Die PlayStation 5 ist da, und mit ihr ein neuer Spider-Man. Nicht Peter Parker diesmal, sondern sein Schützling Miles Morales. Marvel’s Spider-Man: Miles Morales ist kein vollwertiger Nachfolger des herausragenden Originals von 2018, sondern ein eigenständiges Spin-off – vergleichbar mit Uncharted: The Lost Legacy. Kürzer, fokussierter, aber mit eigenem Charakter.
Insomniac Games nutzt den PS5-Launch, um uns Miles‘ erste Solo-Mission zu präsentieren. Der Teenager aus Brooklyn, den wir im ersten Teil kennengelernt haben, muss nun beweisen, dass er bereit ist, die Spinnenmaske allein zu tragen. Und Harlem – sein Zuhause – braucht einen Helden.
Story: Harlems neuer Beschützer
Die Geschichte setzt etwa ein Jahr nach den Ereignissen des ersten Spiels an. Peter Parker hat Miles unter seine Fittiche genommen und ihm das Superhelden-Handwerk beigebracht. Doch nun muss Peter für einige Wochen verreisen – ein Urlaub mit MJ, der erste seit… nun ja, seit sie sich wieder vertragen. Das bedeutet: Miles ist auf sich allein gestellt. New York liegt in seiner Verantwortung.
Ein persönlicher Konflikt
Die Handlung wird schnell persönlich. Miles‘ Mutter Rio kandidiert für den Stadtrat und kämpft für bessere Bedingungen in Harlem. Die Roxxon Energy Corporation, ein skrupelloser Mega-Konzern, will ein neues Kraftwerk im Viertel errichten, das angeblich saubere Energie liefern soll. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die neue Energiequelle – genannt Nuform – ist instabil und gefährlich.
Gleichzeitig taucht eine neue Bedrohung auf: der Underground. Diese High-Tech-Verbrecherorganisation wird von einer mysteriösen Figur namens Tinkerer angeführt, die es auf Roxxon abgesehen hat. Miles gerät zwischen die Fronten eines Konflikts, der sein Zuhause zu zerstören droht.
Vergangenheit und Gegenwart
Die Geschichte wird komplexer, als Miles‘ Vergangenheit ihn einholt. Sein verstorbener Vater, Jefferson Davis, ein Polizist, der im ersten Spiel starb, wirft lange Schatten. Und dann ist da noch Phin – Phineas Mason – Miles‘ beste Freundin aus Kindertagen, mit der er den Kontakt verloren hat. Ihre Wege kreuzen sich erneut, und die Wahrheit über ihre Verbindung ist… kompliziert.
Ohne zu viel zu spoilern: Die Geschichte handelt von Verlust, von Wut, von der Frage, was einen Helden ausmacht. Sie ist persönlicher und intimer als Peters Abenteuer, fokussiert auf ein Viertel statt auf die ganze Stadt, auf eine Community statt auf globale Bedrohungen. Das macht sie nicht kleiner – es macht sie menschlicher.
Miles als Protagonist
Miles ist ein anderer Spider-Man als Peter. Jünger, unsicherer, noch auf der Suche nach seiner Identität. Er macht Fehler. Er zweifelt an sich. Er fragt sich, ob er bereit ist, ob er gut genug ist. Diese Verletzlichkeit macht ihn sympathisch und nachvollziehbar.
Die Beziehung zu seiner Mutter ist ein emotionaler Anker. Rio Morales ist eine starke Figur – liebevoll, aber auch fordernd. Sie weiß nicht, dass ihr Sohn Spider-Man ist, und diese Geheimhaltung belastet Miles. Die Szenen zwischen Mutter und Sohn gehören zu den besten des Spiels.
Gameplay: Vertrautes mit neuem Twist
Das Gameplay basiert auf dem soliden Fundament des Vorgängers. Das Schwingen durch New York fühlt sich genauso fantastisch an wie zuvor – flüssig, dynamisch, befriedigend. Wer den ersten Teil gespielt hat, wird sich sofort zu Hause fühlen.
Miles‘ einzigartige Kräfte
Der große Unterschied liegt in Miles‘ einzigartigen Fähigkeiten. Anders als Peter hat Miles zwei besondere Kräfte, die das Gameplay signifikant verändern.
Die Bioelektrizität – genannt Venom (nicht zu verwechseln mit dem Symbionten) – erlaubt Miles, elektrische Angriffe auszuführen. Venom Punch, Venom Jump, Venom Smash – diese Fähigkeiten laden sich während des Kampfes auf und können für verheerende Effekte eingesetzt werden. Ein Venom Punch schleudert Gegner durch die Luft und betäubt sie. Ein Venom Jump katapultiert Miles in die Höhe und schockt alle in der Nähe. Diese Angriffe fühlen sich mächtig an und fügen dem Kampfsystem eine neue Dimension hinzu.
Die Tarnung ist Miles‘ zweite Spezialfähigkeit. Er kann sich unsichtbar machen – nicht für immer, aber lang genug, um sich neu zu positionieren, Feinden zu entkommen oder Stealth-Angriffe auszuführen. Das eröffnet neue taktische Möglichkeiten. Man kann mitten im Kampf verschwinden, sich hinter einem Gegner materialisieren und zuschlagen. Oder man kann ganze Abschnitte unsichtbar durchqueren, ohne einen einzigen Feind zu berühren.
Das Kampfsystem
Das Kampfsystem selbst bleibt dem Original treu – Angriff, Ausweichen, Gadgets, Finisher. Aber die Venom-Kräfte verändern das Feeling. Miles kämpft anders als Peter. Schneller, akrobatischer, mit elektrischen Entladungen, die durch die Gegner zucken. Die Kämpfe fühlen sich frisch an, auch wenn die Grundlagen vertraut sind.
Die Gadgets sind reduziert im Vergleich zum Original. Miles hat weniger Spielzeug zur Verfügung als Peter, was zu seinem Status als noch lernender Held passt. Aber die vorhandenen Gadgets – Holo-Drohne, Gravitätsmine, Fernsteuerungsmine – sind effektiv und ergänzen sein Moveset gut.
Stealth-Optionen
Dank der Tarnung sind Stealth-Abschnitte wesentlich flexibler als im ersten Teil. Wenn man entdeckt wird, ist das kein automatischer Fehlschlag – man kann einfach verschwinden und es erneut versuchen. Das macht Stealth weniger frustrierend und mehr zu einer echten Option, nicht zu einer Pflicht.
Die Feind-Basen – ein Kritikpunkt des Originals wegen ihrer Repetitivität – sind zurück, aber dank der Tarnung abwechslungsreicher spielbar. Man kann aggressiv vorgehen oder leise, und die Übergänge sind fließend.
Grafik: Die Macht der PS5
Marvel’s Spider-Man: Miles Morales ist ein Launch-Titel für die PS5 und zeigt eindrucksvoll, was die neue Konsole kann.
Raytracing und 60 FPS
Das Spiel bietet zwei Grafikmodi: Fidelity und Performance. Der Fidelity-Modus liefert native 4K-Auflösung mit Raytracing bei 30 FPS. Das Raytracing ist beeindruckend – Reflexionen in Fenstern, auf nassen Straßen, in Pfützen. New York spiegelt sich in sich selbst, und das sieht fantastisch aus.
Der Performance-Modus liefert 60 FPS bei dynamischer 4K-Auflösung. Das Schwingen fühlt sich damit noch flüssiger an, noch reaktionsschneller. Die meisten Spieler werden den Performance-Modus bevorzugen, weil das Gameplay davon so stark profitiert.
Ein späterer Patch fügte einen Performance RT-Modus hinzu, der 60 FPS mit Raytracing kombiniert – das Beste aus beiden Welten, wenn auch mit leichten Kompromissen bei der Auflösung.
Winter in New York
Die Spielwelt ist dieselbe wie im Original – Manhattan –, aber sie erstrahlt in neuem Gewand. Das Spiel ist zur Weihnachtszeit angesiedelt, und New York ist schneebedeckt. Schneeflocken fallen, Lichter blinken, die Stadt strahlt festliche Atmosphäre aus.
Diese winterliche Kulisse verändert das Feeling des Spiels. Es ist kälter, gemütlicher, intimer. Die Sonnenuntergänge über dem verschneiten Central Park sind atemberaubend. Die nächtliche Skyline, erleuchtet von Weihnachtsbeleuchtung, ist magisch.
Harlem im Fokus
Besondere Aufmerksamkeit wurde Harlem gewidmet, Miles‘ Heimatviertel. Die Entwickler haben eng mit kulturellen Beratern zusammengearbeitet, um das Viertel authentisch darzustellen. Die Wandmalereien, die Geschäfte, die Menschen – alles fühlt sich echt an, lebendig, respektvoll dargestellt.
Miles ist nicht nur ein Held für New York. Er ist ein Held für Harlem. Und das Spiel zeigt, warum das wichtig ist.
Ladezeiten
Dank der SSD der PS5 sind die Ladezeiten praktisch nicht existent. Von der Hauptmenü-Auswahl bis ins Spiel vergehen Sekunden. Schnellreise ist instantan. Das ist ein Game-Changer für Open-World-Spiele und zeigt das Potenzial der neuen Generation.
Sound: Der Beat von Harlem
Akustisch setzt Miles Morales eigene Akzente.
Der Soundtrack
Der Soundtrack unterscheidet sich deutlich vom Original. Weniger orchestral, mehr Hip-Hop-Einflüsse, passend zu Miles‘ Charakter und seiner Herkunft. Die Musik von John Paesano (der auch den Vorgänger komponierte) integriert Beats und Rhythmen, die zu Miles passen.
Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit Jaden – ja, der Jaden Smith. Sein Song „I’m Ready“ untermalt eine der emotionalsten Szenen des Spiels und passt perfekt zum Moment.
Synchronisation
Die englische Synchronisation ist exzellent. Nadji Jeter, der Miles seit dem ersten Spiel spricht, liefert eine emotionale, authentische Performance. Man spürt Miles‘ Unsicherheit, seine Hoffnung, seinen Schmerz. Jacqueline Pinol als Rio Morales ist ebenfalls herausragend.
Eine deutsche Synchronisation gibt es leider nicht – nur deutsche Untertitel. Das ist schade, mindert aber nicht die Qualität der englischen Darbietung.
DualSense-Features
Der DualSense-Controller der PS5 wird clever eingesetzt. Man spürt das Spannen der Spinnenweben in den adaptiven Triggern. Das haptische Feedback vermittelt unterschiedliche Oberflächen, Einschläge, elektrische Entladungen. Es sind subtile Details, aber sie erhöhen die Immersion merklich.

Umfang: Qualität über Quantität
Hier kommen wir zum kontroversesten Punkt: der Länge. Marvel’s Spider-Man: Miles Morales ist kurz. Die Hauptstory dauert etwa sieben bis acht Stunden. Mit allen Nebenaktivitäten – Sammelobjekte, Verbrechen, Basen, Herausforderungen – kommt man auf vielleicht 15 bis 18 Stunden.
Ist das genug?
Das ist deutlich weniger als das Original, das 20 bis 40 Stunden bot. Manche werden enttäuscht sein. Andere werden argumentieren, dass die Qualität stimmt und das Spiel keine Füller hat.
Ich tendiere zur zweiten Meinung. Miles Morales ist straff erzählt, ohne Durchhänger, ohne repetitive Abschnitte, die sich ewig ziehen. Es weiß, was es sein will, und liefert das ab. Wer ein 40-Stunden-Epos erwartet, liegt falsch. Wer ein fokussiertes, poliertes Erlebnis sucht, ist hier richtig.
Der Preis spiegelt das wider – das Spiel erschien günstiger als ein Vollpreis-Titel. Das ist fair.
New Game Plus
Für Wiederspieler gibt es New Game Plus mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad und die Möglichkeit, alle freigeschalteten Anzüge und Fähigkeiten zu behalten. Das motiviert zu einem zweiten Durchgang, besonders wenn man alle Herausforderungen auf Gold meistern will.
Kritikpunkte
Bei aller Begeisterung gibt es Kritikpunkte.
Die kurze Spielzeit ist für manche ein Problem, auch wenn ich sie als fokussiert empfinde.
Die Nebenaktivitäten sind bekannt und nicht revolutionär. Verbrechercamps, Sammelobjekte, Herausforderungen – wer das Original gespielt hat, kennt das alles.
Die fehlende deutsche Synchronisation ist schade, besonders für ein Spiel, das so stark von seinen Charakteren lebt.
Manche Bosskämpfe sind etwas kurz und hätten mehr Phasen vertragen können.
Und schließlich: Es ist kein vollwertiger Nachfolger. Wer Spider-Man 2 erwartet, wird enttäuscht. Es ist ein Spin-off, ein Appetizer, eine Brücke. Das ist keine Kritik am Spiel selbst, aber an falschen Erwartungen.
Fazit
Marvel’s Spider-Man: Miles Morales ist ein hervorragendes Spin-off, das zeigt, was die PS5 kann, und gleichzeitig einen neuen Helden ins Rampenlicht stellt. Miles ist ein würdiger Träger der Spinnenmaske – jung, unsicher, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Seine Geschichte ist persönlicher und intimer als Peters, sein Kampfstil frischer und dynamischer.
Ja, das Spiel ist kurz. Ja, es ist kein vollwertiger Nachfolger. Aber das, was es ist – ein fokussiertes, poliertes, emotional packendes Superhelden-Abenteuer – macht es verdammt gut. Die PS5-Features sind beeindruckend implementiert, die winterliche Atmosphäre ist wunderschön, und Miles‘ Bioelektrizität und Tarnung bringen frischen Wind ins bewährte Gameplay.
Für PS5-Launch-Käufer ist Miles Morales ein Pflichttitel, der die neue Hardware zur Geltung bringt. Für Spider-Man-Fans ist es eine willkommene Erweiterung des Universums. Für alle anderen ist es ein kompaktes, hochwertiges Superhelden-Spiel, das seine Zeit nicht verschwendet.
Miles Morales ist bereit. Und Harlem hat seinen Helden gefunden.
Bewertung: 8.5/10
Stärken:
- Miles als sympathischer, nachvollziehbarer neuer Protagonist
- Persönliche, emotionale Geschichte über Verlust und Identität
- Venom-Kräfte und Tarnung bringen frischen Wind ins Kampfsystem
- Beeindruckende PS5-Grafik mit Raytracing und 60 FPS-Option
- Winterliches New York ist atmosphärisch wunderschön
- Harlem authentisch und respektvoll dargestellt
- Praktisch keine Ladezeiten dank SSD
- Clevere DualSense-Integration
- Fokussierte Erzählung ohne Füller
- Hip-Hop-beeinflusster Soundtrack passt zu Miles
- Exzellente englische Synchronisation
Schwächen:
- Kurze Spielzeit (7-18 Stunden je nach Spielweise)
- Nebenaktivitäten sind bekannt und nicht revolutionär
- Keine deutsche Synchronisation
- Manche Bosskämpfe etwas kurz
- Kein vollwertiger Nachfolger, sondern Spin-off
Technische Daten:
- Entwickler: Insomniac Games
- Publisher: Sony Interactive Entertainment
- Genre: Action-Adventure / Open World
- Plattformen: PlayStation 5, PlayStation 4
- Release: 12. November 2020 (PS5-Launch)
- Engine: Proprietär (Insomniac Engine)
- Setting: New York City / Harlem (Weihnachtszeit)
- Protagonist: Miles Morales
- Spielzeit: 7-18 Stunden
- Altersfreigabe: USK 12




