Josef Fares hat es wieder getan. Der schwedisch-libanesische Regisseur und sein Team bei Hazelight Studios haben nach dem Game of the Year-Gewinner It Takes Two erneut ein Koop-Spiel abgeliefert, das die Grenzen des Genres sprengt. Split Fiction ist nicht einfach nur ein weiteres kooperatives Abenteuer – es ist eine Liebeserklärung an die Kreativität, an Geschichten, an die Menschen, die sie erschaffen.
Und ja, es ist verdammt gut.
Story: Gestohlene Ideen, verschmolzene Welten
Die Prämisse von Split Fiction ist so clever wie zeitgemäß. Mio und Zoe sind zwei unveröffentlichte Autorinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mio schreibt düstere Science-Fiction – Cyberpunk-Städte, interstellare Konflikte, Roboteraufstände. Zoe hingegen liebt Fantasy – Drachen, Trolle, magische Königreiche, schwebende Inseln.
Beide werden von der Rader Corporation eingeladen, einem Unternehmen, das ihnen einen Verlagsvertrag verspricht. Doch die Sache hat einen Haken: Die Autorinnen werden an eine Maschine angeschlossen, die ihre kreativen Ideen direkt aus ihren Köpfen saugen soll. Ein Kommentar auf generative KI und den Diebstahl kreativer Arbeit, der aktueller nicht sein könnte.
Gefangen in den eigenen Geschichten
Als Mio versucht zu fliehen, stürzt sie in Zoes Simulation – und plötzlich sind beide in ihren eigenen Geschichten gefangen. Die einzige Möglichkeit zu entkommen: Zusammenarbeiten, Glitches finden und durch die verschmolzenen Welten von Sci-Fi und Fantasy navigieren.
Was folgt, ist eine Achterbahnfahrt durch die wildesten Ideen, die je in einem Videospiel umgesetzt wurden. In einem Moment kämpft man als Cyber-Ninja mit Gravitätsschwert und telekinetischer Peitsche gegen Roboter. Im nächsten reitet man auf Drachen, die man selbst aus Eiern aufgezogen hat. Dann verwandelt man sich in magische Schweine, die Regenbögen furzen können. Ja, wirklich.
Mio und Zoe
Die beiden Protagonistinnen sind das Herz des Spiels. Mio ist reserviert, pessimistisch, realistisch – eine Stadtpflanze, die von ihrem Vater aufgezogen wurde und nur schreiben will, um über die Runden zu kommen. Zoe ist das Gegenteil: optimistisch, vertrauensselig, ein Landei, das seiner Familie beweisen will, dass sie kein Versager ist.
Ihre Dynamik ist fantastisch. Sie beginnen als Fremde, die sich gegenseitig nicht ausstehen können – Mio findet Fantasy albern, Zoe findet Sci-Fi deprimierend. Aber im Laufe des Abenteuers wachsen sie zusammen, lernen voneinander, entdecken, was sie verbindet. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, über kreative Zusammenarbeit, über das Überwinden von Unterschieden.
Anders als in It Takes Two, wo Cody und May manchmal nervten, sind Mio und Zoe von Anfang an sympathisch. Ihre Dialoge sind scharf geschrieben, ihr Geplänkel ist unterhaltsam, und ihre emotionalen Momente treffen ins Herz.
Der Antagonist
Rader, der Bösewicht, ist allerdings der Schwachpunkt der Geschichte. Er ist eindimensional, übertrieben böse, ein klassischer Unternehmensschurke ohne Nuancen. In einem Spiel, das sonst so viel Tiefe zeigt, fällt er ab. Aber ehrlich gesagt: Man verbringt so wenig Zeit mit ihm und so viel Zeit in den fantastischen Welten, dass es kaum ins Gewicht fällt.
Gameplay: Alle paar Minuten etwas Neues
Was Hazelight mit Split Fiction erreicht hat, grenzt an Wahnsinn. Jedes Level, manchmal jeder Abschnitt eines Levels, bringt neue Mechaniken, neue Fähigkeiten, neue Spielideen. Und fast alle davon sind brillant umgesetzt.
Ständig wechselnde Mechaniken
In einem frühen Sci-Fi-Level werden Mio und Zoe zu Cyber-Ninjas. Mio schwingt ein Gravitätsschwert, mit dem sie an Wänden und Decken laufen kann. Zoe hat eine telekinetische Peitsche, die Leitern herunterzieht und Objekte durch die Gegend schleudert. Beide Fähigkeiten müssen zusammenarbeiten, um Rätsel zu lösen und Feinde zu besiegen.
Im Fantasy-Kapitel „Rise of the Dragon Realm“ bekommt jede Spielerin ein Drachenei. Man zieht den Drachen auf, sieht ihm beim Wachsen zu, entwickelt eine Bindung. Anfangs kann Mios Drache nur gleiten, Zoes kann an Efeu klettern. Später können sie fliegen, Säure spucken, sich zu einer Kugel zusammenrollen. Das Kapitel endet mit einem bittersüßen Abschied, der überraschend emotional ist.
In einem anderen Level verwandeln sich beide in Gestaltwandler. Zoe wird zur winzigen Fee, die durch enge Spalten fliegt, oder zum baumartigen Wesen, das Plattformen hochzieht. Mio wird zum riesigen Affen, der Plattformen schiebt, oder zur Meereskreatur. Die Möglichkeiten scheinen endlos.
Side Stories
Neben den Hauptkapiteln gibt es zwölf Side Stories – kürzere Abenteuer, die in Mios und Zoes weniger bekannte Geschichten führen. Diese sind oft die kreativsten Momente des Spiels.
In „Farmlife“ werden die Heldinnen zu magischen Schweinen auf einem Bauernhof. Eines kann sich in eine Sprungfeder verwandeln, das andere kann Regenbögen furzen, um sich vorwärts zu katapultieren. Es ist absurd, es ist lustig, und das Ende… nun ja, man sollte sich nicht zu sehr an die Schweine gewöhnen.
In „Slopes of War“ springt man aus einem Helikopter und snowboardet einen Berg hinunter – ein Level, das direkt aus SSX stammen könnte. In „Birthday Cake“ werden die Protagonistinnen zu kleinen Zähnen, die gegen einen bösen Roboter-Zahnarzt kämpfen. In „Legend of the Sandfish“ reitet man auf Sandwürmern durch eine Wüste, die an Dune erinnert.
Diese Side Stories sind optional, aber man würde sich selbst betrügen, sie auszulassen. Sie zeigen, wie viel kreatives Potenzial in Hazelight steckt, selbst wenn sie nur zehn Minuten dauern.
Das Zusammenspiel
Was Split Fiction von anderen Koop-Spielen unterscheidet, ist, wie tief die Kooperation in jede Mechanik eingebettet ist. Es reicht nicht, nebeneinander zu spielen – man muss wirklich zusammenarbeiten.
Zoe muss eine Wand verschieben, damit Mio darauf laufen kann. Mio muss einen Schalter aktivieren, damit Zoe durch eine Tür kann. Ein Spieler steuert ein Flipper-Layout, während der andere seinen Ball durchnavigiert. Einer lenkt ab, der andere greift an. Einer hebt, der andere springt.
Die Rätsel sind nie frustrierend schwer, aber sie erfordern Kommunikation, Timing und echtes Teamwork. Es ist das Gefühl, etwas gemeinsam zu erreichen, das Split Fiction so befriedigend macht.

Grafik: Grenzenlose Fantasie
Visuell ist Split Fiction atemberaubend – nicht wegen technischer Hochglanzgrafik, sondern wegen der schieren Vielfalt und Kreativität der Umgebungen.
Sci-Fi trifft Fantasy
Die Sci-Fi-Welten sind düster, neonbeleuchtet, voller Metall und Glas. Cyberpunk-Städte mit fliegenden Autos, sterile Forschungseinrichtungen, Raumstationen vor explodierenden Sonnen. Die Fantasy-Welten sind das Gegenteil: farbenfroh, lebendig, voller Natur und Magie. Schwebende Inseln, verzauberte Wälder, Drachenberge, mittelalterliche Dörfer.
Der Kontrast zwischen beiden Genres ist bewusst inszeniert und wunderbar umgesetzt. Wenn die Welten verschmelzen – wenn Fantasy-Elemente in Sci-Fi-Level eindringen oder umgekehrt – entsteht ein visuelles Chaos, das fantastisch aussieht.
Die Side Stories
Die Side Stories gehen noch weiter. Eine spielt in einer Welt, die aussieht wie mit Bleistift gezeichnet – ein Notizbuch-Level mit handgezeichnetem Stil. Eine andere ist ein Sidescroller im 80er-Jahre-Retro-Look. Die visuelle Vielfalt ist beeindruckend.
Performance
Auf PlayStation 5, Xbox Series X und PC läuft das Spiel flüssig. Die Splitscreen-Darstellung – ob lokal oder online – funktioniert einwandfrei. Wer online spielt, profitiert von Crossplay zwischen allen Plattformen. Und dank des Friend’s Pass kann ein Spieler das Spiel kaufen und einen Freund kostenlos einladen – ein Feature, das Hazelight seit A Way Out beibehalten hat.
Sound: Zwischen Blockbuster und Indie
Der Sound von Split Fiction ist solide, wenn auch nicht ganz so herausragend wie andere Aspekte des Spiels.
Synchronisation
Die englische Sprachausgabe ist exzellent. Die Sprecherinnen von Mio und Zoe bringen ihre Charaktere zum Leben – die Unsicherheit, den Humor, die emotionalen Momente. Die Chemie zwischen ihnen ist hörbar.
Eine deutsche Synchronisation ist vorhanden und gut umgesetzt. Der Humor funktioniert auch auf Deutsch, die emotionalen Szenen treffen. Für ein Spiel dieser Größe ist das keine Selbstverständlichkeit.
Musik
Der Soundtrack ist stimmungsvoll und passt zu den verschiedenen Welten. Epische Orchestermusik für Fantasy, elektronische Beats für Sci-Fi. Er untermalt das Geschehen gut, bleibt aber nicht so im Gedächtnis wie etwa der Soundtrack von It Takes Two.
Sound-Design
Die Soundeffekte sind detailliert und vielfältig – von den metallischen Klängen der Roboter bis zum Flattern der Drachenflügel, vom Rauschen der Sandwürmer bis zum… Furzen der magischen Schweine. Das Sound-Design trägt viel zur Immersion bei.
Umfang und Spielzeit
Split Fiction ist ein substanzielles Erlebnis. Die Hauptstory dauert etwa 15 bis 20 Stunden – deutlich länger als viele Koop-Spiele. Mit allen Side Stories kommt man auf 20 bis 25 Stunden.
Der Wiederspielwert ist hoch. Wer das Spiel als Mio durchgespielt hat, kann es als Zoe wiederholen – und umgekehrt. Beide Charaktere haben unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Animationen, unterschiedliche Perspektiven auf die Dialoge. Es lohnt sich.
Kritikpunkte
Bei aller Begeisterung gibt es Kritikpunkte.
Manche Level sind zu lang. Besonders ein späteres Sci-Fi-Level mit farbcodierten Lasern zieht sich, wiederholt dieselben Mechaniken zu oft und hätte gestrafft werden können.
Der Antagonist Rader ist eindimensional und klischeehaft. Seine Motivation ist klar, aber er hat keine Tiefe, keine Nuancen. Er ist einfach nur böse.
Die Story nimmt sich manchmal zu ernst. Der Kontrast zwischen dem absurden Gameplay – Regenbogen-furzende Schweine! – und den dramatischen Cutscenes kann seltsam wirken. It Takes Two hatte dieses Problem auch, aber dort passte es besser zum Ton.
Manche Gestaltwandler-Fähigkeiten fühlen sich unausgereift an. Mios Riesenaffe ist schwerfällig, Zoes Meereskreatur ist schwer zu steuern. Diese Abschnitte sind die schwächsten des Spiels.
Und schließlich: Man braucht einen Mitspieler. Split Fiction ist ein reines Koop-Spiel – es gibt keinen Einzelspielermodus, keine KI-Partner. Wer niemanden zum Spielen hat, kann das Spiel nicht erleben. Das ist gewollt, aber für manche ein Hindernis.
Fazit
Split Fiction ist ein Triumph. Hazelight Studios hat mit jedem Spiel bewiesen, dass sie verstehen, was kooperatives Spielen bedeutet – und mit Split Fiction haben sie sich selbst übertroffen. Die Kreativität ist grenzenlos, die Vielfalt atemberaubend, die Umsetzung fast durchgehend brillant.
Mio und Zoe sind fantastische Protagonistinnen, deren Freundschaft sich organisch entwickelt. Die Mechaniken wechseln ständig, ohne je langweilig zu werden. Die Welten sind wunderschön, die Side Stories sind kleine Meisterwerke für sich. Und das alles funktioniert sowohl im lokalen Splitscreen als auch online.
Ja, manche Level sind zu lang. Ja, der Bösewicht ist flach. Ja, der Ton schwankt manchmal. Aber das sind kleine Kratzer auf einem ansonsten strahlenden Juwel.
Split Fiction ist nicht nur eines der besten Koop-Spiele aller Zeiten – es ist eine Liebeserklärung an die Kreativität, an Geschichten, an die Freundschaft, die entsteht, wenn zwei Menschen zusammen etwas Besonderes erleben. Es ist ein Spiel, das man mit jemandem teilen will, über das man reden will, an das man sich erinnern wird.
Schnapp dir einen Freund. Taucht ein. Ihr werdet es nicht bereuen.
Bewertung: 9.3/10 ⭐⭐
Stärken:
- Grenzenlose kreative Vielfalt bei Mechaniken und Welten
- Mio und Zoe als sympathische, gut geschriebene Protagonistinnen
- Ständig wechselnde Gameplay-Ideen, die fast alle funktionieren
- Side Stories bieten zusätzliche kreative Höhepunkte
- Wunderschöne Kontraste zwischen Sci-Fi und Fantasy
- Tiefe Kooperation in jeder Mechanik verankert
- Friend’s Pass ermöglicht kostenloses Mitspielen
- Crossplay zwischen allen Plattformen
- 20+ Stunden Spielzeit mit hohem Wiederspielwert
- Zeitgemäße Thematik über Kreativitätsdiebstahl und KI
- Gute deutsche Synchronisation vorhanden
- Hazelights bestes Spiel bisher
Schwächen:
- Manche Level zu lang und repetitiv
- Antagonist Rader eindimensional und klischeehaft
- Tonale Schwankungen zwischen Absurdität und Drama
- Einige Gestaltwandler-Fähigkeiten unausgereift
- Kein Einzelspielermodus – Mitspieler zwingend erforderlich
- Soundtrack solide, aber nicht herausragend
Technische Daten:
- Entwickler: Hazelight Studios
- Publisher: Electronic Arts (EA Originals)
- Genre: Action-Adventure / Koop-Plattformer
- Plattformen: PlayStation 5, Xbox Series X/S, PC, Nintendo Switch 2
- Release: 6. März 2025
- Engine: Unreal Engine
- Setting: Sci-Fi und Fantasy (in Geschichten gefangen)
- Protagonistinnen: Mio (Sci-Fi) und Zoe (Fantasy)
- Spielmodus: Nur Koop (lokal oder online, kein Singleplayer)
- Spielzeit: 15-25 Stunden
- Altersfreigabe: USK 12



