Frogwares hat mit Sherlock Holmes: Chapter One einen bemerkenswerten Erfolg gefeiert. Statt direkt ein Chapter Two zu entwickeln, entschied sich das ukrainische Studio für eine komplette Neuinterpretation des eigenen Klassikers „The Awakened“ aus 2007. Das Ergebnis: Eine meisterhafte Verschmelzung von Arthur Conan Doyles legendärem Detektiv mit H.P. Lovecrafts kosmischem Horror. Unser ausführlicher Test.
Story: Wenn Holmes auf Cthulhu trifft
The Awakened setzt wenige Monate nach Chapter One an und präsentiert einen etwas gereifteren, aber noch immer jungen Holmes. Was mit einem harmlosen Fall beginnt – Holmes‘ Tageszeitung ist verschwunden – entwickelt sich zu einer der verstörendsten Ermittlungen seiner Laufbahn. An seiner Seite steht erstmals der „echte“ Dr. John Watson, nachdem der „Jon“ aus Chapter One lediglich eine Projektion von Holmes‘ angeschlagener Psyche war.
Die Geschichte führt durch vier atmosphärisch dichte Hauptschauplätze: das nebelverhangene viktorianische London, eine bedrückende Schweizer Psychiatrieanstalt namens Edelweiss, die mysteriösen Sümpfe von New Orleans und die kargen schottischen Highlands. Jeder Ort ist integraler Bestandteil einer Geschichte, die Holmes an die Grenzen seiner geistigen Belastbarkeit führt.
Besonders beeindruckend ist die Integration der Lovecraft’schen Elemente. Es ist kein plumpes Aufeinanderprallen zweier Welten, sondern eine organische Verschmelzung, die beide Mythen respektiert. Die Cthulhu-Mythologie wird nicht als übernatürliche Realität präsentiert, sondern als verstörende Möglichkeit, die Holmes‘ rationales Weltbild erschüttert und seine bereits angeschlagene Psyche weiter belastet.
Frogwares hat nicht nur ein Remake geschaffen, sondern eine eigenständige Interpretation, die perfekt als Brücke zwischen Chapter One und kommenden Abenteuern fungiert.
Grafik: Cinematische Präsentation mit Luft nach oben
Visuell präsentiert sich The Awakened als ansehnlicher Titel, der jedoch nicht an optische Höhepunkte aktueller AAA-Spiele heranreicht. Die Unreal Engine 4 wird solide genutzt, um atmosphärische Szenerien zu schaffen. Besonders die Cutscenes überzeugen und verleihen dem Spiel cinematische Qualität, die an die besten Momente von Chapter One erinnert.
Die Charaktermodelle sind größtenteils gelungen. Holmes und Watson werden überzeugend dargestellt, wobei Alex Jordan als Sprecher von Holmes seine perfekte visuelle Entsprechung gefunden hat. Einige Texturprobleme bei Haaren und gelegentlich flache Close-ups trüben das Gesamtbild leicht, fallen aber nicht gravierend ins Gewicht.
Die verschiedenen Schauplätze wurden mit Liebe zum Detail gestaltet. Besonders die düsteren Korridore der Edelweiss-Anstalt und die nebelverhangenen Docks von London punkten atmosphärisch. Ein Kritikpunkt bleibt die teils etwas flach wirkende Umgebungsgestaltung, die trotz maximaler Einstellungen nicht immer zeitgemäß erscheint. Ray-Tracing-Effekte fehlen leider.
Dennoch schafft es das Spiel, eine stimmige Atmosphäre zu kreieren, die die Schauplätze zum Leben erweckt.
Sound: Akustische Meisterklasse
Wo The Awakened wirklich brilliert, ist die akustische Umsetzung. Die Soundkulisse trägt maßgeblich zur dichten Atmosphäre bei und versetzt unmittelbar ins viktorianische Setting.
Besonders bemerkenswert ist die herausragende Sprachausgabe: Alex Jordan liefert als Holmes erneut eine Glanzleistung ab, die die Entwicklung des Charakters seit Chapter One perfekt transportiert. Seine Darstellung eines Holmes, der zwischen brillantem Verstand und fragiler Psyche balanciert, ist meisterhaft. Dr. Watson wird ebenfalls überzeugend vertont und fungiert als emotionaler Anker. Die Chemie zwischen beiden Charakteren ist spürbar und macht Dialoge zu einem Vergnügen.
Der Soundtrack untermalt die verschiedenen Stimmungen perfekt, ohne aufdringlich zu werden. Von melancholischen Melodien des regenverhangenen London bis zu verstörenden Klängen der Anstalt – die Musik trägt erheblich zur Immersion bei. Umgebungsgeräusche und Effekte runden das akustische Gesamtbild ab.

Gameplay: Verfeinerte Mechaniken mit kleinen Abstrichen
Wer bereits Chapter One gespielt hat, findet sich schnell zurecht. Die grundlegenden Spielmechaniken wurden übernommen und stellenweise verfeinert.
Die Kriminalszenen-Rekonstruktion, eine der stärksten Mechaniken aus Chapter One, wurde benutzerfreundlicher gestaltet. Statt frustrierender Ratearbeit zeigt das Spiel nun klarer an, wie viele Elemente zu rekonstruieren sind, und markiert falsch platzierte Ereignisse.
Das Mind Palace-System, Herzstück der Holmes’schen Deduktion, wurde allerdings vereinfacht – möglicherweise zu sehr. Während frühere Spiele der Serie komplexe Gedankenketten verlangten, ist das System nun linearer geworden. Die Hinweise sind in Kategorien wie „Beobachtungen“, „Aussagen“ und „Akten“ unterteilt, und das Spiel gibt vor, wie viele Elemente für eine Schlussfolgerung benötigt werden. Dies macht die Deduktion zugänglicher, nimmt aber etwas von der intellektuellen Herausforderung.
Positiv hervorzuheben ist die Entfernung der Kampfmechaniken aus Chapter One, die dort eher störend wirkten. The Awakened konzentriert sich voll auf die Ermittlungsarbeit und profitiert erheblich davon.
Neu hinzugekommen ist ein „Confront“-System, bei dem Holmes oder Watson Verdächtige mit spezifischen Beweisen konfrontieren müssen. Diese Mechanik funktioniert gut und trägt zur Spannung bei, erreicht aber nicht das Niveau der besten Interrogations-Szenen aus L.A. Noire.
Ein weiteres Highlight ist die Möglichkeit, gelegentlich Watson zu steuern. Diese Sequenzen bringen willkommene Abwechslung und zeigen Watson als eigenständigen Charakter mit eigenen Stärken. Leider sind diese Passagen zu selten und zu kurz.
Die Spielzeit beträgt etwa 12-15 Stunden, je nach Gründlichkeit beim Erkunden der Nebenaufgaben. Die acht Kapitel sind unterschiedlich lang, wobei einige deutlich intensiver sind als andere. Das Spiel bietet verschiedene Schwierigkeitsgrade – der „Mycroft“-Modus für Genre-Veteranen, während „Watson“ auch Einsteigern komfortablen Einstieg ermöglicht.
Technische Umsetzung: Solid mit Einschränkungen
Technisch präsentiert sich The Awakened als solider, wenn auch nicht perfekter Titel. Die Systemanforderungen sind moderat – bereits eine GTX 770 reicht für spielbare Frameraten bei 1080p, während eine RX 580 konstante 60fps bei höchsten Einstellungen ermöglicht. Das Spiel unterstützt DLSS 2, verzichtet aber auf AMD FSR 2 oder Intel XeSS, was bedauerlich ist.
Störend sind gelegentlich auftretende Shader-Compilation-Stutters, besonders beim ersten Betreten neuer Gebiete. Diese sind nicht spielbrechend, unterbrechen aber den Spielfluss. Die Ladezeiten sind erfreulich kurz, selbst bei Wechseln zwischen größeren Arealen.
Die Benutzeroberfläche wurde gegenüber Chapter One überarbeitet und ist nun intuitiver zu bedienen. Besonders das Evidence-System profitiert von den Verbesserungen und macht das Verwalten gesammelter Hinweise deutlich komfortabler.
Entwicklungskontext: Gaming unter Kriegsbedingungen
Es wäre unfair, The Awakened zu bewerten, ohne die außergewöhnlichen Umstände seiner Entstehung zu berücksichtigen. Frogwares entwickelte das Spiel unter den extremen Bedingungen des Ukraine-Krieges, mit ständigen Stromausfällen, Raketenangriffen und der Notwendigkeit, Teammitglieder zu evakuieren. Dass unter diesen Umständen überhaupt ein spielbares Produkt entstehen konnte, verdient höchsten Respekt.
Diese Umstände erklären auch, warum The Awakened in manchen Bereichen weniger ambitioniert ist als Chapter One. Die ursprünglich für Februar 2023 geplante Veröffentlichung musste auf April verschoben werden. Dieser Kontext schmälert keineswegs die Qualität des Endprodukts, unterstreicht aber die bemerkenswerte Leistung der Entwickler.
Technische Daten
Entwickler: Frogwares
Publisher: Frogwares
Plattformen: PC, PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series X/S, Nintendo Switch
Release: April 2023
Genre: Adventure, Detektiv-Spiel
Spielzeit: 12-15 Stunden
Fazit: Meisterhafte Verschmelzung zweier Mythen
Frogwares ist mit The Awakened ein bemerkenswertes Kunststück gelungen: Ein Remake, das sich wie ein eigenständiges Spiel anfühlt und gleichzeitig eine sinnvolle Brücke zwischen Chapter One und zukünftigen Abenteuern schlägt. Die Verschmelzung von Holmes’scher Deduktion mit Lovecraft’schem Horror funktioniert überraschend gut und schafft eine einzigartige Atmosphäre, die unter die Haut geht.
Pro:
- Gelungene Verschmelzung Holmes/Lovecraft
- Herausragende Sprachausgabe (Alex Jordan)
- Atmosphärisch dichte Schauplätze
- Benutzerfreundlichere Kriminalszenen-Rekonstruktion
- Entfernung störender Kampfmechaniken
- Starke Charakterarbeit Holmes/Watson
- Exzellenter Soundtrack
Contra:
- Vereinfachtes Mind Palace-System
- Technisch nicht auf AAA-Niveau
- Gelegentliche Shader-Stutters
- Zu wenige Watson-Sequenzen
- Fehlende AMD FSR 2/Intel XeSS Unterstützung
- Teils flache Umgebungsgestaltung
Kaufempfehlung: Für Fans der Sherlock Holmes-Serie ist The Awakened ein Muss, das die Entwicklung des jungen Holmes konsequent vorantreibt. Aber auch Neueinsteiger finden hier einen ausgezeichneten Einstiegspunkt, der zeigt, wozu narrative Adventures imstande sind.
Ja, das Spiel hat seine Schwächen. Die vereinfachten Deduktionsmechaniken werden Genre-Veteranen möglicherweise enttäuschen, und technisch könnte The Awakened durchaus polierter sein. Doch diese Kritikpunkte verblassen angesichts der atmosphärischen Dichte, der hervorragenden Charakterarbeit und der geschickten Erzählweise.
In Anbetracht der Entstehungsumstände ist The Awakened nicht nur ein gutes Spiel, sondern auch ein Zeugnis für die Hingabe und Professionalität eines Entwicklerstudios, das sich nicht von äußeren Umständen brechen ließ.
Bewertung: 8/10
Atmosphärisch dichtes Detektiv-Adventure, das trotz kleiner Schwächen durch starke Charakterarbeit und die gelungene Verschmelzung zweier Literatur-Mythen überzeugt. Ein würdiger Nachfolger zu Chapter One und ein hoffnungsvoller Ausblick auf die Zukunft der Serie.

