Das 1994 erschienene und von MicroProse entwickelte „UFO: Enemy Unknown“ (in den USA als X-COM: UFO Defense bekannt) ist ein absoluter Klassiker und gilt für viele als eines der besten Taktikstrategiespiele aller Zeiten. Wer damals in den Kampf um die Erde gegen die außerirdischen Invasoren gezogen ist, wird es in bester Erinnerung behalten haben: Geniale Rundenstrategie mit leichten Rollenspiel-Elementen und verdammt toller Atmosphäre.
Als 2012 ein Remake des Klassikers angekündigt wurde, waren die Erwartungen hoch. Firaxis Games – das Studio hinter Civilization – nahm sich der Aufgabe an und landete mit XCOM: Enemy Unknown einen Strategiehit, der sowohl Serienkenner als auch Neulinge überzeugen konnte.
Nun, vier Jahre später, folgt mit XCOM 2 die Fortsetzung. Und Firaxis wagt etwas Ungewöhnliches: Sie nehmen das schlechte Ende des Vorgängers als Kanon. Die Menschheit hat verloren. Die Aliens regieren die Erde. Und wir? Wir sind jetzt die Terroristen.

Story: Zwanzig Jahre nach der Niederlage
XCOM 2 spielt im Jahr 2035, etwa zwanzig Jahre nach den Ereignissen aus Enemy Unknown. Die multinationale militärische und wissenschaftliche Organisation XCOM hat ihren verzweifelten Kampf gegen die außerirdische Invasionsstreitmacht nicht gewinnen können.
Die neue Weltordnung
Die Organisation wurde hintergangen, und der Rat der Nationen kapitulierte frühzeitig. Die Erde wird nun von ADVENT regiert – einem Militärregime, das von den Außerirdischen gesteuert wird. ADVENT kontrolliert die Menschen durch:
- Gezielte Propaganda-Maßnahmen
- Glänzende neue Städte mit modernen Annehmlichkeiten
- Versprechen von Frieden und Wohlstand
- Unterdrückung jeglichen Widerstands als „Terrorismus“
Die Menschen glauben – oder wollen glauben – dass die Aliens in friedlicher Absicht gekommen sind. Wer anderer Meinung ist, verschwindet. Einfach so.
Der Widerstand erwacht
Im Untergrund halten sich ehemalige XCOM-Offiziere versteckt. Unterstützt von Menschen, die nicht an die friedliche Alien-Herrschaft glauben, führen sie einen verzweifelten Guerilla-Krieg.
Und dann gibt es da noch den Commander – also uns. In einer geheimen Alien-Basis erwacht der ehemalige XCOM-Commander aus einer Stasis-Kapsel, in der er zwanzig Jahre lang gefangen gehalten wurde. Der Widerstand hat ihn befreit. Jetzt ist es Zeit, zurückzuschlagen.
Die Avenger
Anders als im Vorgänger operiert XCOM nicht mehr aus einer festen unterirdischen Basis. Stattdessen nutzen wir ein erbeutetes Alien-Raumschiff – die Avenger. Ein fliegender Stützpunkt, der ständig in Bewegung bleiben muss, um den ADVENT-Patrouillen zu entkommen.
Das verleiht dem Spiel eine völlig andere Dynamik. Wir sind nicht mehr die gut finanzierte Elite-Truppe mit UN-Rückendeckung. Wir sind Rebellen, Guerillakämpfer, Terroristen in den Augen der Welt. Und das fühlt sich fantastisch an.

Gameplay: Taktik unter Zeitdruck
Das Herzstück von XCOM 2 ist nach wie vor die Rundenstrategie auf dem Schlachtfeld. Aber Firaxis hat einiges verändert – und fast alles zum Besseren.
Prozedural generierte Karten
Dank des Zufallsgenerators gleicht keine Karte der anderen. Es gibt zwar wiederkehrende Gebäude- und Umgebungsdesigns, aber der Aufbau ist immer anders. Das bedeutet:
- Keine Routinen, keine auswendig gelernten Routen
- Ständige Anpassung der Taktik erforderlich
- Überraschungen bei jeder Mission
- Enormer Wiederspielwert
Das ist ein gewaltiger Fortschritt gegenüber Enemy Unknown, wo man nach einigen Durchgängen jede Karte im Schlaf kannte.
Das Zeitlimit
Die kontroverseste Neuerung: Viele Missionen haben jetzt Rundenlimits. Ihr müsst innerhalb einer bestimmten Anzahl von Runden das Ziel erreichen, sonst scheitert die Mission.
Das ändert das Tempo fundamental. In Enemy Unknown konnte man sich einigeln, Overwatch-Fallen aufbauen und die Aliens in aller Ruhe kommen lassen. Das funktioniert nicht mehr. XCOM 2 belohnt Aggression, nicht Vorsicht.
Manche Spieler hassen diese Änderung. Ich liebe sie. Sie erzeugt Spannung, zwingt zu Risiken und macht jede Entscheidung wichtiger. Wer trotzdem ohne Zeitdruck spielen will, kann das per Mod ändern – aber ich empfehle, es zumindest zu versuchen.
Tarnung und Hinterhalte
Zu Beginn der meisten Missionen sind eure Soldaten getarnt. Die Aliens wissen nicht, dass ihr da seid. Das eröffnet taktische Möglichkeiten:
- Positionierung vor dem ersten Schuss
- Hinterhalte aus optimalen Winkeln
- Gezielte Eliminierung von Prioritätszielen
- Umgehung von Patrouillen
Sobald ihr entdeckt werdet oder angreift, bricht das Chaos los. Aber dieser erste perfekte Hinterhalt kann den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage bedeuten.
Die Klassen
XCOM 2 bietet fünf Soldatenklassen, jede mit zwei Spezialisierungspfaden:
| Klasse | Rolle | Spezialisierungen |
|---|---|---|
| Ranger | Nahkampf/Aufklärung | Schwert-Spezialist oder Schrotflinten-Scout |
| Grenadier | Schwere Waffen/Sprengstoff | Kanonier oder Demolitions-Experte |
| Scharfschütze | Fernkampf/Präzision | Sniper oder Gunslinger mit Pistole |
| Spezialist | Support/Hacking | Medic oder Combat-Hacker |
| PSI-Soldat | Psionische Kräfte | Freischaltbar im späteren Spielverlauf |
Jede Klasse fühlt sich einzigartig an und bietet verschiedene Spielstile. Die Synergien zwischen den Klassen sind entscheidend für den Erfolg.

Der Charaktergenerator
XCOM 2 bietet einen umfangreichen Charaktergenerator, um die eigenen Soldaten zu individualisieren:
- Geschlecht, Frisur, Haarfarbe
- Hautfarbe, Gesichtszüge
- Tätowierungen, Narben, Accessoires
- Rüstungsfarben und -muster
- Waffenskins
- Nationalität und Sprache (Soldaten können in ihrer Landessprache sprechen!)
Hat man viel Zeit in die Individualisierung investiert, schmerzt es umso mehr, einen Soldaten in der Schlacht zu verlieren. Und in XCOM 2 werden Soldaten sterben. Das ist keine Frage des Ob, sondern des Wann.
Evakuierung
Eine weitere Neuerung: Nicht jede Mission endet mit der Eliminierung aller Feinde. Oft müsst ihr evakuieren:
- Zur vorgegebenen Evakuierungszone vorrücken
- Oder selbst einen Skyranger anfordern (dauert einige Runden)
- Verwundete Soldaten können von Kameraden getragen werden
- Zurückgelassene Soldaten sind verloren
Das erzeugt dramatische Momente. Der letzte Soldat, der die Evakuierungszone erreichen muss, während Aliens von allen Seiten anrücken. Die Entscheidung, ob man einen schwer verwundeten Kameraden rettet oder ihn zurücklässt. Das ist XCOM in Reinform.

Die Avenger: Euer fliegender Stützpunkt
Zwischen den Missionen managt ihr die Avenger – euren fliegenden Stützpunkt.
Raummanagement
Der Innenraum präsentiert sich in der bekannten Seitenansicht. Einzelne Räume können ausgebaut werden:
- Guerilla Tactics School: Truppenverbesserungen
- Proving Ground: Experimentelle Ausrüstung
- Advanced Warfare Center: Schnellere Heilung
- Shadow Chamber: Story-Missionen freischalten
- Psi Lab: PSI-Soldaten ausbilden
- Workshop: Mehr Ingenieure
- Und viele mehr
Die Reihenfolge der Ausbauten ist entscheidend und sollte strategisch geplant werden.
Die Weltkarte
Auf der Weltkarte fliegt ihr mit der Avenger zwischen verschiedenen Regionen:
- Kontakt zu Widerstandszellen herstellen
- Intel sammeln
- Ressourcen beschaffen
- Auf Missionen reagieren
Das Avatar-Projekt tickt dabei im Hintergrund. Ein Countdown bis zur Alien-Endlösung. Ihr müsst es regelmäßig sabotieren, sonst ist das Spiel vorbei. Das erzeugt konstanten Druck.

Grafik: Düstere Zukunft in der Unreal Engine
Die Erde wurde erobert, die Menschheit unterjocht. Dank der Fusion mit Alien-Technologie hat sich viel verändert.
Die ADVENT-Städte
Die neuen ADVENT-Städte sind:
- Modern und steril
- Zweckmäßig, ohne Charme
- Voller Propaganda-Bildschirme
- Oberflächlich perfekt, darunter hohl
Die Designer haben eine bedrückende Atmosphäre erschaffen. Man spürt, dass hier etwas nicht stimmt – auch wenn alles sauber und geordnet aussieht.
Außerhalb der Städte
Die alten Gebiete – Vororte, Wildnis, verlassene Städte – zeigen die andere Seite. Hier ist alles verfallen, heruntergekommen, vergessen. Das Kontrastprogramm zu den glänzenden ADVENT-Zentren.
Technische Umsetzung
Die Unreal Engine 3.5 liefert:
- Zeitgemäße 3D-Grafik
- Hochauflösende Charaktermodelle
- Gute Physik-Effekte
- Erstklassige Animationen
- Dynamische Kamerafahrten bei Aktionen
- Stimmige Zwischensequenzen
Technisch ein deutlicher Sprung gegenüber Enemy Unknown.

Sound: Atmosphäre auf allen Kanälen
Soundtrack
Der Soundtrack ist grandios und bietet die passende Musikuntermalung für jede Situation:
- Spannungsgeladene Tracks während Missionen
- Epische Musik bei Bosskämpfen
- Düstere Ambient-Sounds in der Avenger
- Triumphale Fanfaren bei Siegen
Deutsche Synchronisation
Die deutsche Synchronisation ist sehr gelungen mit erfahrenen Sprechern:
- Erik Schäffler – bekannt als Commander Shepard aus Mass Effect
- Antje von der Ahe – bekannt aus Prison Break und The Walking Dead
- Viele weitere etablierte Sprecher
Mehrsprachige Soldaten
Ein tolles Feature: Soldaten können in ihrer jeweiligen Landessprache sprechen. Ein deutscher Soldat flucht auf Deutsch, ein russischer auf Russisch, ein japanischer auf Japanisch. Das verleiht der internationalen Truppe Authentizität.

Die Gegner: Alte Bekannte und neue Bedrohungen
Die Aliens haben zwanzig Jahre nicht geschlafen. Sie haben die menschliche DNA genutzt, um ihre Truppen weiterzuentwickeln.
ADVENT-Soldaten
Die einfachen ADVENT-Soldaten sind keine Menschen mehr. Genetisch modifizierte Hybriden mit:
- Verbesserter Stärke und Ausdauer
- Alien-Technologie-Integration
- Absoluter Loyalität zum Regime
Sie sind gefährlicher als jeder menschliche Gegner in Enemy Unknown.
Neue und verbesserte Aliens
| Gegner | Fähigkeit | Gefahr |
|---|---|---|
| Sectoid | Mind Control, Wiederbelebung von Toten | Mittel |
| Viper | Zungenangriff, Gift, Würgegriff | Hoch |
| Muton | Brutaler Nahkampf, Counter-Angriffe | Hoch |
| Archon | Flug, Blazing Pinions (AoE) | Sehr hoch |
| Andromedon | Panzerung, zerstört seinen Anzug läuft weiter | Sehr hoch |
| Faceless | Verkleidet als Zivilist, transformiert | Überraschung |
| Codex | Teleportation, Klonen, Psi-Bombe | Nervig |
| Avatar | Alles oben plus mehr | Endgegner |
Die Vielfalt der Gegner erfordert ständige Anpassung der Taktik.
Multiplayer
XCOM 2 bietet einen Multiplayer-Modus:
- Teams aus Menschen und Aliens zusammenstellen
- Punktelimit als Budget für Einheiten
- Rundenbasierte Duelle
- Zeitlimits für Züge einstellbar
Der Multiplayer ist ein netter Bonus, aber nicht der Hauptgrund, XCOM 2 zu spielen.

Kritikpunkte
Zeitlimits polarisieren
Die Rundenlimits sind nicht jedermanns Sache. Wer den methodischen, vorsichtigen Stil bevorzugt, wird frustriert sein. Glücklicherweise gibt es Mods, die das ändern.
Performance-Probleme
Zum Launch hatte XCOM 2 erhebliche Performance-Probleme:
- Lange Ladezeiten
- Ruckler während Animationen
- Gelegentliche Abstürze
Patches haben vieles verbessert, aber das Spiel ist immer noch ressourcenhungrig.
RNG kann frustrieren
Die Trefferchancen-Anzeige ist manchmal irreführend. Ein 95%-Schuss kann danebengehen, und das fühlt sich unfair an – auch wenn es mathematisch korrekt ist. Veteranen wissen: Trust the percentages, accept the outcome.
Umfang und Spielzeit
XCOM 2 bietet enormen Umfang:
- Hauptkampagne: 30-40 Stunden
- Mit Nebenmissionen: 50-70 Stunden
- Ironman-Durchgänge: Unzählige Stunden durch Neustarts
- Mod-Support: Endloser Wiederspielwert
Die Mod-Community hat XCOM 2 zu einem der am besten unterstützten Spiele auf Steam gemacht.

Fazit
XCOM 2 ist spielerisch eine wirklich gelungene Fortsetzung. Die Prämisse – die Menschheit hat verloren, wir sind die Rebellen – ist mutig und funktioniert hervorragend. Die bedrückende Atmosphäre, die prozedural generierten Karten und das aggressive Pacing machen es zu einem würdigen Nachfolger.
Die taktischen Gefechte sind genial und angenehm fordernd. Die neuen Mechaniken – Tarnung, Zeitlimits, Evakuierung – bereichern das Gameplay, ohne es zu überfrachten. Die Charakteranpassung sorgt für emotionale Bindung an die Truppe, was jeden Verlust schmerzhaft macht.
Ob einen die Story überzeugt, muss jeder für sich entscheiden. Aber von der Atmosphäre her kann sich auch das etwas veränderte Setting durchaus sehen lassen – nicht zuletzt durch die ansehnliche Grafik und die hochwertige Vertonung.
Wer Rundenstrategie liebt, kommt an XCOM 2 nicht vorbei. Es ist eines der besten Spiele des Genres und verdient jeden Erfolg. Vigilo Confido, Commander. Die Erde braucht dich.
Bewertung: 9/10
Stärken:
- Mutige Prämisse: Die Menschheit hat verloren
- Prozedural generierte Karten für enormen Wiederspielwert
- Tarnung und Hinterhalte als neue taktische Ebene
- Zeitlimits erzeugen Spannung und Druck
- Exzellentes Klassensystem mit Spezialisierungen
- Umfangreicher Charaktergenerator
- Bedrückende, stimmige Atmosphäre
- Hervorragende deutsche Synchronisation
- Mehrsprachige Soldaten als nettes Detail
- Vielfältige Gegnertypen
- Enormer Mod-Support
- 30-70+ Stunden Spielzeit
- Ironman-Modus für Hardcore-Fans
Schwächen:
- Zeitlimits nicht jedermanns Sache
- Performance-Probleme (verbessert durch Patches)
- RNG kann frustrierend sein
- Lange Ladezeiten
- Steile Lernkurve für Neulinge
Technische Daten:
- Entwickler: Firaxis Games
- Publisher: 2K Games
- Genre: Rundenstrategie / Taktik-RPG
- Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch, macOS, Linux
- Release: 5. Februar 2016
- Engine: Unreal Engine 3.5
- Setting: Erde 2035 / Alien-Besatzung
- Spielbare Klassen: 5 (+ PSI-Soldaten)
- Spielzeit: 30-70+ Stunden
- Altersfreigabe: USK 16




