„Elfenwinter“ von Bernhard Hennen, erschienen 2006, ist die direkte Fortsetzung von „Die Elfen“ und der Auftakt der sogenannten Trollkrieg-Trilogie. Während der erste Band eine Zeitspanne von Jahrhunderten umfasste und die großen Linien der Elfensaga etablierte, fokussiert sich „Elfenwinter“ auf einen konzentrierteren Zeitraum und erzählt die Geschichte von Alfadas, dem Sohn Mandreds, während des verheerenden dritten Trollkriegs.
Nach dem überwältigenden Erfolg von „Die Elfen“ – monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste mit über hunderttausend verkauften Exemplaren – stand Hennen vor der Herausforderung, eine würdige Fortsetzung zu liefern. Mit „Elfenwinter“ ist ihm das in beeindruckender Weise gelungen.
Überblick ohne Spoiler
Die Trolle schicken eine gewaltige Invasionsflotte nach Albenmark, um die Snaiwamark – ihre ehemalige Heimat – zurückzuerobern. Der erste Angriff erfolgt während des Festes der Lichter in der Hafenstadt Vahan Calyd, ausgerechnet während der Elfen wichtigstem Fest, bei dem sich die Fürsten aller Elfenstämme versammeln.
Die Elfenkönigin Emerelle wird bei diesem Überfall schwer verwundet und fällt in eine tiefe Ohnmacht, aus der niemand sie zu wecken vermag. Der Schwertmeister Ollowain und die Elfe Lyndwyn retten die bewusstlose Königin, indem sie sie nach Firnstayn in die Menschenwelt bringen. Doch zwischen beiden herrschen angespannte Verhältnisse – Ollowain verdächtigt Lyndwyns Onkel des Verrats an der Königin und hält sie für seine Komplizin.
Parallel dazu erzählt Hennen die Geschichte von Alfadas, dem Jarl von Firnstayn und Sohn des legendären Mandred. Alfadas muss sich nicht nur mit den politischen Intrigen der Menschenwelt auseinandersetzen, sondern auch mit dem Erbe seines Vaters und der Frage, welche Rolle er im kommenden Krieg spielen wird.
Die Stärken
Hennens größte Leistung ist die atmosphärische Dichte des Winters. Der Titel „Elfenwinter“ ist Programm – die Kälte, der Schnee, die eisige Bedrohung durchziehen das gesamte Buch. Man spürt förmlich den Frost auf der Haut, sieht den Atem in der Luft gefrieren. Die Schlachtszenen im Schnee, die Belagerungen eisiger Festungen, die verzweifelten Märsche durch gefrorene Landschaften – Hennen schafft eine Atmosphäre, die den Leser physisch erfasst.
Die Charakterzeichnung ist hervorragend. Ollowain entwickelt sich vom strengen Schwertmeister zu einer komplexen Figur mit Zweifeln, Ängsten und unerwarteten emotionalen Tiefen. Lyndwyn ist weit mehr als eine typische Elfe – sie ist klug, eigenwillig und moralisch ambivalent. Alfadas trägt schwer am Erbe seines Vaters und muss seinen eigenen Weg zwischen Menschenwelt und Albenmark finden.
Die multiplen Handlungsstränge sind meisterhaft verwoben. Hennen jongliert mit verschiedenen Perspektiven – Elfen, Menschen, sogar Trolle – ohne dass der Leser den Überblick verliert. Jeder Handlungsstrang hat seine eigene Berechtigung und fügt sich am Ende zu einem stimmigen Ganzen.
Die Schlachtszenen sind grandios. Hennen zeigt hier seine ganze Meisterschaft – die Kämpfe sind choreografiert wie Ballette des Todes, brutal und poetisch zugleich. Seine Leidenschaft für Miniaturen und militärische Taktik zahlt sich aus: Die Belagerungen, Seeschlachten und Zweikämpfe sind plastisch, nachvollziehbar und fesselnd.
Das Worldbuilding wird noch tiefgreifender. Albenmark entfaltet sich in all seiner Komplexität – die verschiedenen Elfenvölker mit ihren Eigenheiten, die magischen Albenpfade, die politischen Strukturen. Auch die Trollkultur bekommt mehr Tiefe, sie sind keine bloßen Monster, sondern ein Volk mit eigener Geschichte und Motivation.
Die Schwächen
Der Umfang kann abschreckend wirken. Mit knapp 930 Seiten ist „Elfenwinter“ ein Wälzer, der Geduld erfordert. Der Einstieg ist langsam – Hennen nimmt sich Zeit, die Ausgangslage zu etablieren und die Charaktere einzuführen. Wer sofort Action erwartet, wird die ersten hundert Seiten als zäh empfinden.
Die Vielzahl der Charaktere und Handlungsstränge kann gerade zu Beginn verwirren. Hennen führt zahlreiche neue Figuren ein, springt zwischen Schauplätzen, und wer „Die Elfen“ nicht frisch im Gedächtnis hat, könnte sich schwertun.
Einige Nebenfiguren bleiben etwas blass. Bei der Fülle an Personal ist das fast unvermeidlich, aber einige Charaktere hätten mehr Tiefe verdient.
Der Schreibstil ist solide, aber nicht literarisch herausragend. Hennen schreibt klar und effektiv, verzichtet aber auf sprachliche Experimente. Für einen Genreroman ist das absolut ausreichend, literarische Feinschmecker könnten sich jedoch mehr Raffinesse wünschen.
Für wen ist das Buch?
„Elfenwinter“ richtet sich an Leser, die „Die Elfen“ geliebt haben und mehr von dieser Welt wollen. Das Buch setzt das Vorwissen aus dem ersten Band voraus – als Einstieg in die Saga ist es ungeeignet.
Fans epischer Fantasy, die Geduld für ausführliches Worldbuilding und komplexe Handlungsstränge mitbringen, werden hier glücklich. Wenn dir Werke wie Das Lied von Eis und Feuer, Der Herr der Ringe oder Die Zwerge von Markus Heitz gefallen haben, bist du hier goldrichtig.
Wer schnelle Urban Fantasy, kompakte Geschichten oder Action ohne Aufbau bevorzugt, sollte sich anderweitig umsehen. „Elfenwinter“ ist ein Marathon, kein Sprint – aber ein Marathon, der sich lohnt.
Fazit
„Elfenwinter“ ist eine würdige, stellenweise sogar überragende Fortsetzung der Elfensaga. Bernhard Hennen beweist, dass er nicht nur einen grandiosen Auftakt schreiben kann, sondern auch eine komplexe, vielschichtige Fortsetzung, die die etablierte Welt vertieft und erweitert.
Die atmosphärische Dichte, die komplexen Charaktere, die meisterhaft verwobenen Handlungsstränge und die grandios inszenierten Schlachten machen diesen Roman zu einem Höhepunkt deutscher Fantasy-Literatur. Der eisige Winter Albenmarks wird zu einer Metapher für die existenzielle Bedrohung der Elfenwelt – und Hennen lässt den Leser jeden Schneesturm, jeden verzweifelten Kampf, jede schwere Entscheidung miterleben.
Für Fans der Elfensaga ist „Elfenwinter“ Pflichtlektüre. Für alle anderen ist es ein eindrucksvoller Beweis, dass deutsche Fantasy international mithalten kann.
Bewertung: 9,5/10
Empfehlung: Absolute Pflichtlektüre für Fans von „Die Elfen“. Wer epische Fantasy mit Tiefgang und atmosphärischer Dichte sucht, findet hier eines der besten Werke des Genres.
Technische Details
- Autor: Bernhard Hennen
- Verlag: Heyne
- Seitenzahl: ca. 928 Seiten (Taschenbuchausgabe)
- ISBN: 978-3-453-52137-4 (Erstausgabe)
- ISBN Taschenbuch: 978-3-453-31567-9
- Reihe: Die Elfen, Band 2 (Trollkrieg-Trilogie, Teil 1)
- Erschienen: 2006
- Fortsetzung: „Elfenlicht“ (2006)
- Format: Taschenbuch, Hardcover, eBook, Hörbuch verfügbar
Häufig gestellte Fragen
Muss ich „Die Elfen“ vorher gelesen haben?
Ja, unbedingt. „Elfenwinter“ setzt die Kenntnis des ersten Bandes voraus. Charaktere, Weltenhintergrund und politische Konstellationen werden als bekannt vorausgesetzt. Als Einstieg in die Saga ist „Elfenwinter“ nicht geeignet.
Ist das Buch in sich abgeschlossen?
Nein. „Elfenwinter“ ist der erste Teil der Trollkrieg-Trilogie und endet mit einem Cliffhanger. Die Geschichte wird in „Elfenlicht“ direkt fortgesetzt. Wer Abschlüsse mag, sollte sich auf einen Mehrteiler einstellen.
Wie viel Zeit vergeht zwischen „Die Elfen“ und „Elfenwinter“?
„Elfenwinter“ setzt etwa eine Generation nach den Ereignissen von „Die Elfen“ ein. Alfadas ist der Sohn Mandreds, und viele Charaktere aus dem ersten Band kehren zurück – teilweise gealtert, teilweise als unsterbliche Elfen unverändert.
Sind die Trolle eindimensionale Gegner?
Nein. Hennen gibt den Trollen durchaus Tiefe – sie haben ihre eigene Kultur, Geschichte und Motivation. Sie sind keine bloßen Monster, sondern ein Volk, das seine verlorene Heimat zurückerobern will.
Wie brutal ist das Buch?
Recht brutal. Die Schlachten sind explizit dargestellt, es gibt Gewalt, Tod und moralisch schwierige Situationen. Kein Buch für zarte Gemüter oder junge Leser.






