CI Games schickt Spieler als Auftragskiller Raven in den fiktiven Wüstenstaat Kuamar. Mit Sniper Ghost Warrior Contracts 2 setzt das polnische Studio seine Rückkehr zu den Wurzeln der Serie fort und liefert eine fokussierte Scharfschützen-Simulation mit gigantischen Sandbox-Karten und Schüssen auf über 1000 Meter Entfernung.
Der Name Sniper Ghost Warrior Contracts 2 lässt wenig Raum für Interpretation und kommt direkt zum Punkt – schnörkellos und unverblümt, genau wie sich das Spiel selbst präsentiert. Nach fünf Serienteilen, die verschiedene Ansätze von Action-lastigen Shootern bis hin zu Open-World-Experimenten ausprobierten, setzt CI Games den mit dem Vorgänger eingeschlagenen Kurs konsequent fort: zurück zur Scharfschützen-Simulation, weg von brachialer Action.
CI Games und die Rückkehr zur Simulation
Sniper Ghost Warrior Contracts 2 erschien am 4. Juni 2021 für PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series X/S und PC, wobei die PS5-Version später am 24. August 2021 nachgereicht wurde. Entwickelt wurde das Spiel vom polnischen Studio CI Games auf Basis der CryEngine, was sich besonders in den weitläufigen Außenbereichen bemerkbar macht.
Die Sniper Ghost Warrior-Reihe hat seit 2008 über 11 Millionen Exemplare weltweit verkauft und gilt als bestverkaufende First-Person-Scharfschützen-Franchise. Mit Contracts 2 möchte CI Games an diesen Erfolg anknüpfen und gleichzeitig ein neues Alleinstellungsmerkmal etablieren: Schüsse auf über 1000 Meter Entfernung, ein Rekord für die Serie und eine Seltenheit im Konsolen-Bereich.
Deutsche Spieler erhalten bei Steam allerdings nur Zugang zu einer zensierten Version, bei der Blut- und Gewaltdarstellungen entfernt oder abgeändert wurden – eine Praxis, die bereits beim Vorgänger für Kritik sorgte.

Story: Auftragskiller in Kuamar
Die Entwickler von CI Games wissen genau, worauf es ankommt, und Sniper Ghost Warrior Contracts 2 liefert dies mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Raven, einem knallharten Auftragskiller, der in den fiktiven nahöstlichen Staat Kuamar geschickt wird, um einen drohenden regionalen Krieg zu verhindern.
Das primäre Ziel ist Bibi Rashida, Kuamars De-facto-Staatsoberhaupt, deren Ehemann, der ehemalige Präsident, im Auftrag eines Nachbarstaates ermordet wurde. Rashidas geplante militärische Vergeltung droht die gesamte Region zu destabilisieren, die Ölpreise in astronomische Höhen zu treiben und dadurch westliche Volkswirtschaften in eine tiefe Krise zu stürzen. Ravens Aufgabe besteht darin, das Regime zu sabotieren und zu untergraben, indem er Rashidas wichtigste Gefolgsleute ausschaltet – darunter abtrünnige Hacker und in Ungnade gefallene SAS-Soldaten. Letztendlich steht auch Rashida selbst auf der Abschussliste.
Die Story ist nicht oscarreif und wird niemanden mit narrativen Wendungen überraschen, aber sie erfüllt ihren Zweck als Rahmenhandlung für die taktischen Missionen durchaus zufriedenstellend.
Fünf Regionen statt klassischer Level
Das Vorhaben, Rashidas Regime zu stürzen, verteilt sich auf lediglich fünf Missionen. Das klingt zunächst nach wenig Inhalt, doch die Missionen und Operationsgebiete von Contracts 2 sind derart riesig, dass sie im Spiel treffend als „Regionen“ bezeichnet werden. Jede Region stellt ein gigantisches Areal mit wechselhaftem und vielfältigem Gelände dar, das mehrere Ziele umfasst und verschiedene Herangehensweisen ermöglicht.
Einige Schauplätze wie eine massive mittelalterliche Burg mit innerem und äußerem Festungsbereich würden in vielen anderen Spielen bereits einen kompletten Level ausmachen. Hier sind sie lediglich ein Teil einer größeren Region. Diese großzügige Gestaltung gibt Spielern die Freiheit, ihre Missionen auf unterschiedliche Weise anzugehen und verschiedene Strategien auszuprobieren.

Zwei Missionstypen: Klassisch und Long Shot
Bei den Missionen unterscheidet Contracts 2 zwischen zwei grundlegend verschiedenen Kategorien, die jeweils eigene taktische Anforderungen stellen. Die klassischen Aufträge sind bekannte Infiltrationsaufgaben, bei denen man eine Kombination aus Scharfschießen und Schleichen anwenden muss. Man schleicht sich physisch in feindliche Gebiete ein, um Ziele zu eliminieren und gegnerische Ausrüstung zu sabotieren.
Neu in Contracts 2 sind die sogenannten Long Shot-Aufträge, die das Herzstück des Spiels darstellen. Bei diesen Missionen muss man sich durch feindliche Patrouillen hindurchschleichen, um bestimmte Aussichtspunkte zu erreichen, von denen aus man ausgewählte Ziele über extreme Distanzen ausspähen und eliminieren kann. Es geht dabei nicht einfach darum, das Ziel zu lokalisieren, auszuschalten und zu verschwinden – jedes Fernziel ist ein ausgeklügeltes Scharfschützen-Puzzle, bei dem man die gesamte Palette an taktischen Fähigkeiten einsetzen muss.
Ein typisches Szenario erfordert beispielsweise, dass man ein Hauptziel, das sich in einem Gebäude befindet, irgendwie ins Freie locken muss, um überhaupt eine Schusslinie zu haben. Hierbei sind Kreativität und Fingerspitzengefühl gleichermaßen gefragt: Man muss sich überlegen, wie man das Ziel hervorlocken kann, ohne es zu verschrecken und in die Flucht zu schlagen. Da in den meisten Fällen mehrere Aktionen verkettet werden müssen – etwa das Ausschalten von Generatoren, das Manipulieren von Fahrzeugen oder das gezielte Eliminieren bestimmter Wachposten in exakter Reihenfolge – bleibt es bis zum finalen Schuss spannend.
Dieses Konzept erinnert durchaus an die moderne Hitman-Trilogie und zeigt deutlich, wohin CI Games mit der Serie steuern möchte: weg von wildem Herumballern und platten Trickschüssen, hin zu durchdachten Herausforderungen mit verschiedenen Lösungswegen und echtem Wiederspielwert. Man bewegt sich also klar weg von brachialer Action und auch von einer generischen Open World, in der man stur Aufgaben abgrast.

Progression und Ausrüstung
Wenn man Aufgaben und Herausforderungen erfolgreich abschließt, erhält man Einkommen, das in neue Waffen, Modifikationen und Gadgets investiert werden kann. Hier zeigt sich die Entwicklung der Serie über die vergangenen Jahre, gleichzeitig unterstreicht dieses System die vielfältigen taktischen Möglichkeiten.
Durch die Mischung aus klassischen Aufträgen und Long Shot-Missionen erhält das Gameplay die notwendige Abwechslung, um nicht eintönig zu werden. Das funktioniert besonders gut, weil sich die Herausforderungen in jedem Missionstyp fundamental unterschiedlich anfühlen und man Taktik sowie Ausrüstung entsprechend anpassen muss.
Scharfschützengewehre mit großer Reichweite können beispielsweise nicht mit Schalldämpfern versehen werden, weshalb man auf andere Waffen und Ausrüstung zurückgreifen muss, um Wachpatrouillen leise auszuschalten. Zudem kommt es bei Long Shot-Missionen häufig zu Nahkämpfen, nachdem man den Primärschuss abgegeben hat und entdeckt wurde. Man kann sich nicht uneingeschränkt überall durchschleichen, da alle umliegenden Wachen sofort Alarm schlagen, sobald man mit großem Kaliber den ersten Schuss abgibt.
Andererseits können leichte Scharfschützengewehre, die in klassischen Aufträgen verwendet werden, schallgedämpft werden, was deutlich mehr Flexibilität bietet. Der Nachteil: Man befindet sich mitten in feindlichem Gebiet, umgeben von gegnerischen Einheiten, was bedeutet, dass man jederzeit verwundbar ist.
Scharfschießen: Authentisch und anpassbar
Sniper Ghost Warrior Contracts 2 bedient beide Aspekte hervorragend. Das Scharfschießen fühlt sich authentisch an und kann nach persönlichen Vorlieben von sehr einfach bis extrem schwierig konfiguriert werden. Faktoren wie Entfernung, Windgeschwindigkeit, Schwerkraft und sogar die Erdrotation können berücksichtigt werden – oder eben nicht, je nachdem, wie simulationslastig man es haben möchte.
Die ikonischsten Momente entstehen auf Klippen sitzend, während man einen Containerhafen oder eine Militärbasis in etwa einem Kilometer Entfernung überblickt. Man setzt keinen Fuß auf das Gelände, aber die Anwesenheit wird dort definitiv zur Kenntnis genommen, sobald die Kugel einschlägt.

Präsentation: CryEngine zeigt ihre Stärken
Optisch bewegt sich das Spiel auf hohem Niveau, wobei besonders die weitläufigen Außenbereiche beeindrucken. Umgebungen und Waffen sind sehr detailliert modelliert, die Animationen laufen flüssig. Die Entwickler setzten für die Umsetzung auf die CryEngine, was sich vor allem in der Darstellung der Wüstenlandschaften von Kuamar auszahlt.
Die überzeugende Präsentation erstreckt sich auch auf Dialoge und Sprachausgabe. Wachen unterhalten sich auf ihren Patrouillen über alltägliche Dinge oder führen gelegentlich leicht witzige Konversationen, was der Spielwelt zusätzliche Lebendigkeit verleiht.
Die PlayStation 5-Version profitiert von DualSense-Features, bei denen jede Waffe durch adaptive Trigger ein eigenes haptisches Gefühl erhält, sowie von verbesserten SSD-Ladezeiten, aufgewerteten Texturen und der Wahl zwischen Performance-Modus (60fps, 2K) oder Visual-Modus (30fps, 4K).
Kritikpunkte: Speichersystem und KI
Trotz vieler Stärken gibt es einige kritische Punkte, die sich durch die Ghost Warrior-Spiele ziehen und fast schon historisch gewachsen wirken. Beim Speichersystem wäre deutlich mehr Freiheit wünschenswert gewesen. Die Idee hinter eingeschränktem Speichern ist nachvollziehbar – Herausforderung, Ausprobieren, Wiederspielwert. Doch es ist wirklich problematisch, dass man nicht speichern kann, sobald man sich in der Nähe von Feinden oder in einem Kampf befindet.
Dies führt zu frustrierenden Situationen, die die Experimentierfreudigkeit erheblich einschränken. Man wagt weniger riskante Manöver, weil man im Falle des Scheiterns weit zurückgeworfen wird.
Dazu kommt eine Gegner-KI, die unberechenbar agiert, allerdings nicht im positiven Sinne. Grundsätzlich könnte Unberechenbarkeit für Authentizität und Herausforderung sorgen, doch dafür müsste die KI deutlich mehr Abstufungen und Skalierung aufweisen. Stattdessen trifft man lediglich auf zwei Extreme: auf der einen Seite die völlig ahnungslosen Wachen, auf der anderen die „Ich höre deinen Herzschlag aus 200 Metern Entfernung“-Fraktion, die dann meist auch noch im Rudel auftritt.
Diese beiden Faktoren sorgen dafür, dass man vielen Situationen mit übertriebener Anspannung begegnet – entweder traut man sich zu wenig oder wird für den kleinsten Fehler gnadenlos bestraft. Kritische Situationen lassen sich selten noch unter Kontrolle bringen. Es gibt keine Möglichkeit, sich für eine Minute im Gebüsch zu verstecken und darauf zu warten, dass die Gegner wieder ihre normalen Routen gehen. Sobald Alarm ausgelöst wurde, bricht Armageddon los – Augen zu und durch oder von vorn beginnen.

Für wen ist Sniper Ghost Warrior Contracts 2 geeignet?
Das Spiel richtet sich klar an Fans taktischer Scharfschützen-Simulationen, die Geduld und Planung über hektische Action stellen. Wer von Hitman-artigen Puzzle-Missionen fasziniert ist, wird hier auf seine Kosten kommen. Die Long Shot-Aufträge erfordern strategisches Denken und belohnen kreative Lösungsansätze.
Weniger geeignet ist Contracts 2 für Spieler, die schnelle Action erwarten oder mit Trial-and-Error-Gameplay wenig anfangen können. Das restriktive Speichersystem und die bipolare KI können frustrierend sein, besonders wenn man experimentieren möchte.
Pro und Contra
Pro
- Fantastische Sandbox-Karten mit enormer Größe
- Long Shot-Missionen als clevere Scharfschützen-Puzzle
- Authentisches Scharfschießen auf über 1000 Meter
- Anpassbare Schwierigkeitsgrade für Simulation und Arcade
- CryEngine-Grafik mit beeindruckenden Außenbereichen
- Verschiedene Lösungswege fördern Wiederspielwert
- Progression-System motiviert
Contra
- Nur fünf Missionen (wenn auch sehr umfangreich)
- Restriktives Speichersystem frustriert
- Bipolare KI: entweder ahnungslos oder übermächtig
- Story nicht oscarreif, aber funktional
- Keine Möglichkeit, nach Alarm Situation zu beruhigen
- Deutsche Version zensiert (Steam)
- PS5-Version erst zwei Monate nach Initial-Release
Fazit
Von den genannten Problemen und der schlichten Story abgesehen, ist Sniper Ghost Warrior Contracts 2 ein gelungenes Scharfschützen-Spiel, das sich gegenüber dem Vorgänger steigern konnte. Die Ansätze im Spieldesign sind toll, die Karten fantastisch, das Scharfschießen großartig und die Aufträge clever konzipiert – das macht wirklich Spaß.
CI Games hat mit der Contracts-Reihe den richtigen Weg eingeschlagen: weg von generischen Open-World-Spielen, hin zu fokussierten Sandbox-Missionen mit taktischer Tiefe. Die Long Shot-Aufträge sind das Highlight und zeigen, wie Scharfschützen-Gameplay aussehen sollte – nicht als Ballerfest, sondern als strategisches Puzzle.
Die technischen und Design-Schwächen (Speichersystem, KI) trüben das Gesamtbild, sind aber für Genre-Fans verkraftbar. Wer Geduld mitbringt und taktisches Vorgehen schätzt, erhält hier eines der besseren Scharfschützen-Spiele der letzten Jahre.
Wertung
8,0/10
FAQ
Wie viele Missionen hat das Spiel? Fünf Hauptmissionen, die als „Regionen“ bezeichnet werden. Jede Region ist jedoch riesig und enthält mehrere Ziele und Nebenmissionen, sodass der Umfang deutlich größer ist als die bloße Zahl vermuten lässt.
Funktioniert das Scharfschießen auf über 1000 Meter wirklich? Ja, die Long Shot-Missionen ermöglichen tatsächlich Schüsse auf über 1000 Meter Entfernung. Dabei müssen Faktoren wie Wind, Entfernung, Schwerkraft und sogar Erdrotation berücksichtigt werden – je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad.
Ist die deutsche Version zensiert? Ja, Spieler mit deutscher IP-Adresse erhalten bei Steam nur Zugang zu einer zensierten Version, bei der Blut- und Gewaltdarstellungen entfernt oder abgeändert wurden.
Wie unterscheiden sich klassische Aufträge von Long Shot-Missionen? Klassische Aufträge sind Infiltrationsmissionen, bei denen man sich physisch in feindliche Gebiete einschleicht. Long Shot-Missionen erfordern, bestimmte Aussichtspunkte zu erreichen, um Ziele aus extremer Entfernung zu eliminieren – oft als komplexe Puzzle gestaltet.
Gibt es einen Multiplayer-Modus? Nein, Sniper Ghost Warrior Contracts 2 ist ein reines Singleplayer-Erlebnis mit Fokus auf taktische Scharfschützen-Missionen.
Lohnt sich die PS5-Version? Die PS5-Version bietet DualSense-Features, schnellere Ladezeiten und verbesserte Grafik mit Wahl zwischen Performance- und Visual-Modus. Für PS5-Besitzer ist sie die beste Version.
Technische Daten
Titel: Sniper Ghost Warrior Contracts 2
Release: 4. Juni 2021 (PS4, Xbox, PC) / 24. August 2021 (PS5)
Entwickler: CI Games
Publisher: CI Games
Plattformen: PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, PC
Genre: Taktischer Shooter, Scharfschützen-Simulation
Spieler: 1 (Singleplayer)
Engine: CryEngine
Altersfreigabe: PEGI 18 / USK 18
Preis (UVP): 39,99€ (Konsolen) / 29,99€ (PC)

