Es gibt Spiele, die fordern. Und dann gibt es Returnal. Housemarques neuestes Werk ist kein gewöhnlicher Third-Person-Shooter, sondern ein brutales, hypnotisierendes Erlebnis, das die PS5 auf eine Art nutzt, die man so noch nicht gesehen hat. Drei Tage nach Release lässt sich sagen: Returnal ist eines der ambitioniertesten Exklusivtitel, die Sony je veröffentlicht hat. Aber es ist definitiv nicht für jeden.
Die Schleife beginnt
Astronautin Selene stürzt mit ihrem Raumschiff auf dem fremden Planeten Atropos ab. Was folgt, ist ein Albtraum ohne Ende, im wahrsten Sinne des Wortes. Selene stirbt, erwacht am Absturzort, stirbt wieder. Immer und immer wieder. Das Narrativ von Returnal ist fragmentiert, rätselhaft und wird nicht erklärt, sondern erlebt. Audiologs, Wandinschriften, surreale Traumsequenzen in einem verlassenen Haus: All das fügt sich zu einem Mysterium zusammen, das man aktiv entschlüsseln muss.
Das ist kein Fehler, das ist Absicht. Housemarque erzählt nicht über Trauma und Dissoziation, sie lassen den Spieler diese Zustände fühlen. Jeder Tod ist kein Game-Over-Bildschirm, er ist Teil der Geschichte.
Das Roguelite-Herz
Returnal ist durch und durch ein Roguelite, und wer den Unterschied zum Roguelike noch nicht kennt, sollte sich vorher damit vertraut machen, denn er ist hier entscheidend. Mit jedem Tod verliert Selene ihre gesammelten Items, Waffen und temporären Upgrades. Einige wenige Fortschritte, bestimmte permanente Artefakte und Schlüsselgegenstände, bleiben erhalten. Die prozedural generierten Level sehen bei jedem Durchlauf anders aus, die Feindplatzierung variiert, die Waffen sind zufallsbasiert.
Das klingt frustrierend. Das ist frustrierend. Und doch entsteht aus dieser Frustration ein einzigartiger Sog. Jeder Lauf lehrt etwas. Der Schusswechsel verfeinert sich. Die Bullet-Hell-Mechaniken, die in den ersten Stunden wie eine Wand wirken, werden zur Choreographie. Wer allerdings erwartet, dass Returnal ein klassischer Shooter mit Speicherpunkten und linearer Progression ist, wird hart aufprallen.

Präzision als Pflicht
Das Kampfsystem ist außergewöhnlich. Returnal verlangt permanente Bewegung: Ausweichrollen, Sprintmanöver, präzises Zielen, während gleichzeitig Dutzende Projektile den Bildschirm füllen. Es gibt keine Deckungsschussmechanik, keine Regeneration durch Stehenbleiben. Überleben heißt vorausdenken, reagieren, adaptieren.
Besonders clever ist das Makel-System. Viele mächtige Items sind mit einem negativen Effekt behaftet. Wer sie trotzdem mitnimmt, riskiert einen Nachteil, es sei denn, man erfüllt bestimmte Bedingungen, um den Makel zu tilgen. Das erzeugt echte Risikoabwägungen in Echtzeit.
Backtracking in bereits bekannte Zonen lohnt sich zudem, da man mit neuen Fähigkeiten zuvor unzugängliche Bereiche öffnen kann. Dieses leise Metroidvania-Element lässt die Welt größer wirken als erwartet.

PS5: Mehr als ein technisches Schaufenster
Returnal ist eines der ersten Spiele, das den DualSense-Controller wirklich ausschöpft. Der adaptive Widerstand der Trigger macht spürbar, ob man einen Semiautomatiker oder eine Energiewaffe hält. Haptisches Feedback vibriert unterschiedlich, je nachdem ob Selene über Sand, Metall oder Fleisch läuft. Das klingt nach Marketing-Sprech, ist es aber nicht. Nach wenigen Stunden nimmt man diese Information unbewusst wahr.
Technisch läuft Returnal in einem variablen 4K-Modus mit stabilen 60 Bildern pro Sekunde. In unseren drei Testtagen gab es keinen nennenswerten Einbruch. Raytracing kommt punktuell zum Einsatz, besonders in den nassen, spiegelnden Außenarealen des ersten Bioms, und sorgt für beeindruckend realistische Reflexionen.
Ladezeiten sind dank SSD faktisch nicht existent. Der Tod, der in Returnal häufig eintritt, kostet damit keine Zeit, nur Nerven.
Klang einer anderen Welt
Der Soundtrack von Returnal ist ein Paradebeispiel für adaptive Musik. Bobby Tahouri hat eine Partitur geschaffen, die sich nahtlos an Situation und Intensität anpasst. In ruhigen Erkundungsmomenten umschmeichelt ambientes, leicht bedrohliches Sounddesign die Ohren. Sobald ein Kampf beginnt, eskalieren perkussive Elektronik-Elemente präzise mit der Gefahr. Das Spiel klingt nie statisch.
Die Fremdsprache der Aliens, sogenannte Xenoglyphen, wird konsequent ohne Untertitel genutzt. Befremdend, aber atmosphärisch konsequent.

Der Elefant im Raum: Speichern
Returnal hat zum Release kein klassisches Speichersystem. Wer die Konsole ausschaltet, verliert seinen laufenden Run. Das ist in der Gaming-Community seit Tagen das dominierende Diskussionsthema und der härteste Kritikpunkt, der auch berechtigt ist.
Ein Run kann zwei, drei Stunden dauern. Das ist für viele Spieler schlicht nicht vereinbar mit dem Alltag. Housemarque hat sich dazu bisher nicht geäußert, aber ein Hotfix oder Patch mit einer Suspend-Funktion wäre dringend wünschenswert und würde das Spiel für eine deutlich breitere Zielgruppe öffnen.
Preis und Positionierung
79,99 Euro für ein Roguelite ohne klassische Story-Progression ist eine mutige Preisentscheidung. Returnal ist kein Spiel, das man in 15 Stunden durchgespielt hat, aber es ist auch keines, das für den Preis klassische AAA-Vollständigkeit bietet. Wer mit dem Genre nicht vertraut ist, sollte sich vorab informieren, um die Erwartungshaltung richtig zu kalibrieren. Returnal ist Vollpreis, und das ohne Zugeständnisse.
Fazit
Returnal ist kein Spiel, das gefallen will. Es ist ein Spiel, das herausfordert, provoziert und belohnt, aber nur diejenigen, die bereit sind, sich auf seine Bedingungen einzulassen. Housemarque hat mit PS5-Exklusivtechnik, einem außergewöhnlichen Kampfsystem und einem rätselhaften Narrativ etwas geschaffen, das man so noch nicht gespielt hat.
Das fehlende Speichersystem ist ein echter Makel, der Zugänglichkeit kostet. Und der Preis verlangt blinden Vertrauensvorschuss von Spielern, die mit dem Genre fremdeln. Aber für alle, die sich einlassen: Returnal ist schlicht das Beste, was die PS5 bisher zu bieten hat.
Wertung
9 / 10
Pro und Contra
Pro
- Außergewöhnliches Kampfsystem mit präziser Steuerung
- DualSense-Integration auf absolutem Referenzniveau
- Einzigartige Atmosphäre und rätselhaftes Narrativ
- Technisch makellos mit stabilen 60 fps
- Adaptive Musik, die das Spielerlebnis perfekt untermalt
Contra
- Kein Speichersystem ist ein ernstes Zugänglichkeitsproblem
- Vollpreis schwer zu rechtfertigen für Genre-Einsteiger
- Einstieg extrem harsch und wenig einladend
Häufig gestellte Fragen zu Returnal
Ist Returnal schwer?
Ja, Returnal gehört zu den anspruchsvollsten Spielen auf der PS5. Das Roguelite-Prinzip bedeutet, dass jeder Tod den Verlust fast aller gesammelten Gegenstände mit sich bringt. Die Kämpfe erfordern ständige Bewegung und schnelle Reaktionen.
Kann man in Returnal speichern?
Zum Release gibt es keine klassische Speicherfunktion. Wer die Konsole ausschaltet, verliert den aktuellen Run. Nur permanente Upgrades und Story-Fortschritte bleiben erhalten. Ein Patch mit Suspend-Funktion ist von der Community dringend gewünscht.
Wie lange dauert ein Run in Returnal?
Ein einzelner Run kann zwischen 30 Minuten und drei Stunden dauern, je nach Erfahrung und Glück mit den zufällig generierten Levels. Das komplette Durchspielen aller Biome erfordert viele Stunden Spielzeit.
Für wen ist Returnal geeignet?
Returnal richtet sich an erfahrene Spieler, die Herausforderungen suchen und mit dem Roguelite-Genre vertraut sind. Wer einen entspannten Shooter mit linearer Story erwartet, wird enttäuscht sein.





