Es gibt Spiele, bei denen man nach dem ersten Screenshot das Gefühl hat: Dieses Ding wird entweder sensationell oder eine einzige große Enttäuschung. MOUSE: P.I. For Hire von Fumi Games gehört eindeutig zur ersten Kategorie. Handgezeichnete Rubber-Hose-Animation, Schwarz-Weiß-Noir-Ästhetik, Jazz-Soundtrack und ein First-Person-Shooter-Gerüst, das sich an den Klassikern der 90er orientiert — dieser Cocktail klingt absurd. Er funktioniert.
Mouseburg, 1934: Eine Stadt kurz vor dem Kollaps
Wir schlüpfen in die Rolle von Jack Pepper, Kriegsveteran und Privatdetektiv, der sich in Mouseburg mehr oder weniger über Wasser hält. Die Stadt — bevölkert von anthropomorphen Mäusen, Ratten und sozial marginalisierten Spitzmäusen — ist ein Pulverfass aus Korruption, organisierter Kriminalität und tief verwurzelten Vorurteilen. Was als einfacher Vermisstfall beginnt, zieht Jack tiefer in ein Netz aus Mord und Verrat, als ihm lieb ist.
Die Story braucht ihre Zeit. Die ersten Stunden wirken wie eine Sammlung von Genre-Tropen, lose zusammengehalten von Peppers trockenem Kommentar. Wer durchhält, wird belohnt: Ab dem zweiten Drittel zieht die Erzählung spürbar an, die Charaktere bekommen Kontur, und das Skript überrascht mit echtem emotionalen Gewicht. Troy Baker als Jack Pepper ist makellos — keine Spur von Routine, jede Zeile sitzt.
Schießen, Rennen, Überleben
Spielerisch ist MOUSE ein Boomer Shooter alter Schule: kein Cover-System, kein Regenerieren der Gesundheit, dafür konstante Bewegung und ein Arsenal, das Spaß macht anzuschauen wie anzuwenden. Dash, Doppelsprung, Nahkampf — das Grundgerüst sitzt und fühlt sich organisch an.
Die Waffen tragen Namen, die so gut sind wie das Spiel selbst. Der Micer ist ein einhandiger Revolver, die Boomstick ein Pumpgun. Der James Gun liefert Tommy-Gun-Action, während die Kiss Kiss explosive Doppelläufer-Schrotmunition feuert. Der Devarnisher spuckt Säure. Jede Waffe hat Charakter, jede spielt sich anders.
Das Fantastic-o-Matic-System erlaubt Upgrades über Automaten, die in der ganzen Stadt verteilt sind. Wer welche Upgrades mitnimmt, beeinflusst das Spielgefühl spürbar — genug Tiefe, um das System interessant zu halten, ohne die Pace des Spiels zu bremsen.
Zwischen den Schusswechseln wartet Mouseburg mit Ermittlungsabschnitten: Hinweise finden, Umgebungen absuchen, kleinere Puzzles lösen. Diese Passagen erfüllen ihre Funktion als Atempause und halten das narrative Tempo aufrecht. Wer tiefgehende Adventure-Mechaniken erwartet, schaut in die Röhre — aber das ist auch nicht der Anspruch des Spiels.

Hände weg, das ist Kunst
Was Fumi Games hier visuell abliefert, ist außergewöhnlich. Jedes Frame wurde einzeln von Hand gezeichnet. Das Ergebnis ist kein Filter und kein Retro-Gimmick, sondern eine vollständig durchgezogene künstlerische Vision: wackelnde Glieder, gummiartige Animationsphysik, ein Schwarz-Weiß-Kontrast, der Bände spricht. Cuphead hat diesen Weg gewiesen — MOUSE geht ihn eigenständig weiter.
Der adaptive Jazz-Soundtrack atmet mit dem Spielgeschehen. Beim Erkunden dominieren gedämpfte Bläser und Piano. Im Gefecht dreht das Orchester auf, bis die Messingsektion den Raum ausfüllt. Das ist keine Hintergrundmusik — das ist ein vollwertiger Mitspieler.
Was fehlt
MOUSE spielt sich zu einfach. Selbst auf normaler Schwierigkeit fordert kaum eine Situation echte Aufmerksamkeit. Für einen Titel, der auf Adrenalin und Bewegung setzt, fehlt das Zähneknirschen in wirklich knappen Momenten.
Die Ermittlungsabschnitte bleiben zudem weit hinter dem Potenzial der Welt zurück. Mouseburg ist so dicht und atmosphärisch gestaltet, dass man mehr Raum zum Aufdecken seiner Geheimnisse verdient hätte. Stattdessen sind die Clue-Sequenzen schnell abgehakt.
Fazit
Für rund 30 Euro liefert Fumi Games 12 bis 20 Stunden eines Spiels, das einem immer wieder den Atem verschlägt — optisch, klanglich, atmosphärisch. Die Abstriche beim Schwierigkeitsgrad und bei den Ermittlungsmechaniken sind real, aber sie kratzen nur an der Oberfläche eines Titels, der in seiner künstlerischen Konsequenz schlicht einzigartig ist. Wer Cuphead geliebt hat oder einfach einen Shooter sucht, der nach mehr klingt als Einheitsbrei, sollte nicht zögern.
Wertung: 8 / 10
✅ Pro
- Handgezeichnete Rubber-Hose-Animation auf Filmniveau
- Dynamischer Big-Band-Soundtrack atmet mit dem Spielgeschehen
- Shooter-Gameplay fühlt sich flüssig und befriedigend an
- Troy Baker überzeugt als Jack Pepper
- Stimmige Noir-Welt mit echtem Charakter und Tiefe
- Starkes Preis-Leistungs-Verhältnis für 12–20 Stunden Spielzeit
❌ Contra
- Schwierigkeitsgrad auch auf Normal kaum fordernd
- Ermittlungsabschnitte bleiben spielerisch flach
- Story braucht mehrere Stunden um in Fahrt zu kommen
- Wiederholung im späteren Spielverlauf spürbar
Hinweis: Dieser Test basiert auf einem Rezensionsexemplar, das uns von PlaySide Studios zur Verfügung gestellt wurde. MOUSE: P.I. For Hire erschien am 16. April 2026 für PC, PS5, Xbox Series X/S und Nintendo Switch 2 zum Preis von ca. 29,99 €.
