Die Wächter der Galaxie haben einen weiten Weg hinter sich. Marvel-Comic-Fans kennen die Truppe seit Jahrzehnten, doch die breite Masse wurde erst 2014 durch den enormen Kinoerfolg auf sie aufmerksam. Seitdem haben sich Star-Lord, Gamora, Drax, Rocket und Groot aus dem Schatten von Spider-Man, Iron Man und Co. hervorgearbeitet und eine riesige Fangemeinde aufgebaut.
Nach dem Telltale-Adventure von 2017 wagt sich nun Eidos Montréal – bekannt für die Deus Ex-Reihe – an ein vollwertiges Action-Adventure. Und ja, das Spiel stammt aus dem Hause Square Enix, genau wie das nicht in allen Belangen überzeugende Marvel’s Avengers. Die Skepsis war also berechtigt.
Spoiler: Sie war unbegründet. Marvel’s Guardians of the Galaxy ist fantastisch.
Story: Familienchaos im Weltraum
Die Handlung setzt einige Jahre nach einem massiven interstellaren Krieg gegen die monströsen Chitauri an, der seine Spuren in der gesamten Galaxie hinterlassen hat. Peter Quill – alias Star-Lord –, ein ehemaliger Weltraumpirat von der Erde, hat eine bunte Crew zusammengestellt und will sich mit dieser unter dem Namen „Wächter der Galaxie“ einen gewissen Ruf aufbauen.
Die Crew
Und was für eine Crew das ist.
Peter Quill selbst ist ein kindsköpfiger Erdling mit einem Faible für 80er-Jahre-Musik, fragwürdigen Entscheidungen und einem Herz am rechten Fleck. Er trägt seinen Walkman wie eine Reliquie und nennt sein Raumschiff Milano – nach seiner Kindheitsschwärmerei Alyssa Milano.
Gamora ist eine tödliche Attentäterin, die grünhäutige Adoptivtochter des Titanen Thanos. Sie ist die Stimme der Vernunft in einer Gruppe, die Vernunft als optionales Konzept betrachtet. Ihre Geduld wird ständig auf die Probe gestellt.
Drax der Zerstörer ist ein schlichter, gutmütiger, aber ebenso tödlicher Krieger. Er nimmt alles wörtlich – wirklich alles – und versteht keine Metaphern. Das führt zu einigen der lustigsten Momente des Spiels.
Rocket ist… nun ja, er ist definitiv kein Waschbär. Er ist ein genetisch modifiziertes Experiment mit einer Vorliebe für große Waffen, Explosionen und Sarkasmus. Er ist grummelig, gemein und hat mehr Trauma, als er zugeben würde.
Und dann ist da Groot. Ein gigantischer, humanoider Baum, der nur drei Worte sagen kann: „Ich bin Groot.“ Aber irgendwie versteht Rocket immer, was er meint. Groot ist sanft, loyal und überraschend ausdrucksstark für jemanden mit so begrenztem Vokabular.
Ein roter Faden durch das Chaos
Was als einfacher Job beginnt – ein Artefakt finden und verkaufen, um die Rechnungen zu bezahlen – eskaliert schnell zu einer galaxisweiten Krise. Eine religiöse Sekte namens „Universale Kirche der Wahrheit“ hat gefährliche Pläne, und die Guardians stolpern mittendrin hinein.
Die Geschichte ist überraschend emotional. Ja, es gibt Chaos und Humor in rauen Mengen, aber auch echte Charaktermomente. Wir erfahren mehr über Peters Vergangenheit auf der Erde, über den Verlust seiner Mutter. Wir sehen, wie Rocket mit seinem Trauma umgeht – oder eben nicht umgeht. Wir erleben, wie diese fünf völlig unterschiedlichen Außenseiter zu einer Familie werden.
Eidos Montréal hat sich für dieses Spiel an den Comics orientiert, nicht am MCU. Die Charakterdesigns sind anders, die Hintergrundgeschichten variieren. Das ist keine schlechte Sache – es gibt dem Spiel eine eigene Identität, auch wenn Fans der Filme sich kurz umgewöhnen müssen.

Gameplay: Star-Lord führt, die anderen folgen
Anders als in manchen anderen Superhelden-Spielen steuert man hier ausschließlich Star-Lord. Die anderen Guardians werden von der KI kontrolliert – aber das bedeutet nicht, dass man sie ignorieren kann. Im Gegenteil: Das Teamwork ist der Kern des Gameplays.
Das Kampfsystem
Peter Quill kämpft mit seinen Element-Pistolen, die einen endlosen Strom von Protonenstrahlen feuern. Er kann ausweichen, im Nahkampf zuschlagen und später verschiedene Elementarmodi freischalten – Eis zum Einfrieren, Elektrizität zum Betäuben, Wind zum Wegstoßen, Feuer für Flächenschaden.
Das allein wäre solide, aber nicht spektakulär. Die Magie liegt in den Teamangriffen. Per Schnellmenü kann man die anderen Guardians zu Spezialaktionen auffordern. Groot fesselt Feinde mit seinen Wurzeln am Boden. Drax stürmt vor und schmettert alles nieder, was ihm im Weg steht. Gamora führt verheerende Einzelangriffe aus. Rocket wirft Granaten oder ruft… kreativere Lösungen herbei.
Diese Fähigkeiten haben Abklingzeiten, und es ist entscheidend, sie strategisch einzusetzen. Manche Feinde sind gegen bestimmte Attacken immun, andere werden durch Kombinationen besonders effektiv ausgeschaltet. Das System ist einfach genug, um zugänglich zu sein, aber komplex genug, um interessant zu bleiben.
Huddle Up!
Das coolste Feature ist die „Huddle Up“-Funktion. Wenn ein Kampf besonders intensiv wird und ein Balken gefüllt ist, kann man das Team zusammenrufen. Die Guardians versammeln sich, und man hört ihre Sorgen, ihre Zweifel, ihre Beschwerden.
Dann wählt man eine aufmunternde Antwort. Trifft man den richtigen Ton, erhält das ganze Team einen Schadensbonus – und ein 80er-Jahre-Klassiker aus dem lizenzierten Soundtrack beginnt zu spielen. Plötzlich kämpft man zu „Wake Me Up Before You Go-Go“ von Wham!, „Tainted Love“ von Soft Cell oder „The Final Countdown“ von Europe.
Es ist glorreich. Es ist absurd. Es ist perfekt für dieses Spiel.
Erkundung und Rätsel
Abseits der Kämpfe gibt es Erkundungsabschnitte, in denen die Fähigkeiten der Crew anders zum Einsatz kommen. Rocket hackt elektronische Schalttafeln und Computersysteme. Groot bildet Brücken aus seinen Wurzeln über Abgründe. Drax kann schwere Objekte bewegen oder Hindernisse zerstören. Gamora erreicht erhöhte Positionen und kann Peter hochziehen.
Diese Umgebungsrätsel sind nicht besonders anspruchsvoll, aber sie lockern das Gameplay auf und geben jedem Teammitglied einen Moment im Rampenlicht. Das Teamwork fühlt sich nicht aufgesetzt an – es fühlt sich an wie das, was diese Gruppe tun würde.
Entscheidungen
Im Laufe des Spiels trifft man Entscheidungen – in Dialogen und in Handlungen. Diese haben Konsequenzen, auch wenn sie den Hauptverlauf der Geschichte nicht drastisch ändern. Charakterbeziehungen entwickeln sich unterschiedlich, manche Szenen variieren, und die Dynamik innerhalb der Gruppe kann sich verschieben.
Es ist nicht so weitreichend wie in einem Telltale-Spiel, aber es verleiht den Gesprächen Gewicht. Man hört zu, was die anderen sagen, weil die eigene Antwort wichtig sein könnte.

Grafik: Bunt, spacig, beeindruckend
Marvel’s Guardians of the Galaxy ist ein visuelles Fest. Die Entwickler haben sich nicht zurückgehalten – die Umgebungen sind farbenfroh, detailliert und alien in den besten Sinne des Wortes.
Alien-Welten
Das Spiel führt uns zu den unterschiedlichsten Orten. Ein verlassenes Nova Corps-Raumschiff, das von organischem Schleim überwuchert ist. Die neonbeleuchteten Straßen von Knowhere, einer Stadt in einem abgetrennten Himmelskörperkopf. Die düsteren Hallen einer religiösen Festung. Die bunten Dschungel eines lebendigen Planeten.
Jeder Ort hat seine eigene Identität, seine eigene Farbpalette, seine eigene Atmosphäre. Die Art Direction ist mutig und kreativ. Das ist kein generisches Sci-Fi – das ist das Marvel-Kosmos in seiner ganzen verrückten Pracht.
Charakterdesigns
Die Guardians selbst sehen fantastisch aus. Nicht wie ihre MCU-Versionen, aber auch nicht wie direkte Comic-Übersetzungen. Es ist ein eigener Stil, der gut funktioniert. Die Animationen sind lebendig, die Gesichtsausdrücke sind ausdrucksstark, und die Charaktere fühlen sich echt an.
Performance
Auf PlayStation 5 im Leistungsmodus und auf einem Gaming-PC mit RTX 3060 läuft das Spiel flüssig. Die Kämpfe sind effektreich, mit Explosionen, Partikeleffekten und fliegenden Feinden, ohne dass die Performance einbricht. DLSS auf PC hilft, die visuelle Qualität bei hohen Framerates zu halten.

Sound: Der beste Soundtrack seit langem
Wenn es einen Bereich gibt, in dem Guardians of the Galaxy absolut brilliert, dann ist es der Sound. Und das liegt zu einem großen Teil an der Musik.
Die 80er-Hits
Der lizenzierte Soundtrack ist ein Traum für jeden, der mit den Filmen aufgewachsen ist – oder eben mit den 80ern selbst. Rick Astley, Bonnie Tyler, KISS, Iron Maiden, New Kids on the Block, A-ha, Blondie… die Liste geht weiter und weiter.
Diese Songs sind nicht nur Hintergrundmusik. Sie sind in die Handlung eingewoben, in die Kämpfe, in die Cutscenes. Wenn „Never Gonna Give You Up“ während eines emotionalen Moments spielt, ist das kein Meme – es ist ein Statement.
Die Star-Lord Band
Zusätzlich zum lizenzierten Material gibt es ein komplettes Album von der fiktiven Rockband „Star-Lord“ – Peters Lieblingsband, die anscheinend nur er kennt. Diese zehn Original-Songs passen perfekt ins Gesamtbild und klingen authentisch nach 80er-Rock.
Der orchestrale Score
Auch der orchestrale Soundtrack ist filmreif. Er untermalt die epischen Momente, die stillen Charakterszenen, die actionreichen Kämpfe. Die Kombination aus lizenzierter Musik und originalem Score ist hervorragend balanciert.
Synchronisation
Die englische Sprachausgabe ist exzellent. Die Chemie zwischen den Sprechern ist spürbar, die Dialoge sind scharf geschrieben und hervorragend performt. Besonders die Gespräche während der Erkundung – das ständige Geplänkel zwischen den Charakteren – sind ein Highlight.
Und ja: Es gibt eine deutsche Synchronisation, und sie ist gut! Der Humor funktioniert auch auf Deutsch, der Wortwitz kommt rüber. Einziger Wermutstropfen: In manchen Szenen ist die Lippensynchronisation nicht perfekt. Aber das ist ein kleines Problem angesichts der Tatsache, dass es überhaupt eine deutsche Synchro gibt.
Umfang und Spielzeit
Marvel’s Guardians of the Galaxy ist ein story-getriebenes Spiel mit klarer Struktur. Die Kapitel sind linear, mit gelegentlichen Abzweigungen für Sammelobjekte und Geheimnisse.
Die Hauptstory dauert etwa 15 bis 20 Stunden. Wer alle Geheimnisse finden, alle Outfits sammeln und alle Gespräche hören will, kann 25 Stunden oder mehr investieren.
Alternative Outfits sind die Hauptbelohnung für Erkundung. Jeder Guardian hat mehrere freischaltbare Kostüme, von Comic-Klassikern bis zu neuen Designs. Es gibt auch Logfiles und Sammelgegenstände, die zusätzliche Lore bieten.
Der Wiederspielwert liegt in den unterschiedlichen Entscheidungen und der Möglichkeit, andere Dialogoptionen zu wählen. Das ist kein Spiel, das man fünfmal durchspielt, aber ein zweiter Durchgang mit anderen Entscheidungen kann sich lohnen.

Kritikpunkte
Guardians of the Galaxy ist nicht perfekt. Das Kampfsystem, so solide es ist, kann in längeren Abschnitten repetitiv werden. Manchmal wünscht man sich mehr Kontrolle über die anderen Guardians, nicht nur Befehle.
Die Rätsel sind einfach – zu einfach für manche Spieler. Sie unterbrechen das Tempo, ohne wirkliche Herausforderung zu bieten.
Manche Bosskämpfe sind etwas in die Länge gezogen und wiederholen dieselben Muster zu oft.
Die deutsche Synchronisation hat Lippensynchron-Probleme in einigen Cutscenes.
Und schließlich: Es ist ein lineares Spiel. Wer Open-World-Freiheit erwartet, liegt falsch. Das ist kein Kritikpunkt am Spiel selbst, aber eine Erwartungskorrektur.
Fazit
Marvel’s Guardians of the Galaxy ist eine wundervolle Überraschung. Nach der Enttäuschung von Marvel’s Avengers hätte niemand erwartet, dass Square Enix so schnell ein Marvel-Spiel abliefert, das wirklich funktioniert. Aber genau das ist passiert.
Eidos Montréal hat verstanden, was die Guardians of the Galaxy ausmacht: Es ist nicht nur die Action, nicht nur die Komik, nicht nur die Musik. Es ist die Familie. Diese fünf völlig unterschiedlichen Außenseiter, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen und füreinander sterben würden. Diese chaotische, dysfunktionale, wunderbare Familie.
Das Spiel fängt diese Dynamik perfekt ein. Die Dialoge sind brillant, der Humor trifft, die emotionalen Momente berühren. Die Geschichte ist überraschend gut erzählt, die Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet, und der Soundtrack ist ein absoluter Traum.
Ja, das Kampfsystem könnte tiefer sein. Ja, die Rätsel könnten anspruchsvoller sein. Aber das, was Guardians of the Galaxy sein will – ein story-getriebenes Action-Adventure mit Herz und Humor – macht es verdammt gut.
Wer den Soundtrack und den Humor der Filmvorlage schätzt, kommt voll auf seine Kosten. Wer die Comics kennt, wird die tieferen Referenzen genießen. Und wer die Guardians noch nicht kennt? Wird sie lieben lernen.
Ich bin Groot.
Bewertung: 8.5/10
Stärken:
- Herausragende Charakterdynamik und Dialoge
- Brillanter lizenzierter 80er-Jahre-Soundtrack
- Humor, der tatsächlich funktioniert
- Emotional packende Story mit überraschender Tiefe
- Huddle Up-Feature ist genial
- Visuell beeindruckende Alien-Welten
- Gute deutsche Synchronisation vorhanden
- Star-Lord Band als Bonus-Album
- Teambasiertes Kampfsystem mit strategischer Tiefe
- Alternative Outfits als Sammelbelohnung
- Filmreifer orchestraler Score
- 15-25 Stunden Spielzeit
Schwächen:
- Kampfsystem kann repetitiv werden
- Rätsel sind zu einfach
- Nur Star-Lord spielbar, keine anderen Charaktere
- Lippensynchron-Probleme in deutscher Fassung
- Manche Bosskämpfe etwas langatmig
- Lineares Spieldesign ohne Open World
Technische Daten:
- Entwickler: Eidos Montréal
- Publisher: Square Enix
- Genre: Action-Adventure
- Plattformen: PlayStation 5, PlayStation 4, Xbox Series X/S, Xbox One, PC, Nintendo Switch (Cloud)
- Release: 26. Oktober 2021
- Engine: Proprietär
- Setting: Marvel-Kosmos (eigenes Universum, nicht MCU)
- Protagonist: Peter Quill / Star-Lord
- Spielzeit: 15-25 Stunden
- Altersfreigabe: USK 12


