Fast zwei Jahrzehnte nach dem Original wagt sich Capcom an das Unmögliche: ein Remake von Resident Evil 4, einem Spiel, das 2005 das Genre revolutionierte und bis heute als eines der besten Videospiele aller Zeiten gilt. Nach den gelungenen Neuauflagen von Resident Evil 2 und dem etwas kürzeren Resident Evil 3 war die Frage nicht ob, sondern wann das RE4-Remake kommen würde.
Die größere Frage war: Warum überhaupt? Das Original spielt sich noch immer fantastisch, hat zahlreiche Ports erhalten und wurde erst kürzlich in HD aufpoliert. Ein Remake musste also mehr sein als nur ein grafisches Update – es musste das Unmögliche schaffen: Fans eines der meistgefeierten Spiele aller Zeiten zufriedenstellen und gleichzeitig auf eigenen Beinen stehen.
Spoiler: Es gelingt. Mit Bravour.
Story: Leon Kennedy und die Tochter des Präsidenten
Die Geschichte spielt sechs Jahre nach den Ereignissen von Raccoon City. Leon S. Kennedy ist kein grüner Rookie mehr – er arbeitet jetzt für die US-Regierung als Spezialagent. Sein Auftrag: Ashley Graham, die Tochter des US-Präsidenten, aus den Händen eines mysteriösen Kults in einem abgelegenen spanischen Dorf zu befreien.
Los Illuminados
Was als Rettungsmission beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum. Die Dorfbewohner – die Ganados – sind keine Zombies im klassischen Sinne. Sie sind mit Las Plagas infiziert, einem Parasiten, der sie aggressiv, koordiniert und tödlich macht. Sie benutzen Waffen, arbeiten zusammen, legen Hinterhalte. Und wenn man genug Schaden anrichtet, brechen ihre Plagas aus ihren Körpern hervor und verwandeln sie in etwas noch Schlimmeres.
Hinter allem steckt Los Illuminados, ein Kult unter der Führung von Osmund Saddler. Sein Ziel: Ashley mit dem Parasiten zu infizieren und sie als Werkzeug zu benutzen, um den Präsidenten selbst zu kontrollieren. Leon muss nicht nur Ashley retten, sondern auch sich selbst – denn auch er wird früh im Spiel infiziert.
Erweiterte Charaktere
Das Remake nimmt sich Zeit, die Charaktere zu vertiefen. Luis Sera, der mysteriöse Spanier, der Leon und Ashley hilft, hat deutlich mehr Screentime und eine tiefere Hintergrundgeschichte. Seine Beziehung zu Leon fühlt sich echter an, sein Schicksal trifft härter.
Ada Wong, die geheimnisvolle Agentin aus Resident Evil 2, taucht ebenfalls auf – mit eigenen Zielen, die nicht immer mit Leons übereinstimmen. Ihre Rolle wurde im „Separate Ways“-DLC weiter ausgebaut, der eine komplette Parallelkampagne aus ihrer Perspektive bietet.
Und dann ist da Krauser, Leons ehemaliger Mentor und Ausbilder, der sich als Feind entpuppt. Die Bosskämpfe gegen ihn gehören zu den intensivsten des Spiels – persönlich, brutal, emotional aufgeladen.

Gameplay: Evolution einer Legende
Das originale Resident Evil 4 revolutionierte 2005 das Survival-Horror-Genre. Die Over-the-Shoulder-Perspektive, die Laservisierung, das Inventar im Aktenkoffer – all das wurde zum Standard für unzählige Spiele danach. Das Remake musste diese Formel ehren und gleichzeitig modernisieren.
Bewegung und Kampf
Die größte Änderung: Leon kann jetzt laufen und gleichzeitig zielen. Im Original musste man stehenbleiben, um zu schießen – ein Relikt der Tank-Steuerung, das damals revolutionär war, heute aber antiquiert wirkt. Das Remake gibt Leon Bewegungsfreiheit, ohne das Gefühl der Verwundbarkeit zu verlieren.
Das Messer wurde komplett überarbeitet. Es hat jetzt eine Haltbarkeit und kann abnutzen, aber dafür ist es vielseitiger einsetzbar. Man kann Angriffe parieren – ja, auch Kettensägen. Es klingt absurd, aber wenn man den Timing-basierten Block meistert, fühlt man sich wie ein Actionheld. Das Messer kann auch benutzt werden, um sich aus Griffen zu befreien, was eine taktische Entscheidung schafft: Messer benutzen und Haltbarkeit riskieren, oder Schaden hinnehmen?
Die Roundhouse-Kicks und Suplexe sind zurück. Wenn ein Feind ins Taumeln gerät, kann Leon mit einem verheerenden Nahkampfangriff nachsetzen. Es ist befriedigend, es ist stylisch, und es spart Munition.
Das Stealth-Element
Neu ist die Möglichkeit, sich zu ducken und Stealth-Kills auszuführen. In manchen Bereichen kann man Feinde von hinten ausschalten, bevor der Alarm losgeht. Es ist kein vollwertiges Stealth-System – die Ganados werden euch früher oder später bemerken – aber es gibt neue taktische Optionen.
Ashley – Von nervig zu awesome
Wer das Original gespielt hat, erinnert sich an Ashley. „LEON! HELP!“ hallte durch unzählige Wohnzimmer, während sie sich wieder einmal von Feinden wegschleppen ließ. Sie war eine Nervensäge, ein ständiges Ärgernis, der Grund für unzählige Checkpoint-Neustarts.
Im Remake ist Ashley… gut? Sie ist sympathisch, hilfreich, manchmal sogar witzig. Ihre KI wurde komplett überarbeitet. Sie weicht Angriffen aus, duckt sich hinter Leon, bleibt aus der Schusslinie. Wenn sie Schaden nimmt, geht sie zu Boden und muss aufgehoben werden – aber sie hat keine eigene Lebensleiste mehr, die man managen muss. Kein Teilen von Heilkräutern, kein Babysitting.
Die Steuerung ist simpel: „Eng folgen“ oder „Abstand halten“. Das ist alles. Und es funktioniert. In meinem gesamten Durchgang musste ich vielleicht zweimal wegen Ashley neu laden. Im Original waren es gefühlt hundert Mal.
Mehr noch: Die Abschnitte, in denen man Ashley spielt, wurden erweitert. Sie erinnern an Haunting Ground, ein anderes Capcom-Survival-Horror-Spiel, in dem man wehrlos vor Verfolgern fliehen muss. Diese Sequenzen sind spannend und geben Ashley mehr Charaktertiefe.
Der Händler
Er ist zurück – mit seinem markanten Akzent und seinem Sortiment an tödlichen Waren. Der Händler verkauft Waffen, Upgrades, Rezepte und kauft eure Schätze. Sein Erscheinen ist immer eine Erleichterung, ein sicherer Hafen inmitten des Chaos.
Neu sind die Nebenaufgaben, die er anbietet. Blaue Medaillons abschießen, bestimmte Feinde töten, Schätze finden – alles belohnt mit Spinell, einer Währung für exklusive Items. Es ist optional, aber es gibt dem Erkunden mehr Tiefe.
Das Crafting-System ist ebenfalls neu. Aus gesammelten Ressourcen könnt ihr Munition und Heilgegenstände herstellen. Es ergänzt das klassische Item-Management, ohne es zu ersetzen.
Die drei Akte
Wie das Original ist das Remake in drei Akte unterteilt, die jeweils ihre eigene Identität haben.
Das Dorf
Der erste Akt ist purer Survival-Horror. Das Dorf ist feindlich, die Ressourcen knapp, die Feinde überwältigend. Der ikonische Dorfplatz-Kampf – in dem Leon von allen Seiten angegriffen wird, bis die Kirchenglocke läutet – ist noch intensiver als im Original. Das Haus, in dem man sich verschanzt, Möbel vor Türen schiebt und aus den Fenstern schießt, ist ein Highlight.
Dr. Salvador, der Kettensägen-Mann, ist genauso furchteinflößend wie eh und je. Das Geräusch seiner Säge, das näher kommt, während man verzweifelt nachlädt – das ist Resident Evil in Reinform.
Das Schloss
Der zweite Akt führt in das Schloss von Ramón Salazar, einem kleinwüchsigen, wahnsinnigen Aristokraten, der einem Märchen entstiegen scheint. Das Schloss ist gotisch, opulent, labyrinthisch. Hier kommen mehr Rätsel ins Spiel, mehr Erkundung, mehr von dem klassischen Resident Evil-Gefühl.
Die Feinde werden vielfältiger – Kultisten in Roben, gepanzerte Ritter, Kreaturen aus den Tiefen des Schlosses. Die Bosskämpfe werden spektakulärer. Und Ashley ist hier besonders wichtig, denn viele Rätsel erfordern Zusammenarbeit.
Die Insel
Der dritte Akt ist Action pur. Eine Militärbasis voller Soldaten mit Sturmgewehren, Panzern und experimentellen Biowaffen. Hier zeigt das Spiel seine Zähne – die Kämpfe sind härter, die Feinde aggressiver, die Ressourcen knapper trotz der Waffen, die man mittlerweile hat.
Das Finale gegen Saddler ist episch und befriedigend. Und danach? Die Credits – aber das Spiel ist noch lange nicht vorbei.
Grafik: Die RE Engine in Bestform
Visuell ist das Resident Evil 4 Remake atemberaubend. Die RE Engine, die bereits Resident Evil 7, Village und Devil May Cry 5 antrieb, zeigt hier ihre volle Stärke.
Atmosphäre durch Dunkelheit
Das Remake ist dunkler als das Original – im wörtlichen Sinne. Nebel kriecht durch das Dorf, Schatten lauern in jeder Ecke, die Beleuchtung ist dramatisch und atmosphärisch. Es fühlt sich mehr wie Horror an, weniger wie der Action-Blockbuster, zu dem die Serie nach RE4 wurde.
Die Charaktermodelle sind spektakulär. Leon sieht aus wie ein Actionheld – mit seinem Emo-Haarschnitt und der Lederjacke, die Nostalgiker an 2005 erinnert. Ashley wirkt erwachsener, eigenständiger. Die Antagonisten sind grotesk detailliert.
Performance
Auf PlayStation 5 und Xbox Series X läuft das Spiel flüssig in 4K mit stabilem Framerate. Die Ladezeiten sind minimal. Raytracing sorgt für beeindruckende Reflexionen und Beleuchtung. Auch auf der vorherigen Konsolengeneration und PC ist die Performance solide.
Sound: Die perfekte Mischung
Das Sound-Design ist exzellent. Die Geräusche der Ganados – ihr Murmeln, ihre Schreie, das Klicken ihrer Waffen – schaffen eine permanente Anspannung. Die Regeneradores, diese atmenden, stacheligen Albträume, klingen genauso verstörend wie im Original.
Synchronisation
Die englische Sprachausgabe ist solide, auch wenn manche Fans die übertriebene B-Movie-Atmosphäre des Originals vermissen. Leon hat noch immer seine One-Liner, aber der Ton ist ernster, düsterer. Die deutsche Synchronisation ist gut umgesetzt.
Musik
Der Soundtrack weiß, wann er sich zurücknehmen muss und wann er aufdrehen soll. Die Speicherraum-Musik ist noch immer ein Moment des Durchatmens. Die Kampfmusik treibt den Puls nach oben. Wer möchte, kann im Deluxe-Edition die Original-Sounds und -Musik aktivieren – ein nettes Feature für Nostalgiker.
Umfang und Zusatzinhalte
Die Hauptkampagne dauert etwa 15 bis 20 Stunden – etwas länger als das Original, aber nicht aufgebläht. Jede Stunde fühlt sich verdient an.
Mercenaries
Der beliebte Mercenaries-Modus ist als kostenloser DLC zurück. Ein Arcade-artiger Überlebensmodus, in dem ihr gegen Wellen von Feinden kämpft und Highscores jagt. Er ist süchtig machend und bietet Stunden zusätzlicher Spielzeit.
Separate Ways
Der „Separate Ways“-DLC erzählt die Geschichte aus Adas Perspektive. Eine vollwertige Kampagne von etwa sechs Stunden, die neue Bereiche, neue Bosskämpfe und neue Einblicke in die Geschichte bietet. Für Fans ein Muss.
New Game Plus
Nach dem ersten Durchgang behaltet ihr eure Waffen und Upgrades. Neue Schwierigkeitsgrade werden freigeschaltet, darunter der brutale „Professional“-Modus. Der Bonusshop bietet mächtige Extras für weitere Durchgänge.
Kritikpunkte
Bei aller Begeisterung gibt es kleine Kritikpunkte.
Der ernstere Ton mag nicht jedem gefallen. Das Original war campy, übertrieben, bewusst albern. Das Remake ist düsterer, ernster. Manche One-Liner sind noch da, aber die B-Movie-Atmosphäre ist gedämpft.
Die Stimme von Ada Wong wurde kontrovers diskutiert. Die neue Sprecherin liefert eine zurückhaltendere Performance, die nicht jedem zusagt.
Leon bewegt sich manchmal etwas träge, fast sirupartig. Es ist gewollt – die Remakes haben alle dieses Gewicht in der Bewegung – aber Fans des snappigen Originals könnten es störend finden.
Einige werden die entfernten Quick-Time-Events vermissen. Das Remake minimiert sie stark, was die meisten begrüßen werden, aber der ikonische Boulder-Run ist nicht mehr derselbe.
Fazit
Resident Evil 4 Remake ist der Goldstandard für Remakes. Es nimmt eines der einflussreichsten Spiele aller Zeiten und macht es besser – nicht nur grafisch, sondern in fast jeder Hinsicht. Die Steuerung ist moderner, Ashley ist keine Nervensäge mehr, das Messer-System fügt taktische Tiefe hinzu, und die Atmosphäre ist dichter als je zuvor.
Fans des Originals werden ihre Lieblingsspiele wiedererkennen – der Dorfplatz, das Schloss, die Insel, all die ikonischen Momente sind da. Aber sie werden auch überrascht, denn das Remake wagt Änderungen, fügt Neues hinzu, streicht Überholtes. Es ist nicht dasselbe Spiel – es ist ein besseres Spiel.
Für Neulinge ist dies der perfekte Einstieg. Man muss das Original nicht gespielt haben, um das Remake zu schätzen. Es steht vollkommen auf eigenen Beinen und gehört zu den besten Spielen dieser Konsolengeneration.
Capcom hat bewiesen, dass sie verstehen, was Remakes ausmacht: Nicht einfach aufhübschen, sondern neu erschaffen, verbessern, perfektionieren. Das Resident Evil 4 Remake ist nicht nur ein großartiges Remake – es ist eines der besten Spiele überhaupt.
Bewertung: 9.4/10 ⭐⭐
Stärken:
- Meisterhafte Neuinterpretation eines Klassikers
- Ashley von nervig zu sympathisch transformiert
- Messer-Parry-System fügt taktische Tiefe hinzu
- Bewegung und Kampf modernisiert
- Atmosphärisch dichter und düsterer als das Original
- RE Engine in Bestform
- Mercenaries-Modus und Separate Ways-DLC
- Erweiterte Charaktere (Luis, Krauser, Ada)
- Herausragendes Sound-Design
- Hoher Wiederspielwert mit New Game Plus
- Sowohl für Fans als auch Neulinge perfekt
Schwächen:
- Ernsterer Ton mag nicht jedem gefallen
- Adas Sprecherin kontrovers
- Leon bewegt sich manchmal träge
- Weniger Quick-Time-Events enttäuscht manche
- B-Movie-Charme des Originals gedämpft
Technische Daten:
- Entwickler: Capcom
- Publisher: Capcom
- Genre: Survival-Horror / Third-Person-Shooter
- Plattformen: PlayStation 5, PlayStation 4, Xbox Series X/S, PC, iOS, iPadOS, macOS
- Release: 24. März 2023
- Engine: RE Engine
- Setting: Ländliches Spanien (Dorf, Schloss, Insel)
- Protagonist: Leon S. Kennedy
- Spielzeit: 15-20 Stunden (Hauptkampagne)
- DLC: Mercenaries (kostenlos), Separate Ways (Ada-Kampagne)
- Altersfreigabe: USK 18

