Pokemon Schwert Schild

Pokémon Schwert und Schild im Test – Die achte Generation auf der Nintendo Switch

Willkommen in Galar — und mitten in eine Kontroverse

Kaum eine Pokémon-Generation ist so gespalten angekommen wie die achte. Noch bevor Pokémon Schwert und Schild im November 2019 erschienen, tobte in der Community ein Sturm: Game Freak hatte bestätigt, dass nicht alle bekannten Pokémon ins Spiel übernommen werden — der nationale Pokédex, jahrzehntelang ein selbstverständliches Versprechen der Serie, wurde gestrichen. „Dexit“, wie die Fangemeinde das Phänomen taufte, wurde zum Symbol einer breiteren Enttäuschung über vermeintlich ausbleibende Qualitätssprünge trotz neuer Hardware.

Lässt man die Vorwürfe jedoch einmal beiseite und startet das Spiel: Galar empfängt einen mit einem der charmantesten Pokémon-Settings seit Jahren. Die Region ist sichtbar von Großbritannien inspiriert — von den sanften Hügeln der englischen Landschaft über gotische Industriestädte bis hin zu nebelverhangenen Moorlandschaften. Das ist kein generisches Fantasy-Nirgendwo, sondern ein kohärentes Bild mit eigenem Charakter. Und das ist letztlich die passendste Zusammenfassung für Schwert und Schild insgesamt: Es ist ein Pokémon-Spiel mit echtem Charakter — und echten Schwächen.


Story: Sport ist Trumpf

Pokémon war noch nie für tiefgründige Erzählungen bekannt, aber die achte Generation hat zumindest einen interessanten Grundansatz: In Galar ist der Pokémon-Kampf kein Abenteuer im stillen Kämmerlein, sondern Nationalsport. Arenaführer sind Popstars und Athleten, Kämpfe werden live übertragen, Fans jubeln auf den Rängen. Das gibt der klassischen Arenareise zum ersten Mal ein glaubwürdiges kulturelles Fundament — man fühlt, dass Pokémon in dieser Welt wirklich etwas bedeutet.

Die eigentliche Handlung rund um den amtierenden Champion Leon, den Rivalen Hop und die mysteriösen Dynamax-Phänomene ist jedoch dünn. Die Antagonisten — Rune und Oleander — bleiben blass, ihre Motivation kaum nachvollziehbar. Das Tempo der Geschichte ist hoch, die emotionalen Momente kommen und gehen, bevor sie wirken können. Wer auf eine packende Erzählung hofft wie zuletzt in Pokémon Schwarz und Weiß, wird enttäuscht. Wer einfach Pokémon spielen will, stört sich kaum daran.

Hinzu kommt: Das Spiel ist auf einem niedrigen Schwierigkeitsgrad ausbalanciert. Wer nicht gezielt auf Handicaps setzt, wird die gesamte Arenastruktur weitgehend ohne Verluste durchmarschieren. Das ist kein neues Problem der Serie, aber es hat sich seit Pokémon X und Y weiter akzentuiert.

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Wildnis-Areal: Der mutigste Schritt der Generation

Der unbestreitbar größte Fortschritt in Schwert und Schild ist das Wildnis-Areal — eine ausgedehnte Open-World-Zone in der Mitte Galars, die frei erkundet werden kann und in der Pokémon aller Entwicklungsstufen sichtbar in der Umgebung herumlaufen, statt unsichtbar im Gras zu lauern. Das ist ein lange überfälliger Schritt für die Serie, und er fühlt sich richtig an.

Im Wildnis-Areal wechselt das Wetter dynamisch und beeinflusst, welche Pokémon auftauchen. Schneeregen bringt andere Begegnungen als strahlender Sonnenschein — das gibt dem Erkunden einen echten Anreiz. Dazu verteilt sind Brut-Punkte, Beeren und Feld-Items, die zum Herumstreifen einladen.

Die Kehrseite: Außerhalb des Wildnis-Areals läuft Schwert und Schild in gewohnt linearen Pfaden ab. Die restliche Galar-Region ist in Korridor-Manier gestaltet — enge Routen, klare Wegführung, wenig Raum für eigene Entfaltung. Das Wildnis-Areal ist damit eine Insel der Freiheit in einem ansonsten stark geführten Erlebnis. Für eine Generation, die auf der leistungsstärksten tragbaren Nintendo-Hardware aller Zeiten erscheint, hätte man sich mehr davon erhofft.


Dynamax, Gigadynamax und Raids: Das neue Kampf-Herzstück

Die große Mechanik-Neuerung der achten Generation ist Dynamax: Im Kampf können Pokémon vorübergehend gigantische Ausmaße annehmen, erhalten verstärkte Attacken und massiv erhöhte KP. Bestimmte Pokémon können zusätzlich Gigadynamax annehmen — eine besondere Form mit verändertem Aussehen und exklusiven Attacken.

Im Einzelspieler-Kontext wirkt Dynamax als reines Machtmittel, das die ohnehin niedrige Schwierigkeit weiter senkt. Im Multiplayer entfaltet die Mechanik jedoch ihre eigentliche Stärke: Raid-Kämpfe im Wildnis-Areal ermöglichen es, gemeinsam mit bis zu drei anderen Spielern gegen Dynamax-Pokémon anzutreten. Diese Raids sind die interessanteste neue Multiplayer-Aktivität der Serie seit Langem — und der Grund, warum das Spiel online eine bemerkenswert lebendige Community entwickelte.

Game Freak hat die Raids regelmäßig mit zeitlich begrenzten Ereignissen bestückt: seltene Pokémon, exklusive Gigadynamax-Formen, besondere Belohnungen. Wer diese Inhalte nicht zum richtigen Zeitpunkt erlebt, verpasst sie dauerhaft — ein klassisches Beispiel für FOMO-Mechaniken, die im Kontext eines Live-Service-orientierten Online-Betriebs immer häufiger Einzug in die Serie halten. Ob das zur Pokémon-Philosophie passt, sei dahingestellt.


Neues aus Galar: Die Pokémon der achten Generation

Schwert und Schild führen rund 80 neue Pokémon ein — keine Rekordzahl, aber eine solide und stilistisch stimmige Auswahl. Das Design orientiert sich stark an britischer Kultur und Fauna: Schaf-Pokémon mit Woll-Motiven, hundeähnliche Kreaturen in Rugby-Ausrüstung, ein Pokémon, das aussieht wie eine wandelnde Teekanne. Das klingt absurder, als es ist — der charmante Blödsinn gehört seit jeher zur DNA der Serie, und Galar liefert ihn zuverlässig.

Besonders gelungen sind die Galar-Formen bekannter Pokémon, die alte Lieblinge in neuem Kontext zeigen: Galar-Ponita als mystisches Einhorn, Galar-Evoli-Formen mit interessanten Typ-Kombinationen. Legendäre Pokémon — Zacian und Zamazenta in Schwert beziehungsweise Schild — sind designtechnisch stark, spielmechanisch aber erst spät zugänglich.

Das bleibt die offene Wunde: Der gestrichene nationale Pokédex. Wer liebgewonnene Pokémon aus früheren Generationen mitbringen wollte, wird abgewiesen — zumindest in der Basis-Version ohne Erweiterungspass. Die Begründung, höhere Grafikstandards auf der Switch erforderten diesen Kompromiss, wurde durch öffentliche Sichtungen weitgehend identischer Animationen aus älteren Spielen wenig überzeugend. Game Freak hat damit einen Vertrauensbruch mit einem Teil der langjährigen Community riskiert, der nachwirkt.


Erweiterungspass: Mehr Galar für Aufpreis

Schwert und Schild wurden durch zwei große DLC-Pakete erweitert: Die Insel der Rüstung und die Schneelande der Krone, zusammengefasst im Erweiterungspass. Beide Pakete fügen neue Gebiete, Pokémon und Geschichten hinzu — und beheben einen Teil der Kritik an der Basis-Version, indem sie deutlich mehr Wildnis-Areal-artiges Terrain bieten.

Der Erweiterungspass ist auch deshalb relevant, weil er nachträglich viele der fehlenden Pokémon zurückbrachte — zumindest einen Großteil des Pokédex. Das milderte die Dexit-Debatte etwas, löste sie aber nicht: Wer vollständige Inhalte will, muss zusätzlich zahlen. Wer sich fragt, ob die Erweiterter-Pass- oder Complete-Edition-Variante die richtige Wahl ist — wer heute einsteigt, greift am besten zur Version inklusive Erweiterungspass.


Online: Tauschen, Kämpfen, Erkunden

Die Online-Funktionen von Schwert und Schild sind für Pokémon-Verhältnisse bemerkenswert ausgebaut. Raids lassen sich plattformübergreifend mit Freunden und Fremden bestreiten, der Y-Comm ermöglicht schnelle Tausch- und Kampfanfragen weltweit. Die Integration ist flüssiger als in vorherigen Generationen, erfordert aber eine Nintendo Switch Online-Mitgliedschaft.

Kompetitives Spielen hat in Schwert und Schild durch den Rennsport-Ansatz der Story und gut zugängliche EVs und IVs einen neuen Einstiegspunkt bekommen. Wer tiefer einsteigen möchte, findet ein vollständiges Fundament für den Online-Wettkampf.


Präsentation: Fortschritt mit Abstrichen

Optisch macht Schwert und Schild vieles richtig — und einiges nicht. Die Arenen sind wirklich beeindruckend: ausgewachsene Stadien mit animierten Zuschauern, dramatischen Lichtshows und einer Atmosphäre, die den Sport-Ansatz der Geschichte visuell einlöst. Charaktermodelle sind detaillierter als in allen vorherigen Pokémon-Spielen. Im TV-Modus macht Galar sichtbar mehr her als alles, was die Serie zuvor zu bieten hatte.

Das Wildnis-Areal hingegen offenbart die Grenzen: Leblose Bäume, flache Texturen, Pop-in bei Pokémon in der Nähe. Das ist der Bereich, in dem die Debatte über die angeblich aufwändigen Switch-Grafiken am deutlichsten konterkariert wird — und es ist tatsächlich schwer zu ignorieren.

Der Soundtrack hingegen ist einer der stärksten der gesamten Serie. Toby Fox — bekannt durch Undertale — steuerte mehrere Tracks bei, darunter die Arenakampf-Musik, die zu den einprägsamsten Videospiel-Kompositionen des Jahres 2019 gehört. Auch der Rest des Soundtracks trägt das dynamische, situationsangepasste Prinzip konsequent durch: Die adaptive Musik wechselt nahtlos zwischen ruhiger Erkundung, angespannten Begegnungen und triumphalen Kampf-Eskalationen. Das ist audiovisuelles Handwerk auf höchstem Niveau.


Post-Game und Wiederspielwert

Das Post-Game von Schwert und Schild fällt mager aus. Nach dem Abspann gibt es eine kurze zusätzliche Geschichte rund um den Pokédex-Vervollständiger, eine handvoll Rematches und den kontinuierlichen Raids-Betrieb — das war es im Wesentlichen. Wer auf ausgedehnte Post-Game-Inhalte wie in früheren Generationen hofft, wird enttäuscht. Erst der Erweiterungspass schafft hier spürbare Abhilfe.

Der Wiederspielwert ergibt sich hauptsächlich aus der kompetitiven Community, dem Shiny-Hunting im Wildnis-Areal und dem Sammeltrieb — klassische Pokémon-Motivatoren, die auch in der achten Generation funktionieren. Wer jedoch ausschließlich Story und Hauptspiel als Maßstab nimmt, ist nach 20 bis 30 Stunden durch.


Fazit

Pokémon Schwert und Schild sind keine schlechten Spiele — sie sind komfortable, charmante und oft unterhaltsame Einträge in einer der beliebtesten Serien der Welt. Das Wildnis-Areal zeigt echtes Potenzial für die Zukunft, das Kampfsystem ist so solide wie eh und je, der Soundtrack gehört zu den Highlights des Genres, und Galar ist als Setting eine der stimmigsten Regionen seit Jahren.

Gleichzeitig ist die Generation geprägt von dem Gefühl, dass mehr möglich gewesen wäre. Der gestrichene nationale Pokédex bleibt ein echter Wermutstropfen, der niedrige Schwierigkeitsgrad und das dünne Post-Game sind verpasste Chancen, und die grafischen Schwächen im Wildnis-Areal passen nicht zu den Rechtfertigungen, die für den Pokédex-Schnitt ins Feld geführt wurden. Wer heute einsteigt und den Erweiterungspass dazunimmt, bekommt das rundere Gesamtpaket. Wer die Basis-Version zum Launch spielte, erlebte ein Spiel, das seinen eigenen Ansprüchen nicht vollständig gerecht wurde.

Pokémon bleibt Pokémon — mit allem, was dazu gehört.


Wertung

7,5 / 10


Pro & Contra

Pro:

  • Galar ist eine der charmantesten, kohärentesten Regionen der Serie
  • Wildnis-Areal als erster echter Open-World-Schritt für Pokémon
  • Raid-Kämpfe als frische, soziale Multiplayer-Aktivität
  • Einer der besten Soundtracks der gesamten Pokémon-Reihe
  • Arenen mit echter Stadion-Atmosphäre — visuell beeindruckend
  • Reibungslose Online-Integration für Tausch und Kämpfe
  • Galar-Formen beleben bekannte Pokémon neu
  • Kompetitiver Einstieg durch zugängliche EV/IV-Mechaniken

Contra:

  • Gestrichener nationaler Pokédex — hunderter Pokémon fehlen in der Basisversion
  • Sehr niedrige Schwierigkeit — kaum eine echte Herausforderung
  • Dünnes Post-Game ohne Erweiterungspass
  • Wildnis-Areal grafisch enttäuschend im Vergleich zu den Arenen
  • Geschichte bleibt an der Oberfläche, Antagonisten blass
  • Vollständiges Erlebnis setzt kostenpflichtigen Erweiterungspass voraus
  • Zeitlich begrenzte Raid-Events erzeugen FOMO-Druck
  • Lineares Spieldesign abseits des Wildnis-Areals

Plattform: Nintendo Switch
Entwickler: Game Freak
Publisher: Nintendo / The Pokémon Company
Genre: Rollenspiel
Getestet auf: Nintendo Switch (Handheld & TV-Modus)


Häufig gestellte Fragen

Soll ich Schwert oder Schild kaufen?
Der einzige strukturelle Unterschied liegt in exklusiven Pokémon und einem Arenaführer pro Version. Beide Versionen spielen sich identisch. Wer keine Präferenz bei den Exklusiv-Pokémon hat, entscheidet nach persönlichem Geschmack — oder danach, welche Version Freunde besitzen, um Tausch zu erleichtern.

Brauche ich den Erweiterungspass?
Für ein vollständigeres Erlebnis: ja. Die beiden DLC-Pakete fügen deutlich mehr Inhalt, Pokémon und Spielraum hinzu als die Basisversion allein. Wer heute neu einsteigt, sollte direkt zur Version mit Erweiterungspass greifen.

Kann ich Pokémon aus älteren Spielen übertragen?
Ja — über den kostenlosen Dienst Pokémon HOME lassen sich viele Pokémon aus älteren Generationen übertragen, sofern sie im Galar-Pokédex vorhanden sind. Nicht alle Pokémon aus früheren Spielen sind kompatibel.

Ist Nintendo Switch Online Pflicht?
Für Raids mit fremden Spielern, weltweiten Tausch und Online-Kämpfe: ja. Lokale Raids und lokales Tauschen funktionieren ohne Mitgliedschaft.

Wie lange dauert das Hauptspiel?
Das Hauptspiel bis zum ersten Abspann dauert je nach Spieltempo 20 bis 30 Stunden. Mit Erweiterungspass, Shiny-Hunting und kompetitivem Spielen sind mehrere hundert Stunden möglich

Nach längerer Wartezeit hat die Nintendo Switch endlich einen vollwertigen Pokémon-Titel erhalten. Die Versionen Schwert und Schild bringen das alte „Pokémon-Gefühl“ wieder zurück. Wie gut wir diese Generation letztendlich finden, erfahrt ihr im Video:
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