Der Weg zu Dying Light 2 war steinig. Mehrere Verschiebungen, Diskussionen um die USK-Zensur der deutschen Version, Verwirrung um die „500 Spielstunden“-Aussage und Berichte über technische Probleme vor dem Release – Techland hatte es nicht leicht. Doch nun ist das Spiel endlich da, und die große Frage lautet: Kann der Nachfolger des Überraschungshits von 2015 die hohen Erwartungen erfüllen? Nach ausgiebigem Test auf mehreren Plattformen – inklusive der unzensierten PEGI-Fassung – ziehen wir Bilanz.
Hinweis zur deutschen Version
Die USK-Fassung ist zensiert. Konkret bedeutet das: Menschliche Gegner können nicht enthauptet oder zerstückelt werden, neutrale NPCs sind unverwundbar, und die „Blood and Gore“-Darstellung wurde reduziert. Wer das Spiel so erleben möchte, wie Techland es vorgesehen hat, muss zur PEGI-Version greifen.

Die Geschichte: Ein Pilger auf der Suche
Aiden Caldwell ist ein Pilger – ein nomadischer Überlebender, der durch die von Zombies überrannte Welt wandert und als postapokalyptischer Kurier Waren zwischen Siedlungen transportiert. Doch sein wahrer Antrieb ist persönlicher: Er sucht seine verschollene Schwester. Diese Suche führt ihn nach Villedor, eine weitläufige Stadt irgendwo in Europa, in der drei Fraktionen um Ressourcen und Macht kämpfen.
15 Jahre sind seit den Ereignissen des ersten Teils vergangen. Die Stadt Harran und Protagonist Kyle Crane werden zwar erwähnt, doch Vorkenntnisse sind nicht nötig. Dying Light 2 funktioniert als eigenständige Geschichte.
Die Hauptstory ist solide, wenn auch nicht revolutionär. Rückblenden wecken Neugier nach Aidens Vergangenheit, und die Fraktionsdynamik zwischen Peacekeepern, Überlebenden und Renegaten sorgt für Spannung. Besonders interessant: Viele Entscheidungen haben tatsächlich Konsequenzen. Laut Techland erlebt man in einem Durchgang nur etwa 50% des Inhalts – ein Anreiz für weitere Durchläufe.
Parkour: Das Herzstück
Das Alleinstellungsmerkmal der Serie bleibt das Parkour-System, und hier enttäuscht Dying Light 2 nicht. Aiden ist am sichersten auf den Dächern, springt von Gebäude zu Gebäude, nutzt Seile, Leitern und architektonische Elemente, um die Vertikalität zu halten. Das Navigieren durch diesen verschlungenen Spielplatz sorgt für die stärksten Momente des Spiels.
Es macht unglaublich viel Spaß, oben auf einem Hausdach zu stehen, die zerstörten Wolkenkratzer und verwüsteten Evakuierungszentren zu überblicken und herauszufinden, wie man Entfernungen überbrücken kann, ohne die gefährliche Straße zu betreten. Die Luft ist oft voller Rufe und Schreie, dem gelegentlichen Stakkato von Schüssen – die Stadt steckt voller kleiner Tragödien.
Mit Fortschritt im Parkour-Skilltree entwickelt sich das System weiter. Neue Fähigkeiten wie der Paragleiter oder der Greifhaken erweitern die Möglichkeiten enorm und machen die Fortbewegung zu einer sich ständig weiterentwickelnden Herausforderung.
Kampf und Überleben
Das Kampfsystem setzt auf Nahkampf mit improvisierten Waffen. Schwerter, Äxte, Keulen, Macheten – alles, was sich finden lässt, wird zur Waffe. Die Haltbarkeit und der Grundschaden sind dabei entscheidend. Hieb- oder Stichwaffe? Ein- oder zweihändig? Diese Entscheidungen prägen den Spielstil.
Gegenüber dem Vorgänger wurden die RPG-Elemente überarbeitet. Weniger Reparieren und Zerlegen, dafür mehr Fokus auf Ausrüstung mit Boni. Jedes Kleidungsstück bietet eigene Vorteile und kann individuell zusammengestellt werden.
Die Ausdauer spielt eine größere Rolle als zuvor. Zu Beginn ist sie stark limitiert, was verhindert, dass man sofort jeden beliebigen Ort erreicht. Diese Einschränkung fördert die natürliche Progression und belohnt das Erkunden.
Tag und Nacht: Zwei Welten
Der Tag-Nacht-Zyklus ist mehr als Kosmetik. Tagsüber sind die Straßen gefährlich, aber überschaubar. Nachts hingegen werden die Infizierten aggressiver, verlassen ihre Verstecke – und manche Orte sind nur dann zugänglich. Diese Mechanik zwingt zu taktischen Entscheidungen: Riskiert man einen nächtlichen Ausflug für bessere Beute?
Die Welt: Villedor erkunden
Villedor ist toll gestaltet und sprüht vor Atmosphäre. Überall gibt es etwas zu entdecken – versteckte Waffenverstecke, Banditenlager, Bahnhöfe für Schnellreise und Windmühlen, die mit Strom versorgt werden müssen. Das Spielprinzip kennt jeder, der in den letzten zehn Jahren ein Open-World-Abenteuer gespielt hat, aber es funktioniert.
Die zahlreichen Nebenquests sind größtenteils gut geschrieben. Interessante Gespräche führen oft zu Aufgaben, die man annehmen kann, aber nicht muss. Die Fraktionsentscheidungen – wem übergibt man eroberte Gebiete? – haben sichtbare Auswirkungen auf die Stadt.
Koop: Gemeinsam überleben
Nach Abschluss des Prologs (etwa anderthalb bis zwei Stunden) kann man mit bis zu drei Freunden spielen. Der Koop-Modus ist das komplette Zombie-Abenteuer, ohne Einschränkungen. Wichtig: Alle Spieler müssen dieselbe Spielversion besitzen.
Technik: Holpriger Start
Ja, Dying Light 2 hatte zum Launch technische Probleme. Ausbleibende Sprachausgabe während Dialogen, Kollisionsfehler, Bugs verschiedenster Art. Auch nach mehreren Patches tauchen noch Probleme auf – tote Zombies, die stehen bleiben, Banditen, die in Kisten stecken. Nichts Spielzerstörendes, aber spürbar.
Auf der PlayStation 5 empfiehlt sich der Leistungsmodus mit 60 fps – das rasante Gameplay profitiert enorm von der flüssigen Bildrate. Der Raytracing-Modus sieht wunderschön aus, leidet aber unter verringerter Auflösung. Für Xbox Series X wurde per Patch VRR nachgereicht, was bis zu 120 fps ermöglicht.
Der Sound ist solide, die Atmosphäre stimmig. Ein Kritikpunkt: Die deutsche Sprachausgabe weicht oft stark von den Untertiteln ab – manchmal wirkt es, als liefen zwei verschiedene Gespräche parallel.
Umfang: Die 500-Stunden-Frage
Die Hauptstory ist in etwa 20 bis 25 Stunden machbar – vorausgesetzt, man ignoriert die zahlreichen Ablenkungen links und rechts des Weges. Und davon gibt es viele. Die beworbenen „500 Spielstunden“ sind als Hochrechnung zu verstehen: Alle Entscheidungsvarianten, alle Nebenquests, mehrere Durchläufe mit unterschiedlichen Fraktionsentscheidungen. Eine Zahl, die mehr Marketing als Realität ist, aber den Kern einer Wahrheit enthält.
Realistisch gesehen bietet Dying Light 2 für den typischen Spieler 60 bis 100 Stunden – ein solider Wert für ein Spiel dieser Art. Die Karte ist riesig und in mehrere Bezirke unterteilt, die sich in Atmosphäre und Schwierigkeitsgrad deutlich unterscheiden. Das alte Villedor mit seinen engen Gassen und niedrigen Gebäuden eignet sich perfekt für Einsteiger, während die Hochhausschluchten der Innenstadt erfahrene Parkour-Künstler fordern.
Jeder Bezirk strotzt vor Aktivitäten. Banditenlager warten darauf, ausgeräuchert zu werden – mal kleine Außenposten mit einer Handvoll Gegnern, mal befestigte Komplexe, die taktisches Vorgehen erfordern. Windmühlen müssen erklommen und mit Strom versorgt werden, um sichere Häuser zu errichten. Diese dienen nicht nur als Speicherpunkte, sondern auch als Schlafplätze, um die Tageszeit vorzuspulen, und als UV-Zuflucht, wenn die Nacht zu gefährlich wird. Bahnhöfe schalten die Schnellreise frei – eine willkommene Erleichterung angesichts der Kartengröße. Versteckte Waffenverstecke locken mit seltener Ausrüstung, sind aber oft von Infizierten bewacht oder hinter kniffligen Parkour-Passagen verborgen.
Besonders gefährlich sind die GRE-Anomalien – mutierte Infizierte, die als Miniboss-Kämpfe fungieren. Diese Kreaturen sind schnell, brutal und verlangen alles ab, was man gelernt hat. Die Belohnungen sind entsprechend wertvoll: seltene Crafting-Materialien und Inhibitoren, mit denen Aidens Gesundheit oder Ausdauer permanent erhöht werden können. Diese Inhibitoren sind über die gesamte Welt verstreut und ihr Sammeln wird zur eigenen Beschäftigung.
Die dunklen Höhlen und verlassenen Gebäude sind ein Kapitel für sich. Tagsüber wimmeln sie von schlafenden Infizierten – ein falscher Schritt, ein zu lautes Geräusch, und die Horde erwacht. Nachts hingegen verlassen die Untoten ihre Verstecke und gehen auf die Jagd, was diese Orte paradoxerweise sicherer macht. Hier lagern die wertvollsten Schätze: Container mit Inhibitoren, militärische Ausrüstung, seltene Crafting-Komponenten. Das Risiko-Ertrags-Kalkül ist ein ständiger Begleiter.
Die Nebenquests sind größtenteils gut geschrieben und erzählen eigene kleine Geschichten. Ein Vater, der seinen Sohn sucht. Eine Gruppe Überlebender, die zwischen Flucht und Widerstand entscheiden muss. Ein Händler, dessen Vergangenheit ihn einholt. Manche Quests führen zu moralischen Dilemmata ohne eindeutig richtige Antwort, andere zu überraschenden Wendungen, die Stunden später noch Konsequenzen haben. Die Qualität schwankt, aber die Highlights bleiben im Gedächtnis.
Die Fraktionsentscheidungen – übergibt man ein erobertes Gebiet den Peacekeepern oder den Überlebenden? – haben sichtbare Auswirkungen auf die Stadt. Die militärisch organisierten Peacekeeper errichten Autofallen, die Infizierte in Stücke reißen, installieren Geschütztürme und verstärken Brücken. Die Überlebenden hingegen setzen auf Mobilität: Sie bauen Trampolins, spannen Seilrutschen zwischen Gebäuden und errichten Luftkissen für sichere Landungen aus großer Höhe. Diese Veränderungen sind nicht nur kosmetisch, sondern beeinflussen das Gameplay spürbar. Je nachdem, wen man unterstützt, spielt sich die Stadt völlig anders.
Laut Techland erlebt man in einem Durchgang nur etwa 50% des Inhalts. Das mag übertrieben klingen, aber die Verzweigungen in der Story sind real. Bestimmte Charaktere leben oder sterben je nach Entscheidung, ganze Questlinien bleiben verschlossen, und manche Gebiete sind je nach Fraktionswahl unterschiedlich gestaltet. Für Completionists und Neugierige ist ein zweiter Durchlauf also durchaus reizvoll – diesmal vielleicht mit anderen Entscheidungen, um die Konsequenzen zu sehen.
Techland hat angekündigt, das Spiel mindestens fünf Jahre mit Inhalten zu unterstützen – neue Quests, saisonale Events, kostenlose Updates und kostenpflichtige Story-DLCs. Beim Vorgänger hat das gut funktioniert: Dying Light erhielt auch Jahre nach Release noch substantielle Erweiterungen wie „The Following“, das eine komplett neue Karte mit Fahrzeugen einführte. Wenn Techland dieses Versprechen hält, wird Dying Light 2 noch lange relevant bleiben.
Fazit
Dying Light 2 Stay Human ist kein Meisterwerk, aber ein wirklich gelungenes Spiel. Das Parkour-System ist so gut wie eh und je, die Welt atmosphärisch dicht, und der Koop-Modus macht mit Freunden enormen Spaß. Die technischen Probleme zum Launch sind ärgerlich, aber nicht fatal. Die Geschichte ist solide, wenn auch nicht überragend.
Wer den Vorgänger mochte, wird auch hier glücklich. Wer einen neuen Einstieg in die Serie sucht, findet ein zugängliches, umfangreiches Zombie-Survival-Abenteuer. Einfach den Hype-Ballast abwerfen, den neuesten Patch installieren und abtauchen in Villedor.
Bewertung: 8.0/10
Stärken:
- Exzellentes Parkour-System
- Atmosphärische, detailreiche Spielwelt
- Tag-Nacht-Mechanik mit Konsequenzen
- Entscheidungen mit Auswirkungen
- Umfangreicher Koop-Modus (bis zu 4 Spieler)
- Solide RPG-Elemente
- 60-100 Stunden Spielzeit
- 5 Jahre geplanter Support
Schwächen:
- Technische Probleme zum Launch
- Deutsche Synchro/Untertitel inkonsistent
- Story solide, aber nicht überragend
- USK-Version zensiert
- „500 Stunden“ übertrieben kommuniziert
Technische Daten:
- Entwickler/Publisher: Techland
- Plattformen: PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X|S, PC
- Release: 4. Februar 2022
- Genre: Action-Survival / Open World
- Setting: Stadt Villedor (15 Jahre nach Dying Light)
- Protagonist: Aiden Caldwell
- Spielzeit: 20-25 Stunden (Story), 60-100 Stunden (Komplett)
- Altersfreigabe: USK 18 (zensiert) / PEGI 18 (unzensiert)





