Was als vielversprechende Rainbow Six Siege-Umsetzung begann, endete in einem der größten Crowdfunding-Desaster der Brettspiel-Geschichte. Die Geschichte von Mythic Games und 6: Siege ist eine Warnung an Unterstützer und Entwickler gleichermaßen.
Im Juni 2021 sammelte Mythic Games über 1,5 Millionen Dollar für „6: Siege – The Board Game“. Knapp 11.000 Unterstützer wollten den taktischen Shooter Rainbow Six Siege auf dem Spieltisch erleben. Drei Jahre später war das Geld weg, das Spiel ungeliefert und Mythic Games insolvent. Was ist schiefgegangen?
Der verheißungsvolle Start
Mythic Games galt 2021 als einer der erfolgreichsten Crowdfunding-Publisher im Brettspielbereich. Projekte wie „Time of Legends: Joan of Arc“ und „Solomon Kane“ hatten dem französischen Unternehmen einen exzellenten Ruf eingebracht. Die Kickstarter-Kampagne für 6: Siege versprach hochwertige Miniaturen, authentisches Gameplay und alle Elemente, die Fans des Videospiels schätzen.
Die Resonanz war überwältigend. Fast 11.000 Unterstützer pledgten 1,5 Millionen Dollar. Parallel lief das noch größere Projekt „Darkest Dungeon: The Board Game“ – über 5,6 Millionen Dollar von fast 30.000 Unterstützern. Mythic Games schien auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Die ersten Risse
Die COVID-19-Pandemie traf die globalen Lieferketten hart. Während andere Publisher ihre Projekte anpassten, Belegschaften reduzierten oder Kampagnen verschoben, fuhr Mythic mit ambitionierten Projekten fort und stellte sogar weitere Mitarbeiter ein. Diese Strategie sollte sich als verhängnisvoll erweisen.
Im Sommer 2022 forderte Mythic erstmals zusätzliche Zahlungen für „Darkest Dungeon“. Zwischen 18 und 69 Dollar sollten Unterstützer nachzahlen, um ihre bereits bezahlten Spiele zu erhalten. Die Begründung: explodierende Produktions- und Versandkosten durch Pandemie und Ukraine-Krieg.
Die Community reagierte gespalten. Einige zeigten Verständnis für die außergewöhnlichen Umstände. Viele sahen darin einen Bruch des Crowdfunding-Vertrags.
Das Ultimatum
Im April 2023 eskalierte die Situation. Mythic forderte auch für 6: Siege zusätzliche Zahlungen – und zwar in einem Ausmaß, das die Community schockierte. Die meisten Unterstützer sollten etwa 50 Prozent ihres ursprünglichen Pledges nachzahlen. Wer 69 Dollar investiert hatte, musste weitere 40 Dollar zahlen. All-In-Unterstützer wurden zur Kasse gebeten: 250 Dollar zusätzlich zu den bereits gezahlten 269 Dollar.
Das Unternehmen setzte eine Frist von zwei Wochen. Wer nicht zahlte, würde sein bereits bezahltes Spiel nicht erhalten. Mythic stellte klar: Mindestens 30 Prozent aller Unterstützer müssten den zusätzlichen Beiträgen zustimmen, damit das Projekt überhaupt realisiert werden könne. Aber nur diejenigen, die tatsächlich nachzahlten, würden das fertige Spiel erhalten.
Die Begründungen folgten dem bekannten Muster: COVID-19, Ukraine-Krieg, Kostensteigerungen. Papier und Pappe seien um 50 bis 100 Prozent teurer geworden, chinesische Lohnkosten hätten sich verdoppelt, Energie- und Rohstoffpreise seien um fast die Hälfte gestiegen. Zusätzlich gab Mythic zu, deutlich mehr in die Entwicklung investiert zu haben als geplant – ein internes Team von zwölf Personen arbeitete 18 Monate am Projekt.
Der Aufschrei
Die Reaktionen waren verheerend. In Foren und sozialen Medien entlud sich der Unmut über das, was viele als Erpressung bezeichneten. Unterstützer kritisierten nicht nur die Höhe der Nachforderungen, sondern auch die als unehrlich empfundene Kommunikation.
„Wir werden völlig über den Tisch gezogen“, schrieb ein frustrierter Unterstützer auf Reddit. „Sie hätten die Versandkostensteigerung vermeiden können, indem sie pünktlich geliefert hätten, wie versprochen.“
Die Diskussionen offenbarten ein fundamentales Problem: Viele Unterstützer betrachteten ihre Kickstarter-Pledges als Vorbestellungen, während Mythic Games sie als Investitionen mit inhärentem Risiko sah. Diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen führten zu einer toxischen Atmosphäre.
Das Schneeballsystem
Mit jedem Update wurde deutlicher: Mythic Games war in einem gefährlichen Spiel gefangen. Kritiker warfen dem Unternehmen vor, ein Schneeballsystem zu betreiben – Geld aus neuen Kampagnen wurde verwendet, um ältere Projekte zu finanzieren. Dieses Kickstarter-Jonglieren ist in der Branche bekannt, aber verpönt.
Die Zahlen sprachen eine deutliche Sprache: Mythic hatte über sechs Crowdfunding-Kampagnen mehr als 12 Millionen Dollar eingesammelt. Dennoch war das Unternehmen nicht in der Lage, die Projekte zu realisieren. Während andere Publisher in der Pandemie-Zeit Ausgaben kürzten und Projekte anpassten, hatte Mythic weiterhin ambitionierte Kampagnen gestartet und das Personal aufgestockt.
Der Kollaps
Das Unternehmen reduzierte seine Belegschaft drastisch um 60 Prozent. Im Januar 2024 verkaufte Mythic die Rechte an „Hel: The Last Saga“ und „Anastyr“ – Projekte im Wert von 3,2 Millionen Dollar – an CMON. Mythic war nicht mehr in der Lage, sie selbst zu produzieren.
Für Unterstützer dieser Projekte war dies ein schwacher Trost – immerhin würden ihre Spiele von einem finanziell stabilen Publisher realisiert. Für 6: Siege blieb die Zukunft ungewiss.
Die Kommunikation wurde sporadischer. Updates auf den Kickstarter-Seiten wurden seltener. Unterstützer erhielten nur vage Informationen über den Projektstatus. Diese Intransparenz verstärkte die Frustration.
Das Ende
Am 1. Oktober 2024 wurde die Liquidation von Mythic Games beschlossen, wie die französische Zeitung „Le Parisien“ berichtete. Leonidas Vesperini, einer der Mitgründer, wurde als Liquidator eingesetzt. In Interviews gab er zu verstehen, dass das Unternehmen monatelang auf Zahlungen von Gläubigern gewartet hatte. Die Hoffnung, das Luxemburger Stammunternehmen zu retten, schwand.
Vesperini berichtete später von den enormen persönlichen Belastungen. Er erhielt Todesdrohungen, wurde gedoxt, persönliche Informationen über seine Familie wurden veröffentlicht. „Das geht zu weit“, sagte er in einem Interview, „wir sind auch nur Menschen.“
Auf der anderen Seite stehen Tausende von Unterstützern, die ihr Geld verloren haben. Viele hatten mehrere hundert Dollar in verschiedene Mythic-Projekte investiert und gingen leer aus. Besonders bitter für diejenigen, die die geforderten Nachzahlungen geleistet hatten, nur um dann trotzdem nichts zu erhalten.
Ein Hoffnungsschimmer?
Steamforged Games kündigte an, eine neue Vorbestellungskampagne für 6: Siege auf Gamefound zu starten. Das britische Unternehmen betont, dass es keine Partnerschaft mit Mythic Games eingegangen sei, die über dieses eine Spiel hinausgehe.
Die neue Kampagne soll als Vorbestellung fungieren und sich von klassischen Crowdfunding-Projekten unterscheiden. Steamforged plant, das Spiel in allen ursprünglich versprochenen Varianten anzubieten, einschließlich aller Stretch-Goals. Die Auslieferung ist für April 2026 geplant.
Für die ursprünglichen Kickstarter-Unterstützer ist dies jedoch nur ein schwacher Trost – sie müssten das Spiel erneut kaufen, nachdem sie bereits Geld an Mythic verloren haben.
Lehren für die Zukunft
Der Fall Mythic Games offenbart strukturelle Probleme im Crowdfunding-System. Crowdfunding ist keine Vorbestellung, sondern eine Investition mit dem Risiko des Totalverlusts. Gleichzeitig müssen Publisher ehrlicher über ihre Kalkulationen und transparenter in ihrer Kommunikation sein. Das Vertrauen der Community, einmal verloren, ist schwer wiederzugewinnen.
Die Branche diskutiert inzwischen über strengere Regeln: Sollten Publisher erst dann neue Kampagnen starten dürfen, wenn alle vorherigen Projekte abgeschlossen sind? Sollten Plattformen wie Kickstarter schärfere Kontrollen einführen?
Der Fall Mythic Games wird als Warnung in die Crowdfunding-Geschichte eingehen – sowohl für überambitionierte Publisher als auch für zu vertrauensselige Unterstützer. Er zeigt, dass auch die erfolgreichsten Crowdfunding-Unternehmen nur wenige schlechte Entscheidungen von ihrem Untergang entfernt sein können.
Persönliche Erfahrung: Selbst betroffen
Als langjähriger Spieler von Rainbow Six Siege war ich von der Idee begeistert, dieses taktische Videospiel als Brettspiel umzusetzen. Ich war einer der betroffenen Unterstützer der ursprünglichen Kickstarter-Kampagne. Zu Beginn war ich so begeistert, dass ich das Projekt nicht nur finanziell unterstützte, sondern auch aktiv durch News-Artikel und Promotion in sozialen Medien bewarb.
Trotz dieser anfänglichen Euphorie und der Bereitschaft, sogar die später geforderte Nachzahlung zu leisten, habe ich letztendlich nie eine Lieferung erhalten. Die Kommunikation mit dem Support wurde zunehmend schwieriger, bis schließlich gar keine Antworten mehr kamen.
Die Ankündigung der Wiederbelebung des Projekts durch Steamforged Games ließ mich mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits freute es mich zu sehen, dass das Spiel möglicherweise doch noch realisiert werden könnte. Andererseits bedeutete dies, dass ich erneut zahlen müsste für etwas, wofür ich bereits bezahlt hatte – und das gleich zweimal. Aus persönlichen Gründen habe ich mich daher entschieden, die neue Kampagne nicht zu unterstützen.
Diese Geschichte ist somit nicht nur journalistische Recherche, sondern auch ein persönlicher Erfahrungsbericht über die Schattenseiten des modernen Crowdfunding-Systems.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf öffentlich zugänglichen Informationen, Community-Berichten und Pressemitteilungen sowie persönlichen Erfahrungen des Autors als betroffener Unterstützer. Die Situation um Mythic Games und 6: Siege entwickelt sich möglicherweise weiter.
