Zwei Jahre nach dem ursprünglichen Release kehrt Adam Jensen zurück – diesmal in einer überarbeiteten Fassung, die viele Kritikpunkte des Originals adressiert. Der Director’s Cut, entwickelt vom australischen Studio Straight Right in Zusammenarbeit mit Eidos Montréal, erscheint für PC, PlayStation 3, Xbox 360 und erstmals auch für Wii U. Die große Frage: Rechtfertigen die Änderungen einen erneuten Besuch in Night City – oder gar einen Erstkauf für Neueinsteiger?
Die Bosskämpfe: Endlich Wahlfreiheit
Der größte Kritikpunkt am Original waren die Bosskämpfe. Extern entwickelt von Grip Entertainment, zwangen sie Spieler unabhängig vom gewählten Build in direkte Konfrontationen. Wer seinen Adam Jensen auf Stealth und Hacking spezialisiert hatte, stand plötzlich ohne passende Werkzeuge da.
Der Director’s Cut behebt dieses Problem grundlegend. Alle drei Bosskampf-Arenen – Barrett, Yelena Fedorova und Jaron Namir – wurden komplett überarbeitet. Die Räume sind größer, bieten Lüftungsschächte zum Umgehen, hackbare Terminals und Geschütztürme, die sich gegen die Bosse wenden lassen. Ein Stealth-Charakter kann nun Turrets hacken und den Boss von Maschinen erledigen lassen. Ein Hacker findet Terminals, die Umgebungsgefahren aktivieren.
Die Bosse müssen zwar immer noch sterben – das verlangt die Story – aber Adam muss nicht mehr selbst zur Waffe greifen. Das ist ein enormer Fortschritt und bringt die Bosskämpfe endlich in Einklang mit der Philosophie des restlichen Spiels.
The Missing Link: Nahtlos integriert
Die eigenständige DLC-Erweiterung „The Missing Link“ wurde vollständig in die Hauptstory integriert. Was zuvor ein separater Menüpunkt war, ist nun Teil des natürlichen Spielflusses. Die Episode setzt ein, nachdem Jensen sich in Hengsha auf ein Frachtschiff schmuggelt – eine Lücke, die im Original einfach übersprungen wurde.
Jensen wird auf dem Schiff entdeckt, gefangen genommen und seiner Augmentierungen beraubt. Der Spieler muss sich auf der Rifleman Bank Station, einer schwimmenden Belltower-Basis, durchkämpfen und dabei seine Fähigkeiten von Grund auf neu freischalten. Nach Abschluss der Episode erhält man alle investierten Praxis-Punkte zurück und kann sie neu verteilen – eine willkommene Gelegenheit, den Build zu optimieren.
Die Integration funktioniert größtenteils gut, auch wenn der Bruch im Gameplay – plötzlich alle Augmentierungen zu verlieren – narrativ etwas holprig bleibt. Dennoch: Rund vier zusätzliche Stunden hochwertiger Inhalt, der nun organisch zur Geschichte gehört.
Ebenfalls enthalten ist die „Tong’s Mission“, eine kürzere Zusatzmission, die im Original separat erhältlich war.
New Game+: Für Veteranen
Der lang ersehnte New Game+ Modus erlaubt es, das Spiel nach dem Abschluss erneut zu starten – mit allen freigeschalteten Augmentierungen und Waffen. Für Fans, die jeden Winkel erkunden und verschiedene Builds ausprobieren möchten, ist das ein enormer Mehrwert. Ein vollständig augmentierter Jensen eröffnet völlig neue Möglichkeiten und macht einen zweiten Durchlauf zu einem frischen Erlebnis.
Developer Commentary: Blick hinter die Kulissen
Für Enthusiasten besonders interessant: Der Director’s Cut enthält rund acht Stunden Entwickler-Kommentar. Verteilt über die gesamte Spielwelt finden sich kleine Symbole, die Audio-Dateien auslösen. Das Team von Eidos Montréal spricht über Design-Entscheidungen, verworfene Ideen und die Herausforderungen der Entwicklung.
Diese Kommentare laufen, während man weiterspielt – ähnlich wie bei Valve-Spielen wie Half-Life 2 oder Portal. Für alle, die sich für Game Design interessieren, ist das ein faszinierender Bonus. Zusätzlich liegt ein 45-minütiges Making-of-Video bei.

Technische Verbesserungen
Die visuellen Verbesserungen, die ursprünglich für The Missing Link entwickelt wurden, sind nun auf das gesamte Spiel angewandt. Weichere Schatten, besseres Anti-Aliasing und optimierte Beleuchtung heben die Grafik auf ein neues Niveau.
Allerdings ist der ikonische Gold-Filter des Originals abgeschwächt. Die „Cyber-Renaissance“-Ästhetik ist noch vorhanden, aber weniger dominant. Das ist Geschmackssache – manche bevorzugen den neuen, realistischeren Look, andere vermissen das markante Gold.
Ein kleines, aber feines Gameplay-Detail: Auf allen Schwierigkeitsgraden außer dem höchsten regenerieren nun zwei Energiezellen statt einer. Das erlaubt mehr Experimentierfreude mit Augmentierungen.
Wii U: Exklusive Features
Die Wii U-Version nutzt den Touchscreen-Controller für zusätzliche Funktionen. Die Karte ist permanent auf dem zweiten Bildschirm verfügbar, inklusive Notizfunktion. Hacking und Inventar-Management werden ebenfalls auf den Controller ausgelagert. Für Besitzer der Nintendo-Konsole ist das die komfortabelste Version.
Auf PS3 und Xbox 360 gibt es ähnliche Features via PlayStation Vita bzw. SmartGlass – allerdings nur für die, die entsprechende Hardware besitzen.
Kritikpunkte
Der Director’s Cut ist nicht ohne Makel. Die PC-Version kämpft mit technischen Problemen, die im Original nicht existierten. Einige Spieler berichten von Performance-Einbrüchen und Stabilitätsproblemen. Zudem fehlen die polnische und russische Lokalisierung, die im Original vorhanden waren.
Besitzer der ursprünglichen PC-Version auf Steam konnten vergünstigt upgraden, mussten aber dennoch erneut zahlen – für ein Spiel, das sie bereits besaßen. Die Preispolitik sorgte für Kritik in der Community.
Fazit
Der Director’s Cut ist die definitive Version von Deus Ex: Human Revolution. Die überarbeiteten Bosskämpfe allein rechtfertigen das Upgrade für alle, die am Original verzweifelt sind. Die Integration von The Missing Link, der New Game+ Modus und die Developer Commentary machen das Paket rund.
Für Neueinsteiger führt kein Weg am Director’s Cut vorbei – hier bekommt man das vollständige Erlebnis in einem Paket. Veteranen des Originals müssen abwägen: Wer die Bosskämpfe gehasst hat, findet hier Erlösung. Wer bereits The Missing Link besitzt und mit den Bosskämpfen leben konnte, kann sich das Upgrade sparen.
Adam Jensen hat nie um diese Augmentierungen gebeten. Aber in dieser Form ist er endlich komplett.
Bewertung: 9.0/10 ⭐
Verbesserungen gegenüber dem Original:
- Bosskämpfe komplett überarbeitet (Stealth/Hacking möglich)
- The Missing Link nahtlos integriert
- New Game+ Modus
- ~8 Stunden Developer Commentary
- 45-Minuten Making-of-Video
- Verbesserte Grafik (Schatten, Anti-Aliasing)
- Zwei Energiezellen regenerieren
- Tong’s Mission enthalten
Kritikpunkte:
- Gold-Filter abgeschwächt
- PC-Version mit technischen Problemen
- Fehlende Sprachlokalisierungen (Polnisch, Russisch)
- Upgrade-Preispolitik umstritten
Technische Daten:
- Entwickler: Straight Right / Eidos Montréal
- Publisher: Square Enix
- Plattformen: PC, PlayStation 3, Xbox 360, Wii U
- Release: 25. Oktober 2013
- Basis: Deus Ex: Human Revolution (2011)
- Enthaltene DLCs: The Missing Link, Tong’s Mission, Tactical Enhancement Pack, Explosive Mission Pack





