Deus Ex: Human Revolution

Deus Ex: Human Revolution im Test – Die glorreiche Rückkehr einer Legende

Elf Jahre ist es her, dass das originale Deus Ex die Spielewelt auf den Kopf stellte. Ein Spiel, das Shooter, RPG und Stealth so meisterhaft verband, dass es bis heute als einer der einflussreichsten Titel aller Zeiten gilt. Die Fortsetzung Invisible War aus dem Jahr 2003 konnte die enormen Erwartungen nicht erfüllen und hinterließ die Fans desillusioniert. Dann, nach Jahren der Stille, die Ankündigung: Ein neues Studio namens Eidos Montréal wagt sich an ein Prequel. Ohne Warren Spector, ohne Harvey Smith – kann das gutgehen? Die Antwort nach über 30 Stunden in der Haut von Adam Jensen lautet: Ja, und wie.

Das Jahr 2027: Eine Welt im Umbruch

Deus Ex: Human Revolution spielt 25 Jahre vor den Ereignissen des Originals und zeigt uns eine Welt, die an einem Wendepunkt steht. Mechanische Augmentierungen – kybernetische Implantate, die den menschlichen Körper verbessern und erweitern – sind auf dem Vormarsch. Was als medizinischer Fortschritt begann, hat sich zu einem gesellschaftlichen Pulverfass entwickelt. Die Menschheit spaltet sich in Befürworter und Gegner dieser neuen Technologie, in jene, die sich Augmentierungen leisten können, und jene, die zurückbleiben.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich Adam Jensen, ehemaliger SWAT-Spezialist und nun Sicherheitschef bei Sarif Industries, einem der führenden Unternehmen im Bereich der Augmentierungstechnologie. Als das Unternehmen von einer paramilitärischen Einheit angegriffen wird, liegt Jensen im Sterben. Sein Chef David Sarif rettet ihm das Leben – indem er ihn mit experimentellen Augmentierungen ausstattet. Jensen hat um diese Verwandlung nicht gebeten, doch nun muss er damit leben. Oder besser: damit kämpfen.

Die Eröffnungssequenz ist meisterhaft inszeniert und etabliert sowohl die Welt als auch den Protagonisten mit bemerkenswerter Effizienz. Innerhalb weniger Minuten versteht man die Konflikte, die diese Gesellschaft zerreißen, und entwickelt eine Verbindung zu Jensen, der trotz seiner zynischen Fassade ein zutiefst menschlicher Charakter ist.

Adam Jensen: Ein Protagonist mit Tiefe

Adam Jensen ist nicht der typische Videospiel-Held. Mit seiner rauen Stimme, den markanten Wangenknochen und der ikonischen Sonnenbrille (die tatsächlich Teil seiner Augmentierungen ist) strahlt er eine coole Distanziertheit aus, die an Film-Noir-Detektive erinnert. Doch unter dieser Oberfläche verbirgt sich ein Mann, der mit seiner neuen Existenz hadert.

Ein zertrümmerter Spiegel in Jensens Wohnung erzählt mehr über seinen inneren Konflikt als jeder Dialog es könnte. Diese Art des Environmental Storytellings zieht sich durch das gesamte Spiel und belohnt aufmerksame Spieler mit einer zusätzlichen Erzählebene. Jensens Wohnung selbst ist ein Kunstwerk der Charakterisierung – vom Basketball auf dem Boden über die ungeöffnete Post bis hin zu den Büchern, die Einblick in seine Interessen geben.

Synchronsprecher Elias Toufexis verleiht Jensen eine Präsenz, die im Gedächtnis bleibt. Die deutsche Synchronisation ist solide, doch wer kann, sollte zur englischen Originalfassung greifen – Toufexis‘ Performance ist schlicht herausragend.

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Spielfreiheit: Vier Säulen des Gameplays

Das Herzstück von Deus Ex: Human Revolution ist die Freiheit, jede Situation auf multiple Arten zu lösen. Das Spiel baut auf vier Säulen: Kampf, Stealth, Hacking und Social. Keine dieser Herangehensweisen ist der anderen überlegen, und das Spiel belohnt Spieler, die verschiedene Ansätze kombinieren.

Kampf: Direkt und tödlich

Wer den direkten Weg bevorzugt, findet ein kompetentes Shooter-System vor. Die Waffen fühlen sich wuchtig an, und die Deckungsmechanik funktioniert tadellos. Von Pistolen über Sturmgewehre bis hin zu schweren Maschinengewehren steht ein solides Arsenal zur Verfügung. Die Waffen können zudem modifiziert werden – Schalldämpfer, größere Magazine, Laservisiere und mehr erlauben eine Anpassung an den eigenen Spielstil.

Die Gegner-KI ist größtenteils kompetent. Feinde kommunizieren untereinander, flankieren und nutzen Deckung. Auf höheren Schwierigkeitsgraden wird der Kampf zur echten Herausforderung, und unbedachtes Vorgehen wird schnell bestraft.

Stealth: Im Schatten lauern

Für viele Spieler wird Stealth der bevorzugte Weg sein, und hier glänzt Human Revolution besonders. Das Schleichen fühlt sich befriedigend an, das Deckungssystem ermöglicht fließende Bewegungen von Versteck zu Versteck, und die Takedowns – sowohl letale als auch nicht-letale – sind spektakulär animiert.

Die Level sind so designt, dass es immer mehrere Wege zum Ziel gibt. Lüftungsschächte, alternative Eingänge, gestapelte Kisten, die als Leitern dienen – wer aufmerksam ist, findet immer einen Weg vorbei an den Wachen. Das Gefühl, einen perfekten Stealth-Run hinzulegen, bei dem niemand auch nur ahnt, dass man da war, ist unbeschreiblich befriedigend.

Hacking: Digitale Schlüssel

Das Hacking-Minispiel ist überraschend gut gelungen. Was in vielen Spielen zur lästigen Pflicht verkommt, ist hier ein eigenständiges kleines Strategiespiel. Man muss Knoten in einem Netzwerk erobern, ohne vom System entdeckt zu werden. Je höher die eigene Hacking-Fähigkeit, desto mehr Optionen stehen zur Verfügung.

Gehackte Terminals offenbaren oft zusätzliche Story-Informationen, schalten Türen frei oder ermöglichen das Abschalten von Kameras und Geschütztürmen. Die E-Mails, die man auf Computern findet, sind oft amüsant zu lesen und bauen die Welt weiter aus.

Social: Worte als Waffe

Die Konversationen in Human Revolution verdienen besondere Erwähnung. Das Social-System ermöglicht es, NPCs durch geschickte Wortwahl zu manipulieren. Diese „Social Battles“ sind keine simplen Dialogbäume, sondern erfordern echtes Gespür für den Gesprächspartner. Man muss seine Körpersprache lesen, seine Motivation verstehen und die richtigen Knöpfe drücken.

Eine Augmentierung erlaubt es später, die Persönlichkeitstypen der Gesprächspartner zu analysieren und entsprechend zu reagieren. Doch auch ohne diese Hilfe sind die Gespräche packend und bieten oft Alternativen zu Kampf oder Infiltration.

Die Augmentierungen: Transhumanismus im Praxis-Test

Das Augmentierungs-System ist das Rückgrat der Charakterentwicklung. Mit jedem Level-Up erhält man Praxis-Punkte, die in verschiedene Upgrade-Bäume investiert werden können. Die Auswahl ist beeindruckend und beeinflusst das Gameplay fundamental.

Das Typhoon-System verwandelt Jensen in eine wandelnde Waffe, die Feinde im Umkreis pulverisiert. Der Icarus-Lander ermöglicht Sprünge aus großer Höhe ohne Fallschaden. Die Unsichtbarkeits-Augmentierung macht Jensen für kurze Zeit transparent. Verbesserte Hacking-Module öffnen zuvor unzugängliche Systeme. Die Möglichkeiten scheinen endlos.

Besonders clever: Viele Augmentierungen eröffnen alternative Wege durch die Level. Eine Tür lässt sich nicht hacken? Mit genug Armstärke kann man sie einschlagen. Ein Lüftungsschacht ist zu hoch? Mit dem Hochsprung erreicht man ihn problemlos. Dieses Design belohnt Experimentierfreude und erhöht den Wiederspielwert enorm.

Level-Design: Hub-Welten und Missionen

Human Revolution strukturiert sich in zwei Hub-Welten – Detroit und Hengsha – sowie verschiedene Missionsgebiete. Die Hubs sind beeindruckend detaillierte Stadtgebiete, die zum Erkunden einladen. Seitenquests finden sich an jeder Ecke, NPCs haben ihre eigenen Geschichten, und versteckte Zugänge belohnen neugierige Spieler.

Detroit im Jahr 2027 ist eine Stadt der Kontraste. Die glänzenden Türme von Sarif Industries ragen über heruntergekommenen Vierteln empor, in denen Obdachlose und Straßenhändler ums Überleben kämpfen. Hengsha, der zweistöckige chinesische Stadtstaat, ist noch beeindruckender – eine Stadt, die buchstäblich auf einer anderen Stadt gebaut wurde, wobei die oberen Ebenen den Reichen vorbehalten sind.

Die Missionsgebiete selbst sind Meisterwerke des Level-Designs. Jeder Bereich bietet multiple Eingänge, versteckte Wege und optionale Ziele. Ob das Sarif-Hauptquartier, eine Polizeistation in Detroit oder eine verdeckte Militärbasis – die Level laden zum wiederholten Durchspielen mit verschiedenen Ansätzen ein.

Die Geschichte: Verschwörungen und moralische Grauzonen

Ohne zu viel zu verraten: Die Geschichte von Human Revolution ist eine komplexe Verschwörungserzählung, die Fragen nach der Natur des Menschen, dem Preis des Fortschritts und der Macht der Konzerne aufwirft. Adam Jensen gerät zwischen die Fronten verschiedener Interessengruppen, die alle ihre eigene Vision für die Zukunft der Menschheit haben.

Die Themen Transhumanismus und gesellschaftliche Spaltung werden erstaunlich differenziert behandelt. Das Spiel präsentiert keine einfachen Antworten, sondern zwingt den Spieler, sich mit unbequemen Fragen auseinanderzusetzen. Sind Augmentierungen der nächste Schritt der menschlichen Evolution oder eine Bedrohung für unsere Menschlichkeit? Wer sollte Zugang zu dieser Technologie haben? Wo endet Therapie und wo beginnt Enhancement?

Die vier verschiedenen Enden spiegeln unterschiedliche Weltanschauungen wider und laden dazu ein, das Spiel mehrmals durchzuspielen, um alle Perspektiven zu erleben.

Grafik und Atmosphäre: Gold und Schwarz

Die visuelle Gestaltung von Human Revolution ist unverwechselbar. Die Entwickler haben sich für eine Farbpalette aus Gold, Schwarz und Bernstein entschieden, die dem Spiel einen einzigartigen Look verleiht. Diese „Cyber-Renaissance“-Ästhetik mischt futuristische Technologie mit Designelementen der Renaissance – ein visuell faszinierendes Experiment, das erstaunlich gut funktioniert.

Die Grafik selbst ist solide, wenn auch nicht bahnbrechend. Auf dem PC mit maximalen Einstellungen sieht das Spiel durchaus beeindruckend aus, und die Lichtstimmung in den Innenräumen ist oft atmosphärisch. Manche Texturen wirken aus der Nähe etwas matschig, und die Gesichtsanimationen könnten besser sein, doch diese Schwächen fallen angesichts des Gesamtpakets kaum ins Gewicht.

Der Soundtrack von Michael McCann verdient höchstes Lob. Die elektronischen Klänge mit orchestralen Einsprengseln unterstreichen die Atmosphäre perfekt. Das Hauptthema ist bereits jetzt ein Klassiker, und die ambiente Musik in den Hubs trägt maßgeblich zur Immersion bei.

Die Schwächen: Bosskämpfe und andere Stolpersteine

So brillant Human Revolution in den meisten Bereichen ist, so enttäuschend sind die Bosskämpfe. Diese obligatorischen Konfrontationen zwingen den Spieler in direkte Kämpfe, völlig unabhängig vom gewählten Spielstil. Wer seinen Charakter auf Stealth und Hacking spezialisiert hat, steht plötzlich vor Gegnern, die nur mit roher Feuerkraft zu besiegen sind.

Diese Bosskämpfe wurden offenbar von einem externen Studio entwickelt und fühlen sich wie Fremdkörper im ansonsten so durchdachten Spieldesign an. Es ist die größte Schwäche des Spiels und ein echter Wermutstropfen.

Auch die Lade­zeiten sind auf Konsolen spürbar lang, und gelegentliche Clipping-Fehler trüben das Bild. Die KI zeigt zudem manchmal merkwürdiges Verhalten – Wachen, die Leichen ignorieren oder sich in Ecken verkeilen. Nichts davon ist spielzerstörend, aber es sind Schönheitsfehler in einem ansonsten polierten Produkt.

Fazit

Deus Ex: Human Revolution ist ein Triumph. Eidos Montréal hat das scheinbar Unmögliche geschafft: ein würdiges Prequel zu einem der größten Spiele aller Zeiten zu entwickeln. Die Spielfreiheit, das durchdachte Level-Design, die fesselnde Geschichte und die einzigartige Atmosphäre machen Human Revolution zu einem Pflichttitel für jeden, der intelligente Spielerfahrungen sucht.

Adam Jensen hat sich seinen Platz neben JC Denton verdient. Die Welt von 2027 ist faszinierend, die Themen relevant, und das Gameplay bietet Tiefe, die viele Durchläufe belohnt. Ja, die Bosskämpfe sind ein Problem, und technisch gibt es Luft nach oben. Doch diese Schwächen verblassen angesichts der Gesamtleistung.

Für Fans des Originals ist Human Revolution ein Geschenk. Für Neueinsteiger ist es der perfekte Einstiegspunkt in die Serie. Und für alle anderen ist es schlicht eines der besten Spiele des Jahres. Die Legende ist zurück, und sie hat nichts von ihrer Strahlkraft verloren.

Ich habe nie um diese Augmentierungen gebeten – aber ich bin verdammt froh, sie bekommen zu haben.


Bewertung: 8.7/10

Stärken:

  • Herausragendes Level-Design mit multiplen Lösungswegen
  • Vier Spielstile (Kampf, Stealth, Hacking, Social) gleichwertig
  • Fesselnde Story mit relevanten Themen
  • Einzigartige „Cyber-Renaissance“-Ästhetik
  • Tiefes Augmentierungs-System
  • Adam Jensen als charismatischer Protagonist
  • Exzellenter Soundtrack
  • Hoher Wiederspielwert
  • Durchdachte Hub-Welten
  • Würdiger Nachfolger des Originals

Schwächen:

  • Bosskämpfe ignorieren Spielstil komplett
  • Lange Ladezeiten (Konsolen)
  • Gelegentliche KI-Aussetzer
  • Manche Texturen niedrig aufgelöst
  • Gesichtsanimationen steif

Technische Daten:

  • Entwickler: Eidos Montréal
  • Publisher: Square Enix
  • Plattformen: PC, PlayStation 3, Xbox 360
  • Release: 26. August 2011 (Europa)
  • Genre: Action-RPG / Stealth / Shooter
  • Setting: Detroit & Hengsha (Jahr 2027)
  • Protagonist: Adam Jensen
  • Spielzeit: 25-35 Stunden (Story), 40+ Stunden (Komplett)
  • Altersfreigabe: USK 18

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