Mit Atomfall liefert Rebellion sein bislang ambitioniertestes Projekt ab und wagt sich erstmals richtig in das Survival-Genre vor. Die Macher der Sniper Elite-Reihe haben sich eine durchaus reizvolle Prämisse ausgedacht: Was wäre, wenn die Windscale-Katastrophe von 1957 nicht glimpflich ausgegangen wäre, sondern ganz Nordengland in eine radioaktive Sperrzone verwandelt hätte?
Vorab muss ich gestehen: Die ersten Bilder und Trailer ließen mich sofort an eine britische Mischung aus Fallout und S.T.A.L.K.E.R. denken. Cricket-Schläger statt Baseballschläger, Tee statt Cola und statt amerikanischem Wasteland die grünen Hügel Nordenglands.
Klingt erstmal wie ein Traum für alle Fans postapokalyptischer Settings.
Story: Erwachen in der Zone
Atomfall beginnt klassisch mit einem Gedächtnisverlust. Ich erwache in einem verlassenen Bunker und werde von einem schwer verletzten Typen im Schutzanzug darüber informiert, dass ich „den Übergang“ finden muss – was auch immer das bedeuten mag.
Das Jahr 1962
Das Jahr ist 1962, fünf Jahre nach dem fiktionalisierten Super-GAU von Windscale. Die gesamte Region wurde zur Sperrzone erklärt und von der militärischen Einheit „Protocol“ abgeriegelt.
Was zunächst als Schutzmaßnahme gedacht war, hat sich über die Jahre zu einem repressiven Regime entwickelt.
Die Fraktionen
Die eingeschlossenen Bewohner haben sich in verschiedene Fraktionen aufgeteilt:
Dorfbewohner: Überreste der ursprünglichen Bevölkerung
Druidenkulte: Mysteriöse Anhänger alter Traditionen
Banditen: Räuberische Überlebende
Protocol: Die militärische Besatzungsmacht
Kein Hand-Holding
Was Atomfall besonders auszeichnet, ist der Verzicht auf das typische Hand-Holding moderner Spiele. Nach dem kurzen Intro werde ich quasi von der Leine gelassen und muss selbst herausfinden, was zu tun ist.
Questmarkierungen? Fehlanzeige. Klare Anweisungen? Nur spärlich vorhanden. Stattdessen gilt es, Gespräche aufmerksam zu verfolgen, Hinweise zu sammeln und eigene Schlüsse zu ziehen.
Das mag anfangs frustrierend sein, entwickelt aber schnell einen ganz eigenen Reiz. Endlich mal wieder ein Spiel, das mir zutraut, selbst zu denken!
Gameplay: Survival auf Britisch
Rebellion hat bewusst auf das typische Open-World-Konzept verzichtet und stattdessen mehrere dichtere Gebiete geschaffen. Das hat durchaus seinen Charme, denn anstatt sich in einer endlos großen, aber inhaltlich dünnen Spielwelt zu verlieren, wartet hier hinter jedem Hügel und in jedem Bunker etwas Interessantes.
Die Schauplätze
Idyllische Dörfer: Trügerische englische Landidylle
Unterirdische Anlagen: Bunker mit düsteren Geheimnissen
Mystische Steinkreise: Druiden-Versammlungsorte
Verlassene Fabriken: Überreste der Industrie
Jeder Ort erzählt seine eigene kleine Geschichte.
Das Kampfsystem
Das Kampfsystem ist eine interessante Mischung aus Fern- und Nahkampf. Munition ist rar gesät, also greife ich oft zum guten alten Cricket-Schläger oder anderen improvisierten Waffen.
Die Kämpfe sind durchaus knackig und erfordern taktisches Vorgehen – besonders wenn man mehreren Gegnern gleichzeitig gegenübersteht.
Herzfrequenz-System
Ein Herzfrequenz-System sorgt dafür, dass hektisches Geballer bestraft wird: Nur wer ruhig bleibt, kann präzise zielen. Das erinnert an die Sniper-Elite-Wurzeln von Rebellion und funktioniert auch hier sehr gut.
Crafting ohne Stress
Im Gegensatz zu vielen anderen Survival-Spielen konzentriert sich Atomfall nicht darauf, mich mit ständigem Hunger und Durst zu nerven. Stattdessen stehen Erkundung und Rätsellösung im Vordergrund.
Natürlich muss ich Ressourcen sammeln und Gegenstände craften, aber das System ist angenehm unaufdringlich:
Bandagen: Für die Heilung
Molotow-Cocktails: Für Flächenschaden
Improvisierten Waffen: Vom Cricket-Schläger bis zum Rohr
Der Metalldetektor
Der Metalldetektor wird schnell zum besten Freund – nicht nur um vergrabene Schätze aufzuspüren, sondern auch um wichtige Story-Gegenstände zu finden. Ein cleveres Feature, das die Erkundung belohnt.
Das Skillsystem
Das Skillsystem beschränkt sich auf etwa 30 Fertigkeiten:
- Verbesserte Nahkampf-Effizienz
- Präziseres Zielen
- Bessere Ressourcenerkennung
- Erhöhte Ausdauer
Die Auswahl ist überschaubar, aber jeder Punkt fühlt sich sinnvoll an.
Atmosphäre: Folk Horror trifft Science Fiction
Hier spielt Atomfall seine größte Stärke aus. Die Entwickler haben es geschafft, eine wirklich einzigartige Atmosphäre zu schaffen, die sich deutlich von anderen postapokalyptischen Spielen abhebt.
Trügerische Idylle
Anstatt der üblichen Ödnis erstrahlt die englische Landschaft in sattem Grün – eine trügerische Idylle, die die Gefahren der Zone umso bedrohlicher wirken lässt.
Britischer Humor
Die Mischung aus Science Fiction, Folk Horror und britischem Humor funktioniert überraschend gut. Da trinke ich mit einem Dorfältesten Tee, während er mir nebenbei von mutierten Pflanzen erzählt, als wäre das das Normalste der Welt.
Durchdachte Lore
Die Lore ist durchdacht und macht Lust darauf, jede Kassette und jeden Zettel zu finden, um mehr über die Vorgeschichte zu erfahren. Alte Bunker, in denen mysteriöse Experimente durchgeführt wurden, erzählen stumm ihre Geschichten.
Interessante Charaktere
Besonders gelungen sind die verschiedenen Charaktere:
Der Verschwörungstheoretiker: Wittert überall Regierungsagenten
Die Druiden-Anführerin: Sieht die Katastrophe als Chance
Protocol-Offiziere: Verbergen dunkle Geheimnisse
Die Dialoge sind durchweg gut geschrieben und mit dem typisch trockenen britischen Humor gewürzt.

Grafik: Stilisiert statt fotorealistisch
Visuell setzt Atomfall auf einen stilisierten Look, der sich bewusst vom Fotorealismus anderer AAA-Titel abhebt. Die Farben sind kräftig und kontrastreich, was perfekt zur surrealen Atmosphäre passt.
Die Asura-Engine
Rebellion nutzt eine aufgemöbelte Version ihrer Asura-Engine, die bereits in den Sniper Elite-Spielen zum Einsatz kam.
Die Landschaften sind durchweg hübsch anzusehen – von den nebelverhangenen Mooren bis zu den verwinkelten Dorfstraßen.
Liebe zum Detail
Besonders die Innenräume sind liebevoll gestaltet und erzählen ihre eigenen kleinen Geschichten. Hier ein umgestürzter Teetisch, dort ein hastig gepackter Koffer – solche Details lassen die Welt lebendig wirken.
Kritikpunkt: Anti-Aliasing
Ein kleiner Kritikpunkt ist das fehlende temporale Anti-Aliasing. Stattdessen kommt nur eine einfache Postfilter-Lösung zum Einsatz, was zu leichtem Kantenflimmern führt. Das ist nicht spielbrechend, lässt das Spiel aber etwas altbacken wirken.
Sound: Dichte Atmosphäre
Die Soundkulisse ist tadellos gelungen. Die Umgebungsgeräusche schaffen eine dichte Atmosphäre:
- Das Rauschen des Winds
- Das Knarren alter Holzplanken
- Ferner Donner
- Knisternde Geigerzähler
Englische Sprachausgabe
Die englische Synchronisation ist durchweg hochwertig und trägt viel zur Authentizität bei. Leider gibt es keine deutsche Sprachausgabe, die Untertitel sind aber ordentlich übersetzt.
Vergleich zu Fallout und S.T.A.L.K.E.R.
Ja, Atomfall erinnert oberflächlich an Fallout und S.T.A.L.K.E.R. Aber das ist auch schon alles.
Vs. Fallout: Während Fallout auf Retro-Futurismus und schwarzen Humor setzt, geht Atomfall einen deutlich ernsteren Weg.
Vs. S.T.A.L.K.E.R.: Im Gegensatz zu S.T.A.L.K.E.R. mit seinen gefährlichen Anomalien und Artefakten steht hier die menschliche Komponente im Vordergrund.
Rebellion hat bewusst ein eigenes Spiel geschaffen, das zwar Anleihen bei den Genrevertretern macht, aber seinen ganz eigenen Charakter entwickelt. Das britische Setting sorgt für genügend Abgrenzung.
Spielzeit und Game Pass
Nach etwa zwölf Stunden in der Zone kann ich sagen: Atomfall ist ein kleines Highlight geworden. Das Spiel richtet sich eindeutig an Fans von Exploration und storygetriebenem Gameplay, die bereit sind, sich auf ein langsameres Tempo einzulassen.
Besonders Game Pass-Abonnenten können bedenkenlos zugreifen – das Spiel ist zum Launch im Xbox Game Pass enthalten.
Fazit
Atomfall ist ein kleines Highlight geworden, auch wenn es sicher nicht jeden Spieler begeistern wird. Die größte Stärke ist definitiv die Eigenständigkeit. Rebellion hat es geschafft, ein vertrautes Genre mit frischen Ideen zu beleben.
Das britische Setting, die atmosphärische Dichte und der Verzicht auf aufdringliche Questführung schaffen ein Spielerlebnis, das sich deutlich von der Konkurrenz abhebt.
Natürlich hat das Spiel auch seine Schwächen. Die Story entwickelt relativ wenig Tiefgang und die technische Umsetzung ist eher solide als spektakulär. Auch die Kämpfe könnten etwas mehr Abwechslung vertragen.
Trotzdem hat mich Atomfall mit seinem besonderen Charme bis zum Ende gefesselt – und das ist bei heutigen Spielen keine Selbstverständlichkeit mehr.
Wer Lust auf ein ungewöhnliches postapokalyptisches Abenteuer hat und sich nicht daran stört, mal wieder selbst denken zu müssen, sollte definitiv einen Blick in die englische Zone werfen.
Am Ende ist Atomfall genau das geworden, was die Entwickler versprochen haben: Ein Spiel mit Ecken und Kanten, das seinen ganz eigenen Weg geht. Und manchmal braucht man genau das.
Bewertung: 8/10
Stärken:
- Einzigartiges britisches Post-Apokalypse-Setting
- Windscale-Katastrophe als clevere Prämisse
- Atmosphärische Dichte beeindruckend
- Mischung aus Folk Horror und Sci-Fi
- Britischer Humor perfekt eingesetzt
- Kein nerviges Hand-Holding
- Selbstständiges Erkunden belohnt
- Cricket-Schläger statt Baseballschläger
- Herzfrequenz-System clever
- Metalldetektor als Gameplay-Feature
- Dichte, handgefertigte Gebiete
- Interessante Fraktionen
- Durchdachte Lore
- Gute englische Synchronisation
- Atmosphärische Soundkulisse
- Im Game Pass enthalten
- Überschaubares Crafting-System
- Etwa 12 Stunden Spielzeit
Schwächen:
- Story mit wenig Tiefgang
- Technisch eher solide als spektakulär
- Fehlendes temporales Anti-Aliasing
- Leichtes Kantenflimmern
- Kämpfe könnten abwechslungsreicher sein
- Keine deutsche Sprachausgabe
- Nicht für jeden Spielertyp geeignet
- Langsames Tempo
- Anfangs frustrierend ohne Questmarker
Technische Daten:
- Entwickler: Rebellion Developments
- Publisher: Rebellion
- Genre: Survival / Action-Adventure
- Plattformen: PlayStation 5, Xbox Series X/S, PC
- Release: 27. März 2025
- Setting: Nordengland, 1962 (alternatives Timeline)
- Engine: Asura Engine
- Spielzeit: 12-15 Stunden
- Game Pass: Ja (Day One)
- Altersfreigabe: USK 16



