Testament: The Order of High-Human

Testament: The Order of High-Human im Test – Ambitioniert, aber gescheitert

Fairyship Games wagt sich mit Testament: The Order of High-Human in die Nische der First-Person-Fantasy-RPGs – ein Genre, das seit Jahren von The Elder Scrolls V: Skyrim dominiert wird. Während isometrische RPGs wie Pillars of Eternity durch Kickstarter-Finanzierungen erfolgreich wiederbelebt wurden, bleiben First-Person-Fantasy-Titel unterversorgt. Das 15-köpfige US-Team verspricht ein Action-Adventure mit RPG-Elementen und Metroidvania-Anleihen. Nach zahlreichen Spielstunden zeigt sich: Ambition allein reicht nicht aus. Unser ausführlicher Test.

Story: Post-Apokalypse ohne Tiefe

Testament führt in die post-apokalyptische Fantasy-Welt Tessara. Wir übernehmen die Rolle von Aran, einem gestürzten unsterblichen König der Hoch-Menschen. Nach dem Verrat seines Bruders Arva ist das Reich ins Chaos gestürzt. Unsere Mission: Verlorene Kräfte zurückgewinnen und das Land retten.

Die Story-Probleme zeigen sich schnell. Protagonist Aran mangelt es an Charisma, seine monotone Stimme und hölzerne Dialoge erinnern an Budget-RPGs aus den frühen 2000ern. Das Spiel bombardiert mit Informationen ohne emotionale Bindung aufzubauen. Selbst nach mehreren Stunden bleibt das eigentliche Ziel unklar. Bösewicht Arva erscheint nur in Zwischensequenzen, verschwindet dann wieder – echte Spannung oder Dringlichkeit entstehen nicht.

Die Welt von Tessara bietet tiefgreifende Lore mit Notizen, Büchern und Umgebungsdetails. Anders als Skyrim, wo die Welt organisch Geheimnisse preisgibt, präsentiert Testament seine Geschichte ohne den nötigen emotionalen Unterbau. Ein technisches Problem verschlimmert die Situation: Die Kameraführung in Gesprächen fokussiert sich merkwürdigerweise auf Brusthöhe und schneidet Gesichter ab – ein Detail, das die ohnehin schwache Immersion weiter untergräbt.

Grafik: Unreal Engine 4 ohne letzten Schliff

Visuell zeigt Testament durchaus Potenzial. Die Unreal Engine 4 ermöglicht detaillierte Umgebungen und die Fantasy-Welt hat reizvolle Momente. Die verschiedenen Areale von verfallenen Ruinen bis zu mystischen Tempeln zeigen das künstlerische Talent des Teams. Charaktermodelle sind ordentlich ausgeführt und atmosphärische Lichteffekte tragen zur Stimmung bei.

Allerdings fehlt dem Spiel der letzte Schliff. Die Welt wirkt oft steril und leblos. Animationen sind teilweise abgehackt, und das Fehlen von Field-of-View-Einstellungen in einem First-Person-Spiel zeigt, dass noch viel Arbeit in die Politur hätte fließen sollen. Während Skyrim trotz technischer Unvollkommenheiten durch seine lebendige Welt überzeugt, mangelt es Testament an genau dieser Atmosphäre. Der Unterschied zu etablierten Produktionen wird deutlich spürbar.

Sound: Stark bei Musik, schwach bei Vertonung

Der Soundtrack ist einer der stärkeren Aspekte. Die Musikuntermalung fügt sich gut in die Fantasy-Atmosphäre ein und unterstützt sowohl ruhige Erkundungs- als auch actionreiche Kampfphasen. Authentische Umgebungsgeräusche tragen zur Immersion bei.

Leider kann die Sprachausgabe nicht mithalten. Sie wirkt amateurhaft und emotionslos, wo Spiele wie Divinity: Original Sin 2 oder Mass Effect durch exzellente Synchronisation überzeugen. Die fehlende emotionale Tiefe der Charaktere wird durch die schwache Vertonung noch verstärkt.

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Gameplay: Frustrierende Mechaniken

Das Kampfsystem soll Nahkampf, Magie und Fernkampf vereinen – in der Theorie eine spannende Mischung aus Dark Messiah und Skyrim. In der Praxis offenbaren sich erhebliche Schwächen.

Der Nahkampf fühlt sich träge und wirkungslos an. Wo Dark Messiah of Might & Magic jeden Schwerthieb mit befriedigender Wucht vermittelte und durch Kick-System und Umgebungsinteraktionen glänzte, fehlt Testament jegliches haptisches Feedback. Die Kombos sind schwerfällig, die Treffer-Rückmeldung mangelhaft. Das beworbene „skill-based combat“ entpuppt sich als simples Zwei-Tasten-System ohne nennenswerte Tiefe. Selbst mit fortschreitender Charakterentwicklung wird der Kampf nicht spannender.

Der Fernkampf ist noch frustrierender. Die Reload-Zeiten sind extrem lang, der Bogenkampf dadurch fast unbrauchbar. Auch das Insight-System, das Schwachstellen der Gegner markiert, kann die Grundprobleme nicht beheben. Der Unterschied zu durchdachten Systemen in The Elder Scrolls-Titeln oder Thief ist gravierend – hier funktioniert Fernkampf nicht als taktisches Element.

Das Magiesystem zeigt mehr Potenzial mit verschiedenen Elementartypen wie Feuer, Schwerkraft und Leere. Allerdings sind die Zauber zu langsam und umständlich einsetzbar, um im hektischen Kampfgeschehen wirklich nützlich zu sein. Die theoretische taktische Vielfalt verpufft in der Praxis.

Ein gravierender Kritikpunkt ist das Fehlen einer Karte. Während moderne Metroidvania-Spiele wie Hollow Knight ausgeklügelte Kartensysteme bieten und selbst Metroid Prime vor 20 Jahren diese Grundfunktion beherrschte, lässt Testament Spieler orientierungslos durch die Welt irren. Der nutzlose Kompass und die verwirrende Levelstruktur führen zu Frustration statt Entdeckerfreude.

Rätsel und Platforming: Lichtblicke

Die Rätsel gehören zu den wenigen positiven Aspekten. Die Licht-Spiegel-Puzzles sind clever designt und bieten eine willkommene Abwechslung zum frustrierenden Kampfgeschehen. Auch das Platforming funktioniert grundsätzlich. Diese Passagen zeigen, dass das Entwicklerteam durchaus kreative Ideen hat – leider werden sie von den technischen und designerischen Schwächen des restlichen Spiels überschattet. Die Eleganz eines Portal oder die Präzision eines Metroid Prime werden jedoch nie erreicht.

Technische Aspekte: Optimierungsprobleme

Testament läuft grundsätzlich stabil, zeigt aber deutliche Schwächen. Besonders auf dem Steam Deck ist das Spiel kaum spielbar – nur 40 FPS in leeren Bereichen bei niedrigsten Einstellungen. Auch auf Standard-PCs sind die Ladezeiten spürbar lang, ein Problem, das komplexere Titel wie Kingdom Come: Deliverance besser lösen.

Die Steuerung ist unergonomisch und lässt sich nicht vollständig anpassen. Für ein First-Person-Spiel ist das inakzeptabel, besonders wenn selbst kleinere Indie-Titel hier oft bessere Lösungen bieten.

Länge und Wiederspielwert: Qual statt Vergnügen

Mit beworbenen 30-40 Spielstunden ist Testament theoretisch umfangreich. In der Praxis fühlt sich diese Länge jedoch wie eine Qual an. Anders als Skyrim, wo hundert Stunden wie im Flug vergehen, oder Elden Ring, wo jede Entdeckung zur nächsten führt, zieht sich Testament quälend in die Länge. Die linearen Level bieten wenig Erkundungsanreiz, die schwache Story motiviert nicht zum Durchhalten. Der Charakterfortschritt ist zu langsam, die Belohnungen zu schwach und die Kampfmechaniken zu frustrierend.

Während The Witcher 3 oder Dragon Age: Origins durch taktische Tiefe und emotionale Investition fesseln, bietet Testament wenig Motivation zum Weiterspielen.

Vergleich mit der Konkurrenz: Deutlich unterlegen

Testament tritt in eine Arena ein, die von Giganten dominiert wird. Im direkten Vergleich fällt das Spiel in allen wichtigen Kategorien ab. Dark Messiah of Might & Magic war bereits 2006 überlegen in Kampfsystem, Umgebungsinteraktion und atmosphärischer Dichte. Testament wirkt wie ein schwacher Abklatsch ohne Verständnis dafür, was das Original so besonders machte.

Auch im Vergleich zu anderen Indie-Titeln wie Kingdom Come: Deliverance oder Gothic schneidet Testament schlecht ab. Diese Spiele zeigen, dass auch kleinere Studios überzeugende RPGs schaffen können, wenn sie ihre Stärken kennen und ausbauen. Skyrim dominiert das Genre weiterhin durch schiere Größe, Freiheit und lebendige Welt – Bereiche, in denen Testament nicht ansatzweise mithalten kann.

Technische Daten

Entwickler: Fairyship Games
Publisher: Fairyship Games
Plattform: PC (Steam)
Release: 2024
Genre: First-Person Action-Adventure, RPG-Elemente
Teamgröße: 15 Personen

Fazit: Ambition ohne Umsetzung

Testament: The Order of High-Human ist ein Paradebeispiel dafür, wie Ambition allein nicht ausreicht. Fairyship Games hatte offensichtlich eine große Vision und viel Leidenschaft, aber die Umsetzung scheitert an grundlegenden Designproblemen und mangelnder Politur.

Pro:

  • Clever designte Rätsel
  • Funktionierendes Platforming
  • Ambitionierte Lore
  • Solider Soundtrack

Contra:

  • Frustrierende Kampfmechaniken (Nahkampf, Fernkampf)
  • Charismalose Präsentation und schwache Story
  • Fehlende Karte in Metroidvania-artigem Spiel
  • Technische Mängel und Optimierungsprobleme
  • Unergonomische Steuerung
  • Langweilige und anstrengende Erfahrung
  • Deutlich unterlegen gegenüber Konkurrenz

Kaufempfehlung: Nicht empfehlenswert. Für Fans des Genres ist es besser, auf kommende Patches zu warten oder das Geld in bewährte Alternativen wie Skyrim, Diablo IV oder andere etablierte Fantasy-RPGs zu investieren.

Die Grundidee eines First-Person-Fantasy-Abenteuers mit Metroidvania-Elementen ist reizvoll, besonders in einem unterversorgten Genre. Stattdessen reiht sich Testament in die lange Liste ambitionierter Indie-Projekte ein, die an ihrer eigenen Überforderung scheitern.

Testament mag das Herz am rechten Fleck haben, aber das reicht nicht aus, um fundamentale Schwächen zu kaschieren. Wer Lust auf First-Person-Fantasy hat, greift besser zu bewährten Titeln oder wartet auf Ankündigungen größerer Studios.

Bewertung: 4/10

Ambitioniert angelegt, aber an grundlegenden Design- und technischen Problemen gescheitert. Frustration überwiegt die wenigen Lichtblicke. Für Geduldige eventuell nach umfangreichen Patches einen Blick wert – aktuell jedoch nicht empfehlenswert.

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