Ubisoft war schon immer Vorreiter in Sachen offener Spielwelten. Die Assassin’s Creed-Reihe hat gezeigt, wie man Geschichte mit Videospielen verbindet, ohne langweilig zu werden. Mit Immortals Fenyx Rising, entwickelt von Ubisoft Quebec – dem Studio hinter Assassin’s Creed Odyssey – wagt der Publisher nun etwas Neues: Ein Open-World-Titel im antiken Griechenland mit comichaftem Look, der seine Inspiration aus The Legend of Zelda: Breath of the Wild nicht verhehlt. Ursprünglich 2019 als „Gods and Monsters“ angekündigt, erscheint das Spiel nun unter neuem Namen. Verdient es einen Platz im Olymp – oder sollte es lieber in den Gewölben des Tartaros verschwinden?

Die Geschichte: Götter in Not
Göttervater Zeus ist verzweifelt. Typhon, Sohn von Gaia und Tartaros, hat sich aus seiner Versiegelung befreit und Rache geschworen. Die Götter des Olymp sind besiegt und entmachtet, ihre Essenz geraubt. In seiner Not wendet sich Zeus an Prometheus, den er einst an einen Felsen gekettet hat, weil dieser das Feuer den Menschen brachte. Der Titan kennt nur eine Hoffnung: einen Sterblichen namens Fenyx.
Unsere Heldin – oder unser Held, das Geschlecht ist wählbar – strandet nach einem verheerenden Sturm auf der Goldenen Insel. Die Crew ist versteinert, die Heimat unerreichbar. Nur Hermes, der Götterbote, erklärt die Lage: Typhon muss aufgehalten werden, und dafür müssen die Götter ihre Macht zurückerlangen. Eine gewaltige Aufgabe für eine einfache Sterbliche.
Die Rahmenhandlung wird von Zeus und Prometheus als streitendes Erzählerduo kommentiert. Was als charmante Idee beginnt, entwickelt sich leider zum größten Schwachpunkt des Spiels. Der ständige Slapstick-Humor untergräbt die epische Atmosphäre und wird über die Spielzeit hinweg ermüdend. Hier hätte weniger definitiv mehr sein können.
Hier im Vulkan wartet Typhon auf uns
Erkundung: Eine Welt, die ruft
Die Goldene Insel ist in sieben Regionen unterteilt, jede einem anderen Gott gewidmet. Das erste Gebiet allein kann zwanzig Stunden verschlingen, ohne alle Nebenquests abzuschließen. Wer alles sehen will, investiert locker über hundert Stunden – und das ohne Langeweile.
Die Parallelen zu Breath of the Wild sind unübersehbar. Betritt man ein neues Gebiet, liegt die Karte unter undurchsichtigem Nebel. Dieser wird durch das Erklimmen von Aussichtspunkten gelüftet, wo man in typischer Assassin’s-Creed-Manier die Weitsicht aktiviert. Von dort aus markiert man Schatzkisten, Gewölbe und Sammelobjekte – allerdings manuell, Stück für Stück. Bei der Größe der Gebiete dauert das seine Zeit, und die Sensibilität des Zielens ist manchmal frustrierend ungenau.
Die Fortbewegung ist ein Highlight. Nach einer Questreihe, die die Geschichte von Ikarus erzählt, erhält Fenyx Flügel – eine der wichtigsten Fähigkeiten im Spiel. Gleiten, Doppelsprünge, Luftkämpfe: Die vertikale Mobilität eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Wer es gemütlicher mag, zähmt Reittiere, die per Knopfdruck gerufen werden können. Epische Exemplare galoppieren dreimal so lange wie gewöhnliche Pferde.
Tartaros-Gewölbe: Das Herz des Spiels
Die Tartaros-Gewölbe sind Immortals‘ Antwort auf Zeldas Schreine – und sie sind fantastisch. Jedes Gewölbe präsentiert einzigartige Herausforderungen: Mal kämpft man gegen Typhons Schergen, mal löst man physikbasierte Rätsel, mal schießt man mit Pfeil und Bogen durch Ringe. Die Vielfalt ist beeindruckend, kein Gewölbe gleicht dem anderen.
Der Schwierigkeitsgrad wird durch Totenköpfe angezeigt – von einem bis drei. Wer nicht weiterkommt, kann eine optionale Rätselhilfe aktivieren. Eine elegante Lösung, die Frustration verhindert, ohne den Anspruch zu senken.
Neben den Gewölben warten Sternbild-Rätsel, Mosaik-Schiebe-Puzzles und die Prüfungen des Odysseus, bei denen Pfeile durch Ringe geschossen werden müssen. All diese Aktivitäten belohnen mit Charonsmünzen, der Währung für Fähigkeiten und Verbesserungen.
Die Karte ist riesig
Kampfsystem: Schnell und befriedigend
Das Kampfsystem ist schnell, flüssig und bietet Tiefe. Fenyx führt ein Schwert für schnelle Angriffe und eine Axt für schwere Hiebe, die Schilde durchbrechen. Dazu kommen Pfeil und Bogen – wobei letzterer im direkten Kampf zu schwach ist, um wirklich relevant zu sein. Göttliche Fähigkeiten wie der Hammer des Hephaistos oder die Pfeile des Apollon sind da deutlich effektiver.
Die Kämpfe sind knackig und erfordern Timing. Ausweichen und Parieren gehören zum Repertoire, und gegen stärkere Gegner wie Zyklopen oder Minotauren wird taktisches Vorgehen belohnt. Gelegentlich macht die Kameraführung Probleme, besonders bei mehreren Gegnern, aber diese Momente sind selten genug, um nicht ins Gewicht zu fallen.
Progression: Die Halle der Götter
Die Halle der Götter ist der zentrale Hub für alle Verbesserungen. Hier werden Waffen aufgewertet, Fähigkeiten freigeschaltet und Tränke gebraut. Vier Tranktypen stehen zur Verfügung: Gesundheit, Ausdauer, Stärke und Verteidigung. Alles benötigt unterschiedliche Ressourcen – Scherben, Münzen, besondere Gegenstände.
Die Charakterprogression ist befriedigend. Zeus-Blitze erhöhen die Ausdauer, Ambrosia die Gesundheit. Beide Ressourcen sind über die Welt verstreut und belohnen Erkundung. Das Fähigkeitensystem ist umfangreich genug, um verschiedene Spielstile zu unterstützen, ohne zu überwältigen.
Die Tafel des Hermes bietet tägliche Herausforderungen mit besonderen Belohnungen – ein netter Anreiz für regelmäßige Spielsessions.
Loot und Ausrüstung
Truhen gibt es an jeder Ecke, geschützt durch Rätsel oder Gegner. Der Inhalt: Schwerter, Äxte, Helme, Rüstungen – alle mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Das Besondere: Jedes Ausrüstungsstück hat bis zu fünf Skins. Man kann also die beste Ausrüstung tragen und trotzdem aussehen, wie man möchte. Für Fashion-Enthusiasten ein Traum.
Umfang: Hunderte Stunden Inhalt
Die schiere Größe von Immortals Fenyx Rising ist beeindruckend. Allein das erste der sieben Gebiete – das Reich der Aphrodite – verschlingt gut zwanzig Stunden, wenn man alle Aktivitäten abschließen möchte. Die Hauptstory selbst ist mit 25 bis 30 Stunden angenehm umfangreich, doch wer nur der Kampagne folgt, verpasst den Großteil dessen, was das Spiel zu bieten hat.
Jede Region widmet sich einem anderen Gott: Ares, Athene, Aphrodite und Hephaistos haben ihre eigenen Gebiete mit spezifischen Questreihen, die ihre Macht wiederherstellen. Diese Götter-Storylines erzählen nebenbei die Sagen der griechischen Mythologie nach – von Ikarus‘ Flug bis zu den Abenteuern des Odysseus. Man lernt dabei tatsächlich etwas über die antiken Mythen, verpackt in unterhaltsames Gameplay.
Die Tartaros-Gewölbe allein bieten dutzende Stunden Beschäftigung. Über 60 dieser Dungeons sind über die Karte verteilt, jeder mit einzigartigen Rätseln und Belohnungen. Dazu kommen Lyra-Herausforderungen, bei denen man riesige Harfen durch das Platzieren von Steinen zum Klingen bringt. Fresken-Rätsel, bei denen Mosaikteile an die richtige Stelle geschoben werden müssen. Navigations-Herausforderungen, die Geschick mit den Flügeln erfordern. Und natürlich die legendären Bosse – mythische Kreaturen wie Medusa, der Zyklop oder der Minotauros, die in epischen Kämpfen bezwungen werden wollen.
Sammelobjekte gibt es in Hülle und Fülle: Ambrosia für mehr Gesundheit, Zeus-Blitze für mehr Ausdauer, Charonsmünzen für neue Fähigkeiten. Wer die Platin-Trophäe anstrebt oder einfach jeden Winkel erkunden will, kann problemlos über hundert Stunden in die Goldene Insel investieren – ohne dass es sich jemals wie Arbeit anfühlt. Der Erkundungsdrang wird konstant belohnt, und hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung.
Grafik und Stil
Immortals Fenyx Rising setzt auf einen stylisierten, comichaften Look, der sich bewusst von der Realismus-Ästhetik der Assassin’s-Creed-Reihe abhebt. Die Farbpalette ist leuchtend, die Landschaften sind malerisch, und das Charakterdesign erinnert an moderne Animationsfilme. Es ist wunderschön anzusehen und läuft auf allen Plattformen stabil.
Die Goldene Insel ist ein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich mich auf mein Pferd geschwungen habe und einfach durch die Gegend geritten bin, nur weil die Umgebung so einladend war.
Fazit
Immortals Fenyx Rising ist mein Spiel des Jahres 2020. Es vereint alles, was ein gutes Open-World-Spiel ausmacht: Eine faszinierende Welt, die nach Erkundung schreit. Abwechslungsreiche Gewölbe, die fordern, ohne zu frustrieren. Ein Kampfsystem, das Spaß macht. Und über hundert Stunden Inhalt ohne spürbares Füllmaterial.
Ja, der übertriebene Slapstick-Humor nervt. Und ja, die Breath-of-the-Wild-Parallelen sind so offensichtlich, dass man von einer Hommage sprechen muss. Aber Ubisoft Quebec hat sich nicht einfach bedient – sie haben verstanden, was Nintendos Meisterwerk so besonders macht, und ihre eigene Version davon geschaffen.
Wer Open-World-Titel liebt und mit griechischer Mythologie etwas anfangen kann: Pflichtkauf. Wer erstmals ins Genre eintauchen möchte: Pflichtkauf. Wer jemandem zu Weihnachten eine Freude machen will: Pflichtkauf. Immortals Fenyx Rising verdient einen Platz im Olymp.
Bewertung: 8.5/10 ⭐
Stärken:
- Riesige, wunderschöne Open World
- Abwechslungsreiche Tartaros-Gewölbe
- Flüssiges, befriedigendes Kampfsystem
- Flügel-Mechanik und vertikale Mobilität
- Über 100 Stunden Spielinhalt
- Gelungenes Progressionssystem
- Stylisierte, einladende Grafik
- Skins unabhängig von Stats
- Respektvolle Mythologie-Einbindung
Schwächen:
- Übertriebener Slapstick-Humor
- Pfeil und Bogen im Kampf zu schwach
- Manuelle Markierung auf der Karte umständlich
- Gelegentliche Kameraprobleme
- Breath-of-the-Wild-Parallelen sehr offensichtlich
Technische Daten:
- Entwickler: Ubisoft Quebec
- Publisher: Ubisoft
- Plattformen: PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X|S, Nintendo Switch, PC, Stadia
- Release: 3. Dezember 2020
- Genre: Action-Adventure / Open World
- Setting: Griechische Mythologie (Goldene Insel)
- Protagonist: Fenyx (anpassbar)
- Spielzeit: 25-30 Stunden (Story), 100+ Stunden (Komplett)
- Altersfreigabe: USK 12

