Als Crystal Dynamics 2013 Lara Croft zurück ins Rampenlicht holte, war das ein mutiger Schritt. Die Tomb Raider-Reihe hatte seit dem letzten richtigen Haupttitel 2008 pausiert – zu oft hatte man das Gefühl, dass die Serie ihre besten Tage hinter sich hatte, dass die ikonische Grabräuberin in einer Ära, die von Nathan Drake dominiert wurde, nicht mehr zeitgemäß war. Das Reboot bewies das Gegenteil. Es erzählte die Geschichte einer jungen, noch unerfahrenen Lara und wandelte sie über den Lauf eines einzigen, brutalen Überlebenskampfes zur Kämpferin. Kritiker und Spieler waren überzeugt.
Als die PlayStation 4 und Xbox One auf den Markt kamen, war die Frage, ob das neue Tomb Raider den Sprung auf die nächste Konsolengeneration wagen würde, kaum eine Frage – es war eine Selbstverständlichkeit. Square Enix beauftragte das niederländische Studio Nixxes, dem Spiel ein technisches Update zu verpassen und veröffentlichte das Ergebnis als Tomb Raider: Definitive Edition. Enthalten sind alle DLC-Inhalte der ursprünglichen Version, technische Verbesserungen und Anpassungen an die neue Controller-Generation. Die Frage ist: Lohnt sich der Neustart für den Neustart?
Die Geschichte bleibt packend
Die Handlung hat sich nicht verändert – das wäre auch ein Fehler gewesen. Die 21-jährige Lara Croft befindet sich an Bord der Endurance, einem Forschungsschiff auf der Suche nach der legendären Insel Yamatai. Die Expedition wird von Dr. James Whitman geleitet, einem medienhungrigen Egomanen, der auf den großen Durchbruch hofft. Als Lara vorschlägt, das mysteriöse Drachen-Dreieck anzusteuern, lehnt er ab – bis Kapitän Roth, Laras Mentor und erfahrener Abenteurer, sie unterstützt.
Kurz darauf gerät die Endurance in einen plötzlichen Sturm und strandet an einer unbekannten Insel. Lara wird bewusstlos geschlagen, entführt und erwacht kopfüber von der Decke hängend in einer dunklen Höhle. Dort beginnt das Abenteuer – und damit auch Laras Verwandlung von der unsicheren Nachwuchsforscherin zur unnachgiebigen Überlebenskämpferin.
Die Stärke der Geschichte liegt nicht in komplexen Twists, sondern in der emotionalen Entwicklung Laras. Sie ist zu Beginn weit entfernt von der selbstbewussten Heldin späterer Spiele – sie zweifelt, sie zögert, sie hat Angst. Erst die Umstände, der ständige Kampf ums Überleben und die Notwendigkeit, ihre Freunde zu retten, schmieden sie um. Nora Tschirner liefert in der deutschen Synchronisation eine beeindruckende Leistung ab: Lara stöhnt, schnauft, schreit, leidet – und man nimmt ihr jede Sekunde davon ab. Wer skeptisch ist, wird spätestens nach den ersten Stunden überzeugt sein.
Grafik: Die Definitive Edition glänzt, aber ohne Wow-Effekt
Auf der PlayStation 3 sah Tomb Raider bereits hervorragend aus und zeigte, was aus der betagten Hardware noch herauszuholen war. Die Definitive Edition für PlayStation 4 löst die technischen Fesseln: Native 1080p, nahezu konstante 60 Frames pro Sekunde, schärfere Texturen und deutlich verbesserte Lichteffekte. Das auffälligste Feature ist TressFX, AMDs Haarphysik-Technologie, die Laras Haare in Echtzeit berechnet und in jeder Bewegung natürlich wirken lässt. Es ist ein kleines Detail, aber es fällt auf.
Hinzu kommen neue Darstellungstechniken wie Subsurface Scattering, das realistische Lichtreflexe auf Laras Haut ermöglicht. Im direkten Vergleich zur PS3-Version sind die Verbesserungen sichtbar – schärfere Kanten, detailliertere Umgebungen, flüssigere Animationen. Aber es sind inkrementelle Verbesserungen, keine Revolution. Wer das Original auf PS3 gespielt hat, wird den Unterschied wahrnehmen, aber keinen echten Wow-Moment erleben. Die Definitive Edition ist die beste Version des Spiels – aber sie ist kein Grund, das Spiel ein zweites Mal zu kaufen, wenn man die Geschichte bereits kennt.
Sound: Kinoqualität vom ersten bis zum letzten Ton
Soundtechnisch war Tomb Raider 2013 bereits eine Wucht, und die Definitive Edition ändert daran nichts. Die deutsche Synchronisation ist exzellent, mit professionellen Sprechern, die ihren Rollen Leben einhauchen. Nora Tschirner als Lara ist eine perfekte Besetzung – ihre Stimme transportiert Unsicherheit, Verzweiflung und schließlich Entschlossenheit in einer Bandbreite, die beeindruckt.
Wer den Originalton bevorzugt, kann ihn in den Optionen aktivieren. Ebenfalls auf der Disc: mehrere europäische Sprachversionen. Die Umgebungsgeräusche sind stimmig und präsent, ohne aufdringlich zu sein. Gespräche sind stets klar verständlich, Gegner sind hörbar, wenn sie es sein sollen – das Sounddesign ist präzise kalibriert. Der Soundtrack von Jason Graves, bekannt für Dead Space und Alpha Protocol, würde jedem Kinofilm Ehre machen. Er ist episch, wenn er es sein muss, zurückhaltend, wenn Spannung gefragt ist, und trägt die emotionale Last des Spiels ohne jemals zu dominieren.
Gameplay: Zwischen Uncharted und eigenem Charakter
Tomb Raider 2013 hat sich unverkennbar von Uncharteds Erfolgsformel inspirieren lassen – das lässt sich nicht abstreiten. Spektakuläre Actionsequenzen, Deckungsshooter-Mechaniken, cineastische Inszenierung. Aber es schafft es auch, eine eigene Identität zu entwickeln.
Zu Beginn ist Lara gestresst, unsicher, weit entfernt von der toughen Heldin späterer Spiele. Nach den ersten Schritten auf der fremden Insel schlägt sie ein Lager auf – eine Mechanik, die zum zentralen Ankerpunkt des Spiels wird. Lager funktionieren als aktive Speicherpunkte, ergänzend zum automatischen Speichersystem. Aber wichtiger noch: Am Feuer bereitet sich Lara auf kommende Aufgaben vor. Hier investiert sie gewonnene Fähigkeitspunkte in drei Kategorien – Überleben, Jäger und Kämpfer. Neue Nahkampfattacken, schärfere Instinkte, höhere körperliche Widerstandskraft. Gleichzeitig verwendet sie gefundenes Beutegut, um ihre Ausrüstung zu verbessern: mehr Schaden, besseres Handling, nützliche Gimmicks.
Im Laufe des Abenteuers erhält Lara Zugang zu neuen Ausrüstungsgegenständen, die bisher unerreichbare Areale öffnen. Dazu gehören optionale Gräber – Grabkammern abseits der Hauptwege, die mit besonderen Schätzen locken und nach Lösung eines Rätsels zugänglich werden. Mechanisch bietet das Spiel damit den Ansatz einer Entwicklung von der jungen Nachwuchsforscherin zur gnadenlosen Überlebenskämpferin. Narrativ passiert diese Transformation allerdings größtenteils in den cineastischen Zwischensequenzen – ohne diese würde man die Entwicklung spielerisch kaum wahrnehmen.
Die Steuerung wurde für den DualShock 4 angepasst. Das Touchpad wird unterstützt, Sprachbefehle erlauben es, die Karte zu öffnen – nette Features, aber keine Spielveränderer. Was zählt, ist, dass die Steuerung präzise funktioniert. Klettern, springen, hangeln – alles reagiert wie gewünscht. Gelegentlich gibt es knifflige Stellen, aber das großzügige Autosave-System verhindert Frustration. In Kämpfen geht Lara automatisch in Deckung, das Zielsystem ist zuverlässig, Schusswaffenmodi sind leicht zu beherrschen. Im Nahkampf macht sie eine gute Figur, allerdings sind solche Gelegenheiten selten – die meisten Gegner sind bewaffnet und treten in Gruppen auf. Schleichen und stille Ausschaltungen von hinten sind daher oft die bessere Wahl. Man darf das Kind beim Namen nennen: Lara hat sich einiges beim Kollegen Drake abgeguckt.
Laras Überlebensinstinkt ist ein praktisches Werkzeug zur Orientierung. Aktiviert, wird die Umgebung grau und relevante Objekte leuchten farbig – Gegner, Tiere, wichtige Umgebungsmerkmale. Eine elegante Lösung für das Problem, in komplexen Umgebungen die Übersicht zu behalten. Schade ist, dass der Begriff „Überlebensinstinkt“ nicht stärker genutzt wurde. Lara erlegt Tiere nur, um Ressourcen zu sammeln – kein Hunger, keine Notwendigkeit zu jagen, kein Überlebenskampf im engeren Sinne. Auch Heilung passiert automatisch, ohne Medipacks oder Kräuter. Hier wäre mehr möglich gewesen, um die Survival-Thematik glaubwürdiger zu machen und den Lagern eine noch größere spielerische Bedeutung zu geben.
Nebenaufgaben: Erkunden lohnt sich
Abseits der Hauptstory gibt es genug zu tun. Optionale Gräber sind Grabkammern mit Rätseln, die mit besonderen Belohnungen locken. Es gibt uralte Relikte zu sammeln, Tagebücher mit Hintergrundinformationen zu finden und Herausforderungen zu meistern, die motivieren, jede Ecke der Insel zu erkunden. Wer gründlich spielt, wird belohnt – und sei es nur mit einem vollständigeren Bild der Inselgeschichte.
Multiplayer: Pflichtübung statt Innovation
Tomb Raider: Definitive Edition enthält erstmals einen Multiplayer-Modus – und er fühlt sich genau so an, wie er klingt: wie eine Pflichtübung. Auf fünf Karten treten Überlebende gegen Inselbewohner in verschiedenen Modi an – Deathmatch-Varianten, ein Survivor-Modus, in dem ein Überlebender an einen bestimmten Ort eskortiert werden muss, und ein Capture-the-Flag-Klon. Es gibt Fallen, auslösbare Naturereignisse wie Sandstürme und ein Erfahrungssystem, das neue Fähigkeiten freischaltet.
Das Problem: Es macht Spaß, aber nicht lange. Mit nur fünf Karten wird es schnell repetitiv. Die Definitive Edition enthält alle DLC-Karten, zusätzliche Charaktere und mehr Waffen, was den Modus etwas abwechslungsreicher macht – aber nicht substantiell besser. Es wirkt, als hätte man sich verpflichtet gefühlt, einen Mehrspieler-Part anzubieten, ohne wirklich zu wissen, was man damit anfangen soll.
Fazit: Ein gelungenes Remaster – aber kein Muss für Veteranen
Tomb Raider: Definitive Edition ist die beste Version des 2013er-Reboots. Die technischen Verbesserungen sind sichtbar, die Performance ist solide, und die Gesamtpräsentation wirkt polierter. Für Spieler, die das Original verpasst haben, ist das eine klare Kaufempfehlung – Tomb Raider ist ein exzellentes Action-Adventure mit einer starken Hauptfigur, packender Inszenierung und genug Inhalt, um einen ordentlich zu beschäftigen.
Wer das Spiel aber bereits auf PlayStation 3 durchgespielt hat, bekommt hier nichts Neues außer dem optischen Upgrade. Keine neuen Story-Inhalte, keine spielerischen Erweiterungen – nur bessere Texturen und 60fps. Das ist schön, aber nicht zwingend.
Die Definitive Edition ist ein Neustart 2.0 – und sie funktioniert. Aber für Veteranen bleibt sie eine teure Schönheitsoperation ohne echten Mehrwert.
Wertung: 8,5 / 10 – Sehr gut
| Entwickler | Crystal Dynamics (Port: Nixxes) |
| Publisher | Square Enix |
| Genre | Action-Adventure |
| Plattformen | PS4, Xbox One |
| Release | 28. Januar 2014 (PS4) |
| USK | Ab 18 Jahren |
| Preis (2014) | ca. 60 € |
Pro
- Exzellente Inszenierung mit cineastischer Qualität
- Starke Charakterentwicklung von Lara Croft
- Hervorragende deutsche Synchronisation mit Nora Tschirner
- Präzise, responsive Steuerung
- Optionale Gräber und Sammelgegenstände motivieren zum Erkunden
- TressFX-Haarphysik sieht beeindruckend aus
- Solide 60fps auf PlayStation 4
- Alle DLC-Inhalte enthalten
Contra
- Technische Verbesserungen gegenüber PS3-Version nicht spektakulär
- Multiplayer wirkt wie Pflichtübung
- Survival-Mechaniken unterentwickelt (keine Hunger, automatische Heilung)
- Keine neuen Story-Inhalte für Besitzer der PS3-Version
- Hoher Preis bei Launch für ein Remaster
- Multiplayer-Karten schnell repetitiv



