Sechs Jahre nach dem Original präsentiert Sony seinen VR-Nachfolger. PlayStation VR2 ist ein kompletter Neuanfang: neue Displays, neue Controller, neues Tracking. Für 599 Euro verspricht das Headset die bisher beste VR-Erfahrung auf einer Konsole. In einer Zeit, in der Meta mit dem Quest 2 den Markt dominiert und Apple an einem eigenen Headset arbeitet, muss Sony beweisen, dass dedizierte Konsolen-VR noch eine Zukunft hat. Nach einer Woche intensiver Tests steht fest: PlayStation VR2 setzt neue Maßstäbe, kämpft aber mit seinem eigenen Anspruch.
Design und Tragekomfort
Sony hat das bewährte Halo-Design des Vorgängers übernommen und verfeinert. Das Gewicht von etwa 560 Gramm verteilt sich gleichmäßig um den Kopf, statt auf Stirn und Wangen zu drücken. Die Anpassungsmöglichkeiten sind umfangreich: Ein Knopf am Hinterkopf löst den Bügel, ein Rädchen zieht ihn fest, und ein Schieberegler an der Oberseite justiert den Abstand zum Gesicht. Neu ist das Einstellrad für den Linsenabstand, das die Schärfe für verschiedene Augenabstände optimiert.
Die größte Verbesserung gegenüber dem Original: Ein einziges USB-C-Kabel verbindet das Headset mit der PlayStation 5. Keine Processing Unit, keine separate Kamera, kein Kabelchaos. Das 4,5 Meter lange Kabel bietet genug Spielraum für stehende Erfahrungen. Das integrierte Belüftungssystem verhindert das Beschlagen der Linsen, ein häufiges Problem bei VR-Headsets. Brillenträger finden ausreichend Platz, und der Lichtschutzschild lässt sich abnehmen und reinigen.
Display: OLED und HDR überzeugen
Das Herzstück von PlayStation VR2 sind die beiden OLED-Panels mit jeweils 2000×2040 Pixeln Auflösung. Das entspricht etwa dem Vierfachen des Vorgängers pro Auge und übertrifft selbst teurere PC-Headsets. Der Fliegengittereffekt, bei dem einzelne Pixel sichtbar werden, ist praktisch eliminiert. Texte sind gestochen scharf lesbar, Details in der Ferne klar erkennbar.
Die Kombination aus OLED und HDR liefert atemberaubende Bilder. In Gran Turismo 7 blenden Scheinwerfer realistisch, während die Schatten in Tunneln tiefschwarz bleiben. Die Farbbrillanz übertrifft alles, was ich bisher in VR gesehen habe. Das erweiterte Sichtfeld von etwa 110 Grad verstärkt die Immersion zusätzlich. In Horizon Call of the Mountain fühlt sich der Blick über die Berge tatsächlich wie ein Panorama an.
Die Bildwiederholrate von 90 oder 120 Hz sorgt für flüssige Bewegungen ohne Übelkeit. Dank Foveated Rendering, das die Auflösung außerhalb des Blickzentrums reduziert, kann die PS5 diese Qualität überhaupt erst liefern. Ohne Eye-Tracking wäre das technisch nicht möglich.

Eye-Tracking: Mehr als nur Technik
PlayStation VR2 verfolgt die Augenbewegungen über zwei nach innen gerichtete Infrarotkameras. Das ermöglicht nicht nur das erwähnte Foveated Rendering, sondern eröffnet auch neue Spielmechaniken. In Horizon Call of the Mountain kann man Gegner mit Blicken anvisieren, in anderen Spielen dienen die Augen als zusätzliche Eingabe. Die Kalibrierung dauert nur Sekunden und funktioniert zuverlässig.
Im Alltag macht sich Eye-Tracking vor allem bei der Passthrough-Funktion bemerkbar. Die vier Außenkameras zeigen auf Knopfdruck die Umgebung in Schwarzweiß. Das ist praktisch, um schnell nach dem Controller oder dem Getränk zu greifen, ohne das Headset abzunehmen. Die Qualität reicht nicht zum Lesen von Texten, erfüllt aber ihren Zweck.
Inside-Out-Tracking: Befreiung vom Kabel
Die größte technische Verbesserung gegenüber dem Vorgänger ist das Inside-Out-Tracking. Vier Kameras am Headset erfassen die Umgebung und verfolgen sowohl die Kopfbewegungen als auch die Position der Controller. Keine externe Kamera mehr, kein eingeschränkter Tracking-Bereich. Die vollständige Bewegungsfreiheit in 360 Grad funktioniert einwandfrei.
In der Praxis überzeugt das Tracking in den meisten Situationen. Bei schnellen Bewegungen oder wenn die Controller hinter dem Rücken verschwinden, gibt es gelegentliche Aussetzer. Das ist ein bekanntes Problem aller Inside-Out-Systeme und kein spezifischer Schwachpunkt von PSVR2. Im direkten Vergleich mit Meta Quest 2 liegt Sony auf Augenhöhe.
Sense Controller: Haptik auf neuem Niveau
Die neuen PlayStation VR2 Sense Controller sind eine Offenbarung. Sie übernehmen die Technologie des DualSense: Adaptive Trigger mit variablem Widerstand und haptisches Feedback, das über simples Vibrieren hinausgeht. In Horizon Call of the Mountain spürt man den Zug der Bogensehne, das Eintauchen der Hand ins Wasser, das Gewicht einer gefangenen Kreatur.
Zusätzlich erkennen die Controller, ob Finger auf den Tasten ruhen, ohne sie zu drücken. Das ermöglicht natürlichere Handgesten. Zeigen, winken, Daumen hoch: Die virtuelle Hand reagiert intuitiv. Die Tracking-Ringe um die Controller ermöglichen präzise Ortung im Raum. Ergonomisch liegen sie gut in der Hand, auch wenn die ungewöhnliche Form etwas Eingewöhnung erfordert.
Das Headset selbst verfügt ebenfalls über haptisches Feedback. Wenn in Resident Evil Village etwas hinter dem Spieler vorbeischleicht, vibriert das Headset leicht. Das verstärkt die Immersion subtil, ohne aufdringlich zu wirken.
Die Spielebibliothek zum Launch
Sony startet mit über 30 Titeln, darunter einige beeindruckende Exklusivspiele. Horizon Call of the Mountain ist die technische Referenz: Ein vollwertiges Abenteuer, das die Möglichkeiten des Headsets ausreizt. Resident Evil Village in VR ist eine Intensitätssteigerung, die nicht jeder verkraftet. Gran Turismo 7 liefert das beste Rennspielerlebnis in Virtual Reality.
Dazu kommen Ports wie The Walking Dead: Saints & Sinners, Moss und No Man’s Sky, die von der verbesserten Hardware profitieren. Die Qualität ist insgesamt höher als beim Launch des Vorgängers. Allerdings fehlen noch die ganz großen Namen. Ein Astro Bot für VR2 oder die Fortsetzung von Half-Life: Alyx sind nicht in Sicht.
Ein wichtiger Hinweis: PlayStation VR2 ist nicht abwärtskompatibel zu Spielen des Vorgängers. Die unterschiedliche Architektur macht eine einfache Portierung unmöglich. Wer seine PSVR-Bibliothek weiterspielen möchte, muss das alte Headset behalten.
Der Elefant im Raum: Der Preis
599 Euro für ein VR-Headset sind eine Ansage. Das ist mehr als die PlayStation 5 selbst kostet und deutlich mehr als Meta Quest 2 für 450 Euro. Sony argumentiert mit der überlegenen Technik, und technisch gesehen stimmt das. Doch VR bleibt ein Nischenmarkt, und der hohe Preis wird viele Interessenten abschrecken.
Für Enthusiasten, die bereits eine PS5 besitzen und das beste VR-Erlebnis auf einer Konsole suchen, gibt es derzeit keine Alternative. Für Gelegenheitsspieler oder Neugierige ist die Einstiegshürde zu hoch. Sony muss hier langfristig über den Preis nachdenken, wenn PSVR2 nicht das gleiche Nischendasein fristen soll wie sein Vorgänger.
Fazit
PlayStation VR2 ist technisch beeindruckend. Die OLED-Displays mit HDR setzen neue Standards, das Eye-Tracking funktioniert zuverlässig, die Sense Controller liefern unvergleichliche Haptik. Die einfache Einrichtung mit nur einem Kabel ist eine Wohltat. Für PS5-Besitzer, die bereit sind, 600 Euro in VR zu investieren, gibt es aktuell kein besseres Angebot.
Die Schwächen liegen nicht in der Hardware, sondern im Ökosystem. Der hohe Preis, die fehlende Abwärtskompatibilität und die überschaubare Spielebibliothek zum Launch sind Hürden. PSVR2 braucht Killer-Apps und mehr Unterstützung von Drittentwicklern, um sein Potenzial zu entfalten. Die Grundlage ist gelegt, aber die Zukunft muss Sony noch beweisen.
Wertung
8/10
Pro und Contra
Pro
- Herausragende OLED-Displays mit 4K-Auflösung und HDR
- Eye-Tracking für Foveated Rendering und Gameplay
- Sense Controller mit beeindruckender Haptik
- Einfache Einrichtung mit nur einem USB-C-Kabel
- Inside-Out-Tracking ohne externe Kamera
- Exzellenter Tragekomfort
- Headset-Feedback für zusätzliche Immersion
Contra
- Hoher Preis von 599 Euro
- Keine Abwärtskompatibilität zu PSVR-Spielen
- Überschaubare Spielebibliothek zum Launch
- Nur an PlayStation 5 nutzbar
- Passthrough-Qualität nur für Orientierung ausreichend
- Leichte Mura-Effekte auf OLED-Panels bei dunklen Szenen
Technische Daten
| Display | OLED, 2000×2040 pro Auge, HDR |
| Bildwiederholrate | 90 Hz / 120 Hz |
| Sichtfeld | ca. 110 Grad |
| Tracking | Inside-Out (4 Kameras), Eye-Tracking (2 IR-Kameras) |
| Audio | Tempest 3D AudioTech, 3,5 mm Klinke |
| Anschluss | USB-C (4,5 m Kabel) |
| Features | Foveated Rendering, Headset-Feedback, Passthrough |
| Controller | Sense Controller mit Adaptive Triggers und Haptic Feedback |
| Kompatibilität | PlayStation 5 (exklusiv) |
| Hersteller | Sony Interactive Entertainment |
| Release | 22. Februar 2023 |
| Preis (UVP) | 599,99 Euro |
Update August 2024: PC-Adapter erweitert die Möglichkeiten
Nachtrag vom 10. August 2024
Anderthalb Jahre nach dem Launch hat Sony einen wichtigen Kritikpunkt adressiert: Mit dem PlayStation VR2 PC Adapter für 59,99 Euro können Besitzer das Headset nun auch am PC nutzen. Der Adapter wandelt das USB-C-Signal um und verbindet sich über DisplayPort 1.4 mit der Grafikkarte. Damit öffnet sich die Tür zu Tausenden von SteamVR-Spielen, darunter das langersehnte Half-Life: Alyx.
Die PC-Nutzung hat allerdings Einschränkungen. Eye-Tracking, HDR, Headset-Feedback und die adaptiven Trigger der Sense Controller funktionieren am PC nicht. Es bleibt die hervorragende Displayqualität und das normale Vibrationsfeedback. Für PC-Enthusiasten, die bereits eine PSVR2 besitzen, ist der Adapter eine willkommene Erweiterung. Als primäres PC-Headset konkurriert es mit etablierten Lösungen wie dem Valve Index.
Sony hat zudem den Preis des Headsets zeitweise auf 399 Euro gesenkt, was die Attraktivität deutlich steigert. Die Spielebibliothek ist auf über 100 Titel gewachsen, und Highlights wie Resident Evil 4 VR zeigen das volle Potenzial der Hardware. Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Preis-Leistungs-Verhältnis hat sich mit den Updates und Preissenkungen weitgehend gelegt.


