Resident Evil 7: Biohazard

Resident Evil 7: Biohazard im Test – Zurück zu den Horror-Wurzeln

Nach den actionlastigen Teilen Resident Evil 5 und Resident Evil 6, die zwar kommerziell erfolgreich waren, aber viele Fans enttäuschten, wagte Capcom mit Resident Evil 7: Biohazard einen gewaltigen Neuanfang. Statt der gewohnten Third-Person-Perspektive setzt die Serie erstmals auf die Ich-Perspektive und führt uns in das bedrohliche Anwesen der Familie Baker in Louisiana.

Die Frage war: Kann Capcom nach über einem Jahrzehnt wieder authentischen Horror erschaffen? Die Antwort ist ein klares Ja.

Story: Familiärer Wahnsinn im Sumpf

Die Geschichte beginnt mit einem simplen, aber effektiven Aufhänger. Ethan Winters erhält eine mysteriöse Nachricht von seiner totgeglaubten Frau Mia, die vor drei Jahren spurlos verschwunden ist. Die Botschaft führt ihn in die Sümpfe Louisianas, zu einem verfallenen Plantagenhaus der Familie Baker.

Die Bakers

Was als verzweifelte Suche nach seiner Ehefrau beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Alptraum aus Gewalt, Wahnsinn und bioterroristischen Experimenten. Im Zentrum des Geschehens steht die Familie Baker – und sie sind unvergesslich.

Jack Baker ist der brutal-aggressive Patriarch. Ein ehemals liebevoller Familienvater, der durch die Infektion zu einem unsterblichen Monster geworden ist. Er verfolgt Ethan durch das Anwesen, bricht durch Wände, lacht manisch und ruft immer wieder nach seinem „Sohn“. Jack Brand verleiht dem Charakter per Motion-Capture eine perfekte Mischung aus südstaatlichem Charme und psychotischer Bedrohung.

Marguerite, seine Frau, hat eine krankhafte Obsession für Insekten entwickelt. Sie kontrolliert Schwärme von Ungeziefer und verwandelt sich in späteren Begegnungen in etwas… Größeres. Ihre Abschnitte gehören zu den ekelerregendsten des Spiels.

Lucas, der Sohn, ist ein sadistischer Folterfan, der seine Opfer in tödliche Fallen lockt. Sein Bereich des Anwesens erinnert an die Saw-Filme – ein Labyrinth aus Rätseln und Todesmaschinen. Anders als seine Eltern scheint Lucas mehr Kontrolle über sich zu haben, was ihn auf andere Weise beunruhigend macht.

Nur Tochter Zoe scheint noch einen klaren Verstand bewahrt zu haben. Sie wird zu Ethans wichtigster Verbündeter, kommuniziert über Telefone und liefert Hinweise, wie man der Familie entkommen kann.

Verbindung zur Serie

Während Ethan tiefer in das Geheimnis der Bakers eindringt, enthüllt sich eine Verbindung zu den klassischen Resident Evil-Themen. Ein Virus – oder genauer: ein bioterroristisches Experiment namens Eveline – hat die Familie infiziert und verwandelt. Die Story bleibt dabei überraschend persönlich und konzentriert sich auf Ethans verzweifelte Mission, ohne in die übertriebenen Weltuntergangszenarien der Vorgänger zu verfallen.

Fans der Serie werden einige Referenzen und Verbindungen zum größeren Universum finden, aber Resident Evil 7 funktioniert auch als eigenständiges Horror-Erlebnis. Man muss keinen der Vorgänger gespielt haben, um die Geschichte zu verstehen und zu genießen.

Gameplay: Survival-Horror in der Ego-Perspektive

Mit Resident Evil 7 kehrt die Serie zu ihren Survival-Horror-Wurzeln zurück, ohne dabei altbacken zu wirken. Die neue Egoperspektive sorgt für deutlich intensivere Schreckmomente und erhöht die Immersion erheblich.

Die neue Perspektive

Wenn Jack Baker plötzlich durch eine Wand bricht, fährt einem der Schrecken durch Mark und Bein. Man ist nicht mehr der distanzierte Beobachter hinter der Schulter des Protagonisten – man ist Ethan Winters, gefangen in diesem Alptraum.

Die Egoperspektive war eine mutige Entscheidung, die von vielen Fans zunächst kritisch gesehen wurde. Aber sie funktioniert. Sie macht die engen Korridore klaustrophobischer, die dunklen Ecken bedrohlicher, die Begegnungen mit den Bakers persönlicher. Es ist nicht mehr „da ist Jack“, sondern „Jack ist direkt vor mir“.

Inventar und Ressourcen

Das Inventarmanagement, ein Markenzeichen der frühen Resident Evil-Spiele, feiert sein Comeback. Der begrenzte Stauraum zwingt zu strategischen Entscheidungen: Nimmt man lieber Munition mit oder doch das Heilkraut? Die klassischen Truhen zur Lagerung sind zurück und schaffen sichere Rückzugsorte in der bedrohlichen Umgebung.

Munition ist knapp. Wirklich knapp. Jeder Schuss muss sitzen, jede Kugel muss zählen. Man kann nicht einfach durch das Spiel ballern – man muss abwägen, ob ein Kampf überhaupt nötig ist oder ob Flucht die bessere Option ist. Das ist Survival-Horror, wie er sein sollte.

Die Waffenauswahl bleibt überschaubar aber zweckmäßig: Pistole, Schrotflinte, Flammenwerfer und einige Spezialwaffen reichen völlig aus. Jede Waffe hat ihre Situationen, ihre Stärken, ihre Schwächen.

Erkundung und Rätsel

Die Erkundung des Baker-Anwesens folgt dem klassischen Metroidvania-Prinzip. Neue Schlüsselkarten und Werkzeuge öffnen zuvor verschlossene Bereiche und belohnen gründliche Spieler mit zusätzlicher Ausrüstung und Story-Details. Die kompakte Spielwelt lädt zu wiederholter Erkundung ein.

Die Rätsel sind intelligent designt und fügen sich nahtlos in die Spielwelt ein. Statt abstrakter Logikpuzzles muss Ethan realistische Probleme lösen – Sicherungen reparieren, Schlüsselkarten finden, mechanische Geräte in Gang setzen. Wer die alten Resident Evil-Spiele vermisst hat, wird sich hier zu Hause fühlen.

Die Bosskämpfe

Die Kämpfe gegen die Baker-Familienmitglieder entwickeln sich zu eindringlichen Boss-Duellen, die mehr auf Taktik als auf Feuerkraft setzen. Jack Baker verfolgt einen durch das gesamte Haupthaus, bevor es zu einem brutalen Showdown in der Garage kommt. Marguerites Konfrontation im alten Haus ist ein Albtraum aus Insekten und Körperhorror. Lucas‘ Bereich ist mehr Puzzle als Kampf, aber nicht weniger tödlich.

Diese Begegnungen sind Highlights, weil sie sich anfühlen wie persönliche Konflikte. Die Bakers sind keine gesichtslosen Monster – sie sind eine Familie, die durch etwas Schreckliches verwandelt wurde. Das macht den Horror effektiver.

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Grafik: Die RE Engine zeigt, was sie kann

Resident Evil 7 nutzt Capcoms hauseigene RE Engine und liefert damit eine der beeindruckendsten visuellen Präsentationen seiner Zeit. Das Baker-Anwesen ist ein Meisterwerk des Environmental Storytellings.

Das Anwesen

Jeder Raum erzählt seine eigene Geschichte des Verfalls. Schimmel kriecht die Wände hoch, Ungeziefer huscht durch dunkle Ecken, und das warme Licht der wenigen funktionierenden Lampen taucht alles in eine bedrohlich-gemütliche Atmosphäre. Man spürt, dass hier einmal eine Familie gelebt hat – bevor alles schiefging.

Die Liebe zum Detail ist beeindruckend. Familienfotos zeigen die Bakers vor der Infektion. Kinderzeichnungen hängen an Wänden. Notizen und Zeitungsartikel erzählen die Geschichte ihres Untergangs. Das Haus selbst ist ein Charakter, ein Zeuge der Tragödie.

Beleuchtung und Atmosphäre

Die Beleuchtung spielt eine zentrale Rolle im Horrordesign. Dynamische Schatten und sparsam eingesetzte Lichtquellen schaffen eine permanente Grundspannung. Die Taschenlampe wird nicht nur zum Erkunden, sondern zum elementaren Überlebenswerkzeug.

HDR-Unterstützung verstärkt die Kontraste zwischen den düsteren Innenräumen und den gleißend hellen Außenbereichen. Wenn man aus dem dunklen Keller ins Tageslicht tritt, ist die Erleichterung fast physisch spürbar – bevor man merkt, dass das Tageslicht in diesem Spiel genauso gefährlich sein kann.

Performance

Technisch läuft das Spiel auf PlayStation 4 nahezu makellos. Die Framerate bleibt auch in hektischen Momenten stabil, und die Ladezeiten zwischen den Bereichen sind erfreulich kurz.

Sound: Paranoia aus den Lautsprechern

Audiovisuell ist Resident Evil 7 eine absolute Meisterleistung. Das Sound-Design ist vielleicht das beste Element des gesamten Spiels.

Surround-Horror

Das 7.1-Surround-Design nutzt jeden Lautsprecher zur Erzeugung von Paranoia. Knarrende Dielen über einem. Schritte hinter der nächsten Tür. Das leise Wimmern eines unbekannten Opfers irgendwo im Haus. Jack Bakers gedämpfte Stimme, die irgendwo im Gebäude ruft: „Ethan! Komm raus und spiel!“

Mit Kopfhörern wird das Spiel zu einem intensiven Horrorerlebnis, das einen permanent auf der Hut hält. Man hört Dinge, bevor man sie sieht. Manchmal hört man Dinge, die gar nicht da sind – oder doch?

Synchronisation

Die Sprachausgabe, sowohl auf Englisch als auch in der deutschen Synchronfassung, überzeugt durch authentische Darstellung. Die deutsche Lokalisation vermittelt die bedrohliche Atmosphäre ohne an Authentizität zu verlieren. Besonders Jack Bakers südstaatlicher Dialekt kommt auch auf Deutsch zur Geltung.

Der Soundtrack

Der Soundtrack von den Komponisten Miwako Chinone, Kota Suzuki und Satoshi Hori bleibt dezent im Hintergrund und verstärkt die Spannung genau dort, wo sie benötigt wird. In ruhigen Erkundungsphasen herrscht oft bedrückende Stille, die durch einzelne Klaviernoten oder Streichermotive gebrochen wird. In Verfolgungsjagden mit Jack Baker hingegen peitschen düstere Industrial-Klänge den Puls nach oben.

PlayStation VR: Das definitive Horror-Erlebnis

PlayStation VR-Nutzer erhalten das definitive Horror-Erlebnis. Die komplette Kampagne lässt sich in Virtual Reality spielen, und die VR-Umsetzung gehört zu den besten Beispielen für Horror in der virtuellen Realität.

In VR ist Resident Evil 7 nahezu unerträglich intensiv. Die Immersion ist total. Wenn Jack Baker in der virtuellen Realität auf einen zukommt, ist der Instinkt, einen Schritt zurückzutreten, kaum zu unterdrücken. Es ist nichts für schwache Nerven, aber für Horror-Fans ein unvergessliches Erlebnis.

Umfang und Spielzeit

Die Hauptkampagne dauert etwa acht bis zehn Stunden beim ersten Durchgang – eine angemessene Länge für ein Horror-Spiel, das seine Spannung nicht überstrapaziert. Zusätzliche DLCs erweitern das Erlebnis um weitere Stunden und bieten Einblicke in die Geschichten der Bakers und andere Perspektiven.

Der Wiederspielwert ist höher als erwartet. Verschiedene Schwierigkeitsgrade, freischaltbare Extras und der Wunsch, alle Geheimnisse zu finden, laden zu weiteren Durchgängen ein.

Kritikpunkte

Bei aller Begeisterung gibt es Kritikpunkte.

Der letzte Spielabschnitt fällt etwas zu actionlastig aus und verwässert die bis dahin perfekt aufgebaute Atmosphäre. Nach dem intensiven Horror im Baker-Anwesen fühlt sich das Finale generischer an.

Die Verbindung zum Rest der Resident Evil-Mythologie fällt minimal aus, was Serienfans enttäuschen könnte. Ethan Winters ist ein neuer Charakter, und bekannte Gesichter tauchen nur am Rande auf.

Ethan selbst ist als Protagonist etwas blass. Er ist absichtlich ein „Jedermann“, mit dem sich der Spieler identifizieren soll, aber seine Reaktionen auf die Ereignisse sind manchmal unrealistisch gleichgültig.

Fazit

Mit Resident Evil 7: Biohazard ist Capcom ein bemerkenswerter Neuanfang gelungen. Das Spiel findet zurück zu dem, was die Serie ursprünglich ausmachte: authentischer Survival-Horror, der von Atmosphäre und Spannung lebt statt von Dauerfeuer und Explosionen.

Die Baker-Familie etabliert sich als eine der denkwürdigsten Gegnergruppen der Seriengeschichte. Jack, Marguerite und Lucas sind nicht nur Hindernisse – sie sind Charaktere, tragische Figuren, die durch etwas Schreckliches zu dem wurden, was sie sind.

Die Egoperspektive erweist sich nicht als Gimmick, sondern als natürliche Evolution der Formel. Erkundung, Rätsellösen und Kampf funktionieren auch aus dem neuen Blickwinkel hervorragend und schaffen ein intensiveres Horror-Erlebnis als je zuvor in einem Resident Evil-Spiel.

Resident Evil 7 beweist, dass die Serie auch nach über 20 Jahren noch für Überraschungen gut ist und zeigt den Weg für die Zukunft des Survival-Horrors auf. Fans des Genres und der Serie können bedenkenlos zugreifen.

Willkommen zurück, Resident Evil.


Bewertung: 9/10

Stärken:

  • Meisterhafte Horror-Atmosphäre und Spannungsaufbau
  • Die Baker-Familie als unvergessliche Antagonisten
  • Rückkehr zu echtem Survival-Horror mit knappen Ressourcen
  • Egoperspektive erhöht die Immersion enorm
  • Beeindruckende Grafik dank RE Engine
  • Herausragendes Sound-Design mit 7.1-Surround
  • Intelligente Rätsel, die sich in die Welt einfügen
  • PlayStation VR-Umsetzung ist fantastisch
  • Deutsche Synchronisation überzeugt
  • Kompakte, fokussierte Spielzeit ohne Füller
  • Environmental Storytelling vom Feinsten

Schwächen:

  • Finaler Abschnitt zu actionlastig
  • Verbindung zur Resident Evil-Mythologie minimal
  • Ethan Winters als Protagonist etwas blass
  • Manche Gegnervarianten im späteren Verlauf generisch

Technische Daten:

  • Entwickler: Capcom
  • Publisher: Capcom
  • Genre: Survival-Horror
  • Plattformen: PlayStation 4, Xbox One, PC, Nintendo Switch (Cloud)
  • Release: 24. Januar 2017
  • Engine: RE Engine
  • Setting: Louisiana (Baker-Anwesen)
  • Protagonist: Ethan Winters
  • Perspektive: Ego-Perspektive (First-Person)
  • VR-Unterstützung: PlayStation VR (komplett spielbar)
  • Spielzeit: 8-12 Stunden
  • Altersfreigabe: USK 18

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