Cyberpunk 2077 Keyart

Cyberpunk 2077 im Test – Night City zwischen Genie und Desaster

Mit Cyberpunk 2077 liefert CD Projekt Red nach acht Jahren Entwicklungszeit ihr neuestes Meisterwerk ab – zumindest war das der Plan. Nach dem weltweiten Erfolg von The Witcher 3: Wild Hunt waren die Erwartungen an das dystopische Open-World-RPG astronomisch hoch. Das Setting, eine düstere Zukunftsvision im Jahr 2077 in der Megacity Night City, hatte bereits Jahre vor Release für enorme Vorfreude gesorgt. Cyberpunk als Genre war in Videospielen bisher eher Randerscheinung, abgesehen von einzelnen Titeln wie Deus Ex oder dem eher unbekannten Shadowrun. Nun sollte CD Projekt Red zeigen, was mit modernen Mitteln und enormem Budget in diesem Universum möglich ist. Die Frage die sich nun stellt: Ist das polnische Studio dieser Mammutaufgabe gewachsen?

Die Antwort darauf fällt kompliziert aus und ist stark abhängig davon, auf welcher Plattform man spielt und wie sehr einen technische Mängel stören. Denn während auf leistungsstarken PCs durchaus ein beeindruckendes Spielerlebnis möglich ist, kämpfen Konsolen-Spieler, besonders auf PlayStation 4 und Xbox One, mit massiven Performance-Problemen. Doch dazu später mehr – werfen wir zunächst einen Blick auf das, was Cyberpunk 2077 ausmacht.

Willkommen in Night City

Die Geschichte von Cyberpunk 2077 versetzt uns in die fiktive Metropole Night City an der US-Westküste. Diese Stadt ist ein faszinierendes Konstrukt aus extremen Gegensätzen – schillernde Wolkenkratzer neben verfallenen Slums, Hightech-Konzerne neben Straßengangs, und überall dazwischen Menschen, die versuchen zu überleben oder ihren großen Durchbruch zu landen.

Wir schlüpfen in die Rolle von V, dessen Geschlecht, Aussehen und Hintergrundgeschichte wir zu Beginn bestimmen können. Die Wahl zwischen drei verschiedenen Lebensläufen – Nomad, Street Kid oder Corpo – beeinflusst dabei nicht nur die ersten Spielstunden, sondern zieht sich durch das gesamte Spiel in Form zusätzlicher Dialogoptionen.

V ist ein Söldner, in der Welt von Cyberpunk 2077 auch Mercenary oder kurz „Merc“ genannt, der sich zusammen mit seinem Partner Jackie Welles durch die Unterwelt von Night City schlägt. Beide träumen vom großen Coup, der sie in die Oberliga der Stadt katapultieren soll. Dieser Coup kommt tatsächlich, doch er läuft gründlich schief und stellt Vs Leben komplett auf den Kopf. Ab diesem Wendepunkt, der etwa nach dem ersten Spielabschnitt eintritt, beginnt die eigentliche Geschichte. Ohne zu viel zu verraten: V bekommt unfreiwillig Gesellschaft von Johnny Silverhand, einer digitalen Kopie des legendären Rockers und Terroristen, gespielt von Keanu Reeves.

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Johnny Silverhand – Mehr als nur ein Werbegesicht

Die Verpflichtung von Keanu Reeves war nicht nur ein Marketing-Coup, sondern erweist sich als einer der brillantesten Schachzüge von CD Projekt Red. Johnny Silverhand ist keine bloße Nebenrolle oder ein kurzer Gastauftritt – er ist das Herzstück der gesamten Geschichte und Vs ständiger Begleiter. Reeves liefert eine Performance ab, die weit über das hinausgeht, was man von Celebrity-Besetzungen in Videospielen gewohnt ist. Seine raue, zynische Art, gepaart mit Momenten echter Verletzlichkeit, macht Johnny zu einem faszinierend vielschichtigen Charakter.

Die Chemie zwischen V und Johnny ist das emotionale Rückgrat des Spiels. Was als feindseliges Zweckbündnis beginnt – schließlich teilen sich beide unfreiwillig einen Körper – entwickelt sich zu einer der interessantesten Beziehungen in einem Videospiel. Johnny ist kein strahlender Held, sondern ein egozentrischer Terrorist mit einer persönlichen Vendetta gegen die Megakonzerne. Seine Erinnerungen, die wir im Spielverlauf durchleben, zeigen uns Night City aus den 2020er Jahren und enthüllen nach und nach, wer Johnny wirklich war.

Besonders gelungen ist die Integration von Johnny ins Gameplay. Er taucht in den unmöglichsten Momenten auf, kommentiert Vs Entscheidungen, gibt ungebetene Ratschläge und sorgt für einen permanenten inneren Dialog. Diese Interaktionen sind nie langweilig, da Johnny durchaus seine eigene Agenda verfolgt und V nicht immer wohlgesonnen ist. Die Beziehung zwischen den beiden entwickelt sich organisch über das Spiel hinweg, und die Dialogoptionen erlauben es dem Spieler zu entscheiden, ob man Johnny die kalte Schulter zeigt oder versucht, ihn zu verstehen. Diese Entscheidungen haben tatsächlich Auswirkungen auf die verfügbaren Enden des Spiels.

Night City – Ein lebendiges Monster

Optisch ist Night City eine Wucht, zumindest auf High-End-Hardware. Die Stadt erstreckt sich über verschiedene Distrikte, von denen jeder seinen eigenen Charakter hat. Das noble Westbrook mit seinen Luxusvillen und dem Casino, das heruntergekommene Pacifica mit seinen verlassenen Großprojekten, das industrielle Santo Domingo oder das pulsierende Zentrum mit seinen Megagebäuden – jeder Bezirk erzählt seine eigene Geschichte.

Die Straßen sind belebt, Werbetafeln flimmern in allen Farben, fliegende Fahrzeuge ziehen über den Himmel und in den Gassen drängen sich Menschen, Verkaufsstände und allerhand zwielichtige Gestalten. Die Liebe zum Detail ist beeindruckend. Werbeplakate und Radiosendungen spiegeln die gesellschaftlichen Verhältnisse wider, Graffiti erzählen von Bandenkriegen, und überall findet man kleine Geschichten, wenn man nur genau hinsieht.

Die Neonbeleuchtung, der Regen auf den Straßen, die Reflexionen in den Pfützen – wenn das Spiel läuft wie es soll, ist es ein visuelles Fest. Besonders mit aktiviertem Raytracing auf entsprechender Hardware erreicht Cyberpunk 2077 ein Niveau, das seinesgleichen sucht.

Klanglich steht Night City der optischen Präsentation in nichts nach. Der Soundtrack ist eine gelungene Mischung aus verschiedenen Genres, die perfekt zur jeweiligen Situation passen. Von Industrial über Synthwave bis hin zu Latin-Klängen ist alles dabei. Besonders die Songs von Samurai, Johnny Silverhands fiktiver Band, bleiben im Ohr. Tracks wie „Chippin‘ In“ oder „Never Fade Away“ sind nicht nur atmosphärisch passend, sondern auch eigenständig hörenswert.

Charakterentwicklung – Erschaffe deinen V

Das Herzstück jedes RPGs ist die Charakterentwicklung, und hier zeigt Cyberpunk 2077 sowohl seine Stärken als auch einige verpasste Chancen. Das System basiert auf fünf Hauptattributen: Reflexe, Technische Fähigkeiten, Intelligenz, Konstitution und Coolness. Jedes dieser Attribute schaltet nicht nur passive Boni frei, sondern öffnet auch Zugang zu bestimmten Perks und Spielweisen.

Die Builds können sich drastisch unterscheiden. Ein Netrunner spielt völlig anders als ein Nahkampf-Spezialist mit Mantis-Klingen, und beide unterscheiden sich wiederum komplett von einem Scharfschützen oder einem Shotgun-Rambo. Das Spiel belohnt Spezialisierung, lässt aber auch Hybrid-Builds zu. Besonders reizvoll sind die Synergien zwischen verschiedenen Perks.

Cyberware – Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Ein zentrales Element von Cyberpunk 2077 ist die Cyberware, also die körperlichen Implantate, mit denen V sich aufrüsten kann. Diese reichen von kosmetischen Verbesserungen bis zu kampfentscheidenden Upgrades.

Die Arm-Cyberware ist vielleicht am spektakulärsten. Die Mantis-Klingen verwandeln V in einen tödlichen Nahkämpfer, der Gegner in Sekunden zerlegen kann. Der Gorilla-Arm erhöht die Körperkraft massiv und ermöglicht es, schwere Türen aufzubrechen. Der Monowire ist eine Peitsche aus monomolekularem Draht, die Gegner regelrecht durchschneidet. Und dann gibt es noch den Projektil-Launcher, der explosive Granaten oder elektromagnetische Geschosse verschießt.

Das Betriebssystem bestimmt, welche Quickhacks V nutzen kann. Sandevistan verlangsamt die Zeit und verwandelt V in einen übermenschlich schnellen Kämpfer. Berserk erhöht Schaden und Rüstung drastisch. Cyberdeck-Systeme hingegen sind für Netrunner gedacht und erweitern die Hacking-Möglichkeiten enorm.

Gameplay – Vielfältige Wege zum Ziel

Das Gameplay von Cyberpunk 2077 ist am besten, wenn es dem Spieler Freiheit lässt, Probleme auf seine Art zu lösen. Die meisten Missionen bieten mehrere Ansätze. Man kann frontal durch die Vordertür stürmen, sich durch die Lüftungsschächte schleichen, aus der Ferne hacken oder durch Gespräche eine friedliche Lösung finden.

Der Netrunner-Ansatz ist besonders faszinierend. Mit dem Scanner identifiziert man Kameras, Geschütztürme und Gegner. Über das Netzwerk kann man dann Quickhacks einsetzen. Ein gut ausgebildeter Netrunner kann eine ganze Basis säubern, ohne je gesehen zu werden oder einen Schuss abzugeben.

Der Nahkampf macht überraschend viel Spaß, besonders mit den richtigen Cyberware-Implantaten. Katanas ermöglichen blitzschnelle Angriffe und spektakuläre Finisher. Mit Mantis-Klingen springt V von Gegner zu Gegner und zerlegt sie in Sekundenschnelle.

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Missionen und Nebenquests – Geschichten in der Stadt

Die Story-Missionen sind durchweg hochwertig und bieten spektakuläre Momente. Ob man nun mit den Nomaden durch die Wüste fährt, in Arasaka-Türme einbricht oder in den Slums von Pacifica nach Antworten sucht – die Hauptstory bleibt spannend. Die Entscheidungen, die man trifft, haben tatsächlich Auswirkungen auf die verfügbaren Enden. Es gibt mehrere grundlegend verschiedene Endszenarien.

Doch die wahren Perlen sind oft die Nebenquests. Hier zeigt CD Projekt Red, was sie am besten können: Geschichten erzählen. Die Side-Quests sind keine generischen Fetch-Quests, sondern in sich geschlossene Erzählungen mit eigenen Charakteren, Wendungen und moralischen Dilemmata. Die Questline mit den Peralez, einem Politiker-Ehepaar, entwickelt sich zu einem paranoiden Thriller. Die Missionen mit Panam in der Wüste sind actionreich und emotional. Judys Storyline behandelt schwere Themen mit überraschender Sensibilität.

Die Schattenseiten des Glanzes

Nun müssen wir über den Elefanten im Raum sprechen – den technischen Zustand des Spiels. Cyberpunk 2077 ist in einem erschreckend unausgegorenen Zustand erschienen. Auf der PlayStation 4 und Xbox One ist das Spiel stellenweise kaum spielbar. Framedrops, Textur-Pop-ins, Grafikfehler und Abstürze gehören dort zur Tagesordnung. Es ist schwer nachvollziehbar, wie CD Projekt Red das Spiel in diesem Zustand auf den alten Konsolen veröffentlichen konnte.

Auf PC sieht die Situation besser aus, aber auch hier ist das Spiel nicht frei von Problemen. NPCs verhalten sich oft merkwürdig, spawnen plötzlich oder verschwinden einfach. Die viel gepriesene KI ist enttäuschend simpel. Polizisten spawnen direkt hinter dem Spieler, anstatt realistisch anzurücken. Autofahrer reagieren auf Hindernisse, indem sie einfach stehenbleiben.

Das größte Manko ist aber vielleicht die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität. CD Projekt Red hatte ein revolutionäres RPG versprochen, in dem jede Entscheidung zählt und die Spielwelt auf den Spieler reagiert. Bekommen haben wir ein gutes Action-Adventure mit RPG-Elementen, das aber weit hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Fazit

Die finale Bewertung von Cyberpunk 2077 fällt schwer und ist stark davon abhängig, auf welcher Plattform man spielt. Auf High-End-PCs bekommt man trotz aller Mängel ein faszinierendes Spielerlebnis mit toller Story, großartigen Charakteren und einer atemberaubenden Spielwelt. Die Charakterentwicklung bietet echte Vielfalt, das Gameplay erlaubt unterschiedliche Herangehensweisen, und Johnny Silverhand ist einer der denkwürdigsten Videospiel-Charaktere der letzten Jahre.

Die technischen Probleme sind allerdings nicht zu leugnen. Bugs, Performance-Probleme und eine teilweise schwache KI trüben das Erlebnis erheblich. Auf den alten Konsolen ist das Spiel in seinem aktuellen Zustand kaum zu empfehlen.

CD Projekt Red hat versprochen, das Spiel mit Patches zu verbessern, und erste Updates zeigen, dass das Studio gewillt ist, dieses Versprechen zu halten. Cyberpunk 2077 hat das Potenzial, mit der Zeit zu dem Spiel zu werden, das es hätte sein sollen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es aber ein ambitioniertes Projekt, das unter seiner eigenen Überforderung leidet.

Für PC-Spieler mit entsprechender Hardware und der Bereitschaft, über technische Probleme hinwegzusehen, ist Cyberpunk 2077 trotz allem ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Story allein ist die Mühe wert, Johnny Silverhand ist ein fantastischer Charakter, und Night City ist eine Stadt, die man erkunden möchte. Konsolen-Spieler sollten hingegen definitiv warten, bis die versprochenen Verbesserungen umgesetzt wurden.

Unter all den Problemen steckt ein brillantes Spiel, das nur darauf wartet, freigelegt zu werden.


Bewertung: 7.0/10 (PC) | 4.0/10 (PS4/Xbox One)

Stärken:

  • Faszinierende Spielwelt Night City
  • Herausragende Hauptstory
  • Johnny Silverhand / Keanu Reeves brillant
  • Vielfältige Charakterentwicklung
  • Exzellente Nebenquests
  • Beeindruckende Grafik (PC mit RTX)
  • Atmosphärischer Soundtrack
  • Unterschiedliche Spielstile möglich
  • Cyberware-System macht Spaß
  • Tiefe Lore und Weltenbau

Schwächen:

  • Katastrophaler Zustand auf PS4/Xbox One
  • Bugs und Performance-Probleme auch auf PC
  • Schwache KI (Polizei, NPCs, Verkehr)
  • Diskrepanz zwischen Marketing und Realität
  • Lebenswege wenig Einfluss auf Story
  • Crafting-System umständlich
  • Bosskämpfe uninspiriert
  • Fehlende Features (Polizeiverfolgungen, etc.)
  • Keine Third-Person-Ansicht beim Fahren

Technische Daten:

  • Entwickler: CD Projekt Red
  • Publisher: CD Projekt
  • Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One, Google Stadia
  • Release: 10. Dezember 2020
  • Genre: Open-World-RPG / Action-Adventure
  • Setting: Night City (Jahr 2077)
  • Protagonist: V (anpassbar)
  • Spielzeit: 25-40+ Stunden (Story), 100+ Stunden (Komplett)
  • Altersfreigabe: USK 18

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