Die Adeptus Mechanicus kennen keine Gnade – nur die Lehren des Omnissiah und das unerschütterliche Versprechen, jeden Fetzen Technologie aus dem Dunkel der Vergangenheit zu retten. Auf Hekateus IV treffen sie auf einen Feind, der nicht bloß taktisch ebenbürtig ist, sondern dem Tod selbst trotzt: die Necrons, jahrmillionenalte Maschinenwesen, die aus ihrem metallischen Schlummer erwachen und feststellen, dass fremde Eindringlinge eine ihrerer Heimatwelten besetzt haben. Warhammer 40.000: Mechanicus II fragt, was passiert, wenn man nicht nur eine, sondern beide Seiten dieses „heiligen“ Krieges spielen darf – und die Antwort fällt überraschend vielschichtig aus.
Geschichte & Atmosphäre
Ben Counter, Veteran der Black Library mit über vierzig Warhammer-Romanen im Rücken, schreibt erneut das Skript – und das merkt man. Mechanicus II erzählt eine Geschichte aus zwei Perspektiven: Auf der einen Seite steht Magos Dominus Faustinius, der die Schande seiner früheren Expedition tilgen will und die mechanischen Truppen des Imperiums durch die Katakomben von Hekateus IV führt. Auf der anderen erwacht Vargard Nefershah, Herrscherin der Sankhotep-Dynastie, aus dem Schlaf von Jahrtausenden und findet menschliche Invasoren auf ihrem Kronplaneten.
Was den Wechsel zwischen beiden Kampagnen so wirkungsvoll macht, ist der Perspektivwechsel: Die Adeptus Mechanicus wirken durch die Augen der Necrons sofort kleiner, zerbrechlicher – eher wie ungebetene Gäste, die in einem Museum schlafen und dabei versehentlich die Exponate wecken. Das Lore sitzt, die Dialoge haben Gewicht, und Counter versteht es, das Spannungsverhältnis zwischen techno-religiöser Orthodoxie und untotem Dynastieanspruch glaubwürdig auszuspielen. Fans des Warhammer 40.000-Universums werden sich sofort wohlfühlen; Neueinsteiger bekommen genug Kontext, ohne von Lore-Blöcken erschlagen zu werden.

Vorgänger-Vergleich
Wer den Vorgänger von 2018 gespielt hat, kennt das Grundgerüst: rundenbasierte Taktik, Adeptus Mechanicus, Necron-Gräber. Mechanicus II ist dabei mehr als ein klassisches Sequel – es ändert an drei Stellen grundlegend etwas. Erstens gibt es jetzt zwei vollständig spielbare Fraktionen mit eigenen Kampagnen statt einer – die Necrons sind kein reiner Gegner mehr, sondern eine eigene Perspektive. Zweitens wurde das Cognition-System von Grund auf überarbeitet: Im Original sammelte man Punkte von festen Kartenknoten, oft auf Kosten wichtiger Story-Events; jetzt generiert jede Einheit Ressourcen durch ihre spezifische Kampfrolle, was den Spielfluss deutlich organischer macht. Drittens hat sich der Maßstab verschoben – statt isolierter Expeditionen in Grabkammern führt Mechanicus II einen vollständigen Planetenkrieg mit strategischer Ressourcenverwaltung und Gebietskontrolle ein.
Gameplay & Kernmechaniken
Mechanicus II ist ein rundenbasiertes Taktikspiel im Geiste klassischer XCOM-artiger Strategie – aber mit einer sehr eigenen Handschrift. Auf gitterbasierten Karten führst du deine Einheiten Zug für Zug durch Katakomben, zerstörte Kathedralen und glühende Necron-Grabkammern. Was sich im Vergleich zum Vorgänger sofort anders anfühlt: Deckung ist kein optionaler Bonus mehr, sondern eine Überlebensfrage. Mechanicus-Einheiten, die ungeschützt in offenes Feuer laufen, werden schnell zu teuer bezahltem Schrott.
Das Terrain selbst ist jetzt ein aktiver Teilnehmer im Gefecht. Die Adeptus Mechanicus nutzen Deckungselemente strategisch – die Necrons zerstören sie einfach. Diese Asymmetrie ist kein kosmetisches Detail, sondern prägt jede Begegnung grundlegend. Während man als Tech-Priester Winkel abwägt und Sichtlinien kontrolliert, rollen die Necrons wie eine metallene Springflut vorwärts und lassen das Terrain hinter sich in Trümmer fallen. Beide Spielweisen fühlen sich richtig an und erzählen die Franchisemythologie durch reine Mechanik.
Das Cognition-System: Das Herz des Taktikgefechts
Im ersten Mechanicus war Cognition eine knappe Ressource, die man von Kartenknoten abernten musste – ein sprödes, oft frustrierendes System, das Spieler dazu zwang, wichtige Karten-Events zugunsten von Ressourcenpunkten zu ignorieren. Mechanicus II reformiert das von Grund auf: Jede Einheit generiert Cognition-Punkte (oder Dominion-Punkte auf Necron-Seite) durch ihre individuelle Kampfrolle. Servitoren sammeln Punkte, indem sie Treffer absorbieren; Fernkampf-Einheiten verdienen sie für präzise Schüsse auf große Distanz; Support-Einheiten für erfüllte Missionsziele.
Das Ergebnis ist ein eleganter Kreislauf, der beiläufig lehrt, wie Einheiten korrekt eingesetzt werden. Wer seinen Servitor in Deckung parkt, verliert nicht nur eine Schutzwand, sondern auch Ressourcennachschub. Das System straft fehlerhafte Taktik doppelt und belohnt kohärente Aufstellungen doppelt – ein Design, das Veteranen und Einsteiger gleichermaßen abholt. Auf Necron-Seite tritt an seine Stelle der Dominion-Zähler, ein langsam aufladender Eskalationsmechanismus, der die Truppen mit jeder Stufe gefährlicher werden lässt. Auf höchsten Dominion-Leveln schlagen Necron-Einheiten zweimal zu – schlicht weil sie es können.
Zwei Fraktionen, zwei Spielstile, eine Welt
Die Adeptus Mechanicus spielen sich wie ein Präzisionsinstrument: Positionierung, Aktivierungsreihenfolge, Deckungswinkel und Unit-Synergien bestimmen den Kampfausgang. Anführer wie Lector-Dogmatis Videx fungieren als Artillerie oder als Supportfigur, die den Kadenz der eigenen Einheiten diktiert. Customizable Lords erlauben es, die Armee dem eigenen Spielstil anzupassen. Die Mechanicus-Kampagne belohnt geduldige Spieler, die lieber einen Zug vorrücken und drei kalkulieren.
Die Necron-Kampagne ist die unerwartete Stärke des Spiels. Vargard Nefershah führt ihre Legionen mit der Kälte einer erwachenden Gottheit – keine Moral, keine Unsicherheit, nur Anspruch. Dass man als Necron in dieselben Schlachten zieht, die man als Mechanicus erlebt hat, und dabei die Ereignisse aus vollkommen anderem Blickwinkel versteht, gibt Mechanicus II eine narrative Tiefe, die der erste Teil nie hatte. Obasis, der Necron-Lord mit dem Beinamen „der Schild“, bringt eine defensive Brutalität ins Spiel, die sich von allen Mechanicus-Anführern fundamental unterscheidet.
Planetarer Konflikt: Die strategische Ebene
Mechanicus II beschränkt sich nicht mehr auf einzelne Grabkammerexpeditionen. Der Rahmen ist jetzt ein vollständiger Planetenkrieg: Regionen werden eingenommen, verteidigt, verloren. Ressourcen wollen verwaltet werden, dynamische Ereignisse unterbrechen die Kampagnenplanung, und jede Entscheidung auf der Strategieebene hat spürbare Konsequenzen im nächsten Gefecht. Das erinnert an die großen Strategiespiele des Genres, ist aber deutlich zugänglicher gehalten – Bulwark Studios will kein Kalkulations-Labyrinth, sondern dramatische Entscheidungen unter Zeitdruck.
Die narrative Einbettung dieser Ebene gelingt gut: Strategisch verlorene Regionen spiegeln sich in Missions-Dialogen wider; Nefershahs Zorn wächst mit jeder zurückgezogenen Necron-Einheit spürbar. Diese Rückkopplung zwischen taktischer und strategischer Schicht ist das Herzstück des Sequels und der deutlichste qualitative Sprung gegenüber dem Vorgänger.
Technik & Performance
Bulwark Studios hat die Performance-Probleme aus der Demo-Phase offen angesprochen und versprochen, sie zum Launch zu adressieren. Die Release-Version läuft auf einem gut ausgestatteten PC stabil – Einbrüche beim Laden größerer Karten kommen vor, bleiben aber im tolerierbaren Bereich. Auffällig positiv: Die Ladezeiten sind kurz, der Spielfluss zwischen Missionen und Strategieebene unterbrechungsfrei.
Visuell ist der Generationensprung gegenüber dem 2018er Original enorm. Einheitenmodelle sind detailliert, Umgebungen leben durch dynamisches Licht und zerstörbare Elemente. Glühend-grüne Necron-Strukturen neben verrosteten Mechanicus-Maschinerien, eingebettet in rauchverhangene Katakomben – die Art Direction weiß, was sie verkauft, und liefert es ab. Die Optionen erlauben, wahlweise in Lingua-Technis zu spielen, dem binären Maschinencode der Adeptus Mechanicus, oder auf klassische Sprachausgabe umzuschalten. Eine kluge Quality-of-Life-Entscheidung, die niemanden zurücklässt.
Audio & Optik
Komponist Guillaume David kehrt zurück – und das ist die richtige Entscheidung. Der Soundtrack kombiniert industriellen Lärm mit mechanischem Gesang, der irgendwo zwischen gregorianischem Choral und Maschinengebet schwebt. Zehn neue Tracks ergänzen das Original-Repertoire; wer die Musik des ersten Teils liebt, kann sie per Legacy-Soundtrack-Option auch in Mechanicus II nutzen. Das ist kein Gimmick, sondern echter Respekt vor der eigenen Geschichte. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem sei unser Artikel über adaptiven Soundtrack-Design empfohlen – Mechanicus II ist ein schönes Beispiel dafür, wie Musik taktische Spannung verstärken kann.
Klanglich treffen Waffeneffekte, das metallische Stampfen der Necrons und die ritualisierten Aktivierungsrufe der Tech-Priester punktgenau den Ton des Universums. Wer Kopfhörer trägt, wird belohnt.
Kritik & Einschränkungen
Mechanicus II ist ein solides, aber konservatives Sequel. Wer sich eine revolutionäre Neuerfindung des Genres erhofft, wird enttäuscht – Bulwark Studios schreibt lieber das bekannte Erfolgsrezept sauber fort, als es zu zerreißen. Das ist keine Schande, aber es bedeutet auch, dass die Gameplay-Schleife im späteren Spielverlauf merklich repetitiv wird. Haben sich erst feste Truppenaufstellungen eingependelt, verliert der taktische Anspruch an Biss; die Missionen im mittleren Spielabschnitt leiden unter mangelnder Designvielfalt.
Auch die Level-Struktur hinterlässt einen gemischten Eindruck: Einige Missionen ziehen sich länger als nötig hin, ohne taktische Neuheiten einzuführen, die die zusätzliche Zeit rechtfertigten. Die Stärke des Cognition-Systems kippt gegen Ende in Vorhersehbarkeit, wenn die optimale Aufstellung bekannt ist und wenig Anlass besteht, sie zu verändern. Ein härter kuratierter Endgame-Schwierigkeitsgrad hätte diese Phase merklich aufgewertet.
Fazit
Warhammer 40.000: Mechanicus II ist das Sequel, das Fans des Originals verdient haben. Bulwark Studios hat die richtigen Lehren gezogen: das Cognition-System von Grund auf repariert, zwei vollständig unterschiedliche Fraktionen mit echtem taktischen Gewicht ausgestattet und die Atmosphäre des Universums konsequenter als je zuvor umgesetzt. Die Necron-Kampagne ist die größte Überraschung – in ihr steckt das beste Warhammer-Storytelling des Studios. Wer den ersten Teil mochte, wird hier deutlich mehr finden. Wer das Genre liebt und im 41. Jahrtausend noch keine Zeit verbracht hat, findet in Mechanicus II einen der zugänglicheren Einstiegspunkte ins Universum.
Das Spiel krankt an einer gewissen Vorsicht, die einen verhindert, es lauter zu empfehlen: Es revolutioniert nichts, und wer zwanzig Stunden gespielt hat, kennt im Wesentlichen die gesamte taktische Bandbreite. Aber innerhalb dieser Grenzen liefert Mechanicus II zuverlässig, atmosphärisch und mit echter Leidenschaft fürs Ausgangsmaterial.
| ✅ Stärken | ❌ Schwächen |
|---|---|
| + Zwei vollständig spielbare Fraktionen mit echtem taktischem Unterschied | – Gameplay-Schleife wird im späteren Spielverlauf repetitiv |
| + Überholtes Cognition-System greift organischer und lehrt beiläufig Einheitenrollen | – Manche Missionen ziehen sich ohne taktische Neuheiten zu lang hin |
| + Necron-Kampagne bietet frischen Blick auf bekannte Ereignisse | – Konservatives Sequel ohne echte Genre-Innovation |
| + Hervorragende Atmosphäre und Art Direction | – Level-Design-Vielfalt hat noch Luft nach oben |
| + Rückkehr von Guillaume Davids industrie-gothischem Soundtrack | – Endgame-Schwierigkeit könnte anspruchsvoller sein |
| + Ben Counters Drehbuch mit Lore-Tiefe und echten Charaktermomenten | – Gelegentliche Performance-Einbrüche beim Laden größerer Karten |
Getestete Version: PC – Launch-Version 1.0, Stand Mai 2026
UVP: 39,99 € (Omnissiah Edition: inkl. Artbook, Original- & Legacy-Soundtrack)
Für wen: Taktik-Fans mit Faible für Warhammer 40.000, die eine atmosphärisch dichte und gut ausbalancierte Fortsetzung suchen.
Offenlegung: Getestet auf Basis eines vom Publisher Kasedo Games bereitgestellten Review-Codes.