Bayonetta 3

Bayonetta 3 im Test – Hexe im Multiversum

Acht Jahre Wartezeit. Für eine Spielereihe mit so treuer Fangemeinde ist das eine Ewigkeit. Bayonetta 3, entwickelt von PlatinumGames und exklusiv für Nintendo Switch erschienen, musste also liefern – nicht nur für Veteranen, sondern auch für eine neue Generation von Spielern, die vielleicht nie mit der stylishen Hexe in Berührung gekommen sind. Das Ergebnis ist ein Action-Spektakel, das seine Genre-Wurzeln ehrt, gleichzeitig aber zugänglicher wird, ohne die charakteristische Intensität zu verlieren. Nach dem kompletten Durchspielen und diverser Post-Game-Herausforderungen kann ich sagen: Platinum hat die Gratwanderung zwischen Tradition und Evolution größtenteils gemeistert. Die Switch-Hardware setzt dem Ganzen allerdings spürbare Grenzen, die man nicht ignorieren kann.

Multiversum als narrative Spielwiese

Die Story von Bayonetta 3 setzt Vorkenntnisse voraus. Wer die ersten beiden Teile nicht gespielt hat, wird mit Charakteren, Beziehungen und kosmischen Zusammenhängen konfrontiert, die das Spiel nicht erklärt. Es gibt keine Zusammenfassung, kein „Bisher geschah…“ – man wird ins kalte Wasser geworfen.

Die Handlung dreht sich um „Singularität“, eine Entität, die das Multiversum bedroht. Bayonetta muss durch Parallelwelten springen, verschiedene Zeitlinien besuchen und das drohende Chaos aufhalten. Diese Prämisse erlaubt Platinum Games enorme kreative Freiheit: Schauplätze wechseln von futuristischen Metropolen über historische Settings bis zu surrealen Dimensionen.

Das Multiversum-Konzept mag 2022 nicht mehr brandneu sein – Hollywood und Gaming haben es bis zum Überdruss ausgeschlachtet – aber für Bayonetta funktioniert es. Die verschiedenen Realitäten bieten narrative Rechtfertigung für die absurde Vielfalt an Gegnern, Umgebungen und Situationen, die das Spiel präsentiert.

Neue und bekannte Gesichter: Viola, eine Hexe in Ausbildung, bereichert den Cast als neue Hauptfigur mit eigenem Spielstil. Die englische Synchronisation ist durchweg hochwertig, auch wenn der Sprecherwechsel für Bayonetta selbst unter Fans für Kontroversen sorgte. Die Debatte um diese Personalentscheidung ist separat dokumentiert und soll hier nicht weiter vertieft werden – die neue Sprecherin liefert solide Arbeit ab, auch wenn Puristen hadern mögen.

Bayonetta 3 Switch

Erweiterte Spielwelt – Mehr Raum zum Atmen

Im Vergleich zu den linearen Vorgängern öffnet sich Bayonetta 3 deutlich. Die Level sind größer, bieten mehr Explorationsmöglichkeiten und fühlen sich weniger wie Korridore an. Man wird nicht mehr ganz so stringent durch Schauplätze geführt, sondern darf sich umschauen und versteckte Geheimnisse aufspüren.

Sammelbare Belohnungen:

  • Concept Art und Skizzen
  • Musikstücke aus dem Soundtrack
  • Kostüm-Teile und kosmetische Items
  • Lore-Fragmente

Die visuelle Qualität schwankt allerdings erheblich. Die Switch-Hardware zeigt ihre Limitierungen deutlich: Texturen werden matschig, Details verschwimmen in der Ferne, und die Auflösung schwankt dynamisch. Für langjährige Switch-Nutzer mag das „normal“ sein, für Spieler, die von leistungsstärkeren Plattformen kommen, fällt der Unterschied schmerzlich auf.

Das kompensiert das Spiel teilweise durch kreatives Art-Design. Die verschiedenen Bayonetta-Formen – abhängig von der gewählten Waffe verwandelt sie sich in Drachen, Spinnen oder andere Kreaturen – sind visuell beeindruckend genug, dass man über technische Schwächen hinwegsieht. Zumindest während der Action.

Kampfsystem – Platinum in Höchstform

Das Herzstück jedes Bayonetta-Spiels ist und bleibt das Kampfsystem. Hier liefert der dritte Teil ab wie erwartet: Präzise, responsive, spektakulär. Die Steuerung reagiert sofort auf Eingaben, Kombos fließen natürlich ineinander, und das Timing-basierte Dodge-System (Witch Time) belohnt perfekte Ausweichmanöver mit Zeitlupen-Momenten für brutale Konter.

Das Tutorial führt effektiv in die Knopfbelegung ein, und bereits nach kurzer Zeit jongliert man Gegner durch die Luft, wechselt zwischen Nah- und Fernkampf und aktiviert spektakuläre Finishing-Moves. Die visuellen Effekte sind bombastisch – typisch PlatinumGames – ohne dabei die Übersicht zu stark zu beeinträchtigen.

Waffenvielfalt: Neben Bayonettas ikonischen Pistolen stehen diesmal auch exotischere Optionen zur Verfügung. Yo-Yos, Schwerter, Peitschen – jede Waffe verändert nicht nur das Moveset, sondern auch Bayonettas Dämonenform. Diese Transformationen sind nicht nur kosmetisch, sondern beeinflussen Reichweite, Geschwindigkeit und taktische Optionen.

Die Gegnergalerie reicht von kleinen Mobs über gepanzerte Eliteeinheiten bis zu gigantischen Bossen, die ganze Bildschirme füllen. Geschütztürme, fliegende Festungen, multidimensionale Riesen – die Skalierung ist absurd, und genau das macht Bayonetta aus.

Bayonetta 3 Switch

Performance-Probleme – Der Preis der Switch

Hier wird es unangenehm. Bayonetta 3 kämpft sichtbar mit der Switch-Hardware. Während ruhiger Momente läuft das Spiel akzeptabel, aber sobald viele Gegner auf dem Bildschirm sind, brechen die Frameraten ein. Cutscenes stottern, hektische Bosskämpfe ruckeln, und selbst geübte Augen bemerken die instabile Performance.

Das beeinträchtigt den Spielspaß nicht fundamental – das Kampfsystem funktioniert auch bei 30fps oder darunter – hinterlässt aber einen faden Beigeschmack. Man fragt sich unweigerlich, wie viel besser das Spiel auf zeitgemäßer Hardware laufen würde. Die Switch ist 2022 (und 2023) technisch überholt, und Bayonetta 3 demonstriert diese Limitierung schmerzlich.

Technische Probleme:

  • Framedrops in dichten Kämpfen
  • Stotternde Cutscenes
  • Dynamische Auflösung mit sichtbaren Artefakten
  • Ladezeiten zwischen Leveln spürbar

Für ein Spiel, das von Präzision und Reaktionsgeschwindigkeit lebt, sind Performance-Probleme besonders frustrierend. Man lernt damit umzugehen, aber optimal ist das nicht.

Zugänglichkeit – Leichter als je zuvor

Überraschend ist die reduzierte Schwierigkeit. Auf „Normal“ fühlt sich Bayonetta 3 deutlich zugänglicher an als seine Vorgänger. Die Beschränkung für Heil-Items wurde aufgehoben – man kann sich die Taschen vollstopfen – was Tode seltener macht.

Für Einsteiger ist das großartig. Die Serie hatte immer den Ruf, brutal schwierig zu sein, was potenzielle neue Fans abschreckte. Bayonetta 3 senkt diese Einstiegshürde, ohne die grundlegende Mechanik zu verwässern. Veteranen können natürlich höhere Schwierigkeitsgrade freischalten, die das traditionelle Bayonetta-Erlebnis bieten.

Schwierigkeitsoptionen:

  • Casual (sehr zugänglich)
  • Normal (ausgewogen, leichter als früher)
  • Hard, Climax, Infinite Climax (für Hardcore-Fans)

Diese Flexibilität ist positiv. Nicht jeder will sich durch frustrierende Herausforderungen kämpfen, und das Spiel respektiert das.

Bayonetta 3 Switch

Wiederspielwert und Spielzeit

Ein kompletter Durchlauf dauert etwa 13-15 Stunden, abhängig von Spielgeschwindigkeit und Explorationslust. Das klingt nach wenig, aber Bayonetta war nie primär auf Länge ausgelegt, sondern auf Wiederspielbarkeit.

Post-Game-Content:

  • Höhere Schwierigkeitsgrade freischalten
  • Alle Sammelobjekte finden
  • Kapitel-Bestenlisten verbessern
  • Alternative Charaktere spielen

Die Kapitelstruktur lädt zu Score-Attacks ein. Jeder Abschnitt wird nach Geschwindigkeit, Stil und genommenen Schaden bewertet. Perfektionisten können Dutzende Stunden damit verbringen, Platin-Rankings zu erzielen.

Die actiongeladenen Kämpfe machen mehrfache Durchgänge nicht langweilig. Das Kampfsystem hat genug Tiefe, dass man auch nach Stunden noch neue Kombos und Strategien entdeckt.

Kamera – Der unsichtbare Gegner

Ein wiederkehrendes Problem der Serie bleibt auch hier: Die Kamera. In engen Räumen oder bei gigantischen Gegnern verliert sie manchmal die Orientierung, positioniert sich ungünstig oder wird von Gegner-Modellen blockiert.

Das führt zu unverdienten Treffern und verschwendeten Heil-Items. Nach einiger Zeit lernt man, mit diesen Momenten umzugehen und die Kamera manuell nachzujustieren, aber elegant ist das nicht. Bei einem Spiel, das so stark auf Präzision setzt, sind Kameraprobleme besonders ärgerlich.

Für wen ist Bayonetta 3 geeignet?

Klare Empfehlung für:

  • Fans der ersten beiden Teile (offensichtlich)
  • Action-Enthusiasten mit Faible für spektakuläre Kämpfe
  • Spieler, die zugänglichere Schwierigkeit schätzen
  • Anime-ästhetik-Liebhaber

Bedingt empfehlenswert für:

  • Einsteiger ohne Serienkenntnis (Story-Verständnis leidet)
  • Grafik-Puristen (Switch-Limitierungen sind deutlich)
  • Performance-Sensitive Spieler (Framedrops nerven)

Nicht geeignet für:

  • Realismus-Fans (absurde Ästhetik ist nichts für jeden)
  • Spieler ohne Toleranz für technische Schwächen

Eckdaten zum Spiel

Genre: Action, Hack’n’Slash
Plattform: Nintendo Switch (exklusiv)
Entwickler: PlatinumGames
Publisher: Nintendo
Release: Oktober 2022
Spieler: 1 (Einzelspieler)
Spieldauer: 13-15 Stunden (erster Durchlauf), 30+ Stunden (Completionist)
USK: Ab 16 Jahren
Preis: Circa 60 Euro

Gamefinity-Wertung: 8,0/10

Fazit: Würdiger Nachfolger mit technischen Fußnoten

Bayonetta 3 ist das, was Fans erwarten: Stilvolle Action, absurde Bosskämpfe, ein Kampfsystem, das nach Perfektion schreit. PlatinumGames hat die Essenz der Serie verstanden und gleichzeitig Anpassungen vorgenommen, die das Spiel zugänglicher machen, ohne seinen Charakter zu verlieren.

Die Geschichte funktioniert besser für Kenner der Serie, aber selbst ohne narrativen Kontext liefert das Gameplay genug Motivation. Das Multiversum-Konzept mag nicht originell sein, bietet aber genug Abwechslung in Schauplätzen und Gegnern, um das Spiel frisch zu halten.

Stärken:

✓ Exzellentes, responsives Kampfsystem
✓ Spektakuläre Bosskämpfe mit absurder Skalierung
✓ Vielfältige Waffen und Transformationen
✓ Zugänglichere Schwierigkeit für Einsteiger
✓ Hoher Wiederspielwert durch Score-Attack-Mechanik
✓ Abwechslungsreiche Schauplätze dank Multiversum

Schwächen:

✗ Deutliche Performance-Probleme auf Switch
✗ Matschige Texturen und schwankende Auflösung
✗ Story-Verständnis erfordert Vorkenntnisse
✗ Kameraprobleme in hektischen Momenten
✗ Technisch überholt wirkende Grafik-Engine

Abschließende Empfehlung: „Lieb’s oder lass es“ trifft Bayonetta als Serie perfekt. Der dritte Teil ändert daran nichts. Wer mit den ersten beiden Spielen nichts anfangen konnte, wird hier nicht konvertiert. Wer aber die Serie liebt oder sich auf zugängliche, spektakuläre Action einlassen kann, bekommt ein würdiges Sequel.

Die Switch-Exklusivität ist Fluch und Segen zugleich. Nintendo finanziert die Serie, aber die Hardware hält sie zurück. Man spielt Bayonetta 3 mit dem Wissen, dass es auf stärkerer Hardware noch besser sein könnte. Trotzdem: Das Kernspiel ist stark genug, dass man über technische Kompromisse hinwegsieht.

Für Fans ist Bayonetta 3 ein Pflichtkauf. Für Neulinge gilt: Schaut euch Zusammenfassungen der Vorgänger an oder spielt diese nach (beide sind auf Switch verfügbar, ebenso wie das Prequel Bayonetta Origins). Die Story ist zwar zweitrangig, aber Charakterbeziehungen und kosmische Zusammenhänge machen mehr Sinn mit Kontext.

Bayonetta 3 ist kein perfektes Spiel, aber ein verdammt gutes Action-Spiel. In einem Genre, das zunehmend von live-service und Mikrotransaktionen dominiert wird, liefert PlatinumGames ein fokussiertes Singleplayer-Erlebnis, das Können über Grind stellt. Fans von Astral Chain oder Devil May Cry 5 wissen, was sie hier erwartet. Das allein verdient Respekt – die technischen Einschränkungen hin oder her.

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