Die Nintendo Switch ist gerade mal fünf Monate alt, und Nintendo liefert bereits den nächsten Systemseller. Splatoon 2 kommt keine zwei Jahre nach dem Wii U-Original und soll beweisen, dass die Marke auch auf der hybriden Konsole funktioniert. Die Herausforderung: Was rechtfertigt ein vollwertiges Sequel statt eines erweiterten Ports? Nach der Ankündigung hagelte es Kritik – zu ähnlich, zu wenig Neuerungen, warum kein DLC für den ersten Teil? Jetzt, nach intensiven Wochen mit der finalen Version, zeigt sich: Splatoon 2 ist mehr als nur „Splatoon 1.5“. Die Verfeinerungen sind subtil aber wirkungsvoll, der Multiplayer süchtig machend wie eh und je, und die neue Hardware ermöglicht erstmals portables Tintenschleudern. Ist das genug für ein 60-Euro-Spiel? Kommt drauf an, wen man fragt.
Single-Player – Octo Canyon liefert ab
Die Kampagne von Splatoon war überraschend gut, aber kein Kaufargument. Splatoon 2 baut auf dieser Basis auf und liefert mit „Octo Canyon“ die bislang beste Solo-Erfahrung der Serie. Die Story bleibt Nintendo-typisch simpel: Die Octarians sind zurück, haben den Great Zapfish gestohlen, und Agent 4 (wir) muss ihn zurückholen.
Level-Design mit Abwechslung: Die 32 Hauptlevel plus Bonus-Stages bieten konstante Abwechslung. Jedes Level führt eine neue Mechanik ein – bewegliche Plattformen, Schwämme die Tinte absorbieren, Rails zum Grinden, Propeller für vertikale Mobilität. Nintendo zeigt hier sein Level-Design-Können: Eine Idee einführen, variieren, kombinieren, zur Perfektion treiben.
Besonders clever: Jedes Level kann mit unterschiedlichen Waffen absolviert werden. Die Standard-Splattershot funktioniert universal, aber wer mit Charger, Roller oder Splatling zurückkehrt, erlebt völlig andere Herausforderungen. Das motiviert zum Wiederspielen und belohnt Experimentierfreude.
Boss-Kämpfe mit Biss: Die fünf Haupt-Bosse sind kreativ und fordernd. Jeder erfordert eigene Strategien, mehrere Phasen, und präzises Timing. Wer beim ersten Versuch durchkommt, hat entweder Glück oder solide Skills. Das Finale ist ein würdiger Abschluss mit überraschendem Twist.
Im Vergleich zum ersten Splatoon ist Octo Canyon länger, abwechslungsreicher und besser durchdacht. Trotzdem: Mit 5-7 Stunden Spielzeit für den ersten Durchlauf bleibt es Bonus-Content. Niemand kauft Splatoon für Single-Player – aber wenn man ihn hat, macht er Spaß.
Multiplayer – Das Herzstück perfektioniert
Der Online-Multiplayer ist der eigentliche Star. Hier verbringt man Dutzende, wenn nicht Hunderte Stunden. Das Grundkonzept bleibt unverändert: Zwei Teams à vier Spieler kämpfen nicht um Kills, sondern um territoriale Dominanz. Wer mehr Fläche mit seiner Farbe bedeckt, gewinnt.
Turf War – Der Kern: Der Standard-Modus Turf War ist chaotisch, strategisch und unvorhersehbar zugleich. In den letzten 30 Sekunden kann sich alles drehen. Ein gut platzierter Spezialangriff, ein entscheidender Kill am Chokepoint, ein Comeback von hinten – jedes Match kann kippen.
Die Taktik liegt nicht nur im Schießen. Wo färbt man? Welche Route wählt man? Wann pusht man, wann verteidigt man? Schwimmt man durch eigene Tinte für Mobilität oder bleibt man an der Oberfläche für Übersicht? Diese Entscheidungen passieren in Sekundenbruchteilen und machen den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage.
Ranked Battles – Für Competitive-Spieler: Ab Level 10 schalten sich die Ranked Modi frei:
- Splat Zones: King of the Hill mit Tinte
- Tower Control: Escort-Mission auf beweglicher Plattform
- Rainmaker: Capture the Flag meets American Football
Jeder Modus erfordert andere Taktiken. Splat Zones belohnt Defensive und Area Denial. Tower Control fordert Koordination und Timing. Rainmaker ist pures Chaos und die spannendste Variante.
Das Ranking-System von C- bis S+ sorgt für ausgeglichene Matches – meistens. Matchmaking-Probleme existieren, besonders in den unteren Rängen, wo Skill-Unterschiede enorm sein können.
Waffen-Balance – Fast perfekt: Splatoon 2 startet mit über 40 Waffen, deutlich mehr als der Vorgänger zum Launch. Die Balance ist beeindruckend: Jede Waffe hat ihre Nische, kein Weapon dominiert komplett.
- Shooters: Allrounder für alle Situationen
- Rollers: Nah-Fokus, großflächiges Färben
- Chargers: Sniper-Rolle, Langstrecken-Druck
- Sloshers: Area Denial, Curved Shots
- Dualies: Mobilität durch Dodge Rolls (neu!)
- Brellas: Defensive mit mobilem Schild (neu!)
Die neuen Waffen-Klassen Dualies und Brellas fügen sich nahtlos ein. Dualies erlauben aggressive Plays mit ihren Dodge-Rolls, während Brellas defensive Teams unterstützen können. Kein Gimmick, sondern legitime taktische Optionen.

Salmon Run – Koop-PvE perfektioniert
Salmon Run ist Splatoon 2s größte Neuerung. Ein kooperativer Horde-Mode für vier Spieler gegen KI-gesteuerte Salmoniden. Das Ziel: Golden Eggs sammeln, drei Wellen überleben, Quoten erfüllen.
Warum es funktioniert:
- Rotation zwingt zur Anpassung (wechselnde Waffen und Maps)
- Eskalierender Schwierigkeitsgrad (höhere Hazard Levels = bessere Belohnungen)
- Boss Salmonids mit einzigartigen Mechaniken
- Team-Koordination absolut notwendig
Salmon Run ist nicht immer verfügbar – Nintendo rotiert ihn zeitlich begrenzt. Das ist frustrierend für Spieler, die nur Salmon Run spielen wollen, aber erhält die Frische und verhindert Community-Fragmentierung.
Die Belohnungen – Gear, Ability Chunks, und exklusive Items – motivieren langfristig. Wer Hazard Level 200% übersteht, hat echte Skills bewiesen.
Maps und Rotation – Umstrittenes System
Splatoon 2 startet mit acht Multiplayer-Maps (plus Salmon Run-Stages). Das ist weniger als Splatoon 1 zum Launch, aber Nintendo verspricht kostenlose Updates mit weiteren Maps.
Das Rotations-System: Alle zwei Stunden wechseln die verfügbaren Maps und Modi. Zu jedem Zeitpunkt stehen zwei Maps für Turf War und zwei für Ranked zur Verfügung. Das bedeutet: Man kann nicht immer die Lieblingsmap spielen, wenn man will.
Pro:
- Zwingt Spieler, alle Maps zu lernen
- Verhindert Map-Favoritism
- Hält Matchmaking-Pools gefüllt
Contra:
- Künstliche Einschränkung der Freiheit
- Frustrierend, wenn man eine Map hasst und zwei Stunden warten muss
- Bei wenigen Maps wiederholt sich die Rotation schnell
Die Community ist gespalten. Manche lieben die Struktur, andere fordern Map-Voting. Nintendo bleibt stur bei seinem System.
Präsentation – Style und Substance
Visuell ist Splatoon 2 bunt, scharf und flüssig. Die Switch bewältigt 1080p/60fps im TV-Modus ohne Probleme. Im Handheld-Modus sinkt die Auflösung auf 720p, aber die 60fps bleiben stabil. Das ist entscheidend für einen kompetitiven Shooter.
Art-Style: Die Tintenpunk-Ästhetik ist unverwechselbar. Graffiti, Streetwear, urbane Coolness – Splatoon hat Persönlichkeit. Charakterdesigns, UI, Menüs – alles atmet Stil. Inkopolis Square als Hub ist lebendiger und dichter als der Vorgänger.
Soundtrack: Die Musik ist genial. Fiktive Bands wie die Squid Sisters, Off the Hook und verschiedene In-Game-Acts liefern J-Pop, Rock, Elektronik und Funk. Die Songs sind Ohrwürmer, und die Splatfest-Konzerte sind Highlights.
Splatfest – Community-Events: Regelmäßige Splatfests – zeitlich begrenzte Events mit thematischen Team-Wahlen (z.B. Cats vs Dogs, Ketchup vs Mayo) – sind Höhepunkte. Die Community teilt sich, Special-Gear wird angeboten, und Pearl & Marina kommentieren live.
Diese Events schweißen die Community zusammen und geben langfristige Motivation über Ranked-Grinds hinaus.
Steuerung – Gyro ist König
Splatoon 2 unterstützt Gyro- und Stick-Steuerung. Beide funktionieren, aber Gyro ist überlegen. Die Motion-Controls erlauben präzises Zielen mit minimaler Latenz. Wer kompetitiv spielen will, sollte sich die Eingewöhnung antun.
Handheld-Probleme: Im Handheld-Modus ist Gyro komplizierter – man dreht die komplette Konsole. Für kurze Sessions okay, für mehrstündige Ranked-Marathons unbequem. Tabletop-Mode mit Pro Controller ist die bessere Lösung.
Die Stick-Steuerung ist zugänglich, aber im Ranked-Modus gegen Gyro-Spieler benachteiligt. Das ist kein Deal-Breaker für Casual-Spieler, aber für Competitive-Ambitionen relevant.
Progression und Gear-System
Level-Ups schalten Waffen, Gear und Modi frei. Bis Level 10 (Ranked-Freischaltung) dauert es wenige Stunden. Danach ist die Progression offener.
Gear mit Abilities: Kleidung, Schuhe und Kopfbedeckung haben Abilities – passive Boni wie erhöhte Laufgeschwindigkeit, schnellere Spezial-Ladung oder besseres Respawn-Timing. Hauptslots sind fix, Sub-Slots zufällig.
Ability Chunks: Ungewollte Abilities können in Chunks zerlegt und neu kombiniert werden. Das erlaubt langfristige Optimierung für Build-Crafting. Hardcore-Spieler jagen perfekte Gear-Sets.
Für Casual-Spieler ist das optional. Abilities helfen, aber Skill entscheidet. Ein guter Spieler mit Standard-Gear schlägt einen schlechten mit Perfect-Build.
Online-Infrastruktur – Nintendos Achillesferse
Hier wird es problematisch. Nintendo Switch Online startet erst 2018, aktuell ist Online-Play kostenlos. Aber die Infrastruktur zeigt Schwächen:
Probleme:
- Kein Voice-Chat ohne Smartphone-App
- Freunde-System umständlich
- Keine Lobby-Erstellung für Private Matches
- P2P-Verbindungen anfällig für Disconnects
- Matchmaking manchmal unausgeglichen
Der Voice-Chat über die Nintendo Switch Online-App ist lächerlich. Man braucht ein Smartphone neben der Switch, die App muss laufen, und die Qualität ist bestenfalls okay. Die meisten nutzen Discord.
Für ein 2017-Release ist das peinlich. Sony und Microsoft haben das vor über einer Dekade gelöst. Nintendo hinkt hoffnungslos hinterher.
Für wen lohnt sich Splatoon 2?
Pflichtkauf für:
- Splatoon 1-Fans (sofern keine Wii U mehr gespielt wird)
- Switch-Besitzer ohne guten Multiplayer-Shooter
- Familien (jugendfreier Content)
- Portable Gaming-Enthusiasten
Bedingt empfehlenswert für:
- Wer Splatoon 1 noch aktiv spielt (wenig wirklich Neues)
- Komplett-Neulinge (Lernkurve ist steil)
- Wer ausschließlich Solo-Content will (zu wenig)
Nicht empfehlenswert für:
- Erwartung an Voice-Chat-Standard (Nintendo versagt)
- Wer Online-Zwang ablehnt (Offline ist sinnlos)
- Wer Map-Rotation hasst (System bleibt)
Eckdaten zum Spiel
Titel: Splatoon 2
Plattform: Nintendo Switch (exklusiv)
Entwickler: Nintendo EPD
Publisher: Nintendo
Release: Juli 2017
Genre: Third-Person-Shooter, Multiplayer
Spieler: 1 (Kampagne), 2-8 (Multiplayer)
Online: Erforderlich für Multiplayer (aktuell kostenlos)
Preis: 60 Euro
Gamefinity-Wertung: 8,5/10
Fazit: Mehr als genug für ein Sequel
Splatoon 2 ist das Sequel, das die Serie verdient. Es perfektioniert statt zu revolutionieren, und das ist völlig in Ordnung. Die Kernmechaniken sind so gut, dass radikale Änderungen unnötig wären. Stattdessen liefert Nintendo Verfeinerungen: bessere Kampagne, Salmon Run als starke Koop-Option, neue Waffen-Klassen, und die Portabilität der Switch.
Ist es ein vollwertiges Sequel oder glorifiziertes Update? Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Für Wii U-Besitzer, die Splatoon 1 noch aktiv spielen, ist der Sprung nicht riesig. Für Switch-Besitzer ohne Vorgeschichte ist es ein Must-Have-Multiplayer-Titel.
Stärken:
✓ Süchtig machender Multiplayer mit hohem Skill-Ceiling
✓ Salmon Run als starke Koop-Ergänzung
✓ Beste Splatoon-Kampagne bisher
✓ Exzellente Waffen-Balance und Vielfalt
✓ Flüssige 60fps im TV- und Handheld-Modus
✓ Unverwechselbarer Art-Style und Soundtrack
✓ Kostenlose Content-Updates versprochen
Schwächen:
✗ Voice-Chat via Smartphone-App ist lächerlich
✗ Map-Rotation frustriert manche Spieler
✗ Wenig Maps zum Launch (Updates kommen)
✗ Für Splatoon 1-Veteranen wenig fundamental Neues
✗ Online-Infrastruktur hinter der Konkurrenz
✗ Gear-RNG kann nerven
✗ Keine Offline-Alternative für Multiplayer-Modi
Abschließende Empfehlung: Splatoon 2 ist der perfekte Sommer-Shooter für Switch. Bunt, chaotisch, zugänglich aber tiefgründig. Die „Just one more match“-Qualität ist real – Sessions dehnen sich von geplanten 20 Minuten auf drei Stunden aus.
Nintendo hat einen Winner auf den Händen. Die Switch bekommt im fünften Monat ihren zweiten Systemseller nach Zelda: Breath of the Wild. Die Kombination aus portablem Gaming und solidem Multiplayer-Shooter ist einzigartig auf dem Markt.
Ja, die Online-Infrastruktur ist peinlich. Ja, mehr Maps wären schön gewesen. Ja, manche Änderungen sind inkrementell. Aber wenn man mitten in einem knappen Turf War steckt, die letzten zehn Sekunden runterzählen, und der Sieg an drei Prozent Flächen-Unterschied hängt – dann ist all das egal. Splatoon 2 liefert, wo es zählt: beim Gameplay.
Für Switch-Besitzer mit Online-Ambitionen ist es ein No-Brainer. Für Skeptiker: Die Demo-Version zum Testen vor dem Splatfest könnte überzeugen. Für alle anderen: Willkommen in Inkopolis. Die Tinte ist warm, die Matches sind heiß, und der Sommer 2017 wird bunt.

