Bernhard Hennen gilt als einer der profiliertesten deutschen Fantasy-Autoren, und „Die Elfen“ aus dem Jahr 2004 markiert den Auftakt seiner monumentalen Elfensaga. Gemeinsam mit Co-Autor James Sullivan schuf er ein Werk, das tolkieneske Elfen nicht als ätherische Nebenfiguren behandelt, sondern ins Zentrum einer epischen Geschichte rückt, die nordische Mythologie mit klassischer High Fantasy verbindet.
Als langjähriger Hennen-Fan seit „Das Jahr des Greifen“ in den 90ern habe ich die Entwicklung des Autors mit Spannung verfolgt. Als ich „Die Elfen“ kurz nach Erscheinen las, kam das nach einer recht langen Lesepause – und ich war schlichtweg geflasht. Hennen präsentierte eine vollständig ausgearbeitete Elfenkultur samt eigener Geschichte, Politik und Magie, die in dieser Detailtiefe in der deutschen Fantasy ihresgleichen sucht. Diese Rezension entsteht nun nach dem zweiten Lesen, über dreizehn Jahre später – und die Faszination ist ungebrochen.
Überblick ohne Spoiler
Die Geschichte folgt mehreren Protagonisten in der Welt Albenmark, dem Reich der Elfen, das durch magische Tore mit der Menschenwelt verbunden ist. Im Zentrum steht ein Konflikt, der beide Welten bedroht und die Elfenkönigin Emerelle zwingt, ungewöhnliche Allianzen zu schmieden. Parallel erleben wir die Perspektive sterblicher Menschen, die in die Machtkämpfe der unsterblichen Alben hineingezogen werden.
Der Ton ist klassisch-episch mit düsteren Untertönen. Hennen scheut weder vor brutalen Schlachten noch vor den moralischen Grauzonen zurück, die entstehen, wenn unsterbliche Wesen mit jahrhundertealten Fehden auf kurzlebige Menschen treffen.
Die Stärken
Hennens größte Leistung ist das detaillierte Worldbuilding. Albenmark fühlt sich lebendig und durchdacht an – von den verschiedenen Elfenvölkern mit ihren Eigenheiten über die Magie-Systematik bis zur politischen Struktur. Die Elfen sind hier keine eindimensionalen Weisen, sondern haben Fraktionen, Intrigen und sehr menschliche (oder eben elfische) Schwächen. Diese Tiefe hebt „Die Elfen“ deutlich von generischer High Fantasy ab.
Die multiplen Erzählstränge funktionieren hervorragend und konvergieren geschickt. Hennen beherrscht das Spiel mit Perspektivwechseln meisterhaft, ohne den Leser zu verwirren. Besonders die Schicksale der menschlichen Charaktere, die als „Zeitlose“ in Albenmark nicht altern, bieten emotional packende Konflikte. Beim zweiten Lesen fallen zusätzlich zahlreiche subtile Details auf, die man beim ersten Durchgang übersehen hat – ein Zeichen für durchdachtes Storytelling.
Die Action-Sequenzen sind plastisch geschrieben – Hennen versteht es, Schlachten episch aber nicht überladen zu inszenieren. Das kommt nicht von ungefähr: Der Autor stellt Schlachtszenen mit Miniaturen nach, die er leidenschaftlich sammelt. Diese Detailkenntnis militärischer Formationen und Taktiken spürt man auf jeder Seite. Fans von militärischer Fantasy kommen hier voll auf ihre Kosten.
Die Schwächen
Der Einstieg erfordert Geduld. Die ersten 100-150 Seiten investiert Hennen massiv in Worldbuilding und Charaktereinführung, was Genre-Neulinge abschrecken könnte. Wer sich darauf einlässt, wird jedoch reichlich belohnt – das anfängliche Pacing-Problem entpuppt sich rückblickend als notwendige Investition in eine komplexe, fesselnde Welt.
Einige Charaktere wirken zu Beginn archetypisch – der „edle Ritter“, die „weise Königin“, der „finstere Antagonist“. Hennen bricht diese Muster jedoch im Verlauf der Geschichte gezielt auf, sodass dieser Kritikpunkt vor allem den ersten Eindruck betrifft.
Der Schreibstil ist funktional und klar. Wer poetische Prosa à la Patrick Rothfuss erwartet, wird enttäuscht. Für eine epische Fantasy-Saga mit komplexen Handlungssträngen ist Hennens direkter Stil jedoch genau richtig – er dient der Geschichte, statt sich in den Vordergrund zu drängen.
Für wen ist das Buch?
„Die Elfen“ richtet sich an Fans klassischer High Fantasy, die Geduld für ausführliches Worldbuilding mitbringen. Wenn dir Werke wie Das Lied von Eis und Feuer, „Die Zwerge“ (Markus Heitz) oder Der Herr der Ringe gefallen haben, ist dies ein absolutes Muss.
Das Buch ist der Auftakt einer mehrbändigen Saga – du solltest bereit sein, dich längerfristig zu binden. Die Fortsetzungen „Elfenwinter“, „Elfenlicht“ und „Elfenritter“ setzen die Geschichte konsequent fort. Wer schnelle Urban Fantasy oder kompakte Standalone-Geschichten bevorzugt, greift besser zu anderen Titeln.
Achtung: Es gibt durchaus brutale Szenen und moralisch ambivalente Situationen. Kein Buch für zarte Gemüter oder junge Leser.
Fazit
„Die Elfen“ ist deutsche High Fantasy vom Feinsten. Bernhard Hennen hat mit Albenmark eine der faszinierendsten Fantasy-Welten der deutschen Literatur geschaffen – komplex, glaubwürdig und emotional packend. Der etwas zähe Einstieg wird durch eine zunehmend fesselnde Handlung mehr als wettgemacht. Auch dreizehn Jahre nach Erscheinen und beim zweiten Lesen hat das Buch nichts von seiner Faszination verloren und ist zu Recht ein Klassiker der deutschen Fantasy geworden.
Bewertung: 9.5/10
Empfehlung: Absoluter Pflichtkauf für High-Fantasy-Fans. Wer sich auf die Elfensaga einlässt, erlebt eines der besten Werke deutscher Fantasy-Literatur.
Technische Details
- Autoren: Bernhard Hennen, James Sullivan
- Verlag: Heyne
- Seitenzahl: ca. 800 Seiten (je nach Ausgabe)
- ISBN: 978-3453531130
- Reihe: Die Elfen-Saga, Band 1 (Fortsetzung: „Elfenwinter“, „Elfenlicht“, „Elfenritter“)
- Format: Taschenbuch, Hardcover, eBook verfügbar
Häufig gestellte Fragen
Ist Die Elfen für Einsteiger in Fantasy geeignet?
Die Elfen richtet sich eher an erfahrene Fantasy-Leser. Der Einstieg erfordert Geduld, da die ersten 100-150 Seiten massiv in Worldbuilding investieren. Genre-Neulinge könnten vom langsamen Start abgeschreckt werden, werden aber bei Durchhaltevermögen reichlich belohnt.
Wie viele Bände umfasst die Elfensaga?
Die Elfen ist der Auftakt einer mehrbändigen Saga. Die Hauptreihe umfasst Die Elfen, Elfenwinter, Elfenlicht und Elfenritter. Leser sollten bereit sein, sich längerfristig auf die Saga einzulassen.
Wer hat Die Elfen geschrieben?
Die Elfen wurde von Bernhard Hennen gemeinsam mit Co-Autor James Sullivan verfasst und 2004 veröffentlicht. Hennen ist seit den 90er Jahren als deutscher Fantasy-Autor etabliert.
Ist Die Elfen gewalttätig?
Ja, Die Elfen enthält durchaus brutale Schlachtszenen und moralisch ambivalente Situationen. Das Buch ist nicht für zarte Gemüter oder junge Leser geeignet. Fans von militärischer Fantasy kommen jedoch voll auf ihre Kosten.
Lohnt sich Die Elfen noch heute?
Absolut. Auch über dreizehn Jahre nach Erscheinen hat Die Elfen nichts von seiner Faszination verloren. Das Worldbuilding, die komplexen Charaktere und die epische Geschichte machen es zu einem zeitlosen Klassiker der deutschen Fantasy.






