Cyberpunk 2077 Keyart

Cyberpunk 2077 im Test – Night City zwischen Genie und Desaster

Acht Jahre Wartezeit. Acht Jahre Trailer, Versprechen, Verschiebungen und eine Hype-Maschine, die irgendwann selbst zum Problem geworden ist. Als Cyberpunk 2077 am 10. Dezember 2020 endlich erscheint, sitze ich vor dem fertigen Spiel und merke schnell: Das hier ist kein normales Review. Night City ist eine der beeindruckendsten Spielwelten, die ich je gesehen habe. Gleichzeitig ist Cyberpunk 2077 eines der kaputtesten Spiele, die ein großes Studio je veröffentlicht hat. Beides ist wahr, beides muss gesagt werden.

CD Projekt Red hat mit The Witcher 3 bewiesen, dass das Studio Geschichten erzählen kann wie kaum ein anderes. Dieses Versprechen löst Cyberpunk 2077 in Teilen ein und scheitert in anderen so spektakulär, dass man nicht wegsehen kann. Wie sehr das ins Gewicht fällt, hängt vor allem davon ab, auf welcher Plattform man spielt.

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Night City: Eine Welt, die atemberaubt und erdrückt

Wer zum ersten Mal aus dem Wagen steigt und Night City in voller Pracht vor sich hat, bleibt kurz einfach stehen. Die Stadt an der kalifornischen Küste ist ein visuelles Meisterwerk. Sechs Distrikte, jeder mit eigener Persönlichkeit: das chaotische Watson, das noble Westbrook mit dem neongetränkten Japantown, das City Center rund um die Corpo Plaza, das von Gangs geprägte Heywood, das industrielle Santo Domingo und das verlassene Pacifica mit seinen gescheiterten Großprojekten. Drumherum liegen die staubigen Badlands. Überall leuchten Reklametafeln, Clubs pumpen Bass auf die Straße, Konzerne kleben ihre Logos auf jeden Quadratmeter.

Die Liebe zum Detail ist enorm. Werbung und Radiosendungen spiegeln die Gesellschaft wider, Graffiti erzählen von Bandenkriegen, und wer genau hinsieht, findet an jeder Ecke kleine Geschichten. Night City fühlt sich wie eine offene Welt an, die nie schläft und nie aufhört, einen anzuschreien. Neonlicht, Regen auf dem Asphalt, Reflexionen in den Pfützen: Wenn das Spiel läuft, wie es soll, ist es ein Fest fürs Auge.

Was die Stadt weniger schafft, ist echtes Leben. NPCs laufen feste Pfade ab, reagieren kaum auf V und wiederholen sich in Sprache und Routine. Man sieht eine beeindruckende Kulisse, aber keinen lebendigen Organismus. GTA V hatte eine lebendigere Bevölkerung, und das stammt aus dem Jahr 2013. Das tut weh, wenn man bedenkt, was versprochen wurde. Night City ist phänomenal anzusehen. Zu bewohnen ist sie eine andere Frage.

Klanglich steht die Stadt der Optik in nichts nach. Der Soundtrack springt zwischen Industrial, Synthwave, Hip-Hop und Latin-Klängen und passt fast immer zur Situation. Hängen bleiben vor allem die Songs von Samurai, der fiktiven Band von Johnny Silverhand: „Chippin' In“ und „Never Fade Away“ funktionieren auch abseits des Spiels.

V, Johnny Silverhand und eine Geschichte mit echtem Herz

Das stärkste Argument für Cyberpunk 2077 ist seine Geschichte. Wir spielen V, dessen Geschlecht, Aussehen und Herkunft wir zu Beginn festlegen. V ist ein Söldner, in Night City „Merc“ genannt, und schlägt sich mit Partner Jackie Welles durch die Unterwelt. Beide träumen vom großen Coup, der sie in die Oberliga der Stadt katapultiert. Der Coup kommt, geht gründlich schief und stellt Vs Leben auf den Kopf. Ab hier beginnt die eigentliche Geschichte, denn V bekommt unfreiwillig Gesellschaft: Johnny Silverhand, eine digitale Kopie des legendären Rockers und Terroristen, steckt fortan in Vs Kopf.

Die Besetzung mit Keanu Reeves ist mehr als ein Marketing-Coup. Johnny ist kein Gastauftritt, sondern das Herzstück der Geschichte und Vs ständiger Begleiter. Reeves spielt ihn rau, zynisch und egozentrisch, mit Momenten echter Verletzlichkeit, und das weit über dem Niveau, das man von Promi-Besetzungen in Spielen kennt. Johnny taucht in den unpassendsten Momenten auf, kommentiert Entscheidungen und verfolgt seine eigene Agenda. In seinen Erinnerungen erleben wir das Night City der 2020er-Jahre und erfahren nach und nach, wer er wirklich war. Ob wir ihm die kalte Schulter zeigen oder versuchen, ihn zu verstehen, entscheiden wir selbst, und das wirkt sich auf die verfügbaren Enden aus. Wer sich auf die Hauptstory einlässt, erlebt intensives Erzählkino mit mehreren grundverschiedenen Finalen.

Die eigentlichen Perlen sind aber oft die Nebenquests, und sie gehören zum Besten, was das RPG-Genre zu bieten hat. Statt generischer Botengänge gibt es kleine Charakterstudien mit moralischen Grauzonen. Die Geschichte um das Politiker-Ehepaar Peralez kippt in einen paranoiden Thriller, die Missionen mit Panam und ihrem Nomadenclan in den Badlands sind actionreich und emotional, und Judys Handlungsstrang behandelt schwere Themen mit erstaunlicher Sensibilität. Hier spürt man die DNA von The Witcher 3.

Schade nur, dass die drei Lebenswege Nomad, Street Kid und Corpo nach dem Prolog kaum noch eine Rolle spielen. Was als prägendes Charaktermerkmal angekündigt war, schrumpft auf ein paar zusätzliche Dialogoptionen. Eine vertane Chance.

Gameplay: Freiheit auf dem Papier, Frust in der Praxis

Das Skillsystem baut auf fünf Attributen auf: Konstitution, Reflexe, Technische Fähigkeiten, Intelligenz und Coolness. Dahinter hängen verzweigte Perk-Bäume, die auf dem Papier enorme Baufreiheit bieten. Ein Netrunner spielt sich völlig anders als ein Nahkämpfer mit Katana, und beide unterscheiden sich wieder deutlich von Scharfschützen oder Schrotflinten-Rambos. Das Spiel belohnt Spezialisierung, lässt aber auch Hybrid-Builds zu.

Die meisten Missionen bieten mehrere Wege: frontal durch die Vordertür, leise durch Lüftungsschächte, per Hack aus der Ferne oder mit Worten. Besonders reizvoll ist der Netrunner-Ansatz. Mit dem Scanner markiert man Kameras, Geschütztürme und Gegner und legt sie anschließend per Quickhack lahm. Ein gut ausgebauter Netrunner räumt eine ganze Basis, ohne gesehen zu werden oder einen Schuss abzugeben.

Dazu kommt die Cyberware, also Implantate, mit denen V zur Mensch-Maschine wird. Die Mantis-Klingen machen V zum tödlichen Nahkämpfer, der von Gegner zu Gegner springt. Gorilla-Arme bringen rohe Kraft und öffnen verschlossene Türen, der Monodraht zerschneidet Gegner wie eine Peitsche, der Projektilwerfer verschießt Granaten aus dem Unterarm. Beim Betriebssystem entscheidet man zwischen dem Sandevistan, der die Zeit verlangsamt, dem Berserk für mehr Schaden und Rüstung und einem Cyberdeck für Netrunner. Diese Flexibilität macht richtig Spaß, sofern die Systeme mitspielen.

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Genau da hakt es. Das Fahren ist ein echtes Problem: Fahrzeuge fühlen sich schwebend und ohne Gewicht an, Kurven nehmen sich wie auf Eis, Bremsen ist Glückssache. Für ein Spiel, in dem man so viel Zeit im Auto verbringt, ist das ein spürbarer Dämpfer. Das Polizeisystem enttäuscht ebenfalls. Cops tauchen direkt hinter einem aus dem Nichts auf, verfolgen V nicht mit Fahrzeugen, und das Fahndungssystem wirkt halbfertig. Wer GTA-artige Eskalationen erwartet, wird enttäuscht. Auch das Crafting ist umständlich, und die Bosskämpfe bleiben trotz starker Inszenierung spielerisch blass.

PC gegen PS4 und Xbox One: Zwei völlig verschiedene Spiele

Auf dem PC mit ausreichend Hardware ist Cyberpunk 2077 ein technisches Spektakel. Ray Tracing bringt Night City zum Leuchten, mit 60 Bildern pro Sekunde fühlen sich Kämpfe direkt und flüssig an, und die meisten Bugs sind ärgerlich, aber keine Spielverderber. Es gibt Abstürze, merkwürdige KI-Momente und hängende Quests, aber man kommt durch und kann das Spiel genießen.

Auf PlayStation 4 und Xbox One sieht das anders aus, und zwar katastrophal. Die Bildrate bricht in dichten Stadtgebieten regelmäßig ein, Texturen laden verspätet oder gar nicht, NPCs und Autos ploppen aus dem Nichts auf, und Abstürze sind keine Ausnahme, sondern Alltag. Was auf den alten Konsolen ausgeliefert wurde, hätte so nicht erscheinen dürfen. Spielbar ist es irgendwie, empfehlenswert nicht.

Bugs, Versprechen und offene Rechnungen

Die Bug-Liste ist lang und längst berühmt. NPCs in T-Pose, verschwindende Fahrzeuge, Quests, die sich aufhängen, und Dialoge über Figuren, als wären sie noch am Leben, obwohl man sie gerade erschossen hat. Vieles davon ist zum Lachen, manches zum Weinen, und einiges blockiert tatsächlich den Fortschritt. CD Projekt Red hat Day-One-Patches ausgeliefert und weitere Fixes angekündigt. Das ändert aber nichts daran, dass das Spiel in diesem Zustand erschienen ist.

Dazu kommen die Lücken zwischen Versprechen und Ergebnis: keine echte Third-Person-Ansicht, auch nicht beim Fahren, kein nutzbares Metro-System, obwohl die Stationen in der Stadt stehen, und kaum sinnvolle Interaktion mit NPCs jenseits von Händlern und Auftraggebern. Versprochen war ein revolutionäres Rollenspiel, in dem jede Entscheidung zählt und die Welt auf einen reagiert. Bekommen haben wir ein gutes Action-Rollenspiel, das hinter seinen eigenen Ansprüchen zurückbleibt. Man spürt die Lücken genau dort, wo ehrgeizige Designdokumente waren und die Zeit fehlte, sie zu füllen.

Fazit

Cyberpunk 2077 steckt in einem Widerspruch fest, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Night City ist eine der eindrucksvollsten Spielwelten der letzten Jahre. V und Johnny Silverhand tragen eine Geschichte, die wirklich bewegt, die Nebenquests sind brillant, und das Zusammenspiel aus Perks und Cyberware erlaubt ganz unterschiedliche Spielweisen. Auf dem PC mit guter Hardware ist das ein Spiel, das einen packt und nicht mehr loslässt, trotz aller Bugs und Lücken.

Auf PlayStation 4 und Xbox One ist es das nicht. Dort läuft ein Produkt, das die alte Hardware an die Wand fährt und keinen Spaß macht. Eine Empfehlung für diese Plattformen ist nicht vertretbar. Wer kann, spielt auf dem PC oder wartet auf die angekündigten Next-Gen-Versionen und weitere Patches. Unter all den Problemen steckt ein großartiges Spiel, das nur darauf wartet, freigelegt zu werden.

PC 7 / 10
PS4 / Xbox One 4 / 10

Pro

  • Night City gehört zu den beeindruckendsten Spielwelten überhaupt
  • Emotionale, packende Story rund um V und Johnny Silverhand
  • Keanu Reeves als Johnny weit über Promi-Gastauftritt-Niveau
  • Nebenquests auf höchstem erzählerischem Niveau
  • Große Build-Vielfalt durch Perks und Cyberware
  • Mehrere Lösungswege in den meisten Missionen
  • Visuelle Pracht auf dem PC mit Ray Tracing
  • Starker Soundtrack und dichte Atmosphäre

Contra

  • Auf PS4 und Xbox One technisch nicht vertretbar
  • Zahlreiche Bugs und Abstürze auch auf dem PC
  • Rudimentäres Polizeisystem, schwache NPC-Intelligenz
  • Schwammiges Fahrgefühl
  • Lebenswege nach dem Prolog kaum spürbar
  • Umständliches Crafting, blasse Bosskämpfe
  • Angekündigte Features fehlen (Third-Person-Ansicht, Metro)

Technische Daten

  • Entwickler: CD Projekt Red
  • Publisher: CD Projekt
  • Plattformen zum Launch: PC (Steam, GOG, Epic), PlayStation 4, Xbox One, Google Stadia
  • Release: 10. Dezember 2020
  • Genre: Open-World-Action-Rollenspiel
  • Altersfreigabe: USK 18

Nachtrag: Wie es mit Cyberpunk 2077 weiterging

Dieser Test spiegelt den Zustand zum Release wider. Die Geschichte danach in Kürze: Sony nahm das Spiel am 18. Dezember 2020 wegen der Probleme aus dem PlayStation Store und bot Erstattungen an, erst im Juni 2021 kehrte es zurück. Im Februar 2022 erschienen mit Patch 1.5 die nativen Versionen für PlayStation 5 und Xbox Series X|S. Wie sich das Spiel damit geschlagen hat, steht in unserem Nachtest zu Patch 1.5. Im September 2023 folgten Update 2.0 mit überarbeiteten Perks und neuem Polizeisystem sowie die Erweiterung Phantom Liberty, beides nur noch für PC und die aktuellen Konsolen. Mit Update 2.1 kam im Dezember 2023 schließlich auch die Metro. Mehr zum Genre dahinter erklärt unser Artikel Cyberpunk erklärt.

Häufig gestellte Fragen zu Cyberpunk 2077

Auf welchen Plattformen ist Cyberpunk 2077 erschienen?

Zum Launch am 10. Dezember 2020 erschien Cyberpunk 2077 für PC, PlayStation 4, Xbox One und Google Stadia. Die nativen Versionen für PlayStation 5 und Xbox Series X|S folgten im Februar 2022.

Wie lange dauert die Hauptstory von Cyberpunk 2077?

Die Hauptstory lässt sich je nach Spielstil in etwa 20 bis 30 Stunden abschließen. Wer Nebenquests, Aufträge und die offene Welt mitnimmt, kommt schnell auf 60 Stunden und mehr, Komplettisten auf über 100.

Lohnt sich Cyberpunk 2077 trotz der Bugs?

Zum Release auf dem PC mit ausreichend Hardware ja, denn Geschichte, Welt und Spielsystem überzeugen trotz aller Mängel. Auf PlayStation 4 und Xbox One war das Spiel zum Testzeitpunkt nicht empfehlenswert. Inzwischen haben zahlreiche Patches die meisten Probleme auf PC und aktuellen Konsolen behoben.

Hat die Wahl des Lebenswegs Einfluss auf das Spiel?

Ja, aber weniger als erhofft. Nomad, Street Kid oder Corpo bestimmen den Prolog und schalten vereinzelte Dialogoptionen frei. Auf die Hauptstory und die meisten Quests hat der Lebensweg kaum spürbaren Einfluss.

Wie groß ist Night City?

Night City besteht aus sechs Distrikten plus den Badlands rund um die Stadt. Die Karte ist nicht die größte ihres Genres, aber außergewöhnlich dicht und vertikal gebaut, mit Hochhäusern, Unterführungen und Dächern als Teil der Spielwelt.

Wer spielt Johnny Silverhand?

Johnny Silverhand wird von Keanu Reeves gespielt, der der Figur Stimme, Aussehen und Bewegungen leiht. In der deutschen Fassung spricht ihn Benjamin Völz, die deutsche Stammstimme von Keanu Reeves.

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