Resident Evil 6

Resident Evil 6 im Test – Vier Kampagnen, null Horror?

Capcom hat große Versprechen gemacht. Resident Evil 6 sollte den Horror zurückbringen, gleichzeitig Action-Fans bedienen und mit vier spielbaren Kampagnen den größten Serienteil aller Zeiten liefern. Die Ambitionen sind gewaltig – über 30 Stunden Spielzeit, sieben spielbare Charaktere, globale Schauplätze von Amerika über Osteuropa bis China. Kann das Spiel diese Erwartungen erfüllen? Oder verliert sich Capcom im Versuch, es allen recht zu machen?

Story: Globaler Bioterror

Die Geschichte spielt im Jahr 2013 und verbindet vier Handlungsstränge, die sich immer wieder kreuzen. Im Zentrum steht der C-Virus, eine neue biologische Waffe, die Menschen in Zombies oder die gefährlichen J’avo verwandelt. Die terroristische Organisation Neo-Umbrella verbreitet das Virus weltweit – und hinter allem stecken Derek C. Simmons, der nationale Sicherheitsberater der USA, und die mysteriöse Carla Radames.

Die vier Kampagnen

Leon S. Kennedy & Helena Harper: Leon kehrt zurück und erlebt den Ausbruch in Tall Oaks, wo der US-Präsident zum Zombie wird. Diese Kampagne verspricht klassischen Horror mit Zombies in düsteren Umgebungen – Kathedralen, Friedhöfe, unterirdische Labore.

Chris Redfield & Piers Nivans: Chris kämpft als B.S.A.A.-Captain gegen J’avo in Osteuropa und China. Seine Kampagne ist purer Militär-Shooter – Deckungskämpfe, Fahrzeugsequenzen, Wellen von Gegnern.

Jake Muller & Sherry Birkin: Jake ist der Sohn von Albert Wesker und immun gegen den C-Virus. Zusammen mit Sherry (bekannt aus Resident Evil 2) wird er von dem unaufhaltsamen Ustanak gejagt. Diese Kampagne mischt Action mit Verfolgungsjagden.

Ada Wong: Die vierte Kampagne folgt Ada solo durch alle Schauplätze und verbindet die anderen Geschichten. Sie wird erst nach Abschluss der drei Hauptkampagnen freigeschaltet und dient als Kitt für die Gesamthandlung.

Antagonisten

Derek C. Simmons ist der Mann hinter der Zerstörung von Raccoon City und dem Attentat auf den Präsidenten. Seine Obsession mit Ada Wong führte zur Erschaffung von Carla Radames – einem Klon, der sich gegen ihn wendet und Neo-Umbrella gründet. Die Verstrickungen sind komplex, teilweise zu komplex. Wer alle Zusammenhänge verstehen will, muss alle vier Kampagnen spielen.

Gameplay: Alles auf einmal

Resident Evil 6 will gleichzeitig Survival-Horror, Action-Shooter und Koop-Erlebnis sein. Das Ergebnis ist ein Spiel, das in keine Schublade passt – im Guten wie im Schlechten.

Neue Mechaniken

Die Steuerung wurde grundlegend überarbeitet. Endlich kann man sich bewegen und gleichzeitig schießen. Neue Ausweichmanöver ermöglichen Rückwärtssprünge und das Hinwerfen auf den Boden, um liegend zu feuern. Das Nahkampfsystem wurde ausgebaut – besonders Jake kann mit Martial-Arts-Combos glänzen.

Das Inventar wurde vereinfacht. Kein Händler mehr, keine Waffen-Upgrades wie in Resident Evil 4 oder Teil 5. Stattdessen sammelt man Fähigkeitspunkte, die zwischen den Kapiteln in passive Boni investiert werden. Das System funktioniert, hat aber weniger Tiefe als das Upgrade-System der Vorgänger.

Koop durchgehend

Alle Kampagnen sind kooperativ spielbar – online oder im Splitscreen. Die KI-Partner sind solide, aber mit einem menschlichen Mitspieler macht das Spiel deutlich mehr Spaß. Besonders interessant: An bestimmten Punkten kreuzen sich die Kampagnen, und bis zu vier Spieler können gemeinsam kämpfen.

Quick-Time-Events

Sie sind überall. Türen öffnen, Leitern klettern, Bosskämpfe – ständig muss man Tasten im richtigen Moment drücken. Das unterbricht den Spielfluss und nervt auf Dauer gewaltig. Capcom hat es hier deutlich übertrieben.

Die Kampagnen im Detail

Leon: Der beste Teil

Leons Kampagne kommt dem klassischen Resident Evil am nächsten. Die Eröffnung in Tall Oaks mit Zombies in dunklen Gängen, eine atmosphärische Kathedrale, Schockmomente – hier blitzt auf, was Capcom versprochen hat. Leider lässt die Qualität im Verlauf nach, und auch hier übernimmt irgendwann die Action.

Die Zombies sind zurück, langsam und bedrohlich. In engen Korridoren entsteht tatsächlich Spannung. Aber sobald sich das Spiel öffnet, verpufft die Atmosphäre.

Chris: Call of Duty mit Monstern

Chris‘ Kampagne ist am weitesten vom klassischen Resident Evil entfernt. Deckungskämpfe gegen J’avo, die sich bei Verletzung mutieren. Fahrzeugsequenzen. Luftkämpfe im Jet. Das ist kein Survival-Horror mehr – das ist ein Militär-Shooter mit Monstern.

Die J’avo sind interessante Gegner. Trifft man sie am Arm, wächst ein Tentakel. Trifft man den Kopf, mutiert er. Taktisches Vorgehen wird belohnt. Aber die endlosen Schießereien ermüden, und die Geschichte um Chris‘ Trauma nach dem Verlust seines Teams ist zu dünn erzählt.

Jake: Der Neue

Jake Mullers Kampagne bietet die meiste Abwechslung. Nahkampf-Combos, Verfolgungsjagden vor dem Ustanak, Stealth-Passagen. Die Chemie zwischen Jake und Sherry funktioniert, und die Enthüllung seiner Herkunft als Weskers Sohn gibt der Serie neue Möglichkeiten.

Der Ustanak ist ein würdiger Nachfolger von Nemesis und Mr. X – ein unaufhaltsamer Verfolger, der immer wieder auftaucht. Seine Auftritte gehören zu den spannendsten Momenten des Spiels.

Ada: Der Kitt

Adas Kampagne verbindet alle Handlungsstränge und erklärt die Hintergründe. Solo gespielt (nach einem Patch auch im Koop möglich) bietet sie mehr Rätsel und Stealth als die anderen Kampagnen. Wer die volle Geschichte verstehen will, muss hier durch.

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Präsentation

Grafisch ist Resident Evil 6 beeindruckend. Die globalen Schauplätze – amerikanische Kleinstädte, osteuropäische Kriegsgebiete, chinesische Metropolen – sind abwechslungsreich gestaltet. Die Charaktermodelle sind detailliert, die Zwischensequenzen aufwendig inszeniert.

Der orchestrale Soundtrack ist erstklassig und unterstreicht sowohl Horror- als auch Action-Momente. Die deutsche Synchronisation ist solide, auch wenn die Dialoge manchmal unfreiwillig komisch sind. Leon bittet den zombifizierten Präsidenten mehrmals stehen zu bleiben – als ob das je funktioniert hätte.

Umfang

Der Umfang ist gewaltig. Vier Kampagnen mit je fünf Kapiteln ergeben über 30 Stunden Spielzeit. Dazu kommen der Söldner-Modus und weitere Multiplayer-Modi. Wer alles sehen will, ist lange beschäftigt.

Das Problem: 30 Stunden sind zu viel. Das Spiel zieht sich, wiederholt sich, ermüdet. Hätte Capcom zwei Kampagnen gestrichen und die verbleibenden poliert, wäre das Ergebnis besser gewesen. Quantität ersetzt keine Qualität.

Kritikpunkte

Der Horror fehlt weitgehend. Leons Kampagne hat Ansätze, aber selbst dort übernimmt irgendwann die Action. Gruselmomente, Spannung, Ressourcenknappheit – Fehlanzeige.

Die Quick-Time-Events sind eine Plage. Ständige Tastendrück-Sequenzen unterbrechen das Gameplay und frustrieren.

Chris‘ Kampagne fühlt sich an wie ein anderes Spiel. Wer Resident Evil will, bekommt hier Gears of War mit Monstern.

Das Fähigkeitensystem ist oberflächlich. Die Boni sind kaum spürbar, das ständige Einsammeln von Punkten nervt.

Die Kamera kämpft mit dem Tempo. In hektischen Situationen verliert man schnell den Überblick.

Die Story ist überladen. Vier Kampagnen, dutzende Charaktere, globale Verschwörungen – am Ende ist alles zu viel und zu wenig zugleich.

Fazit

Resident Evil 6 ist das ambitionierteste Spiel der Serie – und gleichzeitig das zerrissenste. Capcom versucht, Action-Fans, Horror-Liebhaber und Koop-Spieler gleichzeitig zu bedienen, und scheitert daran, irgendjemanden vollständig zufrieden zu stellen.

Leons Kampagne zeigt, dass Capcom noch weiß, wie Horror funktioniert – bevor sie in Action abdriftet. Chris‘ Kampagne ist ein kompetenter Shooter, aber kein Resident Evil. Jakes Kampagne bietet frische Ideen. Adas Kampagne verbindet alles, kommt aber zu spät.

Als Gesamtpaket bietet Resident Evil 6 enormen Umfang und im Koop durchaus Spaß. Aber die Serie hat ihre Identität verloren. Wer klassischen Survival-Horror sucht, wird hier nur in Spurenelementen fündig. Wer einen Action-Shooter will, findet bessere Alternativen. Resident Evil 6 ist ein Spiel, das alles sein will – und dadurch nichts richtig ist.

Für Fans der Serie ist es dennoch einen Blick wert. Die Rückkehr von Leon, Chris, Ada und Sherry, die Verbindung zur Serien-Geschichte, die schiere Masse an Inhalt – das hat seinen Reiz. Aber die Hoffnung, dass Capcom den Horror zurückbringt, wurde enttäuscht. Vielleicht beim nächsten Mal.


Bewertung: 6.5/10

Stärken:

  • Enormer Umfang (über 30 Stunden)
  • Vier unterschiedliche Kampagnen
  • Koop durchgehend spielbar (online/Splitscreen)
  • Leons Kampagne mit Horror-Ansätzen
  • Grafisch beeindruckend
  • Erstklassiger Soundtrack
  • Interessante neue Charaktere (Jake, Piers)
  • Ustanak als würdiger Verfolger
  • Kreuzende Handlungsstränge
  • Söldner-Modus

Schwächen:

  • Horror weitgehend verschwunden
  • Quick-Time-Events überall
  • Chris‘ Kampagne zu shooter-lastig
  • Oberflächliches Fähigkeitensystem
  • Story überladen und verwirrend
  • Zu lang – Quantität statt Qualität
  • Kamera kämpft mit dem Tempo
  • Identitätskrise der Serie
  • Dialoge teilweise unfreiwillig komisch

Technische Daten:

  • Entwickler: Capcom
  • Publisher: Capcom
  • Plattformen: PlayStation 3, Xbox 360, PC
  • Release: 2. Oktober 2012 (PS3/Xbox 360), 22. März 2013 (PC)
  • Genre: Action-Adventure / Third-Person-Shooter
  • Kampagnen: Leon, Chris, Jake, Ada
  • Protagonisten: Leon S. Kennedy, Chris Redfield, Jake Muller, Ada Wong
  • Antagonisten: Derek C. Simmons, Carla Radames, Neo-Umbrella
  • Koop: 2-4 Spieler (online/Splitscreen)
  • Spielzeit: 30+ Stunden
  • Altersfreigabe: USK 18

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