CD Projekt Red

CD Projekt Red: Geschichte, Spiele und die Zukunft des Witcher-Studios

Wer ist CD Projekt Red?

CD Projekt Red ist ein polnisches Videospielentwicklungsstudio mit Sitz in Warschau, das zu den bekanntesten und einflussreichsten Spieleentwicklern der Welt gehört. Das Studio ist verantwortlich für die Witcher-Reihe – eines der meistgelobten Rollenspiel-Franchises der Spielegeschichte – sowie für Cyberpunk 2077. Mit The Witcher 3: Wild Hunt (2015) bewies das Studio, dass ein osteuropäischer Entwickler ohne Publisher-Rückendeckung AAA-Qualität auf höchstem Niveau liefern kann. Die Geschichte des Studios ist eine der ungewöhnlichsten Aufstiegsgeschichten der gesamten Spielebranche: von einem Warschauer Marktstand für Disketten bis zum zeitweise wertvollsten Spieleunternehmen Europas.

Gründung und frühe Jahre (1994–2006): Vom Distributor zur Spieleschmiede

Die Ursprünge von CD Projekt Red liegen nicht in der Spieleentwicklung, sondern im Handel. Marcin Iwiński und Michał Kiciński, zwei spielbegeisterte Warschauer, begannen Anfang der 1990er-Jahre damit, importierte Spiele auf dem Warschauer Bazaar zu verkaufen – zu einer Zeit, als Polens Wirtschaft gerade den Übergang zur Marktwirtschaft vollzog und legale Spieleimporte noch rar waren. 1994 gründeten sie CD Projekt als offizielles Unternehmen, zunächst als Distributor ausländischer Videospiele für den polnischen Markt.

Was das Unternehmen früh auszeichnete, war eine ungewöhnliche Qualitätsorientierung: CD Projekt lokalisierte ausländische Titel professionell ins Polnische und legte besonderen Wert auf die Arbeit mit den Originalstimmen und Materialien – zu einer Zeit, in der die meisten Distributoren auf billige Raubkopien setzten. Diese Haltung sollte das kulturelle Fundament des späteren Entwicklerstudios prägen.

2002 gründete CD Projekt eine eigene Entwicklungsabteilung: CD Projekt Red. Die ersten Jahre waren geprägt von der Frage, welches Projekt das noch unerfahrene Team stemmen könnte. Die Antwort fanden Iwiński und Kiciński in der Bibliothek: Andrzej Sapkowskis Hexer-Bücher, eine in Polen kultisch verehrte Fantasyreihe, die im Westen kaum bekannt war. CD Projekt erwarb die Lizenz – nach eigenem Bekunden zu einem symbolischen Preis, da Sapkowski den Videospielmarkt damals für wenig relevant hielt – und begann mit der Entwicklung des ersten Witcher-Spiels.

The Witcher (2007): Der erste Schritt auf die Weltbühne

The Witcher erschien im Oktober 2007 und war in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Debüt. Das Spiel basierte auf einer modifizierten Aurora Engine – der Engine, die BioWare für Neverwinter Nights entwickelt hatte – und setzte auf eine düstere, moralisch ambivalente Fantasywelt ohne klare Gut-Böse-Trennung. Geralt von Riva, der titelgebende Hexer, navigierte durch ein politisch zerrissenes Königreich und traf Entscheidungen, deren Konsequenzen sich erst Stunden später entfalteten.

The Witcher war kein technisch makellos poliertes Spiel; es hatte Ecken und Kanten. Aber es hatte etwas, das vielen zeitgenössischen Titeln fehlte: erzählerische Ernsthaftigkeit und eine unverwechselbare Atmosphäre. Im Westen verkaufte sich das Spiel besser als erwartet und begründete den internationalen Ruf des Studios als Entwickler mit eigenem erzählerischen Anspruch.

Bemerkenswert war auch, wie CD Projekt Red auf Kritik reagierte: Einen der größten frühen Skandale löste das sogenannte „Romance Card“-System aus, das sexuelle Begegnungen mit Sammelkarten illustrierte und als sexistisch kritisiert wurde. CD Projekt entfernte die Karten in der internationalen Enhanced Edition (2008). Das Muster – auf Community-Feedback reagieren, verbessern, neu ausliefern – sollte für das Studio charakteristisch werden.

The Witcher 2: Assassins of Kings (2011): Technologischer Sprung

The Witcher 2 markierte den Sprung in eine eigene Engine: die RED Engine 2, vollständig im eigenen Haus entwickelt. Das Spiel war grafisch außergewöhnlich für seine Zeit, erzählerisch noch ambitionierter als der Vorgänger und führte eine Entscheidungsstruktur ein, bei der die Wahl am Ende des ersten Aktes den weiteren Spielverlauf grundlegend veränderte. Abhängig von Geralts Entscheidung erlebten Spieler faktisch unterschiedliche Spiele.

The Witcher 2 verkaufte sich über eine Million Mal allein in den ersten Wochen und etablierte CD Projekt Red endgültig als erstklassigen RPG-Entwickler. Die Reaktion von Presse und Community war eindeutig: Hier entwickelte jemand ohne Abhängigkeit von einem großen Publisher Spiele auf internationalem Spitzenniveau.

🏢 CD Projekt Red – Steckbrief
Gründung CD Projekt 1994 (Marcin Iwiński & Michał Kiciński)
Gründung CD Projekt Red 2002
Hauptsitz Warschau, Polen
Weitere Studios Krakau (Polen), Boston (USA)
Mitarbeiter (The Witcher 4-Team, Feb. 2026) ca. 499 (nur Polaris-Team)
Nettogewinn 2025 595 Millionen PLN (zweitbestes Ergebnis der Firmengeschichte)
Barreserven (Ende 2025) ca. 1,3 Milliarden PLN (ca. 351 Mio. USD)
Bekannte Franchises The Witcher, Cyberpunk 2077

The Witcher 3: Wild Hunt (2015): Der Durchbruch

The Witcher 3: Wild Hunt ist das wichtigste Spiel in der Geschichte von CD Projekt Red – und eines der wichtigsten Rollenspiele aller Zeiten. Das Open-World-RPG, entwickelt auf der hauseigenen RED Engine 3, bot eine Welt von schier überwältigender Dichte: Hunderte Nebenmissionen, von denen viele eine eigenständige erzählerische Qualität hatten, die in anderen Spielen das Hauptspiel wäre; ein dynamisches Wettersystem; moralische Entscheidungen ohne einfache Auswege; und mit Gwent ein eingebettetes Kartenspiel, das später als eigenständiges Produkt erschien.

Das Spiel gewann über 800 Auszeichnungen, darunter zahlreiche Titel als Spiel des Jahres. Die Witcher-Reihe kam insgesamt auf mehr als 50 Millionen verkaufte Exemplare. Der DLC Blood and Wine – ein Umfang, für den andere Studios ein vollständiges Spiel verlangt hätten – erschien 2016 und wurde von der Fachpresse als besser als viele Hauptspiele gelobt. Der Börsenwert von CD Projekt stieg in den zehn Jahren nach 2010 laut Bloomberg um rund 21.000 Prozent. Ende Mai 2020 war CD Projekt nach Marktkapitalisierung das wertvollste Spieleunternehmen Europas – noch vor Ubisoft.

Was das Studio in dieser Phase besonders machte: sein Ruf als konsumentenfreundlicher Entwickler. Keine aggressiven Monetarisierungsmodelle, kein Pay-to-Win, umfangreiche kostenlose Updates nach dem Launch. CD Projekt Red war in einer Ära, in der Mikrotransaktionen und Lootboxen zur Norm wurden, eine bewusste Gegenposition.

Cyberpunk 2077 (2020): Triumph, Absturz und Wiedergeburt

Wenige Spiele in der Branchengeschichte haben eine solche Achterbahnfahrt hinter sich wie Cyberpunk 2077. Der Titel, 2012 erstmals angeteasert und nach langer, von Hype gesättigter Entwicklungszeit im Dezember 2020 veröffentlicht, war auf PC ein technisch beeindruckendes Open-World-RPG im dystopischen Night City. Auf Last-Gen-Konsolen war es ein anderes Bild: schlechte Performance, massive Bugs, fehlende Features. Sony zog das Spiel zeitweise aus dem PlayStation Store zurück. Die Aktie von CD Projekt brach massiv ein.

Was folgte, war eine der konsequentesten Rehabilitationsphasen der Branchengeschichte. CD Projekt Red lieferte über Monate Patch um Patch, bis das Spiel auf allen Plattformen das wurde, was es hätte sein sollen. Den Wendepunkt markierte die Anime-Serie Cyberpunk: Edgerunners (2022), produziert gemeinsam mit dem japanischen Studio Trigger und veröffentlicht auf Netflix – ein Werk, das sowohl als eigenständige Serie als auch als Werbung für das Spiel funktionierte und Verkaufszahlen und Nutzerbewertungen deutlich nach oben trieb. Die Erweiterung Phantom Liberty (2023) rundete die Rehabilitation ab und wurde von Kritikern als einer der besten Story-DLCs überhaupt gelobt. Am Ende seiner kommerziellen Laufzeit hatte Cyberpunk 2077 mehr als 25 Millionen Exemplare verkauft.

Cyberpunk 2077 ist heute ein Paradebeispiel dafür, wie ein Studio einen katastrophalen Launch durch konsequente Nacharbeit umkehren kann – und was passiert, wenn Crunch und überzogene Versprechen zusammentreffen.

Das Spieleportfolio im Überblick

Jahr Titel Anmerkung
2007 The Witcher Debüt auf Basis der Aurora Engine; internationaler Erstdurchbruch
2011 The Witcher 2: Assassins of Kings Erste eigene RED Engine; technologischer Sprung; über 1 Mio. Verkäufe
2015 The Witcher 3: Wild Hunt Über 800 Auszeichnungen; über 50 Mio. verkaufte Exemplare (Reihe gesamt)
2016 TW3: Hearts of Stone / Blood and Wine Zwei DLCs; Blood and Wine gilt als Maßstab für Story-DLCs
2018 GWENT: The Witcher Card Game Eigenständiges Kartenspiel aus dem Mini-Game in TW3
2020 Cyberpunk 2077 Problematischer Launch; vollständige Rehabilitation bis 2022/23; über 25 Mio. verkaufte Exemplare
2022 Cyberpunk: Edgerunners (Netflix/Trigger) Anime-Serie; Wendepunkt in der Wahrnehmung von Cyberpunk 2077
2023 Cyberpunk 2077: Phantom Liberty Letzter großer DLC; von Kritikern hoch gelobt; finaler Abschluss der Rehabilitation
2027 (geplant) The Witcher 3: Songs of the Past Neue Erweiterung für TW3, angekündigt Mai 2026

Der Mafia-Effekt: CD Projekt als Ausgangspunkt eines Ökosystems

Einer der unterschätzten Aspekte von CD Projekts Bedeutung für die polnische Spieleindustrie ist der sogenannte Mafia-Effekt: Ehemalige Mitarbeiter gründen nach dem Erfolg des Originals eigene Studios. 11 Bit Studios – bekannt durch This War of Mine und Frostpunk – entstand 2010 durch ehemalige CD-Projekt-Entwickler. Rebel Wolves, gegründet vom ehemaligen Game Director von The Witcher 3, Konrad Tomaszkiewicz, entwickelt derzeit The Blood of Dawnwalker. Fool’s Theory, ebenfalls von CD-Projekt-Veteranen gegründet, arbeitet an einem Remake des ersten Witcher-Spiels. Jedes dieser Studios trägt die DNA von CD Projekt Red in sich und hat das polnische Spieleökosystem weiter ausgebaut.

CD Projekt Red heute: Drei Projekte, drei Säulen

Nach dem Abschluss von Phantom Liberty hat CD Projekt Red seinen gesamten Fokus auf drei Großprojekte verlagert, die die nächste Dekade des Studios definieren sollen.

The Witcher 4 (Codename Polaris) ist das Flaggschiffprojekt mit der höchsten Priorität. Das Spiel wurde im Dezember 2024 bei den Game Awards mit einem cinematischen Trailer enthüllt – der erste große Auftritt unter dem offiziellen Namen „The Witcher 4″. Protagonistin ist Ciri, die Adoptivtochter von Geralt, die nun in ihrer Rolle als Hexerin eine eigene Geschichte erlebt. Game Director Sebastian Kalemba beschrieb den Ansatz: „Wir wollen erforschen, was es bedeutet, wirklich ein Hexer zu werden.“ Der Trailer zeigte Ciri mit erweiterten magischen Fähigkeiten, einer Kette als Kampfwerkzeug und dem vertrauten moralisch dunklen Ton der Reihe. Ende Februar 2026 arbeiteten bereits rund 499 Entwickler am Projekt – ein Zuwachs von über 220 Personen innerhalb eines Jahres.

Cyberpunk 2 (ehemals Codename Orion) befindet sich in der Vorproduktion. Das direkte Sequel zu Cyberpunk 2077 wird von einem Team in Boston und Warschau entwickelt; Ende 2025 arbeiteten rund 150 Entwickler daran. Der Plan sieht vor, das Team bis 2027 auf etwa 400 Personen zu vergrößern – die eigentliche Vollproduktion beginnt erst dann. Ein Release ist realistisch frühestens nach 2028 zu erwarten.

Project Hadar ist das ambitionierteste und geheimnisumwobenste der drei Projekte: eine vollständig neue IP, ohne Lizenz, ohne Vorlage, komplett im eigenen Haus entwickelt. Hadar ist die erste neue Marke, die CD Projekt Red aus dem Nichts aufbaut. Details sind kaum bekannt; das Projekt befindet sich noch in frühen Entwicklungsphasen.

Daneben wird The Witcher Remake durch das externe Studio Fool’s Theory entwickelt – technologisch auf Basis von The Witcher 4 aufgebaut und für einen Release nach dem vierten Teil geplant. The Witcher: Sirius, entwickelt vom 2021 akquirierten Studio The Molasses Flood, soll ein Multiplayer-Erlebnis in der Witcher-Welt bieten – ein für CD Projekt Red völlig neuer Ansatz.

Projekt Status (Juni 2026) Team Details
The Witcher 4 (Polaris) Vollproduktion ~499 Entwickler Ciri als Protagonistin; Unreal Engine 5; neue Witcher-Saga
Cyberpunk 2 (Orion) Vorproduktion ~150 Entwickler Direktes Sequel; Studios in Boston & Warschau; Vollproduktion ab ~2027
Project Hadar Frühe Entwicklung k. A. Neue IP; keine Lizenz; vollständig intern; kaum Details bekannt
The Witcher Remake Konzept/Vorprod. Fool’s Theory Extern (CD-Projekt-Veteranen); basiert technologisch auf TW4
The Witcher: Sirius Vorproduktion The Molasses Flood (~51) Multiplayer-Erfahrung in der Witcher-Welt; neuer Ansatz für das Studio

Was macht den Stil von CD Projekt Red aus?

Erzählerischer Anspruch über Spielmechanik. CD Projekt Red priorisiert Geschichte, Welt und moralische Komplexität über technische Gimmicks. Die Welt von The Witcher ist nicht gut gegen böse, sondern voller Graubereiche – eine Haltung, die das Studio von Anfang an konsequent verfolgt hat und die es von Genrekonventionen abhebt.

Konsumentenperspektive als Markenkern. Trotz der Cyberpunk-Krise ist CD Projekts Ruf als entwicklerfreundliches, spielerfreundliches Studio langfristig intakt. Das Studio verzichtet auf aggressive Monetarisierung, liefert umfangreiche DLCs und kommuniziert offen mit seiner Community – eine Haltung, die Vertrauen aufbaut und Fehler überlebbarer macht.

Eigene Technologie. Die hauseigene REDengine-Reihe – inzwischen für The Witcher 4 durch eine angepasste Unreal Engine 5 ersetzt – ermöglichte dem Studio über Jahre, technologisch unabhängig zu sein. Die Entscheidung, für The Witcher 4 auf Epics Engine zu wechseln, war ein strategischer Schritt hin zu langfristiger Skalierbarkeit und externem Entwickler-Ökosystem.

Kulturelle Verwurzelung. Die Witcher-Reihe wäre ohne Sapkowskis polnische Literatur nicht denkbar. CD Projekt Red hat bewiesen, dass kulturelle Eigenständigkeit kein Handicap ist, sondern ein Alleinstellungsmerkmal – eine Lektion, die die gesamte polnische Spielebranche verinnerlicht hat.

Fazit

CD Projekt Red ist mehr als ein Spieleentwickler – es ist der Beweis, dass ein Studio ohne Konzernrückhalt, ohne die Infrastruktur der großen Publishing-Maschinerie, weltverändernde Spiele bauen kann. Der Weg von Warschaus Bazaar bis zu über 50 Millionen verkauften Witcher-Exemplaren und einer Milliardenbewertung ist einmalig. Die Cyberpunk-Krise war ein echter Rückschlag – und zugleich ein Beweis dafür, dass das Studio die Fähigkeit hat, aus Fehlern zu lernen und sich zu regenerieren.

Mit The Witcher 4, Cyberpunk 2 und dem vollständig neuen Project Hadar steht CD Projekt Red vor der möglicherweise entscheidendsten Phase seiner Geschichte. Die Messlatte liegt hoch – und das Studio hat sie selbst gesetzt.

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