Wolfenstein

Die Geschichte der Wolfenstein-Reihe — 45 Jahre Nazi-Jäger

Wenige Videospielreihen können auf eine Geschichte zurückblicken, die so unmittelbar mit der Entwicklung des gesamten Medium Gaming verknüpft ist wie Wolfenstein. Von einem einfachen Top-Down-Stealth-Spiel auf dem Apple II bis zum Begründer des modernen Ego-Shooters, von einer jahrelangen Pause bis zu einem der eindrucksvollsten Comebacks der Gaming-Geschichte — 45 Jahre Wolfenstein sind 45 Jahre Spielgeschichte.

Die Anfänge: Castle Wolfenstein und die Stille Infiltration

Wolfenstein beginnt 1981 — nicht als Shooter, sondern als Stealth-Spiel. Castle Wolfenstein, entwickelt von Silas Warner bei Muse Software, stellte Spieler in die Rolle eines alliierten Soldaten, der aus einem Nazi-Gefängnis ausbricht. Die Perspektive: von oben. Die Waffe: sporadisch. Das Ziel: leise, nicht laut. Die Wachen mussten umgangen oder durch Verkleidung getäuscht werden — ein Konzept, das zehn Jahre vor Metal Gear Solid das Genre des Schleich-Spiels vorwegnahm.

1983 folgte Beyond Castle Wolfenstein, das das Konzept verfeinerte und Spieler bis in Hitlers Bunker schickte. Beide Spiele wurden für ihre Zeit kommerziell erfolgreich und legten den Grundstein für eine Marke — auch wenn niemand ahnte, was daraus noch werden würde.

Die Revolution: Wolfenstein 3D und die Erfindung des FPS

1992 veränderte id Software die Spielebranche. Wolfenstein 3D, entwickelt von John Carmack und John Romero und über den Publisher Apogee vertrieben, war kein Sequel — es war eine Neuerfindung. Die Perspektive wechselte von oben nach vorne. Drei-dimensionale Korridore, pixelierte Nazi-Schergen, eine Kettenpistole und B.J. Blazkowicz als Protagonist: Das Spiel definierte das Genre des Ego-Shooters und wurde später als „Grandfather of FPS“ kanonisiert.

Wolfenstein 3D war technisch und konzeptionell bahnbrechend. Carmacks Engine ermöglichte Geschwindigkeit und Flüssigkeit, die kein Spiel zuvor gezeigt hatte. Das Spielprinzip war radikal einfach: durch Labyrinthe rasen, Nazis erschießen, Geheimnisse finden. 1992 folgte Spear of Destiny als eigenständiges Prequel — der erste Ausflug des Franchises in Richtung Okkultismus und übernatürliche Bedrohungen.

In Deutschland wurden beide Titel indiziert — wegen NS-Symbolen, Gewaltdarstellung und dem Auftreten von Adolf Hitler als Endgegner. Eine Kontroverse, die das Franchise bis heute begleitet.

Die lange Pause: Raven, Gray Matter und Enemy Territory

Nach dem Erfolg von Wolfenstein 3D herrschte neun Jahre Stille. 2001 erschien Return to Castle Wolfenstein — entwickelt von Gray Matter Interactive und id Software, veröffentlicht von Activision. Das Spiel transportierte B.J. Blazkowicz in die dritte Dimension und verband klassischen Ego-Shooter-Action mit einer übernatürlichen Story um Nazi-Okkultismus, untote Experimente und SS-Übernatürliches. Technisch auf dem Stand der Zeit, narrativ schon deutlich ambitionierter als die Vorgänger.

Was Return to Castle Wolfenstein langfristig unsterblich machte, war jedoch sein Multiplayer. Der Online-Modus zog eine treue Community an und gilt bis heute als einer der besten kompetitiven Shooter seiner Ära. 2003 folgte Wolfenstein: Enemy Territory — ein eigenständiger Multiplayer-Ableger von Splash Damage, der kostenlos erschien und jahrelang gespielt wurde. Eine Legende unter Multiplayer-Puristen.

2009 versuchte Raven Software mit einem schlichten Wolfenstein-Titel an die Erfolge anzuknüpfen — mit gemischtem Ergebnis. Das Spiel underperformte kommerziell, und das Franchise verschwand erneut in der Versenkung.

Das Comeback: MachineGames und die Neue Trilogie

2014 geschah etwas Unerwartetes. MachineGames — ein damals wenig bekanntes schwedisches Studio unter dem Bethesda-Dach — veröffentlichte Wolfenstein: The New Order und erschuf damit eines der überraschendsten Comebacks der Gaming-Geschichte.

The New Order spielte in einer Alternativgeschichte, in der die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewannen und 1960 eine technologisch überlegene Weltmacht führen. B.J. Blazkowicz, der 14 Jahre im Koma verbracht hatte, erwacht in einer besetzten Welt — und beginnt, sie zu zerstören. Was das Spiel von seinen Vorgängern unterschied: Es hatte eine Seele. Blazkowicz war kein stummer Held, sondern ein Charakter mit inneren Monologen, Verlust und moralischer Komplexität. Die Geschichte wechselte zwischen brutaler Gewalt und erstaunlich ruhigen, poetischen Momenten. Die Presse war begeistert, die Community sowieso.

2015 folgte Wolfenstein: The Old Blood — ein eigenständiges Prequel, das B.J. zurück in Castle Wolfenstein schickte und dort erstmals Nazi-Zombies und okkulte Experimente in die moderne Reihe einführte. Kompakter als The New Order, aber mit demselben Kampfsystem und einer atmosphärisch starken ersten Hälfte.

Wolfenstein II: The New Colossus (2017) war das polarisierendste Spiel der Trilogie. Es schickte Blazkowicz ins besetzte Amerika — und lieferte dabei die bis dahin radikalste politische Aussage eines AAA-Spiels. Die Geschichte war dunkler, absurder, kompromissloser als alles zuvor. Kritiker liebten es, ein Teil der Community warf dem Spiel ideologische Überladung vor. Kommerziell war New Colossus solide, aber nicht der Durchbruch, den Bethesda erhofft hatte.

Youngblood, Cyberpilot und die Krise

2019 erschien Wolfenstein: Youngblood — ein Koop-Ableger, entwickelt von MachineGames gemeinsam mit Arkane Studios. Protagonistinnen waren diesmal Blazkowicz‘ Töchter Jess und Soph, das Setting das besetzte Paris der 1980er Jahre. Das Experiment misslang: Ein RPG-Levelsystem, das sich nicht mit der Reihen-DNA vertrug, koop-erzwungenes Design und eine Geschichte, die hinter den Elternteilen weit zurückblieb, machten aus einem interessanten Konzept einen enttäuschenden Titel. Wolfenstein: Cyberpilot erschien parallel als VR-Ableger — und wurde weitgehend ignoriert.

Nach dem Youngblood-Misserfolg wurde es still um die Reihe.

Der Umweg: Indiana Jones

MachineGames verschwand nicht — das Studio konzentrierte sich auf ein neues Projekt. Indiana Jones and the Great Circle erschien 2024 und wurde zu einem der überraschendsten Erfolge des Jahres: ein First-Person-Abenteuer mit Herz, Humor und einer erstaunlich stimmigen Umsetzung von Harrison Fords ikonischer Figur. Das Spiel bewies, dass MachineGames über Wolfenstein hinausgewachsen war — und gleichzeitig, dass das Studio der beste denkbare Hüter von Blazkowicz‘ Geschichte ist.

Was als nächstes kommt

Im Februar 2026 bestätigte Studio Director Jerk Gustafsson: Wolfenstein 3 kommt. „Unsere Absicht war es immer, zur Reihe zurückzukehren. Wir wollten die Trilogie beenden.“ Wann genau, ist offen — 2027 oder 2028 gilt als wahrscheinlich.

Parallel dazu entsteht bei Amazon Prime Video eine Wolfenstein-TV-Serie, entwickelt vom Fallout-Team um Patrick Somerville und Jonah Nolan. 45 Jahre nach Castle Wolfenstein ist B.J. Blazkowicz relevanter denn je.

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