Es gab gute Gründe, skeptisch zu sein. Call of Duty hatte in den Jahren vor 2019 an Bodenhaftung verloren – zwischen Zukunftsszenarien, Exo-Suits und schwindender Relevanz war die Frage berechtigt, ob die Serie noch weiß, wofür sie steht. Infinity Ward hat darauf eine klare Antwort gegeben. Modern Warfare (2019) ist kein Remaster, kein Nostalgie-Trip und keine sichere Entscheidung: Es ist ein Reboot mit Mut zur Dunkelheit, zum politischen Unbehagen und zu einem Shooter-Gefühl, das sich anfühlt, als wäre es von Grund auf neu kalibriert worden.
Farah, Price und der schmutzige Krieg – Kampagne
Die Kampagne von Modern Warfare (2019) behandelt Krieg als das, was er ist: unübersichtlich, moralisch kontaminiert und mit Konsequenzen für Zivilisten. Hauptschauplatz ist das fiktive Urzikstan, ein post-sowjetischer Konfliktstaat, in dem die CIA, russische Kräfte, lokale Milizen und eine Widerstandsbewegung unter Farah Karim gleichzeitig um Kontrolle kämpfen. Farah ist die eigentliche emotionale Achse der Geschichte – ihre Backstory, ihre Motivation, ihre Kompromisslosigkeit. Captain Price kehrt in dieser neuen Lore als Neubeginn zurück, nicht als Fortsetzung, und das funktioniert erstaunlich gut.
Was die Kampagne von anderen CoD-Teilen abhebt, ist das konsequente Brechen mit Heldenerzählung. Eine Mission lässt den Spieler ein vollbesetztes Wohnhaus durchsuchen, in dem Zivilisten und Feinde nicht auf den ersten Blick zu unterscheiden sind. Eine andere Mission – „Highway of Death“ – verweist direkt auf reale Kriegsverbrechen und macht klar, dass hier kein Team hero-washen möchte. Weißer Phosphor wird als taktisches Mittel eingesetzt. Das ist provokativ, manchmal unbequem – und genau das macht diese Kampagne zu einer der ungewöhnlichsten der Serie. Rund sechs Stunden Spielzeit, lineare Struktur, kaum Füllmaterial. Am Ende formt Price Task Force 141 aus den überlebenden Charakteren – die Bühne für die gesamte neue MW-Trilogie ist gesetzt.

Zurück zu den Wurzeln – Multiplayer
Der Multiplayer ist dort, wo Modern Warfare (2019) seine nachhaltigsten Spuren hinterlässt. Das überarbeitete Gunsmith-System taucht hier zum ersten Mal auf: Aufsätze lassen sich bis zu fünf Stellen gleichzeitig belegen, mit echten spielmechanischen Konsequenzen – mehr Reichweite gegen mehr Mobilität, mehr Stabilität gegen breiteres ADS. Das ist kein Kosmetik-Feature, sondern ein System, das Theorycrafter beschäftigt und taktische Nischen schafft.
Gunfight ist der größte Multiplayer-Überraschungsmoment des Jahres: Ein 2v2-Modus auf kleinen Maps, mit zufällig zugewiesenem Loadout, maximaler Intensität und einer Kompetitivität, die sich gänzlich anders anfühlt als alles, was CoD vorher bot. Ground War setzt das andere Extrem: 50v50 auf riesigen Karten, mit Fahrzeugen, Spawn-Points und einem Chaos, das mehr nach Battlefield als nach CoD klingt – aber seltsam funktioniert. Night-Vision-Goggles-Karten, neue Operator-Charaktere, kein generisches Skins-Chaos zum Launch.
Der vielleicht größte technische Schritt: Modern Warfare (2019) ist das erste CoD mit vollständigem Crossplay zwischen PS4, Xbox One und PC. Das war 2019 noch keine Selbstverständlichkeit – und es hat funktioniert. Kontroverser diskutiert wurde das Minimap-Design: rote Punkte erscheinen nur noch für unbeschallte Waffen auf der Map, was passivere Spielstile begünstigt und früh für Unmut sorgte. Auch das Pacing des Progression-Systems führte in den ersten Wochen zu Diskussionen.
Spec Ops – großer Anspruch, schwache Ausführung
Spec Ops kehrt zurück – und das ist erst einmal eine gute Nachricht, denn der Modus aus den originalen MW-Spielen hat Kult-Status. Die schlechte Nachricht: Das 2019er Spec Ops versteht sich als narrative Erweiterung der Kampagne, nicht als die kurzen, fokussierten Co-op-Missionen von 2009. Stattdessen gibt es großflächige Operationen mit Zielen, die sich komplizierter anfühlen als sie sein müssten, einem Schwierigkeitsgrad, der zum Launch deutlich zu hoch kalibriert war, und einem Regie-Ansatz, der zwischen Koop-Shooter und erzähltem Erlebnis hängt und beides nicht ganz erreicht.
Survival – eine Wave-Defense-Variante aus MW3 – ist das spielbarere Angebot. Catch: Es war zum Launch PS4-exklusiv und blieb das bis Oktober 2020. Eine Entscheidung, die PC- und Xbox-Spieler berechtigt ärgerte. Kein Zombies-Modus in irgendeiner Form – zum ersten Mal seit Call of Duty: Ghosts 2013.
Technik & Performance
Die neue IW-Engine ist ein echter Generationssprung für die Serie. Lichtdurchflutete Innenräume, Nachtsicht-Rendering mit überzeugender Körnung, Charaktermodelle mit Mimik – Modern Warfare (2019) sieht an vielen Stellen schlicht außergewöhnlich aus. Das Sound-Design ist nochmals eine Klasse über dem Vorgänger: Waffen klingen wie Waffen, nicht wie tonveredelte Spielzeugpistolen, der Hallraum in geschlossenen Räumen gibt jedem Gefecht Gewicht und Position.
Die Performance zum Launch war auf Konsole solide; auf PC gab es in den ersten Wochen einige Stability-Probleme, die mit frühen Patches behoben wurden. Die Dateigrößen sprengten alle CoD-Rekorde – rund 100 GB zum Launch, was die Diskussion um Festplattenmanagement neu entfachte. Post-Launch-Content wurde kostenlos auf allen Plattformen gleichzeitig veröffentlicht – ein explizites Versprechen von Infinity Ward, das zum damaligen Zeitpunkt bemerkenswert war.
Fazit
Modern Warfare (2019) ist die wichtigste Call-of-Duty-Veröffentlichung seit Jahren. Die Kampagne traut sich Dinge, die die Serie zuletzt in der Black-Ops-Ära gewagt hat, der Multiplayer setzt mit Gunfight, Gunsmith und Crossplay drei nachhaltige Standards, und die technische Umsetzung ist makellos. Spec Ops bleibt der einzige ernsthafte Schwachpunkt – und er wiegt schwer, weil der Modus als dritte Säule vermarktet wurde und diese Erwartung nicht einlöst.
Was hier gebaut wurde, ist jedoch mehr als ein Spiel: Es ist die Grundlage einer Trilogie, die Charaktere wie Farah, Ghost und Soap für eine neue Generation einführt. Wer die Serie verfolgen will, führt an diesem Einstieg kein Weg vorbei.
| ✅ Stärken | ❌ Schwächen |
|---|---|
| + Kampagne mit politischem Mut, moralischer Ambiguität und emotionaler Wucht | – Spec Ops zum Launch zu schwer, zu unklar – enttäuscht die hohen Erwartungen deutlich |
| + Gunfight-Modus als brillante, eigenständige taktische Erfahrung | – Survival-Modus bis Oktober 2020 PS4-Timed-Exclusive – PC- und Xbox-Spieler benachteiligt |
| + Erstes CoD mit vollständigem plattformübergreifendem Crossplay | – Kein Zombies-Modus – erste Abwesenheit seit Ghosts (2013) |
| + Gunsmith-System setzt erstmals den Standard für die gesamte neue MW-Reihe | – Minimap-Änderungen begünstigen passivste Spielstile – frühe Community-Kontroverse |
| + Neue IW-Engine setzt visuellen Serienmaßstab | – Enormer Installationsumfang (~100 GB) sprengt alle bisherigen CoD-Rekorde |
| + Herausragendes Sound-Design – bestes Waffenaudio der Serie zum Erscheinungszeitpunkt | – Kampagne moralisch provokativ – polarisiert und ist bewusst nicht für jede Zielgruppe |
| + Post-Launch-Content kostenlos und gleichzeitig auf allen Plattformen |
Getestete Version: PS4 – Patch 1.04, Stand Oktober 2019
UVP: 59,99 €
Für wen: Shooter-Fans, die eine ernsthafte Kampagne und kompetitiven Tiefgang suchen – solange Spec Ops keine Priorität ist.
Offenlegung: Getestet auf Basis eines selbst erworbenen Exemplars.


