Tomb Raider

Die Geschichte der Tomb Raider-Reihe — 30 Jahre Lara Croft

Wenige Videospielfiguren haben die Popkultur so nachhaltig geprägt wie Lara Croft. Seit ihrem Debüt 1996 ist sie Symbol für Action-Adventure-Gaming, weibliche Protagonistinnen in AAA-Spielen und die kulturelle Kraft des Mediums — und steht 2026 mit gleich mehreren Projekten so stark im Rampenlicht wie seit Jahren nicht mehr. Dreißig Jahre Tomb Raider sind dreißig Jahre Spielgeschichte.

Die Geburt einer Ikone: 1996

Tomb Raider entstand bei Core Design in Derby — einem kleinen Studio, das in knapp 18 Monaten eines der einflussreichsten Spiele der Geschichte entwickelte. Toby Gard, der kreative Kopf hinter Lara Croft, entwarf die Figur ursprünglich als männlichen Protagonisten, entschied sich dann aber für eine Frau — eine Entscheidung, die die Spielebranche verändern sollte.

Das Spiel selbst war für 1996 eine technische und konzeptionelle Offenbarung: eine vollständig dreidimensionale Welt, die Erkundung, Rätsel und Third-Person-Action miteinander verband — zu einer Zeit, in der die meisten Spiele noch in 2D dachten. Lara Croft bewegte sich durch Pyramiden, Katakomben und antike Tempel, überwand Abgründe und bekämpfte Tiere und menschliche Feinde. Der Erfolg war unmittelbar: Das Spiel verkaufte sich über acht Millionen Mal, räumte Preise ab und machte Lara Croft zur ersten echten Videospiel-Ikone der Popkultur. Das Guinness Buch der Rekorde zeichnete sie 2006 als „Most Successful Human Videogame Heroine“ aus.

Die Core-Design-Ära: 1996–2003

Auf den Überraschungserfolg folgte die logische Konsequenz: Publisher Eidos Interactive wollte jährliche Fortsetzungen. Core Design lieferte — unter enormem Druck und mit wachsender Erschöpfung des Teams.

Tomb Raider II (1997) führte Laras Abenteuer nach China, Venedig und Tibet. Das Spiel war technisch verbessert, inhaltlich ausgeweitet — und verkaufte sich noch besser als der Vorgänger. Tomb Raider III (1998) schickte Lara rund um den Globus: London, Indien, Antarktis, Nevada. Tomb Raider: The Last Revelation (1999) kehrte zu den Wurzeln zurück, spielte fast vollständig in Ägypten und versuchte, Laras Ursprungsgeschichte nachzuerzählen — inklusive eines Flashbacks in ihre Jugend. Das Spiel schloss mit einem offenen Ende, das den Tod der Protagonistin andeutete. Tomb Raider: Chronicles (2000) griff dieses Ende auf und erzählte vier Episoden aus Laras Vergangenheit — ein kreatives Experiment, das die Erschöpfung des Teams sichtbar machte.

Das vorläufige Ende der Core-Design-Ära war Tomb Raider: The Angel of Darkness (2003) — eines der unglücklichsten Kapitel der Reihe. Jahrelange Entwicklung, mehrfache Neuausrichtungen, zu viel Ambition für die verfügbare Zeit: Das Ergebnis war ein technisch instabiler, narrativ unfertig wirkender Titel, der von der Presse zerrissen wurde. Toby Gard hatte Core Design bereits 1997 verlassen. Eidos zog die Konsequenzen und entzog Core Design die Reihe.

Lara Croft als Popkultur-Phänomen

Bereits in den frühen Jahren war klar, dass Lara Croft weit über das Medium Gaming hinauswuchs. Werbeverträge mit Lucozade, Versace und Seat machten sie zur ersten Videospielfigur, die als echtes Werbegesicht funktionierte. Musikmagazine und Lifestyle-Hefte berichteten über sie wie über einen echten Star. 1998 — gerade mal zwei Jahre nach ihrem Debüt — tauchte sie im Musikvideo zu „Männer sind Schweine“ von Die Ärzte auf. Ein kleines, aber treffendes Zeugnis dafür, wie schnell die Archäologin aus dem Videospiel zur gesamtkulturellen Figur geworden war.

Hollywood entdeckt Lara Croft: 2001 und 2003

Parallel zur Spielreihe erschloss Tomb Raider ein neues Medium. Lara Croft: Tomb Raider (2001) mit Angelina Jolie in der Hauptrolle war einer der ersten großen Videospielfilme — und einer der wenigen seiner Zeit, der kommerziell funktionierte. Über 274 Millionen Dollar Einspielergebnis weltweit, trotz durchwachsener Kritiken. Jolie verkörperte Lara Croft mit einer körperlichen Präsenz und Coolness, die das Publikum überzeugte — auch wenn das Drehbuch schwächer war als die Darstellerin.

Der Nachfolger Lara Croft: Tomb Raider — The Cradle of Life (2003) schickte Lara auf die Suche nach der Büchse der Pandora — ein ambitionierteres, globaler angelegtes Abenteuer, das an den Kinokassen jedoch deutlich hinter dem Vorgänger zurückblieb. Beide Filme zementierten Lara Croft als popkulturelle Figur jenseits des Gaming-Kontexts und machten Angelina Jolie für eine Generation zur ultimativen Verkörperung der Archäologin mit den zwei Pistolen.

Crystal Dynamics übernimmt: Legend, Anniversary und Underworld

Nach dem Debakel mit Angel of Darkness übergab Eidos Interactive die Reihe an Crystal Dynamics. Der Neustart gelang: Tomb Raider: Legend (2006) modernisierte Gameplay und Erzählung, gab Lara Croft ein zugänglicheres, sympathischeres Profil und bewies, dass die Reihe noch Zukunft hatte. 2007 folgte Tomb Raider: Anniversary — ein Remake des Originals von 1996, entwickelt in der Engine von Legend. Das Spiel balancierte Nostalgie und Modernisierung geschickt und zeigte, dass Crystal Dynamics die DNA der Reihe verstanden hatte. Tomb Raider: Underworld (2008) schloss die Legend-Trilogie ab — mit der bis dahin technisch beeindruckendsten Umsetzung der Spielwelt, die jedoch narrativ hinter den Erwartungen zurückblieb.

Der Reboot: 2013 und die Survivor-Trilogie

2013 wagte Crystal Dynamics den radikalen Neustart — und er gelang. Tomb Raider zeigte eine junge, verwundbare Lara Croft, die nach einem Schiffbruch auf der japanischen Insel Yamatai ums Überleben kämpft. Kein strahlender Abenteuerinnen-Mythos, sondern eine Survival-Origin-Story mit cineastischem Anspruch, starker Atmosphäre und einem deutlich moderneren Gameplay-Loop aus Erkundung, Crafting und Kampf. Der Reboot wurde zum Kritiker- und Publikumserfolg und begründete die sogenannte Survivor-Trilogie.

Rise of the Tomb Raider (2015) führte die Geschichte fort und schickte Lara nach Sibirien auf der Suche nach dem Geheimnis der Unsterblichkeit — mit erweitertem Crafting-System, größeren Levels und stärkerer Betonung der Erkundung. Das Spiel erschien zunächst als zeiltich begrenzter Xbox-Exklusivtitel, was in der Community für erhebliche Diskussionen sorgte. Shadow of the Tomb Raider (2018), entwickelt von Eidos Montreal statt Crystal Dynamics, schloss die Trilogie in den Dschungeln Lateinamerikas ab — technisch ausgefeilt, narrativ ambitioniert, kommerziell aber hinter den Erwartungen zurückbleibend.

Neustart auf der Leinwand: 2018

Parallel zum Reboot der Spielreihe versuchte Hollywood es erneut. Tomb Raider (2018) mit Alicia Vikander orientierte sich am Origin-Story-Ansatz der neuen Spiele und erzählte, wie aus einer jungen, suchenden Frau die Abenteurerin Lara Croft wurde. Der Film war handwerklich solider als die Jolie-Vorgänger und Vikander überzeugte in der Rolle — eine geplante Fortsetzung wurde jedoch nie realisiert, nachdem die Einspielergebnisse hinter den Erwartungen zurückblieben.

Der Eigentümerwechsel: Embracer, Fellowship und Amazon

2022 verkaufte Square Enix Crystal Dynamics samt der Tomb-Raider-IP an die Embracer Group — Teil einer aggressiven Akquisitionsstrategie des schwedischen Konzerns. Als Embracer 2023 in eine schwere Finanzierungskrise geriet und sich umstrukturierte, landete Crystal Dynamics bei Fellowship Entertainment, einer der neu gegründeten Tochtergesellschaften — ein Prozess, den Gamefinity ausführlich begleitet hat.

Parallel dazu schloss Crystal Dynamics eine strategische Partnerschaft mit Amazon Games als Co-Publisher für kommende Tomb-Raider-Titel. Amazon brachte dabei nicht nur Kapital, sondern auch die Verbindung zu einer geplanten Liveserie: Sophie Turner wurde als neue Lara Croft bestätigt — ein Casting, das die Community sofort polarisierte.

Remasters und Spieleerhaltung: 2024

2024 erschienen Tomb Raider I–III Remastered von Aspyr — eine sorgfältige Aufbereitung der drei Core-Design-Klassiker mit umschaltbarer Original- und HD-Grafik. Die Definitive Edition hatte bereits 2014 gezeigt, wie der Reboot auf aktueller Hardware aussehen konnte — Aspyrs Remaster leistete dasselbe für die Originaltrilogie. Ein wichtiger Beitrag zur Spieleerhaltung einer Reihe, deren frühe Einträge auf moderner Hardware zunehmend schwer zugänglich waren.

Netflix und die Animationsserie

Ebenfalls 2024 startete auf Netflix die Animationsserie Tomb Raider: The Legend of Lara Croft — mit Hayley Atwell als Stimme von Lara Croft, in Kontinuität zur Survivor-Trilogie. Die Serie wurde von der Community positiv aufgenommen und bekam eine zweite Staffel, die im Dezember 2025 erschien.

Was als nächstes kommt

Bei den Game Awards 2025 wurden gleich zwei neue Tomb-Raider-Spiele angekündigt: Lara Croft: Legacy of Atlantis — ein Remake des Originals von 1996, entwickelt von Crystal Dynamics und Flying Wild Hog, erscheint 2026 — und Tomb Raider: Catalyst, ein vollständig neues Abenteuer für 2027. Dazu kommt die Liveserie mit Sophie Turner bei Amazon Prime Video.

Dreißig Jahre nach dem Original steht Tomb Raider so lebendig da wie selten. Die Reihe hat Eigentümerwechsel, Qualitätskrisen, Reboot und Remaster überlebt — und Lara Croft ist dabei stets Lara Croft geblieben.

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