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Watch Dogs: Legion im Test – Jeder kann ein Held sein (theoretisch)

Ubisoft geht mit Watch Dogs: Legion in die dritte Runde der Hacker-Reihe. Neues Setting, neues Konzept: Statt eines festen Protagonisten kann jeder NPC in London rekrutiert und gespielt werden. Klingt revolutionär – aber hält das Konzept, was es verspricht?

Die Story: London im Griff von Albion

Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft. London liegt in Trümmern: Eine Terrorgruppe namens „Zero Day“ hat Bombenanschläge verübt und DedSec die Schuld in die Schuhe geschoben. Die britische Regierung reagiert, indem sie das private Militärunternehmen Albion mit der Sicherheit beauftragt. CEO Nigel Cass verwandelt London in einen Überwachungsstaat – klassische Polizei existiert nicht mehr.

DedSec ist zerschlagen. Die wenigen verbliebenen Mitglieder müssen im Untergrund neu anfangen. Unterstützt von der KI Bagley – einem gehackten und modifizierten Assistenten – gilt es, neue Rekruten zu sammeln, die Wahrheit über Zero Day aufzudecken und London zu befreien.

Die dystopische Prämisse ist spannend: Post-Brexit-Ängste, Privatisierung der Sicherheit, allgegenwärtige Überwachung. Leider bleibt die Story oberflächlich. Durch das Fehlen eines festen Protagonisten fehlt auch emotionale Tiefe. Man kämpft für eine Sache, aber nicht für Charaktere, die einem ans Herz wachsen.

Watch Dogs Legion

Das Kernfeature: „Play as Anyone“

Das revolutionäre Versprechen von Legion: Jeder NPC in London kann rekrutiert und gespielt werden. Vom MI6-Spion über die Oma mit Elektroschock-Handtasche bis zum Bauarbeiter mit Cargo-Drohne – die Stadt ist dein Personalpool.

So funktioniert es:

  1. Profil scannen: Jeder NPC hat Perks, Fähigkeiten und eine Hintergrundgeschichte
  2. Rekrutierungs-Mission: Eine kurze Quest, um das Vertrauen zu gewinnen
  3. Zum Roster hinzufügen: Bis zu 40 aktive Agenten gleichzeitig

Besondere Rekruten:

  • Spione: Schallgedämpfte Waffe, Agenten-Uhr (deaktiviert feindliche Waffen), Spionage-Auto mit Raketen
  • Bauarbeiter: Zugang zu Cargo-Drohnen, die Marcus tragen können
  • Hacker: Verstärkte Hacking-Fähigkeiten
  • Bare-Knuckle-Kämpfer: Verbesserte Nahkampf-Skills
  • Ärzte: Schnellere Heilung für das Team
  • Anwälte: Kürzere Gefängnisstrafen für verhaftete Agenten

Das System ist ambitioniert und teilweise genial. Verschiedene Charaktere für verschiedene Situationen – das ermöglicht kreative Ansätze. Mit dem richtigen Mix aus Rekruten wird vieles einfacher.

Das Problem: Die Charaktere bleiben austauschbar. Ohne festen Protagonisten fehlt die emotionale Bindung. In Watch Dogs 2 liebte man Marcus und die DedSec-Crew. In Legion sind alle Rekruten nur Werkzeuge mit zufällig generierten Persönlichkeiten.

Watch Dogs Legion

Gameplay: Bekannt und erweitert

Das Grundgerüst bleibt Watch Dogs: Third-Person-Action mit Hacking. Die bekannten Mechaniken kehren zurück, wurden aber erweitert.

Hacking funktioniert wie gewohnt: Kameras anzapfen, Türen öffnen, Autos fernsteuern, NPCs ablenken. Je mehr Gadgets freigeschaltet werden, desto mächtiger wird man. Die Cargo-Drohne ist ein Highlight – man kann sich damit über Zäune und auf Dächer transportieren lassen.

Der AR Cloak (Tarnmantel) ist das mächtigste Gadget. Temporäre Unsichtbarkeit macht viele Situationen trivial – die KI weiß nicht mehr, was sie tun soll. In Kombination mit der Cargo-Drohne wird Legion fast zu einfach.

Elektroschock-Waffen stehen im Fokus. Das Spiel betont den gewaltfreien Ansatz: DedSec tötet nicht. Taser und Elektro-Pistolen sind die Hauptwaffen. Das passt zum Hacktivisten-Ethos, auch wenn tödliche Waffen verfügbar sind.

Nahkampf ist leider eine Schwachstelle. Die Bare-Knuckle-Kämpfe sind unflexibel und eintönig. Die Kombos sind starr – wer gerade einen Griff ansetzt, kann nicht mehr blocken oder ausweichen. Das nervt extrem und hätte besser gelöst werden müssen.

Die Open World: London in Zonen

London ist beeindruckend nachgebildet. Von Camden bis Brixton, vom Big Ben bis zur Tower Bridge – die ikonischen Wahrzeichen sind da. Die Karte ist in verschiedene Boroughs (Stadtteile) unterteilt, die es zu befreien gilt.

Befreiung funktioniert so:

  • Aktivitäten im Stadtteil abschließen
  • Albion-Präsenz verringern
  • Boss-Mission beenden
  • Spezial-Rekrut freischalten (mit top Perks)

Das System motiviert, jeden Stadtteil komplett zu säubern. Die Belohnungen – besonders die Spezial-Rekruten – lohnen sich.

Der Linksverkehr ist gewöhnungsbedürftig. Auch nach 30 Stunden verwirrt er noch. Fahrzeuge steuern sich okay, aber der Verkehr auf der „falschen“ Seite bleibt irritierend.

Tech-Punkte sind überall versteckt und werden für Gadget-Upgrades benötigt. Nach dem Befreien eines Stadtteils werden sie auf der Karte angezeigt – dann lässt sich schnell farmen.

Watch Dogs Legion

Waffen und Gadgets

Das Gadget-System ist solide:

Drohnen:

  • Standard-Drohne zum Spähen und Hacken
  • Cargo-Drohne zum Transport von Personen und Objekten
  • Kampfdrohne mit Waffen

Tarn-Technologie:

  • AR Cloak für temporäre Unsichtbarkeit
  • Störsender gegen feindliche Geräte

Waffen:

  • Elektroschock-Pistolen (nicht-tödlich)
  • Normale Waffen (tödlich)
  • Nahkampf-Upgrades

Einmal freigeschaltet, haben alle Rekruten Zugriff auf die Basis-Gadgets. Persönliche Perks der Rekruten (wie Spion-Ausrüstung) bleiben exklusiv.

Die KI: Typisch Ubisoft

Die Gegner-KI ist… problematisch. Typisch Ubisoft, möchte man sagen. NPCs verhalten sich oft seltsam:

  • Mitten im Kampf laufen Feinde plötzlich weg
  • Bei Nutzung des AR Cloaks „brechen“ die NPCs komplett
  • Verfolgungsjagden enden nach zwei Abbiegungen
  • Feinde ignorieren offensichtliche Verstecke

Ein Beispiel: Bei einer Befreiungs-Mission versteckte ich mich hinter einer LED-Wand. Die feindlichen Drohnen hätten nur zur Seite fliegen müssen – taten es aber nicht. Mission abgeschlossen, ohne Gefahr.

Das macht den AR Cloak so mächtig. Nicht weil er gut designt ist, sondern weil die KI nicht weiß, wie sie reagieren soll.

Watch Dogs Legion

Technische Probleme

Watch Dogs: Legion hat zum Release viele Bugs:

  • Fahrzeuge verschwinden beim Einsteigen
  • Alarme lösen aus, obwohl man weit entfernt ist
  • Kostüm-Glitches bei gekauften Skins (besonders die Ritter-Rüstung)
  • Dialoge laufen asynchron, Lippensynchronisation passt nicht
  • Charakter-Gesichter wirken leblos und ausdruckslos

Die Grafik ist grundsätzlich sehr ordentlich – London sieht toll aus. Aber die Charaktermodelle selbst wirken platt. Die Gesichtsanimationen sind steif, die Ausdrücke leer. Das verstärkt das Problem der fehlenden emotionalen Bindung.

Ray-Tracing auf Next-Gen-Konsolen und RTX-PCs sieht beeindruckend aus. Die Spiegelungen in Pfützen und Fenstern sind atmosphärisch.

Watch Dogs Legion

Nebenbeschäftigungen

Neben der Hauptstory gibt es:

  • Paket-Auslieferung: Mit verschiedenen Modifikatoren
  • Ball-Hochhalten: Ragequit-Potenzial garantiert
  • Dart: Klassisches Pub-Spiel
  • Shopping: Unzählige Klamotten für alle Rekruten
  • Sammelobjekte: Tech-Punkte, Audio-Logs, Masken

Der Mikrotransaktions-Shop bietet Cosmetics für Echtgeld. Reine Optik, keine Vorteile – aber manche Skins haben Glitches.

Watch Dogs Legion

Umfang

Watch Dogs: Legion bietet für Completionists ordentlich Content:

Hauptstory:

  • 15-20 Stunden für die Kampagne
  • Mehrere Handlungsstränge: Zero Day, Clan Kelley, SIRS
  • Finale Mission auf der Tower Bridge

Borough-Befreiung:

  • 8 Stadtteile mit je 3-4 Aktivitäten
  • 15-20 Stunden für komplette Befreiung
  • Spezial-Rekruten als Belohnung pro Borough
  • Defiance-Missionen nach Befreiung

Nebenaktivitäten:

  • Paket-Auslieferung mit Modifikatoren
  • Bare-Knuckle-Arena-Kämpfe
  • Dart in Pubs
  • Ball-Hochhalten (Freestyle)
  • Foto-Spots für Touristen-Selfies
  • Paste-Up-Kunst an Wänden anbringen

Sammelobjekte:

  • Tech-Punkte für Gadget-Upgrades (überall versteckt)
  • Audio-Logs mit Hintergrundgeschichten
  • Masken für Charaktere
  • Reliquien und Artefakte
  • Textdokumente zur Lore

Online-Modus:

  • Koop-Missionen (nach Launch hinzugefügt)
  • Taktische Operationen für Teams
  • Spider-Bot-Arena (PvP-Minispiel)

DLC-Content (Season Pass):

  • Bloodline-Erweiterung mit Aiden Pearce und Wrench
  • Zusätzliche Missionen und Rekruten
  • Neue Story-Inhalte

Gesamtspielzeit:

  • Story only: 15-20 Stunden
  • Story + Boroughs: 30-35 Stunden
  • 100% Completion: 45-55 Stunden
  • Mit Online und DLC: 60+ Stunden

Grinder und Sammler kommen definitiv auf ihre Kosten. Die Borough-Befreiung ist befriedigend, weil jeder Stadtteil einen wertvollen Spezial-Rekruten freischaltet. Tech-Punkte farmen geht schnell, sobald sie auf der Karte sichtbar sind.

Watch Dogs Legion

Fazit

Watch Dogs: Legion hat eine geniale Idee – „Play as Anyone“ – aber setzt sie nicht konsequent genug um. Das Rekrutierungssystem ist interessant, aber die austauschbaren Charaktere schaffen keine emotionale Bindung. Man vermisst einen Marcus Holloway oder selbst einen Aiden Pearce.

London ist atmosphärisch, die Gadgets machen Spaß, die Befreiungs-Mechanik motiviert. Aber die schwache KI, die Bugs zum Release und der fehlende Tiefgang der Story ziehen das Erlebnis herunter.

Für Ubisoft-Fans und Grinder ist Legion ein solider Zeitvertreib. Aber im gleichen Quartal wie Cyberpunk 2077 und Assassin’s Creed Valhalla hat es einen schweren Stand. Watch Dogs: Legion hätte mehr sein können – und müssen.

DedSec braucht dich. Aber vielleicht wartest du auf einen Sale.


Bewertung: 7.5/10

Stärken:

  • „Play as Anyone“ ist innovativ
  • London atmosphärisch nachgebildet
  • Cargo-Drohnen und AR Cloak machen Spaß
  • Borough-Befreiung motiviert
  • Spezial-Rekruten mit starken Perks
  • Ray-Tracing auf Next-Gen beeindruckend
  • Elektroschock-Fokus passt zum DedSec-Ethos

Schwächen:

  • Keine emotionale Bindung zu Charakteren
  • Schwache Gegner-KI
  • Viele Bugs zum Release
  • Leblose Gesichtsanimationen
  • Nahkampf-System frustrierend
  • Story ohne Tiefgang
  • Linksverkehr verwirrt dauerhaft
  • AR Cloak macht Spiel zu einfach

Technische Daten:

  • Entwickler: Ubisoft Toronto
  • Publisher: Ubisoft
  • Plattformen: PC, PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series X/S, Google Stadia
  • Release: 29. Oktober 2020
  • Genre: Action-Adventure / Open World
  • Engine: Disrupt
  • Setting: London (nahe Zukunft, Post-Brexit)
  • Spielzeit: 15-20 Stunden (Story), 40-50 Stunden (Komplett)
  • Altersfreigabe: USK 18

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