Lange galt im Extraction Shooter eine feste Regel: Die anderen Spieler sind die eigentliche Gefahr. Wer Beute sammelt, muss damit rechnen, dass ein fremdes Team sie ihm kurz vor dem Ausgang abnimmt. Genau diese Spannung hat Spiele wie Escape from Tarkov groß gemacht. Seit einigen Monaten verschiebt sich das Bild allerdings deutlich. Mehrere große Titel öffnen sich für Spieler, die lieber gegen die KI als gegen andere Menschen antreten. Bungie baut Marathon um, Embark testet einen reinen PvE-Modus für ARC Raiders, und Tarkov bietet seinen PvE-Modus schon seit 2024 an. Dieser Artikel ordnet ein, was dahintersteckt, welche Zahlen es gibt und wo die Grenzen des Trends liegen.
PvE Extraction Shooter: Was sich gerade verändert
Im klassischen Extraction Shooter treffen drei Kräfte aufeinander: die Umgebung mit ihren KI-Gegnern, andere Spielergruppen und die Uhr bis zur Extraktion. Fachleute sprechen deshalb von PvPvE, also Player versus Player versus Environment. Den Unterschied zwischen den Grundformen erklärt unser Artikel zu PvP und PvE ausführlich.
Neu ist, dass die Studios den PvP-Anteil nicht mehr als unverzichtbaren Kern behandeln. Sie bieten stattdessen Wahlmöglichkeiten an. Die Varianten reichen von einem Matchmaking, das friedlichere Spieler zusammenbringt, über zeitlich begrenzte Testmodi bis zu dauerhaften PvE-Modi. Parallel dazu haben Spiele Erfolg, die von Anfang an ganz ohne PvP auskommen. Ein PvE Extraction Shooter ist damit kein Nischenbegriff mehr, sondern eine eigene Spielart im Genre.
Marathon PvE: Bungie baut das Spiel um
Das deutlichste Beispiel liefert Bungie. Marathon erschien am 5. März 2026 für PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC als kompromissloser PvPvE-Extraction-Shooter. Die Kritiken fielen überwiegend positiv aus, die Verkäufe blieben aber hinter den Erwartungen von Sony zurück. Im Sommer testete Bungie mit Vault Breaker einen zeitlich begrenzten PvE-Modus: Die Runden fanden ohne gegnerische Spieler statt, statt der Ausrüstung brachten die Teams eine eigene Währung für Verbesserungen mit nach Hause.
Am 24. September 2026 veröffentlichte Bungie eine Roadmap unter dem Titel „The Future of Marathon“. Darin räumt das Studio ein, dass das Spiel zum Start für ein breites Publikum zu fordernd und zu eingeschränkt war. Der Umbau läuft in drei Stufen:
- Oktober 2026: Der Nightfall Refresh setzt Fortschritt und Wirtschaft zurück und bringt einen neuen Rewards Pass. Vault Breaker kehrt vorübergehend zurück.
- 8. Dezember 2026: Das Update Symbiosis führt den ersten dauerhaften PvE-Modus ein. Dazu kommen ein experimenteller Team-Deathmatch-Modus, eine erweiterte Einsteigerkarte, eine neue Shell und ein sozialer Bereich mit Schießstand.
- März 2027: PvE, PvP und PvEvP sollen zu einem verbundenen System zusammenwachsen, mit tieferem Fortschritt, neuen Gegnern und einer komplett neuen Zone.
Bungie betont, dass der klassische PvEvP-Modus wichtig bleibt. Er soll aber nur noch einer von mehreren Wegen durch das Spiel sein. Gleichzeitig verabschiedet sich das Studio vom starren Saisonkalender, um Neuerungen länger testen zu können. Für ein Spiel, das bewusst als harter Wettkampf gestartet ist, ist das ein grundlegender Kurswechsel.
ARC Raiders PvE: Vom Matchmaking zum Testmodus
ARC Raiders von Embark Studios erschien Ende Oktober 2025 und entwickelte sich schnell zu einem der erfolgreichsten Vertreter des Genres. Auch hier gehören Begegnungen mit anderen Spielern zum Grundkonzept. Embark hat den Umgang damit aber Schritt für Schritt angepasst.
Ende 2025 bestätigte Embark-Chef Patrick Söderlund, dass das Matchmaking neben Spielstärke und Gruppengröße auch das Verhalten berücksichtigt. Wer häufig andere Spieler angreift, landet eher bei ähnlich aggressiven Gruppen. Wer sich auf Erkundung und KI-Gegner konzentriert, trifft öfter auf friedlichere Runden. Das Studio betont, dass es keine getrennten „freundlichen“ und „aggressiven“ Lobbys gibt, sondern nur Tendenzen, die sich mit dem Verhalten verschieben.
Am 24. September 2026 kündigte Embark den nächsten Schritt an: Vom 13. bis 20. Oktober 2026 können Spieler zwischen dem normalen PvPvE-Matchmaking und einem reinen PvE-Modus wählen. Im PvE-Modus ist Schaden zwischen Spielern komplett abgeschaltet, Solo-Spieler, Duos und Trios landen im selben Pool, und die Beute fällt etwas geringer aus, weil das Risiko sinkt. Einen vergleichbaren Modus hatte Embark zuvor bereits in der chinesischen Version erprobt.
Bemerkenswert sind die Zahlen, die Embark selbst veröffentlicht hat. Demnach spielen 37 Prozent der Spieler vorwiegend friedlich und kooperativ, und diese Gruppe ist seit dem Start stetig gewachsen. 34 Prozent konzentrieren sich auf PvP, 27 Prozent mögen eine Mischung. Etwas mehr als die Hälfte hat Interesse an einer eigenen PvE-Option geäußert. Das Studio macht aber auch klar, dass der Test kein Versprechen für einen dauerhaften Modus ist. Die erste, nie veröffentlichte Fassung von ARC Raiders war ursprünglich als reines PvE-Spiel geplant, und Embark befürchtet, dass ein PvE-Schalter die Spannung verringern könnte, auf der das Spiel aufbaut.
Tarkov PvE: Der Vorreiter mit holprigem Start
Escape from Tarkov gilt als Urvater des modernen Extraction Shooters. Umso mehr Aufmerksamkeit bekam es, als Battlestate Games im April 2024 eine eigene PvE-Zone einführte. In diesem Modus treten Spieler allein oder gemeinsam mit Freunden nur gegen KI-Gegner an und behalten dabei einen eigenen, dauerhaften Fortschritt.
Der Start verlief allerdings unglücklich. Zunächst war der Modus exklusiv für Käufer der neuen Unheard Edition, die rund 250 US-Dollar kostete. Besitzer der teuren Edge of Darkness Edition, denen alle künftigen DLCs versprochen worden waren, gingen leer aus. Nach heftiger Kritik lenkte das Studio ein, und im Mai 2024 erhielten alle Edge-of-Darkness-Besitzer Zugang. Der Fall zeigt, wie groß die Nachfrage nach dem Modus von Anfang an war. Battlestate selbst erklärte später, der PvE-Modus sei rund anderthalb Jahre früher gekommen als ursprünglich geplant. Heute ist er ein fester Bestandteil des Tarkov-Angebots.
Spiele, die von Anfang an auf PvE gesetzt haben
Dass der Verzicht auf PvP kommerziell funktionieren kann, zeigen zwei Beispiele besonders deutlich.
Helldivers 2
Helldivers 2 von Arrowhead Game Studios ist kein klassischer Extraction Shooter, nutzt aber ein verwandtes Grundmuster. Bis zu vier Spieler erledigen gemeinsam Einsätze gegen KI-Gegner, jeder Einsatz endet mit einer Extraktion unter Zeitdruck. Wer stirbt, verliert gesammelte Proben. Andere Spielergruppen gibt es nicht. Das Spiel erschien im Februar 2024 und verkaufte sich laut Sony in den ersten zwölf Wochen zwölf Millionen Mal. Damit wurde es zum damals am schnellsten verkauften PlayStation-Spiel überhaupt. Ausführlich haben wir es im Test zu Helldivers 2 besprochen.
Escape from Duckov
Noch direkter wirkt Escape from Duckov. Das kleine chinesische Team Soda hat die Tarkov-Formel als Einzelspieler-Erlebnis mit Enten umgesetzt: Beute sammeln, Basis ausbauen, Waffen modifizieren und rechtzeitig raus. Andere Spieler gibt es nicht, alle Gegner steuert die KI. Das Spiel erschien am 16. Oktober 2025 und verkaufte sich laut Team Soda und Publisher Bilibili innerhalb von fünf Tagen über eine Million Mal. Anfang November 2025 waren es bereits drei Millionen Exemplare.
Warum PvE so viele Spieler anspricht
Für die wachsende Nachfrage gibt es mehrere Erklärungen, die sich gegenseitig verstärken.
Das Alter der Spielerschaft. Das Analyseunternehmen Quantic Foundry hat über seinen Fragebogen zur Spielermotivation Daten von mehr als 250.000 Spielern ausgewertet. Von den zwölf gemessenen Motivationen verändert sich der Reiz des Wettkampfs mit dem Alter am stärksten. Bei den 13- bis 25-Jährigen ist Wettkampf die häufigste Hauptmotivation, bei Spielern ab 36 fällt er auf Platz neun. Da das Durchschnittsalter von Spielern seit Jahren steigt, wächst der Anteil derer, die im Spiel keine direkte Konkurrenz suchen. Welche Spielertypen es gibt und was sie antreibt, beschreibt unser Artikel zu den Gamer-Typen.
Regionale Unterschiede. Die gleichen Daten zeigen, dass der Alterseffekt nicht überall gleich stark ist. Bei Spielern in China hängt die Vorliebe für Wettkampf deutlich weniger vom Alter ab als bei Spielern in Nordamerika. Wer ein Spiel weltweit veröffentlicht, muss also mit unterschiedlichen Erwartungen rechnen.
Der Frust über Verluste. Im Extraction Shooter verliert man beim Tod in der Regel die mitgebrachte und gefundene Ausrüstung. Wenn ein menschlicher Gegner dafür verantwortlich ist, der viel mehr Spielzeit investiert hat, fühlt sich das oft unfair an. Bei Marathon zeigte sich genau dieses Problem kurz nach dem Start: Gelegenheitsspieler trafen schnell auf Vielspieler mit deutlich stärkerer Ausrüstung.
Begrenzte Spielzeit. Viele Erwachsene haben unter der Woche nur eine kurze Runde am Abend. Bungie beschreibt ausdrücklich das Ziel, auch Spieler zu bedienen, die nach der Arbeit einen schnellen Durchgang ohne großen Druck wollen.
Geschäftliche Gründe. Extraction Shooter werden fast immer als Live-Service-Spiele betrieben. Sie brauchen über Jahre eine große, aktive Spielerschaft, damit sich Saisons, Updates und Zusatzinhalte finanzieren lassen. Verlassen Gelegenheitsspieler das Spiel früh, schrumpft diese Basis. PvE-Modi sollen genau diese Gruppe halten.
Was gegen den PvE-Trend spricht
Der Trend hat auch Kritiker, und ihre Argumente sind ernst zu nehmen.
Die Spannung leidet. Das besondere Gefühl eines Extraction Shooters entsteht aus der Ungewissheit: Hinter jeder Ecke kann ein anderes Team lauern, das genauso denkt wie man selbst. KI-Gegner sind berechenbarer. Embark nennt dieses Risiko in der eigenen Ankündigung ausdrücklich.
Die Spielwirtschaft gerät durcheinander. Wenn Beute ohne Risiko nach Hause gebracht werden kann, sinkt ihr Wert. Deshalb gibt ARC Raiders im PvE-Test weniger Beute aus, und Marathon nutzte bei Vault Breaker eine eigene Währung statt der normalen Ausrüstung.
Die Spielerschaft teilt sich. Mehr Modi bedeuten kleinere Gruppen pro Modus. Das kann längere Wartezeiten im Matchmaking verursachen, besonders in kleineren Regionen oder zu ungünstigen Uhrzeiten.
PvP bleibt erfolgreich. Wettbewerbsorientierte Spiele wie Shooter, Battle-Royale-Titel und MOBAs gehören weiter zu den meistgespielten Spielen der Welt. Der PvE-Trend bedeutet also nicht, dass PvP verschwindet. Er zeigt eher, dass ein reines PvP-Angebot nicht mehr das gesamte Publikum eines Genres abdeckt.
Was der Trend für das Genre bedeutet
Die Entwicklung deutet weniger auf ein Ende des PvP-Extraction-Shooters hin als auf eine Aufteilung in mehrere Angebote unter einem Dach. Tarkov führt PvP und PvE schon seit 2024 nebeneinander. Marathon plant für März 2027 ein verbundenes System aus allen drei Spielarten. ARC Raiders testet zunächst vorsichtig. Gemeinsam ist allen Ansätzen, dass die Spieler selbst entscheiden sollen, wie viel Risiko sie eingehen möchten.
Für neue Projekte dürfte das bedeuten, dass ein PvE-Angebot künftig früher mitgedacht wird. Ob ein Spiel es von Anfang an einbaut oder erst nach dem Start nachrüstet, macht dabei einen Unterschied: Nachträgliche Umbauten kosten Zeit und gehen oft mit einem Neustart von Fortschritt und Wirtschaft einher, wie das Beispiel Marathon zeigt. Die kommenden Monate werden zeigen, wie gut der ARC-Raiders-Test angenommen wird und ob Symbiosis Marathon die erhofften Spieler zurückbringt.
Häufige Fragen zu PvE im Extraction Shooter
Was ist ein PvE Extraction Shooter?
Ein PvE Extraction Shooter übernimmt das Grundprinzip des Genres: in ein Gebiet eindringen, Beute sammeln und rechtzeitig über einen Ausgang entkommen. Die Gegner sind dabei ausschließlich computergesteuert, andere Spielergruppen greifen nicht an. Bekannte Beispiele sind Escape from Duckov und die PvE-Zone von Escape from Tarkov.
Bekommt ARC Raiders einen PvE-Modus?
Embark testet vom 13. bis 20. Oktober 2026 einen reinen PvE-Modus, in dem Spieler einander keinen Schaden zufügen können. Nach dem Test wird die Option wieder entfernt. Ob daraus ein dauerhafter Modus wird, hängt laut Embark von den Rückmeldungen und Daten ab.
Wann kommt der PvE-Modus in Marathon?
Der erste dauerhafte PvE-Modus erscheint mit dem Update Symbiosis am 8. Dezember 2026. Im März 2027 sollen PvE, PvP und PvEvP laut Bungie zu einem verbundenen System zusammenwachsen.
Hat Escape from Tarkov einen PvE-Modus?
Ja. Seit 2024 gibt es die PvE-Zone, in der man allein oder mit Freunden nur gegen KI-Gegner spielt und einen eigenen Fortschritt hat. Der Modus benötigt trotzdem eine Verbindung zu den Servern von Battlestate Games.
Warum spielen viele lieber PvE als PvP?
Häufige Gründe sind der Frust über verlorene Ausrüstung, wenig freie Zeit und ein geringeres Interesse an direktem Wettkampf. Daten von Quantic Foundry zeigen, dass der Reiz des Wettkampfs mit dem Alter deutlich abnimmt, während das Durchschnittsalter der Spielerschaft steigt.
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