Gran Turismo Sport

Gran Turismo Sport im Test – Evolution oder Identitätskrise?

Vier Jahre hat die PlayStation 4 auf dem Buckel, und endlich ist es da: Gran Turismo Sport. Vier Jahre, in denen die Konkurrenz nicht geschlafen hat – Forza Motorsport hat sich als Xbox-Gegenstück etabliert, Project Cars lockt Sim-Racing-Puristen, und selbst Arcade-Racer wie The Crew bieten mehr Inhalte als erwartet. Die Erwartungen an Polyphony Digital und Serienerfinder Kazunori Yamauchi waren entsprechend hoch: Das erste Gran Turismo einer neuen Konsolengeneration gilt traditionell als Meilenstein, als Definition dessen, was technisch möglich ist. Doch statt Revolution liefert Gran Turismo Sport Evolution mit drastischen Abstrichen – und eine Design-Philosophie, die langjährige Fans vor den Kopf stößt. Nach ausgiebigen Stunden auf virtuellen Rennstrecken bleibt ein ambivalenter Eindruck: Technisch brillant, inhaltlich verstörend reduziert, und strategisch auf E-Sport ausgerichtet statt auf das klassische Gran-Turismo-Erlebnis.

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Der fehlende GT-Modus – Ein unverzeihlicher Fehltritt

Beginnen wir mit dem Elefanten im Raum: Der klassische GT-Modus existiert nicht. Keine Karriere, in der man als mittelloser Rookie mit einem Gebrauchtwagen startet, sich durch regionale Cups kämpft, Credits verdient, den Fuhrpark erweitert und langsam zum Champion aufsteigt. Diese Progression – das Herzstück jedes Gran Turismo seit 1997 – wurde gestrichen.

Yamauchis Begründung: Moderne Spieler hätten zu wenig Autowissen, um die traditionelle Karriere zu schätzen. Diese Aussage ist nicht nur herablassend gegenüber der eigenen Fanbase, sondern auch strategisch fragwürdig. Gran Turismo war immer auch Lehrmeister – wer durch die Karriere spielte, lernte nebenbei Automobilgeschichte, Fahrzeugklassen und Racing-Etikette. Das Fehlen dieses Modus ist kein Feature, sondern ein Defizit.

Was stattdessen geboten wird:

  • Fahrschule (Lizenzprüfungen im klassischen Stil)
  • Mission-Challenges (spezifische Aufgaben)
  • Einzelne Rennserien (nach Fahrzeugklassen sortiert)
  • Tages- und Wochenaufgaben (Online-Zwang!)

Diese Inhalte funktionieren als Einzelteile, ergeben aber keine kohärente Karriere. Es fehlt die narrative Klammer, die Motivation, das Gefühl des Aufstiegs. Für Veteranen der Serie ist das ein Schlag ins Gesicht.

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Online-Zwang – Künstliche Barriere

Ohne Internetverbindung steht nur der Arcade-Modus zur Verfügung. Fahrschule, Missionen, Rennserien – alles online-gebunden. Die Begründung von Polyphony: Datenabgleich, Betrugsverhinderung, Live-Updates. Das mag technisch nachvollziehbar sein, bleibt aber eine unnötige Einschränkung.

Wer ein Vollpreis-Spiel kauft und temporär offline ist – sei es durch Serverprobleme, schlechte Verbindung oder bewusste Nicht-Nutzung – wird vom Großteil des Inhalts ausgeschlossen. Das ist inakzeptabel für ein primär auf Einzelspieler ausgelegtes Rennspiel.

Der Multiplayer-Fokus erklärt diese Entscheidung teilweise. Gran Turismo Sport soll E-Sport-Plattform werden, mit FIA-zertifizierten Weltmeisterschaften, Fairness-Ratings und kompetitiven Ligen. Noble Ambitionen – aber nicht auf Kosten traditioneller Offline-Inhalte.

Fuhrpark-Reduktion – Qualität vor Quantität?

Gran Turismo 6 bot 1.200 Fahrzeuge. Gran Turismo Sport startet mit etwa 160. Diese drastische Reduktion ist der zweite große Kritikpunkt.

Polyphonys Argument: Lieber 160 vollständig neue, hochdetaillierte Modelle als hunderte aufgewärmte PS3-Assets. Das ist grundsätzlich vertretbar – die Fahrzeuge in GT Sport sind technisch beeindruckend, innen wie außen fotorealistisch modelliert. Aber der Vergleich mit der Konkurrenz fällt trotzdem ungünstig aus: Forza Motorsport 7 bietet über 700 Fahrzeuge.

Die Streckenauswahl umfasst 40 Layouts – klingt nach viel, ist aber oft nur Variation. Verschiedene Konfigurationen derselben Rennstrecke, unterschiedliche Tageszeiten, Nordschleife in Abschnitten. Echte Vielfalt sieht anders aus.

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Grafik – Technische Exzellenz ohne Wettereffekte

Visuell liefert Gran Turismo Sport ab. Die Fahrzeuge sind makellos modelliert, Cockpit-Ansichten bieten fotorealistische Details, und die Performance bleibt konstant bei 60 fps – sowohl auf Standard-PS4 als auch auf PS4 Pro.

Visuelle Stärken:

  • Gestochen scharfe Fahrzeugmodelle (Premium-Qualität)
  • Detaillierte Cockpits mit lesbaren Armaturen
  • Konstante 60 fps ohne Einbrüche
  • 4K/HDR auf PS4 Pro (beeindruckend)
  • Saubere Kantenglättung (kein Aliasing)

Die Strecken wirken allerdings steril – ein Problem, das Gran Turismo seit Jahren hat. Die Umgebungen sind technisch sauber, aber leblos. Es fehlt an organischem Chaos: Keine flatternden Werbebanner, keine realistischen Zuschauermassen, wenig atmosphärische Details. Alles wirkt perfekt, aber tot.

Fehlende Features:

  • Kein Schadensmodell (nur kosmetische Kratzer)
  • Kein dynamisches Wetter (nur vordefinierte Bedingungen)
  • Keine Tageszeitwechsel während Rennen

Besonders das fehlende Schadensmodell frustriert. Selbst Arcade-Racer bilden Unfallschäden visuell ab. Bei einer Serie, die „echter Motorsport-Simulator“ sein will, ist diese Auslassung unverständlich.

Sound – Verbessert, aber nicht perfekt

Im Vergleich zu früheren Gran Turismos hat Polyphony beim Audio zugelegt. Die Fahrzeuge klingen authentischer, differenzierter. Ein V8 unterscheidet sich hörbar von einem Sechszylinder-Boxer, Turbolader spulen realitätsgetreu hoch.

Audio-Schwächen: Trotz Verbesserungen fehlt die Wucht der Konkurrenz. Forza Motorsport und Project Cars klingen aggressiver, imposanter. Gran Turismo Sport bleibt zurückhaltend, fast steril – passend zur visuellen Ästhetik.

Die Strecken-Atmosphäre stimmt: Hubschrauber über der Nordschleife, Flugzeuge in Suzuka, Publikum-Gemurmel an den Rängen. Diese Details funktionieren.

Der Soundtrack ist solide ohne herausragend zu sein. „Run Boy Run“ von Woodkid (bekannt aus Vodafone-Werbung) ist der bekannteste Track, aber die Playlist erreicht nicht die ikonische Qualität von Gran Turismo 2, wo Musik und Gameplay perfekt verschmolzen.

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Fahrphysik – Simulation auf höchstem Niveau

Hier brilliert Gran Turismo Sport. Die Fahrphysik ist kompromisslos realistisch. Jedes Fahrzeug verhält sich authentisch entsprechend seiner realen Spezifikationen: Gewichtsverteilung, Antriebsart, Reifenwahl – alles beeinflusst das Handling spürbar.

Mit Controller gelingt Polyphony der Spagat zwischen Zugänglichkeit und Realismus. Die Assistenzsysteme sind skalierbar – Anfänger bekommen Hilfe, Profis schalten alles ab und kämpfen mit reiner Physik. Mit Lenkrad wird die Simulation noch immersiver, aber auch anspruchsvoller.

Das Ghosting-System für Zeitfahrten funktioniert hervorragend. Eigene Ghost-Runs helfen, Fehler zu identifizieren und Linien zu optimieren. Hier entsteht das klassische Gran-Turismo-Gefühl: Perfektionismus, Rundenzeit-Optimierung, Flow.

KI-Probleme: Die Computer-Gegner enttäuschen. Selbst auf höchstem Schwierigkeitsgrad bieten sie wenig Herausforderung. Sie fahren vorprogrammierte Linien, reagieren träge auf den Spieler und machen vorhersehbare Fehler. Für ein auf Wettbewerb ausgerichtetes Spiel ist schwache KI ein eklatantes Versäumnis.

Foto-Modus – Glanzpunkt für Auto-Enthusiasten

Der Scapes-Modus ist beeindruckend. Mit fotorealistischen Hintergründen können Spieler ihre Fahrzeuge in Szene setzen, als wären sie echte Fotografen. Hunderte Locations weltweit, kombiniert mit detaillierten Fahrzeugen und umfangreichen Kamera-Einstellungen, ermöglichen spektakuläre Bilder.

Für Auto-Fans, die Gran Turismo auch als digitale Autogalerie schätzen, ist dieser Modus ein Hauptgrund zum Kauf. Die Community produzierte beeindruckende Kunstwerke, die teilweise von echten Fotos kaum zu unterscheiden sind.

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Multiplayer – Der eigentliche Fokus

Hier zeigt sich Gran Turismo Sports wahre Intention: E-Sport. Das Spiel bietet FIA-zertifizierte Online-Weltmeisterschaften mit Qualifikation, Fairness-Rating und Strafensystem. Diese Features sollen in den kommenden Wochen und Monaten ausgebaut werden.

Multiplayer-Features:

  • Split-Screen für lokales Duell (selten geworden)
  • Online-Matchmaking nach Skill-Level
  • Fairness-System (sauberes Fahren wird belohnt)
  • Tägliche Rennen mit wechselnden Klassen
  • FIA-Championships geplant (Nations Cup, Manufacturer Series)

Für competitive Racer könnte das ein Traum werden – wenn Polyphony die versprochenen Features nachliefert. Das Fairness-System funktioniert in der Theorie und soll Ramm-Versuche bestrafen. Die E-Sport-Integration ist ambitioniert und visionär.

Aber: Das rechtfertigt nicht das Fehlen einer Offline-Karriere. Beides hätte koexistieren können.

PlayStation VR – Verschenktes Potenzial

Gran Turismo Sport unterstützt PlayStation VR, aber nur im „VR Drive“-Modus: 1-gegen-1-Rennen gegen schwache KI auf wenigen Strecken. Das war’s.

Visuell beeindruckend – die Cockpits sind in VR atemberaubend detailliert – aber inhaltlich enttäuschend. Warum nicht das gesamte Spiel in VR? Technische Limitierungen der PSVR mögen eine Rolle spielen, aber das Ergebnis ist ein Gimmick statt echtem Feature.

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Gran Turismo Sport

Vergleich mit der Konkurrenz

Forza Motorsport 7 (September 2017): Mehr Fahrzeuge (700+), dynamisches Wetter, umfangreiche Karriere, besserer Sound. Aktuell der klare Genre-König.

Project Cars 2 (September 2017): Hardcore-Simulation mit Tire-Wear, Fuel-Management, realistischstem Wetter. Für Sim-Puristen momentan die bessere Wahl.

Gran Turismo Sport verliert 2017 die Genre-Krone. Der „Lehrling“ hat den „Meister“ überholt – zumindest zum Launch.

Für wen lohnt sich Gran Turismo Sport?

Empfohlen für:

  • E-Sport-Interessierte mit Online-Fokus
  • PlayStation-Exklusiv-Spieler ohne Alternative
  • Foto-Modus-Enthusiasten
  • Fans realistischer Fahrphysik
  • Gelegenheitsspieler, die klassischen GT-Modus nicht vermissen

Nicht empfohlen für:

  • Veteranen, die klassische GT-Karriere erwarten
  • Offline-Spieler mit instabiler Verbindung
  • Content-Hungrige (Fuhrpark zu klein)
  • Wer dynamisches Wetter/Schaden erwartet

Eckdaten zum Spiel

Titel: Gran Turismo Sport
Plattform: PlayStation 4 (exklusiv)
Entwickler: Polyphony Digital
Publisher: Sony Interactive Entertainment
Release: Oktober 2017
Genre: Rennsimulation
Spieler: 1 (Offline), 2 (Split-Screen), Online-Multiplayer
VR-Support: PlayStation VR (eingeschränkt)
Preis: 60 Euro

Gamefinity-Wertung: 7,5/10

Fazit: Technische Brillanz, konzeptionelle Fehltritte

Gran Turismo Sport ist das paradoxeste Spiel der Serie. Technisch ist es das beste Gran Turismo aller Zeiten: Grafik, Performance, Fahrphysik – alles auf Referenzniveau. Aber konzeptionell ist es das am wenigsten „Gran Turismo“-Spiel der Hauptreihe.

Die Entscheidung, den GT-Modus zu streichen, war ein Fehler. Yamauchis Begründung – mangelndes Autowissen der Spieler – wirkt arrogant und verfehlt den Punkt. Gran Turismo war nie nur Simulation, sondern auch Lehrmeister und Sammler-Erfahrung. Diese Seele fehlt GT Sport.

Stärken:

✓ Herausragende Grafik (besonders auf PS4 Pro)
✓ Exzellente Fahrphysik mit Controller-Zugänglichkeit
✓ Konstante 60 fps ohne Performance-Probleme
✓ Beeindruckender Foto-Modus (Scapes)
✓ Ambitionierter E-Sport-Ansatz mit Fairness-System
✓ Split-Screen für lokales Multiplayer

Schwächen:

✗ Kein klassischer GT-Karrieremodus (unverzeihlich)
✗ Online-Zwang für Hauptinhalte
✗ Reduzierter Fuhrpark (160 statt 1.200)
✗ Kein Schadensmodell, kein dynamisches Wetter
✗ Schwache KI selbst auf höchstem Schwierigkeitsgrad
✗ VR-Modus nur rudimentär umgesetzt
✗ Sterile, leblose Streckenatmosphäre

Abschließende Empfehlung: Gran Turismo Sport ist ein Spiel im Konflikt mit seiner eigenen Identität. Es will E-Sport-Plattform sein, aber die Marke Gran Turismo steht für etwas anderes. Wer primär online spielen will und Wettbewerb sucht, findet hier ein solides Fundament – vorausgesetzt Polyphony liefert die versprochenen Features nach. Wer aber das klassische Gran-Turismo-Erlebnis erwartet – Karriere-Aufstieg von Gebrauchtwagen zu Supersportwagen – wird bitter enttäuscht.

Die Serie definierte einst das Genre. Gran Turismo 2 gilt zu Recht als eines der besten Rennspiele aller Zeiten. GT Sport verliert diesen Anspruch im Herbst 2017 an die Konkurrenz. Forza Motorsport 7 ist aktuell der Genre-König, Project Cars 2 die hardcore Simulation, und GT Sport? Ein technisch brillantes, aber inhaltlich reduziertes Experiment.

Die Analogie trifft es: GT Sport ist „Classic goes Rock“ – interessant für Neulinge, schmerzlich für Puristen. Eine Serie, die einst Maßstäbe setzte, verliert ihre Identität im Versuch, modern zu bleiben. Das ist tragisch, denn das Potenzial ist da. Die Technik stimmt, die Vision fehlt.

Vielleicht wird Polyphony in den kommenden Monaten mit Updates nachbessern. Vielleicht kommen noch Fahrzeuge, Strecken, vielleicht sogar eine Art Karriere-Modus. Zum jetzigen Zeitpunkt aber ist Gran Turismo Sport eine Enttäuschung für Serien-Veteranen und eine gute, aber nicht herausragende Rennsimulation für Neulinge.

 

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