten eine orchestrale Neuinterpretation, die sowohl nostalgische als auch völlig neue Gefühle weckt.
One-Winged Angel erklingt majestätischer denn je, mit vollem Orchester und Chor, und wenn Sephiroth diese Musik begleitet auftritt, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Aerith’s Theme ist immer noch herzzerreißend schön, vielleicht sogar noch mehr als im Original. Those Who Fight Further, das Boss-Kampf-Thema, treibt das Adrenalin auf Höchstwerte.
Aber das Remake verlässt sich nicht nur auf Nostalgie. Neue Musikstücke fügen sich nahtlos ein und erweitern das musikalische Repertoire. Die Musik wechselt dynamisch je nach Situation – ein ruhiges Gebiet hat entspannte Klänge, die bei Kampfbeginn nahtlos in intensive Battle-Musik übergehen. Das ist technisch beeindruckend und atmosphärisch brilliant.
Die deutsche Sprachausgabe überzeugt auf ganzer Linie. Jeder Sprecher haucht seinem Charakter Leben ein. Besonders Manja Doering als Aerith ragt heraus – ihre Interpretation verleiht der Blumenhändlerin eine Tiefe und Warmherzigkeit, die unter die Haut geht. Man hört das Lächeln in ihrer Stimme, aber auch die Traurigkeit, die darunter liegt.
Wer lieber auf Englisch spielt, bekommt ebenfalls eine hervorragende Performance. Aber die deutsche Version muss sich nicht verstecken – im Gegenteil, sie gehört zu den besten deutschen Synchronisationen, die ich je in einem Videospiel gehört habe.
Struktur und Pacing
Final Fantasy VII Remake verfolgt einen linearen Ansatz, der bewusst von den offenen Welten neuerer Final Fantasy-Spiele abweicht. Das Spiel ist in 18 Kapitel unterteilt, jedes mit eigenen Schauplätzen und Zielen. Diese Struktur ermöglicht fokussiertes Storytelling – man wird durch die Handlung geführt, Ablenkungen sind begrenzt.
Diese Entscheidung ist sowohl Stärke als auch Schwäche. Die Stärke liegt im narrativen Fokus. Jede Szene, jeder Dialog dient einem Zweck. Man verliert sich nicht in Nebenaktivitäten und vergisst, worum es eigentlich geht. Die Geschichte hat Priorität, und das merkt man.
Die Schwäche liegt in den Einschränkungen. Es gibt viele unsichtbare Wände, viele Bereiche, in die man nicht zurückkehren kann. Wer offene Welten gewohnt ist, wer gerne jeden Winkel erkundet, wird sich eingesperrt fühlen. Das Spiel gibt die Richtung vor, und man folgt.
Die Nebenaufgaben, die es gibt, fallen unterschiedlich aus. In manchen Kapiteln gibt es optionale Missionen, die man in den Slums annehmen kann. Einige davon sind simple Sammel- oder Botenmissionen – geh dahin, bring das, töte jene Monster. Andere erzählen kleine Geschichten und erweitern das Weltverständnis. Die besten von ihnen zeigen die sozialen Spannungen in Midgar, die Verzweiflung der Menschen unter der Platte, die kleinen Freuden und großen Sorgen des Alltags.
Das Pacing ist nicht perfekt. Während manche Kapitel exzellent rhythmisiert sind – die Infiltration des Shinra-Hauptquartiers zum Beispiel ist meisterhaft aufgebaut – ziehen sich andere unnötig in die Länge. Kapitel 4, das durch einen Sektor der Stadt führt, fühlt sich wie Füller an. Kapitel 17 hat einen Abschnitt, der spielerisch frustrierend und narrativ überflüssig wirkt.
Eine straffere Dramaturgie hätte dem Spiel gutgetan. Aber die Höhepunkte sind so hoch, dass die Durchhänger verkraftbar sind.
Der Hard-Mode: Echte Herausforderung
Nach dem ersten Durchlauf schaltet sich der Hard-Mode frei – und er verändert das Spiel komplett. Items sind nicht mehr verwendbar, MP regeneriert sich an Rastpunkten nicht, und die Gegner werden deutlich aggressiver und widerstandsfähiger.
Das klingt zunächst unfair, ist aber brillant designt. Der Hard-Mode zwingt zur Meisterschaft aller Systeme. Man muss das Materia-System perfekt verstanden haben, die Stärken und Schwächen jedes Charakters kennen, jeden Boss studieren und eine Strategie entwickeln.
Die Bosse, die im normalen Schwierigkeitsgrad hart waren, werden zu monumentalen Herausforderungen. Aber sie sind fair. Jeder Tod lehrt etwas, jeder Versuch bringt einen näher an den Erfolg. Und wenn man einen Boss besiegt, der vorher unmöglich schien – dieses Gefühl der Befriedigung ist unbezahlbar.
Der Hard-Mode ist nicht für jeden. Er richtet sich an erfahrene Spieler, an Veteranen, an diejenigen, die mehr wollen. Aber für diese Zielgruppe ist er ein Geschenk.
Kritikpunkte und verpasste Chancen
Trotz der vielen Stärken gibt es Bereiche, in denen Final Fantasy VII Remake Potenzial verschenkt.
Der größte Kritikpunkt – wenn man es überhaupt einen Kritikpunkt nennen kann – ist, dass dies nur der erste Teil einer Trilogie ist. Das Spiel deckt nur die Midgar-Sequenz ab, vielleicht 20% der Geschichte des Originals. Wer die komplette Reise erleben möchte – Junon, Costa del Sol, Gold Saucer, Cosmo Canyon, Nibelheim – muss Jahre warten und mehrere Vollpreis-Titel erwerben.
Das mag manche Spieler frustrieren, besonders diejenigen, die das Original nicht kennen und erwarten, eine vollständige Geschichte zu erleben. Das Spiel endet an einem guten Punkt, es gibt einen Abschluss, aber es ist klar, dass die Reise gerade erst begonnen hat.
Die technischen Schwächen sind minimal, aber vorhanden. Manche Texturen sind matschig, besonders bei Hintergrund-Objekten. Es gibt berüchtigte „Tür-Ladezeiten“ – Passagen, in denen Cloud sich durch enge Spalten zwängt oder langsam eine Tür aufdrückt, während im Hintergrund das nächste Gebiet lädt. Diese Momente sind offensichtlich und reißen einen kurz aus der Immersion.
Die Kameraführung kann in engen Räumen problematisch werden, besonders während hektischer Kämpfe. Manchmal verliert man den Überblick, manchmal zeigt die Kamera die Wand statt den Gegner.
Manche Nebenquests sind uninspiriert. „Bring mir zehn Rattenschwänze“ ist kein gutes Quest-Design, und leider gibt es davon einige Beispiele.
Umfang und Wiederspielwert
Die Hauptstory des Spiels dauert etwa 35 bis 40 Stunden – eine beachtliche Länge für das, was im Original nur ein Prolog war. Wer alle Nebenquests erledigt, alle Sammelgegenstände findet, alle Kollosseum-Kämpfe meistert, kann diese Zeit auf 50 bis 60 Stunden ausdehnen.
Der Hard-Mode fügt weitere 20 bis 25 Stunden hinzu – nicht nur wegen der erhöhten Schwierigkeit, sondern auch weil man das Spiel mit neuem Verständnis erlebt. Man entdeckt Dialoge, die man beim ersten Mal überhört hat. Man bemerkt Vorahnungen, die einem vorher nicht aufgefallen sind. Man schätzt die Nuancen der Charakterentwicklung mehr.
Die Kapitelauswahl, die nach dem ersten Durchlauf freigeschaltet wird, ermöglicht es, bestimmte Abschnitte zu wiederholen, ohne das ganze Spiel neu zu starten. Das ist praktisch für Trophy-Jäger, für diejenigen, die bestimmte Bosskämpfe nochmals erleben möchten, oder für die, die verschiedene Dialog-Optionen ausprobieren wollen.
Der Wiederspielwert ist hoch – besonders für Fans, die jeden Aspekt dieses Spiels auskosten wollen.
Fazit
Final Fantasy VII Remake gelingt ein Kunststück, das nur wenigen Neuauflagen vergönnt ist: Es ehrt das Original, während es gleichzeitig etwas völlig Eigenständiges erschafft. Square Enix bewies Mut, bekannte Pfade zu verlassen und neue Wege zu erkunden. Sie hätten eine sichere, nostalgische Neuauflage machen können. Stattdessen machten sie etwas Riskantes, etwas Unerwartetes, etwas Kontroverses.
Das Spiel funktioniert sowohl für Neulinge als auch für Veteranen der Serie. Erstere erhalten eine packende JRPG-Erfahrung mit modernem Design, eine emotionale Geschichte mit unvergesslichen Charakteren, ein brillantes Kampfsystem, das süchtig macht. Letztere bekommen eine liebevolle Hommage an ihre Kindheitserinnerungen – allerdings eine, die sie immer wieder überrascht, die ihre Erwartungen unterläuft, die Fragen aufwirft statt nur Antworten zu geben.
Die technische und künstlerische Qualität ist über jeden Zweifel erhaben. Die Grafik ist atemberaubend, der Sound perfekt, das Kampfsystem eines der besten, das das Genre je hervorgebracht hat. Die Charaktere sind hervorragend geschrieben und gesprochen, die Welt ist detailliert und atmosphärisch.
Ja, es ist nur der erste Teil. Ja, es hat Pacing-Probleme. Ja, manche Texturen sind matschig. Ja, die Tür-Ladezeiten nerven. Aber diese Schwächen verblassen angesichts dessen, was das Spiel richtig macht – und es macht so vieles richtig.
Final Fantasy VII Remake zeigt, wie ein modernes Remake aussehen sollte: respektvoll gegenüber der Vorlage, aber mutig genug für Innovationen. Für JRPG-Fans ist es ein Pflichtspiel. Für alle anderen ein hervorragender Einstieg in das Genre und eine Erinnerung daran, warum wir Videospiele lieben.
Bewertung: 9/10 ⭐
Stärken:
- Brillantes Hybrid-Kampfsystem, das Action und Strategie perfekt vereint
- Herausragende Charakterentwicklung für Cloud, Tifa, Aerith und Barret
- Avalanche-Mitglieder Jessie, Biggs und Wedge endlich mit emotionaler Tiefe
- Atemberaubende Grafik und filmreife Zwischensequenzen
- Perfekter Soundtrack mit orchestralen Neuinterpretationen der Klassiker
- Exzellente deutsche Synchronisation, besonders Manja Doering als Aerith
- Tiefes Materia-System mit süchtig machenden Kombinationsmöglichkeiten
- Epische, unvergessliche Boss-Kämpfe
- Hard-Mode bietet echte Herausforderung für Veteranen
- Überraschungen und neue Elemente für Kenner des Originals
- 35-40 Stunden packende Hauptstory
Schwächen:
- Nur der erste Teil einer Trilogie, keine vollständige Geschichte
- Pacing-Probleme in manchen Kapiteln, gelegentliche Längen
- Lineare Struktur mit wenig Erkundungsfreiheit
- Vereinzelte matschige Texturen, besonders bei Hintergrund-Objekten
- Tür-Ladezeiten unterbrechen die Immersion
- Manche Nebenquests sind uninspiriert
- Kameraprobleme in engen Räumen
Technische Daten:
- Entwickler: Square Enix Creative Business Unit I
- Publisher: Square Enix
- Genre: Action-RPG / JRPG
- Plattformen: PlayStation 4, PlayStation 5, PC
- Release: 10. April 2020 (PS4), 16. Dezember 2021 (PS5/PC)
- Engine: Unreal Engine 4
- Setting: Final Fantasy VII-Universum (Midgar)
- Spielbare Charaktere: Cloud, Tifa, Aerith, Barret
- Spielzeit: 35-40 Stunden (Hauptstory), 70-80+ Stunden (Completionist)
- Altersfreigabe: USK 12



