Rise of the Tomb Raider

Rise of the Tomb Raider im Test – Laras zweites Abenteuer auf der Xbox One

Als Lara Croft 2013 zurückkehrte, war das ein Neuanfang, der funktionierte. Crystal Dynamics hatte die Grabräuberin entstaubt, ihr eine neue Origin-Story gegeben und sie in ein modernes Action-Adventure gepackt, das spielerisch und erzählerisch überzeugte. Die Frage, die sich 2015 mit Rise of the Tomb Raider stellte, war daher eine andere als noch zwei Jahre zuvor: Kann das Studio den Erfolg wiederholen, ohne die Formel zu wiederholen? Kann es Lara weiterentwickeln, ohne sie zu verraten?

Rise of the Tomb Raider erschien zunächst exklusiv für Xbox One und Xbox 360 – eine kontroverse Entscheidung, die viele Fans vor den Kopf stieß. Wir haben die Xbox-One-Version gespielt und können sagen: Das Warten hat sich ausgezahlt. Auch wenn es Schwachstellen gibt.

Grafik: Xbox One am Limit

Rise of the Tomb Raider sieht umwerfend aus. Crystal Dynamics holt aus der Xbox One alles heraus, was technisch möglich ist, und das Ergebnis ist ein visueller Leckerbissen. Die Umgebungen sind wunderschön modelliert, die Beleuchtung ist atmosphärisch und dynamisch, die Texturen der Charaktere sind detailliert. Lara selbst ist beeindruckend animiert – ihre nassen Kleider glänzen nach Schwimmeinlagen realistisch, ihre Gesichtszüge reagieren glaubwürdig auf Stress und Anstrengung.

Besonders die Schnee- und Eislandschaften Sibiriens sind atemberaubend inszeniert. Schneestürme, die die Sicht nehmen, Eishöhlen mit funkelnden Kristallen, verlassene sowjetische Ruinen, die langsam von der Natur zurückerobert werden – jede Umgebung hat ihren eigenen Charakter. Die Leveldesigner haben verstanden, dass Vielfalt nicht nur spielerisch, sondern auch visuell wichtig ist.

Ein winziger Kritikpunkt: Gelegentlich fallen bei Felsspalten niedrig aufgelöste Texturen auf. Das passiert selten und nur bei genauem Hinsehen, trübt den Gesamteindruck aber minimal. Im Großen und Ganzen bleibt Rise of the Tomb Raider eines der schönsten Spiele der Xbox-One-Generation.

Sound: Atmosphärisch, mit kleinen Aussetzern

Soundtechnisch liefert Rise of the Tomb Raider ebenfalls eine starke Leistung ab. Der Soundtrack ist stimmungsvoll und passt sich der Handlung intelligent an – zurückhaltend in ruhigen Momenten, episch in Action-Sequenzen. Die Synchronsprecher sind professionell und transportieren die Geschichte glaubwürdig. Lara wird erneut überzeugend vertont, ihre Stimme zeigt die Entwicklung von der traumatisierten Überlebenden des ersten Teils zur entschlossenen Abenteurerin.

Die Umgebungsgeräusche sind präzise: knarrende Holzbalken, knirschender Schnee, hallende Schüsse in verlassenen Minen. Die Soundkulisse trägt erheblich zur Atmosphäre bei und macht bestimmte Szenen noch intensiver.

Ein Wermutstropfen: Laras Schreie beim Festhalten an Wänden oder Eis werden mit der Zeit nervig. Es ist nachvollziehbar, dass sie bei jedem riskanten Sprung ihre Anstrengung zeigt – aber nach zehn Stunden wirkt das repetitiv. Ein bisschen mehr Varianz in den Stimmaufnahmen hätte gutgetan.

Gameplay: Vertraut, aber verfeinert

Rise of the Tomb Raider baut auf der Formel des Vorgängers auf und verfeinert sie an den richtigen Stellen. Lara ist weiterhin eine Mischung aus Erkunderin, Überlebenskämpferin und gelegentlicher Schleichmörderin. Die Steuerung funktioniert flüssig und präzise – klettern, springen, hangeln, alles fühlt sich gut an. Kämpfe können oft umgangen werden, indem man sich anschleicht und Gegner lautlos ausschaltet. Das macht Spaß, weil es dem Spieler die Wahl lässt: frontal oder taktisch.

Die KI hat allerdings ihre Schwächen. Gegner bemerken oft nicht, dass ihr Gesprächspartner direkt hinter ihnen bewusstlos zu Boden geht. Das mag anfangs hilfreich sein, wirkt mit der Zeit aber unglaubwürdig und nimmt der Herausforderung die Schärfe.

Das Crafting-System ist zurück und wurde erweitert. Lara sammelt Ressourcen – Holz, Stoff, Metall – und stellt daraus an Lagerfeuern oder unterwegs Munition, Heilmittel und Ausrüstung her. Was anfangs befriedigend ist, wird mit der Zeit zur Routine. Man läuft durch die Welt, drückt mechanisch die Sammel-Taste und bastelt zwischendurch neue Pfeile. Die Abwechslung fehlt – gelegentliche Ressourcen-Caches in Gräbern helfen, aber das Grundproblem bleibt.

Das Fähigkeitensystem wurde um die Kategorie „Kampfkünste“ erweitert. Lara investiert Erfahrungspunkte in Überleben, Jäger und Kämpfer – wie im Vorgänger. Neu ist das Sprachsystem: Lara kann nicht alle Schriften sofort lesen. Mit jedem entdeckten Dokument verbessert sich ihre Übersetzungsfähigkeit in Griechisch, Russisch oder anderen Sprachen. Manche Monolithen, die Hinweise auf Geheimnisse geben, erfordern ein bestimmtes Sprachniveau. Ein cleveres Detail, das Exploration zusätzlich belohnt.

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Die Levelstruktur: Zu geradlinig

Hier liegt der größte Kritikpunkt. Rise of the Tomb Raider ist kein Open-World-Spiel – und das wäre auch nicht nötig. Aber die Level sind zu geradlinig. Es gibt zwar Gebiete, die frei erkundet werden können – sogenannte Hubs, in denen optionale Gräber, Sammelobjekte und Nebenmissionen warten. Aber diese Bereiche sind klein und fühlen sich eher wie aufgeblasene Korridore an als wie lebendige Welten.

Die Hauptstory führt linear von A nach B nach C. Das funktioniert, weil die Inszenierung stimmt – aber es verschenkt Potenzial. Andere Spiele dieser Generation haben gezeigt, dass man narrative Fokussierung und explorative Freiheit verbinden kann. Rise of the Tomb Raider entscheidet sich für Ersteres und lässt Zweiteres halbherzig daneben stehen.

Balancing: Unausgeglichen

Das Balancing im normalen Schwierigkeitsgrad ist unausgeglichen. Die meisten Level sind relativ leicht – und dann kommt das finale Level, das plötzlich einen enormen Schwierigkeitssprung hinlegt. Es fühlt sich an, als hätten unterschiedliche Teams an unterschiedlichen Abschnitten gearbeitet, ohne sich abzustimmen. Ein Patch hätte hier für mehr Konsistenz sorgen können.

Story: Familiendrama trifft Mystik

Die Geschichte knüpft direkt an das Ende des ersten Teils an. Lara versucht, sich von den traumatischen Ereignissen auf Yamatai zu erholen und zieht sich zurück. Sie will alleine auf Expeditionen gehen, um keine weiteren Freunde zu verlieren. Das gelingt ihr nur bedingt – Jonah, ihr treuer Begleiter aus dem ersten Spiel, steht ihr auch diesmal zur Seite, wenn auch nicht durchgehend.

Lara ist besessen von einem Rätsel, an dem ihr Vater zerbrochen ist: die legendäre Stadt Kitezh und der Prophet, der sie errichtet haben soll. Ihr Vater wurde für seine Theorien verlacht, der Ruf der Familie zerstört. Lara will beweisen, dass er recht hatte – und gleichzeitig das Geheimnis der Unsterblichkeit lösen, das mit der Stadt verbunden ist.

Die Erzählung ist packend und bietet einige überraschende Wendungen. Die Beziehung zwischen Lara und ihrem verstorbenen Vater wird emotional aufgeladen, ohne kitschig zu werden. Die Antagonisten sind eindimensionaler – eine paramilitärische Organisation namens Trinity, die ebenfalls nach Kitezh sucht, bleibt narrativ blass. Aber die persönliche Geschichte Laras trägt das Spiel.

Umfang: Kurz oder ausgiebig – je nach Spielweise

Wer sich nur auf die Hauptstory konzentriert, ist in zehn bis zwölf Stunden durch. Das ist kurz – aber die Story ist gut erzählt, gut inszeniert und lässt keine Längen zu. Wer allerdings alle optionalen Gräber erkunden, alle Sammelobjekte finden und alle Nebenmissionen abschließen möchte, ist rund zwanzig Stunden beschäftigt. Ein fairer Mittelwert für ein Action-Adventure dieser Art.

Die optionalen Gräber sind ein Highlight. Sie bieten fordernde Umgebungsrätsel, die an die klassischen Tomb-Raider-Spiele erinnern, und belohnen mit einzigartigen Ausrüstungsgegenständen. Wer das Spiel wirklich erleben will, sollte sie nicht auslassen – sie sind die versteckten Easter Eggs, die echte Fans zu schätzen wissen.

Fazit: Gelungene Fortsetzung mit Optimierungspotenzial

Rise of the Tomb Raider ist eine würdige Fortsetzung des 2013er-Reboots. Es überzeugt mit beeindruckender Grafik, atmosphärischem Sound und solidem Gameplay. Die Geschichte ist emotional und packend, die optionalen Gräber sind spielerisch befriedigend, und Lara ist als Protagonistin nach wie vor stark.

Die Schwächen liegen in der zu geradlinigen Levelstruktur, der gelegentlich schwächelnden KI und dem unausgeglichenen Balancing. Das Crafting-System hätte abwechslungsreicher sein können, und die Hauptstory ist für Genre-Verhältnisse eher kurz.

Trotz dieser Kritikpunkte: Rise of the Tomb Raider macht Spaß. Es ist ein gut gemachtes Action-Adventure, das technisch beeindruckt und narrativ funktioniert. Wer den ersten Teil mochte, wird auch hier seinen Spaß haben.


Wertung: 8,3 / 10 – Sehr gut


Entwickler Crystal Dynamics
Publisher Square Enix, Microsoft Studios
Genre Action-Adventure
Plattformen Xbox One, Xbox 360 (später: PS4, PC)
Release Xbox One 10. November 2015
USK Ab 16 Jahren
Preis (2015) ca. 60 €

Pro

  • Beeindruckende Grafik, die die Xbox One ausreizt
  • Atmosphärischer, kinoreifer Soundtrack
  • Packende, emotional aufgeladene Story
  • Flüssige, präzise Steuerung
  • Optionale Gräber mit fordernden Rätseln
  • Neues Sprachsystem belohnt Exploration
  • Professionelle Synchronisation
  • 20 Stunden Spielzeit bei vollständiger Erkundung

Contra

  • Zu geradlinige Levelstruktur, wenig Open-World-Gefühl
  • KI-Schwächen bei Gegnern
  • Crafting-System wird schnell repetitiv
  • Unausgeglichenes Balancing (finales Level zu schwer)
  • Hauptstory relativ kurz (10-12h)
  • Laras Schreie beim Klettern nerven mit der Zeit
  • Gelegentlich niedrig aufgelöste Texturen bei Felsspalten

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