Die Entwicklung von Hideo Kojimas nächstem großen Projekt nimmt langsam Fahrt auf. Ein durchgesickerter Casting-Aufruf für Physint, den geistigen Nachfolger zu Metal Gear Solid, enthüllt erste konkrete Details zu einer Spielszene und gibt Aufschluss über einen zentralen Antagonisten. Das von Kojima Productions zusammen mit Sony Interactive Entertainment entwickelte Action-Espionage-Spiel zeigt sich damit zum ersten Mal von einer inhaltlichen Seite, auch wenn bis zum Release noch mehrere Jahre vergehen werden.
Codename Shimmer: Motion Capture startet im Juni
Der Casting-Aufruf läuft intern unter dem Codenamen „Shimmer“ und wurde von mehreren Medien aufgegriffen. Als Casting-Direktorin fungiert Mari Ueda, die bereits für Death Stranding 2 verantwortlich war und mit ihrer Firma Pivot Motion die Motion-Capture-Arbeiten koordiniert. Die Dreharbeiten für die Performance-Aufnahmen sollen laut den Unterlagen im Juni 2026 beginnen, was darauf hindeutet, dass Physint die frühe Konzeptphase verlassen hat und in die eigentliche Produktion übergeht.
Allerdings bedeutet dieser Zeitplan keineswegs einen baldigen Release. Zum Vergleich: Die Motion-Capture-Arbeiten für Death Stranding 2 begannen 2022, das Spiel erschien drei Jahre später im Februar 2025. Kojima selbst hatte im Mai 2025 erklärt, dass Physint noch mindestens fünf bis sechs Jahre Entwicklungszeit benötigt. Ein Release zwischen 2030 und 2031 gilt daher als realistisch, was Physint praktisch zu einem PlayStation-6-Titel macht. Zunächst steht ohnehin das Xbox-exklusive Horrorspiel OD auf Kojimas Zeitplan.
Die Szene: Entführter Bus mit Geiseln
Der Casting-Aufruf beschreibt eine konkrete Spielszene, die auf einem entführten Bus spielt. Gesucht werden Darsteller für eine Mutter mit ihrem neugeborenen Baby, fünf Teenager unterschiedlicher Ethnien und zwei weitere männliche Passagiere. Die Konstellation deutet auf einen alltäglichen Linienbus hin, der zum Schauplatz eines Geiseldramas wird. Ob diese Sequenz nur als filmische Zwischensequenz dient oder tatsächlich spielbar sein wird, bleibt unklar. Angesichts Kojimas Vorliebe für filmische Inszenierungen ist beides denkbar.
Besonders interessant ist die Beschreibung des Antagonisten, der offenbar für die Entführung verantwortlich ist. Der Schurke soll einen deutschen Akzent haben und wird im Casting-Brief als „Mads Mikkelsen in Hannibal, aber mit Flair“ beschrieben. Mikkelsen, der bereits in beiden Death-Stranding-Teilen mitspielte, scheint hier eher als Referenz zu dienen, denn wenn Kojima den dänischen Schauspieler tatsächlich erneut besetzen wollte, bräuchte er dafür keinen öffentlichen Casting-Aufruf. Die Figur wird als schlank, ruhig, aber intensiv charakterisiert, mit einer Persönlichkeit, die „selbstbewusst auf psychotische Weise“ ist. Ein klassischer „ruhiger, kalter Killer-Typ“.
Kein Hauptschurke, sondern Nebenboss?
Wichtig ist die Einordnung: Ein offener Casting-Aufruf für die Hauptschurken-Rolle wäre bei Kojima äußerst ungewöhnlich. Der Regisseur ist bekannt dafür, für zentrale Rollen auf Hollywood-A-Promis zurückzugreifen. In der Metal-Gear-Serie wurden Charaktere wie Revolver Ocelot oder The Boss von namhaften Schauspielern verkörpert, bei Death Stranding kamen Mads Mikkelsen, Norman Reedus, Léa Seydoux und Guillermo del Toro zum Einsatz. Der deutsche Antagonist aus dem Bus-Szenario dürfte daher eher ein Nebenboss oder eine episodische Bedrohung sein, nicht der zentrale Widersacher des gesamten Spiels.
Dennoch gibt die Szene wichtige Einblicke in Ton und Atmosphäre von Physint. Eine Geiselnahme in einem Linienbus ist klassisches Spionage-Thriller-Material und erinnert an die bodenständigeren, realistischeren Momente der Metal-Gear-Serie. Während spätere Teile wie Metal Gear Solid 4 oder 5 zunehmend in Richtung Science-Fiction abdrifteten, deutet diese Szene auf einen erdverbundenen Ansatz hin, der an die Wurzeln des Genres erinnert.
Der bisherige Cast: Hollywood meets Asien
Bereits im September 2025 hatte Kojima während der Beyond-the-Strand-Präsentation erste Besetzungsdetails bekannt gegeben. Mit an Bord sind die australische Schauspielerin Charlee Fraser, bekannt aus „Furiosa: A Mad Max Saga“, der südkoreanische Action-Star Don Lee aus „Train to Busan“ und die japanische Schauspielerin Minami Hamabe, die in „Godzilla Minus One“ mitspielte. Keine dieser drei Personen wurde bisher als Protagonist oder Protagonistin bestätigt, sodass die Hauptrolle nach wie vor unbesetzt scheint oder noch nicht öffentlich gemacht wurde.
Diese internationale Besetzung passt zu Kojimas Vision von Physint als Verschmelzung von Film und Videospiel. In Interviews betonte er mehrfach, dass seine Mutter beim Vorbeigehen denken sollte, er schaue einen Film und kein Videospiel. Physint soll die nächste Stufe digitaler Unterhaltung sein, bei der Optik, Story, Schauspiel, Mode und Sound auf „Film-Niveau“ operieren. Columbia Pictures ist als Co-Produzent involviert, was unterstreicht, dass Physint nicht nur als Spiel, sondern als transmedialer Hybrid gedacht ist.
Kojimas Rückkehr zur Spionage
Physint markiert Hideo Kojimas erste Rückkehr zum Action-Espionage-Genre seit seinem Abschied von Konami im Jahr 2015. Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain war sein letzter Beitrag zur Serie, die er 1987 mit dem ersten Metal Gear für den MSX2 begründet hatte. Nach jahrelangen Streitigkeiten mit dem Publisher und dem Scheitern von Silent Hills gründete Kojima sein eigenes Studio und entwickelte mit Sony die Death-Stranding-Reihe.
Die Entscheidung, nach Death Stranding 2 erneut ein Spionage-Spiel zu machen, hat persönliche Gründe. 2020 erkrankte Kojima schwer und musste operiert werden. Die Erfahrung erschütterte ihn, doch mit Unterstützung von Guillermo del Toro entschied er sich, seine Prioritäten zu ändern. Fans hatten jahrelang um eine Rückkehr zu Metal Gear gebeten, und Kojima beschrieb Physint schließlich als „Krönung meiner Arbeit“. Ein Titel, der sein gesamtes bisheriges Schaffen zusammenführen soll.
Frühe Entwicklung: Kojima arbeitet solo
Aktuell befindet sich Physint noch in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Im Sommer 2025 erklärte Kojima, dass er bisher komplett alleine an dem Projekt arbeite. Die aktuellen Casting-Aufrufe deuten darauf hin, dass das kreative Konzept nun soweit steht, dass die Produktion vorbereitet wird. Allerdings bedeutet der Start der Motion-Capture-Arbeiten im Juni 2026 keineswegs, dass das gesamte Spiel bereits fertig geplant ist. Wahrscheinlich werden zunächst einzelne Schlüsselszenen aufgenommen, um den Ton des Spiels zu etablieren oder Material für einen zukünftigen Ankündigungstrailer zu generieren.
Bisher gibt es weder Gameplay-Material noch einen Trailer zu Physint. Die Ankündigung erfolgte 2024 mit einem schlichten Logo und der Bezeichnung als „next-generation action espionage game“. Seitdem gab es nur sporadische Updates, meist in Form von Cast-Ankündigungen. Für ein Projekt dieser Größenordnung ist das keine Überraschung. Death Stranding 2 wurde über Jahre hinweg in kleinen Häppchen präsentiert, und Physint dürfte einem ähnlichen Muster folgen.
PlayStation 6 als Zielplattform
Mit einem Release frühestens 2030 ist Physint praktisch garantiert ein PlayStation-6-Titel. Die PlayStation 5 erschien 2020, ein typischer Konsolenzyklus dauert sieben bis acht Jahre. 2030 wäre die PS6 entweder bereits auf dem Markt oder stünde unmittelbar bevor. Kojima Productions hat eine enge Partnerschaft mit Sony, die bereits drei gemeinsame Projekte umfasst: Death Stranding, Death Stranding 2 und nun Physint. Hermen Hulst, Chef der PlayStation Studios, bestätigte 2025, dass diese Zusammenarbeit „von derselben kreativen Energie und demselben Ehrgeiz angetrieben wird, die die Partnerschaft zwischen PlayStation und Kojima in den letzten 30 Jahren so kraftvoll gemacht haben“.
Ob Physint auch auf PC erscheinen wird, ist unklar. Death Stranding und Death Stranding 2 kamen beide mit zeitlicher Verzögerung auf den PC, daher ist eine spätere PC-Veröffentlichung durchaus denkbar. Zunächst dürfte Sony jedoch auf Exklusivität setzen, um die PlayStation 6 zu positionieren.
Fazit: Die Dunkelheit vor dem Sturm
Der durchgesickerte Casting-Aufruf ist der bisher konkreteste Einblick in Physint seit der Ankündigung vor zwei Jahren. Eine Bus-Entführung mit einem psychotischen deutschen Antagonisten mag wie ein kleines Detail wirken, aber es zeichnet ein Bild: Kojima kehrt zu den Wurzeln zurück, zu bodenständigeren Spionage-Thrillern, die auf Spannung und Atmosphäre setzen statt auf übernatürliche Phänomene oder Science-Fiction-Kreaturen. Der Vergleich mit Mads Mikkelsen in „Hannibal“ unterstreicht den Fokus auf psychologische Intensität statt plumper Action.
Bis zum Release werden noch viele Jahre vergehen. Zunächst kommt OD, dann wahrscheinlich weitere Projekte, und irgendwann, vermutlich auf der PlayStation 6, wird Physint erscheinen. Für Fans, die seit Metal Gear Solid 5 auf Kojimas Rückkehr zur Spionage warten, beginnt jetzt die lange Wartezeit. Aber wenn die Casting-Aufrufe eines zeigen, dann dies: Kojima meint es ernst. Die Produktion läuft an, und der Mann, der Metal Gear erschuf, bereitet seine Rückkehr vor.


