„Das Gesicht am Fenster“ von Bernhard Hennen, 1997 erschienen, ist einer der besten Das Schwarze Auge-Romane überhaupt. Während viele DSA-Romane der 90er Jahre entweder zu regelkonform und steril oder zu widersprüchlich und aventurien-fremd waren, gelingt Hennen hier ein meisterhafter Spagat: atmosphärisch dicht, charakterstark und perfekt in die Welt eingewoben.
Der Roman spielt in Al’Anfa, der „Schwarzen Perle des Südens“ und Stadt des Rabengottes Boron, im Jahr 1008 BF – also vier Jahre vor den Ereignissen in „Das Jahr des Greifen“. Für Fans der Greifenfurt-Trilogie besonders interessant: Marcian, der zwielichtige Inquisitor, tritt hier als gefallener Agent auf und zeigt eine ganz andere, verletzlichere Seite.
Al’Anfa und die aventurische Einordnung
Für Leser ohne DSA-Hintergrund: Al’Anfa ist eine dekadente Hafenstadt im Süden Aventuriens, geprägt von extremen Gegensätzen. Prunkvolle Paläste der Granden (Adel) stehen neben dem „Schlund“, einem Elendsviertel voller Verzweiflung. Die Stadt ist berüchtigt für ihre Intrigen, Sklaverei, dämonische Kulte und die Regel: „Stelle keine Fragen in Al’Anfa.“ Wer zu viel weiß, lebt nicht lange.
Überblick ohne Spoiler
Der Söldner Tikian strandet mittellos im Schlund von Al’Anfa. In einer Ruinenstraße erblickt er nachts das Gesicht einer wunderschönen Frau am Fenster – doch bei Tag findet er nur verfallene Mauern. Besessen von dieser Vision beginnt Tikian Nachforschungen anzustellen und verstrickt sich in ein gefährliches Netz aus Intrigen, das bis in die höchsten Kreise Al’Anfas reicht.
Parallel verfolgen wir weitere Handlungsstränge: Den jungen Adligen Gion, der den Geheimnissen seines verstorbenen Großvaters nachspürt. Den Moha-Jungen Takate, der von einem Dämon besessen wird. Die Kurtisane Elena, gefangen zwischen Pflicht und Sehnsucht. Und Marcian, den gefallenen Inquisitor, der in Al’Anfa Zuflucht vor seiner Vergangenheit sucht – und stattdessen in neue Abgründe stürzt.
Alle diese Schicksale sind miteinander verwoben durch ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit Al’Anfas.
Die Stärken
Hennens größte Leistung ist die atmosphärische Dichte. Al’Anfa wird lebendig – man riecht den Gestank des Schlunds, spürt die drückende Hitze, die klebrige Dekadenz der Oberschicht. Die Stadt ist nicht nur Kulisse, sondern ein lebendiger, atembarer Organismus aus Verkommenheit, Schönheit und Gefahr.
Die multiplen Handlungsstränge funktionieren hervorragend. Hennen wechselt geschickt zwischen den Perspektiven, ohne den Leser zu verwirren. Jeder Protagonist hat seine eigene Motivation, seinen eigenen Konflikt – und langsam fügt sich das Puzzle zusammen.
Besonders gelungen ist die Charakterzeichnung. Tikian ist kein strahlender Held, sondern ein abgehalfterter Söldner, der zwischen Pragmatismus und einem unerwarteten romantischen Idealismus schwankt. Marcian zeigt hier eine verletzlichere Seite als in „Das Jahr des Greifen“ – gebrochen, zynisch, aber noch mit Resten von Ehre. Elena ist eine der besten weiblichen Figuren in DSA-Romanen: komplex, selbstbestimmt trotz ihrer Umstände, keine bloße Staffage.
Die romantischen Elemente – ungewöhnlich für DSA-Romane – funktionieren erstaunlich gut. Hennen schreibt tragische Romantik überzeugend, ohne kitschig zu werden. Die unmögliche Liebe zwischen Tikian und der mysteriösen Frau am Fenster hat echte emotionale Tiefe.
Der Plot ist clever konstruiert. Einiges lässt sich erahnen, aber die endgültige Auflösung überrascht dennoch. Hennen vermeidet die typischen DSA-Fallen: keine unnötigen Regelverweise, keine aufgesetzten Kämpfe zur Streckenfüllung, keine flachen „Gut gegen Böse“-Strukturen.
Die Schwächen
Der Prolog ist etwas langatmig. Hennen investiert viel Zeit in die Einführung der Charaktere, was zwar später Früchte trägt, aber initial den Lesefluss bremst.
Der Handlungsstrang um Takate, den dämonisch besessenen Moha-Jungen, wirkt stellenweise aufgesetzt. Zwar fügt er sich thematisch ins Gesamtbild (Versuchung, Korruption), aber er hätte gestrafft werden können, ohne dass die Geschichte darunter leidet.
Einige Wendungen fallen etwas vom Himmel, statt erarbeitet zu werden. Gerade im Mittelteil gibt es Erkenntnissprünge, die besser motiviert hätten sein können.
Der Schreibstil ist solide, aber nicht herausragend. Wer poetische Prosa erwartet, wird enttäuscht. Hennen schreibt funktional und der Geschichte dienend – was für einen Genreroman absolut ausreicht, aber keine literarischen Höhenflüge bietet.
Für wen ist das Buch?
„Das Gesicht am Fenster“ richtet sich an DSA-Fans, die Al’Anfa als Setting schätzen und atmosphärische Kriminalgeschichten mögen. Wer die Stadt des Rabengottes aus dem Rollenspiel kennt, wird die zahlreichen Details und Anspielungen lieben.
Aber auch Fantasy-Leser ohne DSA-Hintergrund können hier einsteigen. Die Geschichte funktioniert als eigenständiger Fantasy-Noir-Roman mit romantischen Elementen. Wenn dir Werke mit dekadenten Stadtkulissen, moralischen Grauzonen und tragischen Helden gefallen, bist du hier richtig.
Besonders empfohlen für Leser von „Das Jahr des Greifen“, die Marcian in einem ganz anderen Licht erleben wollen. Chronologisch spielt „Das Gesicht am Fenster“ VOR der Greifenfurt-Trilogie und zeigt Marcians Weg vom Inquisitor zum zynischen Agenten.
Fazit
„Das Gesicht am Fenster“ ist einer der besten DSA-Romane, die je erschienen sind. Hennen beweist hier, dass Lizenzromane nicht generisch sein müssen – mit Atmosphäre, komplexen Charakteren und emotionaler Tiefe hebt sich dieser Roman deutlich vom DSA-Durchschnitt ab.
Die gelungene Mischung aus Krimi, Fantasy und tragischer Romantik, kombiniert mit dem faszinierenden Setting Al’Anfa, macht diesen Roman zu einem Muss für jeden DSA-Fan. Aber auch darüber hinaus ist es ein starker Genre-Roman, der zeigt, was in der Welt Aventuriens möglich ist, wenn ein Autor mit Sachverstand und Leidenschaft ans Werk geht.
Bewertung: 8/10
Empfehlung: Klare Kaufempfehlung für DSA-Fans und Leser atmosphärischer Fantasy-Krimis. Wer Marcian aus „Das Jahr des Greifen“ kennt, sollte unbedingt seine Vorgeschichte lesen.
Technische Details
- Autor: Bernhard Hennen
- Verlag: Heyne
- Seitenzahl: 496 Seiten
- ISBN: 3-453-11950-9
- Reihe: Das Schwarze Auge, Roman Nr. 24
- Erschienen: Juni 1997
- Neuauflage: Als „Rabengott“ (2009, Heyne, ISBN 978-3-453-52549-8)
- Sammelband: „Im Schatten des Raben“ (zusammen mit „Die Nacht der Schlange“)
- Format: Taschenbuch, eBook verfügbar
Häufig gestellte Fragen
Muss ich „Das Jahr des Greifen“ vorher gelesen haben?
Nein, „Das Gesicht am Fenster“ funktioniert als eigenständiger Roman. Chronologisch spielt es sogar VOR der Greifenfurt-Trilogie (1008 BF vs. 1012 BF). Allerdings profitiert man von Vorwissen über Marcian, da seine Charakterentwicklung besser nachvollziehbar wird.
Ist Al’Anfa-Kenntnis aus dem Rollenspiel nötig?
Nein, Hennen führt ausreichend in die Stadt und ihre Strukturen ein. DSA-Kenner werden mehr Details und Anspielungen erkennen, aber auch Nicht-Spieler können der Geschichte problemlos folgen.
Wie ist das Verhältnis zur Neuauflage „Rabengott“?
„Rabengott“ (2009) ist eine sprachlich überarbeitete Neuauflage von „Das Gesicht am Fenster“. Die Geschichte ist identisch, nur der Stil wurde etwas modernisiert. Beide Versionen sind lesenswert.
Gibt es viel Action?
Nein, dies ist primär ein Krimi/Mystery-Roman mit Fantasy-Elementen. Es gibt Kampfszenen, aber die Stärken liegen in Atmosphäre, Charakteren und Intrigen. Wer actionlastige Fantasy erwartet, greift besser zu „Das Jahr des Greifen“.
Welche anderen Hennen-Romane spielen in Al’Anfa?
„Die Nacht der Schlange“ (2000) spielt ebenfalls in Al’Anfa und ist mit „Das Gesicht am Fenster“ im Sammelband „Im Schatten des Raben“ erschienen. Beide Romane sind lose verbunden, funktionieren aber eigenständig.







