Dan Trachtenberg hat dem Predator-Franchise etwas gegeben, das es in dieser Form noch nie hatte: eine Vision. Keine Einzelfilm-Idee, kein schnell zusammengeschustertes Sequel, das den Markenwert ausschlachtet, sondern einen echten kreativen Plan. Nach dem überraschend stimmungsvollen Prey aus dem Jahr 2022, das die Yautja erstmals in die nordamerikanische Vergangenheit des 18. Jahrhunderts versetzte, bewies Trachtenberg nur drei Jahre später mit dem Animationsfilm Predator: Killer of Killers, dass er in mehreren Formaten und Erzählstilen denken kann – und vor allem, dass er uns die fremdartige Spezies der Yautja Schritt für Schritt näherbringt, ohne das Mysterium zu zerstören. Mit Predator: Badlands liefert er nun seinen bislang ambitioniertesten Beitrag zum Franchise: einen Blockbuster, in dem ein Predator die Hauptrolle spielt. Das hätte gewaltig schiefgehen können. Es ist stattdessen einer der unterhaltsamsten Kinobesuche des Jahres 2025 geworden.
Der Einstieg: Stark, packend und selbstbewusst
Badlands fängt genau dort an, wo es sein muss: mittendrin in der Welt der Yautja. Kein gemächliches Herantasten, keine ellenlange Exposition für Zuschauer, die mit dem Franchise noch nicht vertraut sind. Der Film vertraut darauf, dass sein Publikum mitdenkt – und belohnt dieses Vertrauen mit einem Einstieg, der sofort zieht. Wir befinden uns auf dem Yautja-Heimatplaneten, beobachten die Clan-Strukturen, spüren die gnadenlose Hierarchie und verstehen sehr schnell, was auf dem Spiel steht. Der junge Predator Dek, gespielt von Dimitrius Schuster-Koloamatangi in einem physisch extrem fordernden Auftritt in Ganzkörper-Prothesen und Performance-Capture, ist ein Außenseiter. Zu schwach nach den Standards seines Clans, zu eigenwillig, zu wenig auf die reine Machtdemonstration ausgerichtet.
Erst rund zwanzig Minuten nach Beginn erscheint der Schriftzug „Predator: Badlands“ auf der Leinwand – ein filmischer Kniff, der zeigt, dass Trachtenberg weiß, wie man Stimmung aufbaut. Es fühlt sich an wie ein bewusstes Signal: Jetzt geht es richtig los. Und tatsächlich wechselt der Film in diesem Moment seine Gangart. Die Geschichte, die sich dann entfaltet, führt Dek auf den unwirtlichen Planeten Genna, wo er auf die beschädigte Weyland-Yutani-Androidin Thia trifft, gespielt von Elle Fanning in einer Rolle, die wesentlich mehr Substanz mitbringt als man zunächst erwarten würde.
Dek und Thia – Ein unwahrscheinliches Duo
Dass ein Predator-Film mit einem Predator als Protagonisten funktioniert, war alles andere als selbstverständlich. Die Spezies ist seit 1987 primär als Schrecken definiert worden – als etwas, das aus dem Schatten tritt, Männer tötet und wieder verschwindet. Einen solchen Charakter über fast zwei Stunden als emotional verständliche Hauptfigur zu etablieren, ohne dabei die Fremdartigkeit zu untergraben, ist eine echte Regieherausforderung. Trachtenberg und Schuster-Koloamatangi meistern sie bemerkenswert gut. Dek ist kein vermenschlichter Predator im sinnbildlichen Sinne – er folgt weiterhin seiner Natur, sucht den stärksten Gegner, handelt nach dem Kodex seiner Spezies. Aber wir verstehen seine Motivation, wir sehen seine Frustration über die Verachtung des Clans, und wir begleiten ihn auf einer Reise, die ihn trotz allem zu jemandem macht, für den man die Daumen drückt.
Elle Fanning als Thia ist eine echte Überraschung. Die Androidin ist zu Beginn buchstäblich in Teile zerlegt, funktioniert nur fragmentarisch, und entwickelt sich gemeinsam mit Dek zu einer Figur, die dem Film seinen emotionalen Anker gibt. Fanning spielt das mit einer Mischung aus mechanischer Präzision und subtiler Wärme, die die Figur aus dem Klischee der „hilfsbereiten KI-Begleiterin“ heraushebt. Das Zusammenspiel der beiden ist der eigentliche Kern des Films – und es funktioniert.

Die Optik: Ein Sci-Fi-Universum zum Anfassen
Visuell ist Predator: Badlands auf einem anderen Niveau als seine Vorgänger. Der Planet Genna ist eine eigenständige, detailreich gestaltete Welt, die sich von allen bisherigen Predator-Schauplätzen fundamental unterscheidet. Wo Prey die Weite der nordamerikanischen Prärie ausnutzte, bietet Badlands eine postapokalyptisch anmutende Sci-Fi-Landschaft, die an Alien erinnert – was sicher kein Zufall ist, wenn man den Weyland-Yutani-Faktor bedenkt. Die Kamera arbeitet mit Weitwinkelaufnahmen, die die Isolation und Gnadenlosigkeit der Umgebung betonen, und wechselt dann in enge, klaustrophobische Gefechtsszenen, die die Action greifbar machen.
Besonders stark sind die Einblicke in die Yautja-Welt selbst. Das Schiff, das wir zu sehen bekommen, ist ein Triumph des Production Designs: Keine Luxusausstattung, keine Dekoration um ihrer selbst willen. Alles ist funktional auf die Jagd ausgerichtet. Trophäenkammer, Waffenkammer, Trainingsbereiche. Hier schläft niemand auf weichen Kissen und diskutiert Philosophie. Die Yautja leben schlicht, aber sie leben mit Zweck – und dieser Zweck ist die Jagd. Solche Details sind es, die ein Franchise mit echtem Tiefgang ausstatten, weil sie zeigen, dass sich jemand tatsächlich Gedanken über die Welt dahinter gemacht hat.
Der Soundtrack verdient einen eigenen Satz: Er ist eine Wucht. Benjamin Wallfisch, der bereits Killer of Killers vertont hat, schafft einen Score, der zwischen bedrohlichem Bombast und seltsamer Melancholie pendelt – passend für eine Geschichte, in der die Grenzen zwischen Jäger und Gejagtem verschwimmen.
Die Yautja-Kultur: Das Herzstück des Films
Was Badlands von seinen Vorgängern am deutlichsten unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der der Film die Kultur der Yautja ausleuchtet. Bereits Killer of Killers hatte damit begonnen – bezeichnenderweise war das der erste offizielle Predator-Film überhaupt, der den Begriff „Yautja“ im Film selbst verwendete. Badlands führt diesen Weg weiter, und das Ergebnis ist faszinierend für alle, die sich schon immer gefragt haben, was hinter der schweigenden Kampfmaschine steckt.
Die Yautja respektieren ausschließlich Stärke. Sie haben kein Ehrgefühl im menschlichen Sinne – kein Ritterkodex, kein fairer Kampf um des fairen Kampfes willen. Schwäche wird nicht geduldet, auch nicht innerhalb des eigenen Clans. Wer eine Tarnvorrichtung besitzt, setzt sie ein – auch wenn der Gegner im direkten Duell keine besitzt und dadurch im Nachteil ist. Aus Yautja-Perspektive ist das keine Feigheit, sondern Logik: Selber Schuld, wenn er so schwach ist, dass er noch keine hat. Andersrum gilt: Wer gewinnt, war stärker genug, um sowohl in der Hierarchie aufzusteigen als auch das Recht auf bessere Ausrüstung zu erwerben – im Zweifelsfall die des besiegten Gegners.
Das wirft ein völlig neues Licht auf die Predatoren, die wir aus den früheren Filmen kennen. Der Predator, dem Arnold Schwarzenegger 1987 begegnet? Der war bereits ein ausgewiesener Veteran, ein erfahrener Jäger mit entsprechend hochwertiger Ausrüstung, die er sich über Jahrzehnte verdient hatte. Die Tarnvorrichtung, die Plasmakanone, die Claw-Waffen – all das ist nicht Standard-Ausrüstung, die jedem Yautja-Nachwuchs in die Hände gedrückt wird. Es ist ein Zeugnis seines bisherigen Lebens, eine Art tragbares Portfolio an errungenen Siegen. Dek hingegen, der Protagonist von Badlands, hat noch wenig davon. Und das macht ihn interessant – und gleichzeitig nachvollziehbar verwundbar.
Man sucht sich stets den stärksten verfügbaren Gegner, um diesen zu besiegen und dadurch als noch stärker zu gelten. Das ist ein Kreislauf, der diese Spezies zugleich faszinierend und tragisch macht – denn es gibt kein Ende, kein Ziel außer dem nächsten Kampf, dem nächsten Gegner, der nächsten Trophäe. Diese Logik wird in Badlands nie explizit erklärt, aber durch Handlung und Details so konsequent gezeigt, dass man sie förmlich begreift.
Action zwischen Abenteuer und Brutalität
Die Actionsequenzen von Badlands sind stark. Trachtenberg hat ein Händchen dafür, Kämpfe räumlich nachvollziehbar zu inszenieren – man verliert nie den Überblick, wer sich wo befindet, und die physische Wucht der Auseinandersetzungen ist stets spürbar. Dazu kommt ein dezent gesetzter Humor, der die Spannung immer wieder auf angenehme Weise bricht, ohne sie zu untergraben. Besonders in den Interaktionen zwischen Dek und Thia funktioniert das hervorragend.
Wer allerdings die pure Bedrohlichkeit des Originals von 1987 sucht, oder die düstere Spannung der ersten Begegnungen, der wird mit Badlands nicht vollständig glücklich werden – und das ist eine legitime Kritik, die man ehrlich aussprechen muss. Das Franchise entfernt sich mit diesem Film noch ein Stück weiter vom Horror-Aspekt, der es einst definiert hat, und bewegt sich stärker in Richtung Sci-Fi-Abenteuer. Der Mix aus Action, Spektakel und Humor lässt Badlands an manchen Stellen mehr wie einen Abenteuerfilm anfühlen als wie ein Monster-Movie. Das ist keine Katastrophe, aber es ist ein erkennbarer Wandel. Wer das Original als unantastbares Referenzwerk betrachtet, wird in Badlands etwas anderes sehen.
Für mich persönlich ist dieser Wandel akzeptabel, solange er so handwerklich kompetent und mit echtem Verständnis für das Material umgesetzt wird wie hier. Badlands ist kein Film, den man am Ende nach Logiklücken oder Widersprüchen zerpflücken möchte – und auch nicht sollte. Er ist ein Film, der Spaß macht, der fesselt, der seine Welt mit Liebe zum Detail aufbaut, und der am Ende ein Lächeln hinterlässt.
Predator: Badlands und die Zukunft des Franchises
Dan Trachtenberg hat in Interviews mehrfach erwähnt, dass er nach Prey drei Ideen für das Franchise hatte. Killer of Killers war die erste, Badlands die zweite. Was auch immer die dritte ist – er hat sie als den eigentlichen Antrieb beschrieben, weswegen er die ersten beiden Projekte überhaupt so zügig realisiert hat. Das ist ein Versprechen, das neugierig macht.
Denn das Franchise steckt aktuell an einem Punkt, an dem es so viel Potenzial hat wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Badlands führt den Weyland-Yutani-Konzern nicht nur als Antagonistenkulisse ein, sondern als echten erzählerischen Bestandteil der Welt. Die Androidin Thia ist ein Produkt des Konzerns, der Sci-Fi-Fans bestens aus den Alien-Filmen bekannt ist – zuletzt eindrucksvoll in Szene gesetzt in Alien: Romulus. Das ist eine Brücke, die noch nicht vollständig überquert wurde – aber deren Fundament gelegt ist.
Genau hier liegt das größte Potential für die Zukunft: Was sind die Yautja für den Alien-Kosmos? Wo überschneiden sich ihre Jagdgebiete mit jenen der Xenomorphen? Und vor allem – und das ist vielleicht die spannendste Frage, die das Franchise bislang nicht wirklich beantwortet hat – woher kommt ihre Technologie? Ein Volk, das so primär auf die Jagd ausgerichtet ist, das so schlicht lebt und so wenig in Komfort investiert, verfügt gleichzeitig über Raumschiffe, Tarnvorrichtungen, Plasmawaffen und Technologien, die alles übertreffen, was Menschen oder auch Weyland-Yutani entwickelt haben. Woher kommt das Zeug? Haben sie es erbeutet? Selbst entwickelt? Von einer anderen Spezies gelernt oder gestohlen? Das wäre ein Film, den ich mir sofort ansehen würde.
Weitere Einblicke in die Yautja-Kultur – gerne auch durch den Blick von außen, etwa durch eine Weyland-Yutani-Expedition, die auf den Heimatplaneten stößt – würden dem Franchise eine mythologische Tiefe geben, die Marvel und Star Wars in ihren besten Momenten ausgezeichnet hat. Disney hat die Rechte, das Universum und nun endlich auch den richtigen Regisseur. Wenn die Franchise-Verbindungen zwischen Predator, Alien und dem weiteren Sci-Fi-Kosmos gezielt und mit Bedacht geknüpft werden – ähnlich dem Easter Egg des Alien-Schädels in Predator 2, das damals für kollektive Begeisterung sorgte – dann steckt in diesem Franchise noch enormes Potential, das noch lange nicht ausgeschöpft ist.
Fazit
Predator: Badlands ist ein sehr gut gemachter Sci-Fi-Abenteuerfilm, der das Franchise in eine neue Richtung führt und dabei mehr richtig als falsch macht. Dimitrius Schuster-Koloamatangi überzeugt als physisch und emotional präsenter Protagonist Dek, Elle Fanning gibt Thia überraschende Tiefe, die Optik ist spektakulär und der Soundtrack setzt die richtigen Akzente. Vor allem aber: Der Film liebt sein Universum, und er zeigt das durch die Art, wie er die Yautja-Kultur mit Konsequenz und Detailreichtum ausleuchtet.
Wer einen Horrorfilm erwartet, wird etwas anderes bekommen – das Franchise hat sich von diesem Aspekt weitgehend verabschiedet, und man sollte das wissen bevor man ins Kino geht beziehungsweise den Streamingdienst startet. Wer aber einen unterhaltsamen, optisch beeindruckenden Sci-Fi-Abenteuerfilm sucht, der echte Liebe zum Detail in jede Einstellung investiert und gleichzeitig ein Universum aufbaut, das nach mehr verlangt, der bekommt mit Badlands genau das. Trachtenberg bleibt auf Kurs – und auf diesem Kurs ist das Predator-Franchise endlich wieder spannend.
Wertung: 8/10
Predator: Badlands erschien am 7. November 2025 in den Kinos. Seit dem 12. Februar 2026 ist der Film auf Disney+ verfügbar. Regie: Dan Trachtenberg. Darsteller: Dimitrius Schuster-Koloamatangi, Elle Fanning. FSK/Rating: PG-13. Laufzeit: 108 Minuten. Weitere Informationen auf IMDb und in der Wikipedia-Übersicht zur Predator-Filmreihe.




