Myrient

Myrient schließt: 390 Terabyte Spielegeschichte gehen Ende März offline

Eines der größten Spielearchive im Internet macht dicht. Myrient, eine gemeinnützige Plattform mit über 390 Terabyte an archivierten Videospielen, wird am 31. März 2026 abgeschaltet. Der Betreiber nennt mehrere Gründe: explodierende Serverkosten, steigende Speicherpreise durch den KI-Boom und den systematischen Missbrauch der Plattform durch kommerzielle Download-Manager. Die Discord- und Telegram-Kanäle bleiben erhalten, doch die eigentliche Archivfunktion verschwindet unwiederbringlich.

Was ist Myrient?

Myrient war mehr als eine simple ROM-Sammlung. Die Plattform verstand sich als ernsthaftes Werkzeug zur Spieleerhaltung und unterschied sich durch ihren kuratierten Ansatz von anderen Archiven. Jedes hochgeladene Spiel wurde gegen Prüfsummen bekannter guter Kopien verifiziert, um die Integrität der Daten sicherzustellen. Die Sammlung umfasste Abbilder von Arcade-Automaten, Konsolenklassikern, BIOS-Dateien und obskuren Titeln, die auf keiner modernen Plattform mehr erhältlich sind.

Die Plattform bot schnelle Downloads ohne Werbung, ohne Wartezeiten zwischen Dateien und ohne Begrenzung gleichzeitiger Downloads. Diese Nutzerfreundlichkeit machte Myrient zur ersten Anlaufstelle für Retroenthusiasten, Branchenhistoriker und Emulationsprojekte. In einer Zeit, in der digitale Shops wie der 3DS-eShop oder der Xbox 360 Store geschlossen werden und Publisher ältere Titel jederzeit aus dem Verkauf nehmen können, erfüllte Myrient eine Funktion, die kein kommerzieller Anbieter übernimmt.

Die Gründe für die Schließung

In einem Statement auf Telegram und Discord erklärte der Betreiber die Hintergründe. Das Hauptproblem war finanzieller Natur. Während der Traffic auf der Seite stetig wuchs, blieben die Spendeneinnahmen konstant. Um die Differenz zu decken, zahlte der Betreiber zuletzt über 6.000 US-Dollar pro Monat aus eigener Tasche, was auf Dauer nicht tragbar war.

Verschärft wurde die Situation durch den massiven Anstieg der Speicherpreise seit September 2025. RAM, SSDs und Festplatten sind durch den Ausbau der KI-Infrastruktur weltweit knapp geworden. Rechenzentren für künstliche Intelligenz verschlingen enorme Mengen an Speicherkapazität, was die Preise für alle anderen Abnehmer in die Höhe treibt. Der deutsche Hosting-Anbieter Hetzner etwa erhöht seine Preise zum 1. April um bis zu 37 Prozent. Für ein Archiv mit 390 Terabyte Daten sind solche Steigerungen existenzbedrohend.

Ein dritter Faktor war der Missbrauch durch spezialisierte Download-Manager. In den vergangenen Monaten erschienen Programme, die Myrients Schutzmechanismen umgingen, die Spendenaufrufe ausblendeten und teilweise sogar eigene Bezahlschranken für Funktionen einrichteten, die eigentlich kostenlos waren. Diese kommerzielle Nutzung war laut den Nutzungsbedingungen ausdrücklich verboten. Der Betreiber bezeichnet dieses Verhalten als „nicht länger tolerierbar“.

Die Folgen für die Spieleerhaltung

Mit Myrient verschwindet eine Ressource, die sich nicht ohne Weiteres ersetzen lässt. Zwar existieren andere Archive wie Archive.org, doch Myrient zeichnete sich durch seine Qualitätskontrolle und Geschwindigkeit aus. Viele der archivierten Titel sind nirgendwo sonst verfügbar, weder in Retro-Sammlungen noch auf modernen Plattformen.

Das Problem betrifft nicht nur offensichtliche Klassiker. Zahlreiche Spiele können aus Lizenzgründen nicht neu aufgelegt werden. Der Agenten-Shooter No One Lives Forever ist ein bekanntes Beispiel: Seit Jahren versuchen Interessierte vergeblich, den Rechteinhaber ausfindig zu machen. Alle involvierten Parteien scheuen eine Neuveröffentlichung, um mögliche Ansprüche zu vermeiden. Für solche Titel sind Archive wie Myrient oft die einzige Möglichkeit, sie überhaupt noch zu spielen.

Studien zeigen, dass PC-Spieler im Vergleich zu Konsolenspielern überproportional oft auf ältere Titel zurückgreifen. Die Plattform dient traditionell als Refugium für Retro-Gaming, und Archive spielen dabei eine zentrale Rolle. Mit jedem Archiv, das schließt, schrumpft das zugängliche kulturelle Gedächtnis der Spielebranche.

Die rechtliche Grauzone

Die Schließung von Myrient dürfte bei Publishern und Rechteinhabern kaum für Trauer sorgen. Archive wie Myrient operieren in einer rechtlichen Grauzone. Sie sammeln Spieleabbilder ohne Erlaubnis der Rechteinhaber, auch wenn viele dieser Titel längst nicht mehr verkauft werden. Aus Sicht der Industrie handelt es sich um Urheberrechtsverletzungen, unabhängig davon, ob die Spiele noch kommerziell verfügbar sind.

Diese Position steht im Konflikt mit den Interessen der Spieleerhaltung. Wenn ein Publisher ein Spiel aus dem Verkauf nimmt und keine legale Möglichkeit bietet, es zu erwerben, bleibt nur das Archiv. Die Abwägung zwischen Urheberrecht und kultureller Bewahrung ist komplex und wird von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt. In der Praxis führt sie dazu, dass Archive wie Myrient stets unter dem Damoklesschwert rechtlicher Schritte operieren.

Dass Myrient nicht durch eine Klage, sondern durch finanzielle Erschöpfung fällt, ist dabei fast ironisch. Die steigenden Betriebskosten erledigen, was Rechtsstreitigkeiten bisher nicht geschafft haben.

Der KI-Boom als unerwarteter Faktor

Der Zusammenhang zwischen künstlicher Intelligenz und der Schließung eines Spielearchivs mag auf den ersten Blick überraschen, ist aber direkt. Die Trainingscluster für große Sprachmodelle und Bildgeneratoren verschlingen enorme Mengen an Arbeitsspeicher und Speichermedien. Die Nachfrage übersteigt das Angebot, was die Preise für alle Abnehmer nach oben treibt.

Myrient ist dabei kein Einzelfall. Die gesamte Branche spürt die Auswirkungen. Festplattenpreise sind seit September 2025 im Schnitt um 46 Prozent gestiegen. Japanische Händler haben Bestellungen für Desktop-PCs teilweise ausgesetzt, weil Speicherkomponenten nicht lieferbar sind. Was als abstraktes Marktphänomen erscheint, hat konkrete Konsequenzen für Projekte, die auf günstige Infrastruktur angewiesen sind.

Gemeinnützige Projekte trifft diese Entwicklung besonders hart. Sie haben weder die Ressourcen großer Unternehmen noch die Möglichkeit, steigende Kosten an Kunden weiterzugeben. Wenn ein Hobbyprojekt plötzlich 6.000 Dollar monatlich aus eigener Tasche erfordert, ist das Ende absehbar.

Was bleibt

Die Discord- und Telegram-Kanäle von Myrient bleiben nach der Schließung der Website bestehen. Dort wollen sich Retroenthusiasten und digitale Archivare weiterhin organisieren, um Spieleerhaltung auf anderen Wegen fortzuführen. Es ist ein schwacher Trost, aber auch ein Zeichen dafür, dass die Community hinter solchen Projekten nicht mit einer Website verschwindet.

Bis zum 31. März haben Nutzer noch Zeit, Inhalte herunterzuladen, die sie für wichtig halten. Bei 390 Terabyte Daten ist das eine gewaltige Aufgabe, die schnelle Internetverbindungen und erhebliche Speicherkapazität erfordert. Realstisch werden nur Bruchteile des Archivs gerettet werden können.

Myrient war eines der bedeutendsten Spielearchive im Internet. Sein Ende verdeutlicht, wie fragil das digitale Erbe der Spielebranche ist. Videospiele sind Kulturgut, entstanden durch Leidenschaft und Arbeit. Jeder Titel, der in der Versenkung verschwindet, hinterlässt eine Lücke, die sich im Nachhinein kaum füllen lässt.

Häufig gestellte Fragen

Wann schließt Myrient?

Myrient wird am 31. März 2026 abgeschaltet. Bis dahin bleibt die Seite in ihrem aktuellen Zustand verfügbar, sodass Nutzer noch Inhalte herunterladen können.

Warum schließt Myrient?

Der Betreiber nennt drei Hauptgründe: unzureichende Spendeneinnahmen bei steigendem Traffic, explodierende Speicherpreise durch den KI-Boom und Missbrauch durch kommerzielle Download-Manager, die Inhalte hinter Bezahlschranken anboten.

Wie groß war das Myrient-Archiv?

Myrient umfasste über 390 Terabyte an Spieledaten, darunter Abbilder von Arcade-Automaten, Konsolenklassikern und BIOS-Dateien verschiedener Systeme.

Gibt es Alternativen zu Myrient?

Archive.org ist die bekannteste Alternative, bietet aber nicht dieselbe Kuration und Geschwindigkeit. Die Myrient-Community organisiert sich weiterhin auf Discord und Telegram, um Spieleerhaltung auf anderen Wegen fortzuführen.

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