Xenoblade Chronicles Definitive Edition

Xenoblade Chronicles: Definitive Edition im Test – JRPG-Perle kehrt zurück

Es gibt Spiele, die definieren ein Genre neu. Xenoblade Chronicles war 2010 so ein Spiel – ein JRPG, das die Wii zum Ende ihrer Lebensspanne noch einmal aufblitzen ließ und bewies, dass japanische Rollenspiele mehr sein können als Teenager mit überdimensionierten Schwertern. Eine atemberaubende Story, ein faszinierendes Kampfsystem und eine Welt, die auf den Körpern zweier erstarrter Götter spielt – Xenoblade Chronicles wurde zum Kultklassiker.

2015 erschien eine Portierung für den New Nintendo 3DS, technisch kompromittiert, aber spielbar. Und jetzt, 2020, kommt die Definitive Edition für die Nintendo Switch. Mit überarbeiteter Grafik, neu aufgenommener Musik, Quality-of-Life-Verbesserungen und einem komplett neuen Kapitel. Die Frage ist: Lohnt sich der dritte Durchgang?

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Story: Götterkampf und menschliches Drama

Vor Äonen herrschte ein gewaltiger Krieg zwischen zwei Göttern: Bionis und Mechonis. Ihre Kraft war so gewaltig, dass ein einziger Schlag Meere spalten konnte. Nach jahrelangem Kampf erstarrten beide Götter mitten in der Bewegung und sanken in einen ewigen Schlaf. Die Welt fiel in Stille. Doch wo Tod ist, entsteht Leben. Auf beiden göttlichen Körpern bildeten sich Ökosysteme. Auf Bionis entwickelten sich Flora, Fauna und die Homs – Menschen, die in Kolonien leben und jahrhundertelang Frieden kannten.

Bis die Mechons kamen. Die mechanischen Bewohner von Mechonis überfielen die Homs, und ihre Waffen waren wirkungslos gegen die Invasoren. Nur eine einzige Klinge konnte den Feinden Einhalt gebieten: das Monado, jene Waffe, die Bionis selbst im Kampf gegen Mechonis geführt hatte. Dunban, ein Krieger der Homs, führte das Monado und schlug die Mechons zurück – doch der Preis war hoch. Ein Jahr nach dem Krieg kann Dunban seinen rechten Arm nicht mehr bewegen.

Der junge Wissenschaftler Shulk, inspiriert von Dunban, macht es sich zur Aufgabe, die Geheimnisse des Monado zu entschlüsseln. Die Klinge kann nicht von jedem geführt werden – warum? Als die Mechons erneut angreifen und Shulks Jugendfreundin Fiora in Gefahr gerät, greift er verzweifelt zum Monado. Und er kann es führen. Aber mit dem Griff zur Waffe kommt eine neue Fähigkeit: Shulk sieht die Zukunft. Er sieht, wie Fiora stirbt. Und er kann es nicht verhindern.

Von Rache getrieben, bricht Shulk auf, die Mechons zu vernichten. Doch seine Reise wird ihm zeigen, dass die Welt komplexer ist, als er dachte – und dass die wahre Bedrohung tiefer liegt als ein Krieg zwischen Homs und Mechons.

Die Geschichte von Xenoblade Chronicles ist intelligent, emotional und voller Wendungen. Sie behandelt Themen wie Determinismus, Rache und die Frage, ob man sein Schicksal ändern kann. Das ist kein leichtfüßiges Abenteuer – das ist ein episches Drama.

Xenoblade Chronicles Definitive Edition
Der Krieg Homs gegen Mechons artet aus

Grafik: Moderne Inszenierung einer alten Welt

Die Definitive Edition haucht dem Wii-Original neues Leben ein. Die Umgebungen sind wunderschön überarbeitet, Charaktermodelle deutlich detaillierter, Texturen schärfer. Im Docking-Modus läuft das Spiel flüssig ohne Ruckler. Im Handheld-Modus gibt es gelegentliche Pop-In-Effekte, und Texturen wirken bei näherer Betrachtung manchmal verwaschen – aber das sind Marginalien.

Was wirklich beeindruckt, ist das Weltdesign. Man steht auf Bionis‘ Unterschenkel, blickt in die Ferne und sieht Mechonis am Horizont – ein gewaltiger mechanischer Koloss, der die gesamte Spielwelt dominiert. Dieses Gefühl, sich auf einem leblosen Gotteskörper zu bewegen, wird konsequent durchgehalten. Man reist von den Beinen über den Rumpf bis zu den Armen hinauf, und jede Region hat ihren eigenen visuellen Charakter. Das ist Weltbau im besten Sinne.

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Shulk ist der nächste Träger des Monado

Sound: Neu aufgenommener Soundtrack in Perfektion

Die Musik war bereits im Original ein Highlight – in der Definitive Edition wurde der gesamte Soundtrack neu aufgenommen und klingt fantastisch. Von emotionalen Geigenklängen in ruhigen Momenten bis zur rockigen Kampfmusik – die Kompositionen tragen die Stimmung des Spiels perfekt. Besonders die Feldmusik, die sich je nach Tageszeit ändert, ist atmosphärisch und unterstreicht das Gefühl, in einer lebendigen Welt unterwegs zu sein.

Die englische Synchronisation ist solide, die deutschen Untertitel sind vorhanden und gut übersetzt.

Kampfsystem: Taktik statt Button-Mashing

Das Kampfsystem von Xenoblade Chronicles ist komplex und fordert Planung. Die Gruppe besteht immer aus drei Mitgliedern, wobei Shulk konstant dabei ist. Man wählt einen Tank, der die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich zieht, und einen Support-Charakter.

Kämpfe laufen in Echtzeit ab, aber nicht hektisch. Normale Angriffe erfolgen automatisch, wenn der Charakter in Reichweite ist. Spezialfähigkeiten – „Arts“ genannt – müssen manuell ausgewählt werden. Und hier wird es interessant: Die Positionierung ist entscheidend. Shulks „Rückschlag“ verursacht doppelten Schaden von hinten. Andere Fähigkeiten schwächen Gegner, werfen sie um oder bringen sie zur Ohnmacht. Gelingt es, einen Gegner in diesen Zustand zu versetzen, wird jeglicher Schaden verdoppelt.

Im Early Game kann man noch ungestüm Fähigkeiten raushauen. Im Late Game bedeutet das den Tod. Das Kampfsystem erfordert Verständnis für Synergien, Timing und Positionierung – und es belohnt Planung mit spektakulären Chain Attacks, bei denen die gesamte Gruppe nacheinander zuschlägt.

Shulks Visionen fügen eine weitere Ebene hinzu: Er sieht im Kampf zukünftige Angriffe der Gegner. Der Spieler kann reagieren, Positionen ändern, Fähigkeiten einsetzen, um die Zukunft zu verändern. Das ist mechanisch clever und narrativ konsequent.

Xenoblade Chronicles: Definitive Edition

Die Umgebung und die Stimmung ist fantastisch

Nebenquests: Viel Inhalt, wenig Abwechslung

Xenoblade Chronicles quillt über vor Nebenquests. Betritt man eine neue Region, tauchen Dutzende Aufträge auf. Das Problem: Die meisten sind generisch. Bring-und-Hol-Aufgaben, Monsterjagden, Sammelquests. Kaum eine hat eine eigene Geschichte oder interessante Charaktere.

Das ist der größte Kritikpunkt des Spiels. Die Nebenquests fühlen sich wie Pflichtübung an, nicht wie Abenteuer. Gleichzeitig sind sie schwer zu ignorieren, weil sie schnell Erfahrungspunkte bringen – schneller als Kämpfe. Im späteren Spielverlauf wird das Absolvieren von Nebenquests fast zur Notwendigkeit, um nicht unterlevelt zu sein.

Es gibt auch positive Aspekte: Harmonie-Ereignisse, in denen man Beziehungen zu Gruppenmitgliedern vertieft, sind gut geschrieben und gewähren Einblicke in die Charaktere. Höhere Harmonie-Level erlauben längere Chain Attacks. Sammel-Kollektionen belohnen mit Ausrüstung. Aber die schiere Masse an generischen Quests bleibt ein Makel.

Xenoblade Chronicles Definitive Edition
Das Kampfsystem muss gemeistert werden

Definitive Edition: Was ist neu?

Die Definitive Edition bringt einige willkommene Verbesserungen:

Gemütlicher Modus: Die Schwierigkeit lässt sich per Knopfdruck drastisch senken – perfekt für Spieler, die nur die Story erleben wollen.

Expertenmodus: Erfahrungspunkte können frei zwischen Charakteren verteilt werden. Das erlaubt präzisere Kontrolle über das Leveldesign und verhindert, dass man Bosse überlevelt trivial macht.

Epilog: Die Verbundene Zukunft: Ein komplett neues Kapitel, etwa 15 Stunden lang, das nach der Hauptstory spielt. Man begleitet Shulk und Melia auf einer neuen Reise. Es ist kein Nachgedanke, sondern ein vollwertiger Epilog, der Charaktere und Welt weiterentwickelt. Dieser kann direkt im Hauptmenü gestartet werden, ohne die Hauptstory durchspielen zu müssen – eine kluge Entscheidung für Veteranen.

Umfang: Ein JRPG-Koloss

Die Hauptstory dauert mindestens 80 Stunden. Das ist das absolute Minimum. Wer Nebenquests macht, kommt locker über 100 Stunden. Mit dem Epilog sind es nochmal 15 Stunden drauf. Das ist ein JRPG-Koloss – und jede Stunde davon fühlt sich bedeutsam an, selbst wenn die Nebenquests repetitiv sind.

Xenoblade Chronicles Definitive Edition
So viele Aufträge

Fazit: Zeitlos gut

Xenoblade Chronicles: Definitive Edition ist ein Meisterwerk. Die Story ist intelligent und emotional, das Kampfsystem tiefgründig und befriedigend, die Welt atemberaubend designt. Die technische Überarbeitung macht das Spiel moderner, ohne den Charme des Originals zu verlieren. Der neue Epilog ist eine würdige Ergänzung.

Der einzige ernsthafte Kritikpunkt sind die generischen Nebenquests. Sie sind zahlreich, repetitiv und fühlen sich mehr wie Arbeit als wie Abenteuer an. Aber sie sind optional – und das Hauptspiel ist so gut, dass man darüber hinwegsehen kann.

Für JRPG-Fans ist die Definitive Edition ein Pflichtkauf. Für Veteranen, die das Spiel bereits auf Wii oder 3DS gespielt haben, lohnt sich der Wiedereinstieg dank des Epilogs und der technischen Verbesserungen. Und für Neulinge ist es die beste Gelegenheit, einen der besten JRPGs aller Zeiten zu erleben.


Wertung: 9,0 / 10 – Hervorragend


Entwickler Monolith Soft
Publisher Nintendo
Genre JRPG
Plattformen Nintendo Switch
Release 29. Mai 2020
USK Ab 12 Jahren
Preis (2020) ca. 60 €

Pro

  • Intelligente, wendungsreiche Story mit emotionaler Tiefe
  • Faszinierendes, taktisches Kampfsystem mit Visions-Mechanik
  • Atemberaubendes Weltdesign auf den Körpern zweier Götter
  • Neu aufgenommener Soundtrack in exzellenter Qualität
  • Gelungene technische Überarbeitung gegenüber dem Original
  • Epilog „Die Verbundene Zukunft“ mit 15 Stunden Inhalt
  • Gemütlicher und Expertenmodus für unterschiedliche Spielstile
  • Über 100 Stunden Spielzeit
  • Harmonie-System vertieft Charakterbeziehungen

Contra

  • Nebenquests sind repetitiv und generisch
  • Gelegentliche Pop-In-Effekte im Handheld-Modus
  • Nebenquests fühlen sich oft wie Pflicht statt Abenteuer an
  • Textur-Qualität bei näherer Betrachtung manchmal verwaschen

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